Der Schlüssel – Junichiro Tanizaki

Junichiro Tanizaki wurde 1886 in Tokio geboren und war Autor zahlreicher Romane, Dramen und Essays. In den Jahren kurz vor seinem Tod (1965) galt er als ein Anwärter für den Literaturnobelpreis. Mit „Der Schlüssel“ verfasste er einen Klassiker des 20. Jahrhunderts, der 1956 nur knapp einem Veröffentlichungsverbot entging und in Japan eine Debatte über Pornografie auslöste.

26_Der Schlüssel

Unfähig, über ihre geheimsten Sehnsüchte und Fantasien zu sprechen, beginnen der 56-jährige Professor und seine 45-jährige Frau Ikuko unabhängig voneinander Tagebuch zu führen – ahnend und hoffend, dass der jeweils andere das Geschriebene lesen wird. Auf diese Weise offenbaren sie ihr Innerstes ungehemmt. Während er sich um seine Potenz sorgt und die sexuelle Unersättlichkeit seiner jüngeren Gattin beklagt, behauptet sie, dass sie ihrem Mann eine gute Ehefrau sein will, sie ihn körperlich jedoch abstoßend findet und seine „Perversionen“ nur erträgt, um ihre eheliche Pflicht zu erfüllen. Sie legen Geständnisse ab, provozieren, täuschen bewusst. Und tatsächlich kommen sich die beiden dadurch körperlich wieder näher – nur ganz anders, als sie es sich vorgestellt haben und das liegt wohl auch an Kimura, dem Mann, den der Professor eigentlich für seine Tochter ausgesucht hatte.

Dem Leser erschließt sich der Roman anhand der Tagebucheinträge der Eheleute. Der Schreibstil ist flüssig, die Sprache wirkt trotz angedeuteter pornografischer Inhalte nicht vulgär. Und doch kann ich nachvollziehen, dass dieses Buch zu der Zeit als es erschien, ein Skandalroman war. An der Sprache lag es nicht.

Geschichten von Beziehungen, in denen Menschen nicht miteinander sprechen und stattdessen Spielchen spielen, intrigant und heuchlerisch agieren empfinde ich als anstrengend und wenig unterhaltsam. Alkoholgenuss bis zur Bewusstlosigkeit und Sex in eben diesem Zustand finde ich hingegen abstoßend und nicht tolerierbar. Aber da die Protagonisten sich mittels der Tagebucheinträge gegenseitig auch offensichtlich belügen und zu manipulieren versuchen, wusste ich als Leserin manchmal nicht mehr genau, was ich den Charakteren glauben konnte und was nicht. Dementsprechend war meine Wahrnehmung für das, was ich im Gegensatz zu Grenzüberschreitungen vielleicht als zwischenmenschlich vereinbarte Spielart legitim fände, empfindlich gestört.

Die Idee mit den Tagebüchern fand ich interessant und das Ende überraschend, konnte aber insgesamt weder mit der Handlung noch mit den Personen etwas anfangen, weshalb ich dieses Buch nicht empfehlen kann.

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Junichiro Tanizaki
Der Schlüssel
Hardcover, 192 Seiten
ISBN: 978-3-0369-5748-7
22,00 EUR
Verlag: Kein & Aber
Erschienen:  07.10.2016

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Über Yvonne

Glücklich verbandelt, fotografiebegeistert und am liebsten katzenunterstützt lesend :)
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