abc.etüden: Gegen Sprachlosigkeit

Langsam klappte sie ihr Notebook zu. Eigenartig, welche Wege gespendete Worte manchmal nahmen. Sie hatte an die Schönheit eines Wintermorgens gedacht, an eiskaltes Gras und strahlenden Sonnenschein und den nicht enden wollenden Rausch des Fotografierens von glitzerndem Raureif. Momente, die in der Lage waren, die Zeit zu verzaubern und die Realität zu verrücken – von so unschuldiger Reinheit, dass es sündig wäre, sie nicht zu erleben.

Aber inzwischen hatte sie eine völlig andere Seite dieser Worte eingeholt. Eine Seite, bei der die Kälte des Raureifs schmerzt, wenn die Frau auf ihm zusammensackt, weil der Mann den sie liebt, sie brutal zusammengeschlagen hat. Eine Seite, bei der die Frau sündig ist, weil er seine Triebe nicht zu zügeln weiß. Eine Seite, bei der Gedanken sich verrücken, bis nur noch Wahnsinn von der Liebe bleibt.

Manchmal wünschte sie sich, sie könnte diesen Frauen nicht nur drei Worte für die abc.etüden, sondern ein ganzes Wörterbuch spenden, damit sie aus dem Schatten heraustreten und sich Gehör verschaffen können. Armeen von Worten, die bewaffnen – zum Schutz und zum Kampf und vielleicht sogar für ein bisschen Seelenfrieden.

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Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Raureif, sündig, verrücken.

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Über Yvonne

...glücklich verbandelt, fotografiebegeistert und mit dem Lesesessel verwachsen...
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3 Antworten zu abc.etüden: Gegen Sprachlosigkeit

  1. Christiane schreibt:

    Wie schön, dass du uns die Entführung deiner Wörter auf die dunkle Seite der Macht nicht übel nimmst!
    Sei versichert, ich HABE daran gedacht, ich fotografiere ja auch, ich liebe Raureif, aber dann drängelte sich die Sünde doch penetrant in den Vordergrund. Wobei – ich arbeite dran, dein Raureif ist ein wunderbarer Aufhänger.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 3 Personen

    • Yvonne schreibt:

      Ich fühle mich bei allein bei dem Gedanken an das Thema „Gewalt gegen Frauen“ schon machtlos und es macht mich stumm vor Grauen. Es ist gut, wenn es in den Fokus gerückt wird. Noch besser wäre es, wenn sich die Hilfen vor Ort dadurch verbessern würden, wenn sich der Umstand schon nicht restlos ausmerzen lässt 😦

      Gefällt 2 Personen

  2. Pingback: Schreibeinladung für die Textwoche 49.50.18 | Wortspende von Elke H. Speidel | Irgendwas ist immer

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