Kukolka – Lana Lux

„Obwohl ich nichts außer dem Heim kannte, hatte ich keine Angst, es zu verlassen. Ich hatte auch keine anderen Gefühle. Keine Freude, nicht mal Aufregung. Ich hatte einfach beschlossen, raus zu gehen, zum Bahnhof zu fahren und dann einen Zug nach Deutschland zu Marina zu nehmen.“

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Und so flieht in den 1990er Jahren das siebenjährige Zigeunermädchen Samira aus dem Martyrium des Kinderheims ‚Sonnenschein‘ in der Ukraine, um sich auf den Weg zu ihrer erst kürzlich von deutschen Eltern adoptierten Freundin zu machen. Da dies jedoch nicht so einfach ist, wie sie es sich vorgestellt hatte, ist sie froh, als sie auf den erwachsenen Georgier Rocky trifft, der gleich begeistert von ihr ist:

„Du kommst mit zu mir. Bei mir wohnen noch ein paar andere Kids. Auch so Leute wie du und ich, die diese Scheißgesellschaft ausgespuckt hat. Bei mir haben alle ein Dach über dem Kopf, und was zu futtern ist auch immer da. Du wirst dich mit denen verstehen. Ich zeig dir, wie du an ein paar Moneten kommst…“

Schnell wird sie sein „Juwel“ erbettelt Geld am Bahnhof, klaut Portemonnaies, singt als Straßenmusikerin und wird zu seiner ‚Kukolka‘ – seinem Püppchen. Alles Geld bekommt Rocky, aber wenn sie ihn lange genug ‚massiert‘, gibt er ihr sogar Schokolade. Als Samira zwölf ist, lernt sie Dima kennen. Er ist schön, er hat Geld, er verwöhnt sie und er nimmt sie mit nach Deutschland. Alles scheint perfekt zu sein.

Aber man ahnt beim lesen bereits, wie dieser Roman sich weiter entwickeln wird, weil Geschichten dieser Art leider nicht der reinen Fiktion entspringen und man von Mädchen aus dem Ostblock, die verschleppt und zur Prostitution gezwungen werden, bereits vielfach in den Medien gehört oder gelesen hat.

Lana Lux lässt die naive und ungebildete Kukolka ihre Geschichte in der Ich-Form in einer erschütternd einfachen Sprache selbst erzählen. Das unterstreicht die kindliche Blauäugigkeit ihrer Protagonistin, spiegelt aber auch ungeschönt und brutal das Erleben einer zwölfjährigen wider, die jeden Tag missbraucht wird.

Dieses Buch ist nichts für zart besaitete Leser. Es ist voller Passagen, die ich lieber nicht gelesen hätte, weil allein die Vorstellung, dass so etwas in der Realität durchaus möglich sein könnte, grausam und unmenschlich ist. Ein Buch, das beim lesen schmerzt – erschütternd.

Lana Lux wurde 1986 in Dnipropetrowsk/Ukraine geboren und wanderte im Alter von zehn Jahren mit ihren Eltern als Kontingentflüchtling nach Deutschland aus. Sie machte Abitur und studierte zunächst Ernährungswissenschaften in Mönchengladbach. Später absolvierte sie eine Schauspielausbildung am Michael Tschechow Studio in Berlin. Seit 2010 lebt und arbeitet sie als Schauspielerin und Autorin in Berlin.

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Lana Lux
Kukolka
Gebunden mit Schutzumschlag, 375 Seiten
ISBN: 978-3-351-03693-5
€ (D) 22.00
Verlag: Aufbau Verlag
Erschienen: 18.08.2017

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.


testMit diesem Buch ging es für mich literarisch in die Ukraine. Das Ziel der Buchweltreise ist es, Bücher über möglichst viele Länder der Welt  zu lesen.  HIER kann man sich die Liste der Mitreisenden und ihre bisherigen Reiseziele ansehen oder sich anmelden und mitmachen.

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Über Yvonne

Glücklich verbandelt, fotografiebegeistert und am liebsten katzenunterstützt lesend :)
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8 Antworten zu Kukolka – Lana Lux

  1. Puh – klingt ungemein heftig und nach vielen erschütternden Momenten

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  2. Hört sich spannend an!

    Gefällt mir

    • Yvonne schreibt:

      Eigentlich ahnt man, was Samira geschehen wird und so ist der Roman in gewisser Weise vorhersehbar. Aber man will dennoch immer wissen, wie es weiter geht und ob es ihr gelingt, aus diesem Martyrium auszubrechen.

      Gefällt 1 Person

  3. Pingback: BUCHweltreisebericht August 2017 | umgeBUCHt

  4. Myriade schreibt:

    Da gibt es so viele unfaßbare Mißstände. Menschenhandel, Sklaverei, Livemorde im Internet und, und .. Es wird hier wohl ein mögliches Schicksal beschrieben

    Gefällt 1 Person

  5. Pingback: 12 aus 2017 – Meine Jahreshighlights | umgeBUCHt

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