Der Report der Magd – Margaret Atwood

Erst im vergangenen Jahr wurde Margaret Atwood, die 1939 in Ottawa geboren wurde und heute in Toronto lebt, mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Ihr Roman „Der Report der Magd“ wurde zum Kultbuch einer ganzen Generation, heißt es und weil Dystopien auf mich eine eigenartige Anziehungskraft ausüben, wurde es für mich Zeit, endlich dieses Buch zu lesen.

14_Der Report der Magd

In nichtlinearer Erzählstruktur erschließt sich ganz allmählich das Leben der Magd Desfred, die den Leser in der Ich-Form an ihrem Denken und Fühlen teilhaben lässt. Alles ist streng reglementiert, man bespitzelt und denunziert sich gegenseitig und die Angst zur Unfrau erklärt und in die Kolonien zur Giftmüllbeseitigung abgeschoben zu werden ist ebenso allgegenwärtig, wie der Tod selbst.

„Neben dem Haupttor baumeln sechs neue Leichen, am Hals aufgeknüpft, die Hände vorn zusammengebunden, die Köpfe in weißen Säcken und seitwärts auf die Schultern gefallen. Früh am Morgen muss eine Errettung von Männern stattgefunden haben.“ (S. 48)

Die bedrückende Atmosphäre dieses Buches umfängt einen bereits auf den ersten Seiten.  Universitäten werden geschlossen, Lesen ist verboten, und überall wachen die „Augen“, die Polizisten dieses christlichen Gottesstaates. Durch Erinnerungen und Rückblicke der Magd Desfred fügt sich nach und nach in teils ausschmückender Form das Leben „Vorher“, das von gefühlvoller Lebendigkeit und Selbstverwirklichung geprägt war, wie wir es heute eigentlich als normal empfinden und dem „Jetzt“, das sich mit einer eher zurückhaltenden nüchternen Sprache zur Schilderung des grauen freudlosen Daseins begnügen muss, denn in Gilead, einem theokratischen Regime, das die amerikanische Demokratie nach der Ermordung des Präsidenten ersetzt hat, herrschen ausschließlich Männer. Frauen wurden sämtlicher Rechte beraubt, um die größtmögliche Ausbeutung der weiblichen Gebährfähigkeit zu gewährleisten. Dazu gehören die totale Entmündigung der Frauen und ihre Klassifizierung in Hausfrauen, Gebärmaschinen und Dienerinnen. Da die meisten Frauen durch Umweltverschmutzung unfruchtbar geworden sind, werden die wenigen gebärfähigen besonders geschult und an ausgewählte Paare als Magd, vermittelt, um diesen durch eine völlig absurde Form der natürlichen Befruchtung ein Kind zu gebären.

Da Margaret Atwood befürchtete, dass ihr Roman ‚zu paranoid‘ wirken könnte, sammelte sie Zeitungsnachrichten und Zeitschriftenbeiträge, die ihre Fiktion faktisch abstützten: Berichte etwa über eine fundamentalistische Katholiken-Sekte in New Jersey, die von Frauen als „Mägden“ spricht, und über die Massenwirkung amerikanischer TV-Prediger, Nachrichten allgemein über die erstarkte „religiöse Rechte“ in Amerika und Erinnerungen an frühere Studien über die puritanische Vergangenheit. (Quelle: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13522893.html)

Vielleicht kam mir die Thematik auch deshalb manchmal gar nicht so weit weg vor. Für mich als weibliche Leserin war dieser Roman, so berührend und skurril ich ihn fand, gleichzeitig sehr erschreckend. Es handelt sich bei diesem Buch zwar um Fiktion, aber es scheint so unfassbar einfach zu sein, Frauen schnell und effektiv sämtlicher Rechte zu berauben, um sie in die gewünschten Bahnen zu lenken. Das macht Desfreds Schmerz nachvollziehbar und miterlebbar und man möchte am liebsten sicherheitshalber sofort auf die Barrikaden gehen. Unbedingt lesen! – und natürlich immer Augen und Ohren offen halten 😉

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Margaret Atwood
Der Report der Magd
Übersetzerin: Helga Pfetsch
416 Seiten, Broschur
ISBN: 978-3-492-31116-8
€ 12,00 (D)
Verlag: Piper
Erschienen:  03.04.2017

Über Yvonne

...glücklich verbandelt, fotografiebegeistert und mit dem Lesesessel verwachsen...
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9 Antworten zu Der Report der Magd – Margaret Atwood

  1. Warum habe ich dieses Buch bisher eigentlich nicht gelesen? Kommt sofort auf meine Liste….

    Gefällt 1 Person

  2. Myriade schreibt:

    Ich kenne den Film und wusste gar nicht, dass es auch ein Buch gibt, und dass obwohl ich auch so gerne Dystopien lese …..

    Gefällt 1 Person

    • Yvonne schreibt:

      Den Film kenne ich noch nicht, aber ich habe viel Gutes über die Serie „A Handmaid’s Tale“ gehört. Die erste Folge habe ich mir inzwischen angeschaut und fand sie gut.

      Liken

  3. Bildhof schreibt:

    Ich liebe die Bücher von Margaret Atwood. Spontan fallen mir Cat’s Eye und The Penelopiad ein. Das erste Buch, dass ich von ihr gelesen habe war Lady Oracle und gleich danach The Handsmaid’s Tale. Eine sehr gute Besprechung von dir. 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Yvonne schreibt:

      Danke, das freut mich 🙂 „Der Report der Magd“ war mein erstes Buch von Margaret Atwood und ich möchte unbedingt mehr von der Autorin lesen. Momentan lese ich auch immer mal in „Aus Neugier und Leidenschaft“, worin Essays, Rezensionen und Ähnliches von ihr gesammelt sind, wobei ich jedoch vermute, dass mich mehr die Geschichten interessieren, die sie zu erzählen hat.

      Gefällt 1 Person

  4. Buchspinat schreibt:

    Hallo Yvonne, das Buch ist letztens auch bei mir eingezogen und ich will es demnächst unbedingt lesen. Bin schon ganz gespannt, wie es mir gefällt.
    Hab einen schönen Feiertag.
    Liebe Grüße
    Nicole

    Gefällt 1 Person

  5. Pingback: Die Zeuginnen – Margaret Atwood | umgeBUCHt

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