abc.etüden: Unmusik

Sie hatte es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht, die Chips standen bereit und sie freute sich auf die Widerhall-Verleihung, die auch in diesem Jahr live im Fernsehen übertragen wurde. Es hätte so ein schöner Abend werden können. Helene Pischer hatte erwartungsgemäß zum 17. Mal einen Preis in der Kategorie Schlager national erhalten und natürlich kam man auch an Mett Schmierän nicht vorbei, der den Hit des Jahres gelandet hatte.

Aber spätestens bei dem Auftritt von Föhlig Plem und Kuhflega konnte ihr nur noch die gute Laune vergehen. Es fühlte sich für sie so an, als sei in den letzten Jahren der Bereich Hip-Hop immer weiter sprachlich verroht, aber was sich ihr jetzt darbot, war wirklich untragbar. Gewaltverherrlichend und in Teilen antisemitisch rappte es über ihren Fernseher und ließ sie dem Spektakel mit vor Empörung offen stehendem Mund folgen. Was hatten sich die 550 Jurymitglieder bei dieser Entscheidung eigentlich gedacht? Hatten sie überhaupt gedacht?

Sie hatte zwar kein Verlangen nach einer Sprachpolizei oder dystopischen Auswüchsen wie Neusprech, aber das führte wirklich zu weit. Angewidert schaltete sie den Fernseher aus und entschied für sich, dass es die letzte Widerhall-Verleihung war, der sie zugesehen hatte.

 


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 10 Sätze umfasst. Dieses Mal: Sprachpolizei, verroht, vergehen.

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Über Yvonne

Glücklich verbandelt, fotografiebegeistert und am liebsten katzenunterstützt lesend :)
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4 Antworten zu abc.etüden: Unmusik

  1. Christiane schreibt:

    Genau. Wobei ich eh kein Hip-Hop-Fan bin, von wenigen Ausnahmen mal abgesehen. Aber da habe ich mich auch gefragt, ob die Preisrichter überhaupt gedacht hatten. Okay, man hat den Preis abgeschafft, aber trotzdem, beseitigt das die Wurzel?
    Liebe Grüße
    Christiane, dezent verstimmt bei der Erinnerung und kopfschüttelnd

    Gefällt 2 Personen

    • Yvonne schreibt:

      Es ist auch nicht meine Musikrichtung und es macht mich eher traurig, was dort „gesungen“ wird, zumal ja bei der Art von Musik niemand behaupten kann, dass er beim Hören den Text außen vor lässt und nur auf die schönen Instrumente achtet.

      Gefällt 2 Personen

  2. Werner Kastens schreibt:

    In Konsequenz ist der Echo dann ja auch zu Grabe getragen worden. Auch nicht schade drum, denn das einzige Kriterium war nicht die künstlerische Aussage/Darstellung, sondern die Verkaufszahlen. Und die hätte man auch als Tabelle veröffentlichen können, anstelle einer niveaulosen Veranstaltung.
    Gut, dass Du nochmal mit Deiner Fassung daran erinnert hast!

    Gefällt 1 Person

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