Jeder Tag ist Muttertag – Hilary Mantel

Bei „Jeder Tag ist Muttertag“ handelt es sich um den 1985 in England und 2016 in deutscher Sprache erschienen Debütroman von Hilary Mantel. Sie wurde 1952 in Glossop, England, geboren und war nach ihrem Jura-Studium in London als Sozialarbeiterin tätig. 2009 und 2012 erhielt sie den Booker-Preis, den wichtigsten britischen Literaturpreis.

37_Jeder Tag ist Muttertag

In diesem Roman befinden wir uns in England in den 1970er Jahren. Die Nachbarn haben es längst aufgegeben, mit Evelyn und Muriel Axon Kontakt zu pflegen. Das ist Evelyn, die früher als Medium arbeitete und sich nun von Geistern verfolgt fühlt, nur recht. Zusammen mit ihrer behinderten Tochter verbarrikadiert sie sich in ihrem Haus, das mehr und mehr verfällt.

Bei aller Stumpfheit ist ihre Tochter Muriel jedoch nicht dumm. Als kleines Kind setzt sie in Nullkommanichts ein Puzzle mit der Rückseite nach oben zusammen. Mutter Evelyn liebt und versteht zwar ihre Tochter nicht, hat aber dennoch Angst sie zu verlieren. Und so wächst Muriel in brutal einengender Lieblosigkeit auf, in der die beiden Frauen sich belauern und auf ihre jeweils eigene Art bekriegen.

„Sie öffnete den Schrank und holte ihr Frühstücksei heraus. Sie balancierte es auf der offenen Hand und erlaubte ihm, herunterzurollen und auf dem Boden zu zerschellen. Das Ergebnis war befriedigend. Evelyn machte so merkwürdige Geräusche, wenn sie sich bückte, um den Boden zu säubern. ‚Du nutzloses Stück‘, schrie sie dann.“ (S. 94)

Mit den Sozialarbeitern, die ihre geistig behinderte Tochter fördern wollen, wird Evelyn schnell fertig. Doch dann ist Muriel, obwohl sie das Haus fast nie verlässt, plötzlich schwanger. Ihre Mutter sorgt dafür, dass kein Außenstehender etwas davon mitbekommt – auch Isabel Field nicht, die neuste Sozialarbeiterin, die beharrlicher als die vorherigen zu sein scheint. Sie ist ähnlich verbissen und starrköpfig wie Evelyn. Und hat ebenso viele Probleme: einen sexuell sehr aktiven Vater, der seine Eroberungen in den Waschsalons der Kleinstadt macht, und einen schwärmerischen, aber angstgetriebenen Liebhaber, Colin Sydney, der Abendkurse besucht, um seiner herrischen Frau zu entkommen.

Wäre da noch Muriel. Sie scheint ganz offensichtlich ihr eigenes Leben zu haben, von dem weder ihre Mutter noch die Sozialarbeiter etwas ahnen. Und man fragt sich, ob Muriel wirklich so behindert ist, wie alle glauben.

Hilary Mantel zeichnet unglaublich plastische Charaktere und lebendige Dialoge voller Sarkasmus und schwarzem englischen Humor. Keine ihrer Personen weckt Sympathien und selbst aufkeimendes Mitleid verfliegt schnell, doch man will unbedingt wissen, wie es weiter geht. Die Innenperspektiven von Mutter und Tochter sind verstörend und zeigen psychische Dimensionen auf, die so schaurig in ihrer Auswirkung sind, dass es zugleich berührend und entsetzlich ist. Es gibt Szenen, die mich dazu zwangen das Buch erstmal aus der Hand zu legen, weil ich sie kaum ertragen konnte. Natürlich handelt es sich hierbei um eine fiktive Geschichte, aber die lebhafte und authentische Art in der die Autorin auf der anderen Seite das hoffnungslose Familienleben und das Verhältnis des Familienvaters mit der Sozialarbeiterin schildert oder dem Leser Auszüge aus den Sozialakten präsentiert, lässt einen beim lesen so nah an der Realität sein, dass man die Befürchtung hegt, dass viel mehr möglich sein kann, als man sich nur annähernd vorstellen kann.

Mich konnte dieses Buch fesseln und ich wollte unbedingt wissen, wie die Geschichte weiter geht, da zum Schluss doch noch einzelne Fragen für mich offen blieben. Diese waren zwar nicht schwerwiegend, so dass man diesen Roman auch für sich allein stehen lassen könnte, aber ich war neugierig und habe gleich im Anschluss die Fortsetzung „Im Vollbesitz des eigenen Wahns“ gelesen.

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Hilary Mantel
Jeder Tag ist Muttertag
Übersetzung: Werner Löcher-Lawrence
Original: Every Day Is Mother’s Day, Chatto & Windus, London 1985
Hardcover, 256 Seiten
ISBN: 978-3-8321-9823-7
€ 22,99 [D]
Verlag: Dumont Buchverlag
Erschienen: 20.04.2016

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Über Yvonne

Glücklich verbandelt, fotografiebegeistert und am liebsten katzenunterstützt lesend :)
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3 Antworten zu Jeder Tag ist Muttertag – Hilary Mantel

  1. Myriade schreibt:

    Ich habe mir gerade deine letzte Empfehlung „Geständnisse“ schicken lassen, und das klingt auch sehr spannend. Aufgrund des Titels hätte ich da nie hineingeschaut ……

    Gefällt 1 Person

    • Yvonne schreibt:

      So geht es mir auch. Das Buch habe ich in irgendeiner Büchersendung im vergangenen Jahr entdeckt und fand die Beschreibung und Diskussion darüber so interessant, dass es auf meine Wunschliste kam. Es ist ein Buch, das ebenso wie „Geständnisse“ aus dem üblichen Rahmen fällt. Aber beide Bücher sind auch schockierend. Viel ‚Spaß‘ beim lesen 🙂

      Gefällt 1 Person

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