Das Lächeln meiner Mutter – Delphine de Vigan

Delphine de Vigan wurde 1966 in Paris geboren, wo sie heute noch mit ihren zwei Kindern lebt. Sie arbeitet tagsüber für ein soziologisches Forschungsinstitut und schreibt nachts, wenn alle schlafen, ihre Romane. Von klein auf weiß die Autorin, dass ihre Mutter nicht wie andere Mütter ist – sie ist talentierter, schöner, unkonventioneller als andere. Aber sie ist auch krank und leidet unterschiedlich stark unter den Symptomen ihrer Bipolaren Störung. Wie wenig ihre Mutter dem Leben gewachsen ist, erkennt Delphine de Vigan erst als Erwachsene und fragt sich seit dem Tag, an dem sie ihre einundsechzigjährige Mutter tot aufgefunden hat, warum Lucile sich für den Freitod entschieden hat. Sie trägt Erinnerungsstücke zusammen, spricht mit den Geschwistern ihrer Mutter, mit alten Freunden und Bekannten der Familie und mit ihrer Schwester.

34_Das Lächeln meiner Mutter

Es entsteht das empathische und feinfühlige Porträt einer widersprüchlichen und geheimnisvollen Frau, die ihr ganzes Leben auf der Suche war – nach Liebe, Glück und nicht zuletzt nach sich selbst.

„Aus Lucile wurde diese zarte, außerordentlich schöne, lustige, schweigsame, oft subversive Frau, die lange am Rand des Abgrunds stand und ihn nie aus den Augen ließ, diese bewunderte, begehrte Frau, die andere in Leidenschaft versetzte, diese geschundene, verletzte, gedemütigte Frau, die alles an einem Tag verlor und mehrere Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken hinter sich brachte, diese untröstliche, immer von Schuldgefühlen geplagte und in ihre Einsamkeit verschanzte Frau.“ (S. 152)

Nebenbei zeichnet Delphine de Vigan das lebendige Bild einer französischen Großfamilie im Paris der 50er und 60er Jahre. In der Ich-Perspektive lässt sie den Leser zudem immer wieder an ihrem Ringen mit sich teilhaben, weil sie nicht weiß wie und wie viel sie erzählen soll und kann, ohne in irgendeiner Form anzuecken. Bei ihren Schilderungen ist sie immer darauf bedacht von dem zu berichten, was war und möglichst nichts hineinzuinterpretieren. Sie will niemanden bloßstellen und ist nicht auf Effekthascherei aus. Und so verzeiht man es ihr auch, dass sie wie eine Biographin schreibt, die dem Leser nicht alles verrät.

„Was habe ich denn mit meinen sechs Monaten, mit meinen vier Jahren, mit meinen zehn Jahren (und selbst mit meinen vierzig Jahren) gesehen? Nichts. Und trotzdem rolle ich die Geschichte meiner Mutter weiter auf, mische meine Kindersicht mit der der Erwachsenen, zu der ich geworden bin, ich klammere mich an dieses Projekt[…]“ (S. 180)

Immer wieder hadert sie mit sich und quält sich schreibend.

„Das Schreiben entblößt mich, zerstört meine Schutzwälle einen nach dem anderen, löst stillschweigend meinen eigenen Sicherheitsbereich auf. […] Je weiter ich vorankomme, desto mehr sehne ich mich danach, in die Gegenwart zurückzukehren, größeren Abstand zu haben, die Dinge wieder an ihren Platz, in ihre Mappe, in ihren Karton zu räumen und das wieder in den Keller zu bringen, was dorthin gehört.“ (S. 314)

Und so gönnt man es Delphine de Vigan auch, dass sie dieses Buch beendete, nachdem sie sich das Bild ihrer Mutter von der Seele geschrieben hatte, das sie zu teilen bereit ist. Mich als Leserin entließ dieses Buch in ähnlicher Form – auch wenn ich den Schreibstil der Autorin mag, war ich aufgrund der Thematik doch froh, als es geschafft war.

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Delphine de Vigan
Das Lächeln meiner Mutter
Aus dem Französischen von Doris Heinemann
Original: Rien ne s’oppose à la nuit, éditions Jean-Claude Lattès
Taschenbuch, 400 Seiten
ISBN: 978-3426304129
€ 10,99 [D]
Verlag: Droemer
Erschienen: 03.11.2014

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Über Yvonne

Glücklich verbandelt, fotografiebegeistert und am liebsten katzenunterstützt lesend :)
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