Das Zimmer – Jonas Karlsson

Ich hatte ein Buch von meinem Stapel ungelesener Bücher gesucht, das mich von meiner derzeitigen leider etwas langweiligen Lektüre ein wenig ablenkt. Recht schnell fiel mir „Das Zimmer“ von Jonas Karlsson aufgrund seiner geringen Seitenanzahl und seines ungewöhnlichen Covers ins Auge. Ein nicht ganz alltägliches Bild, stilvoll und beklemmend zugleich. Es lässt erahnen, dass man hier nicht einen lustigen Frauenroman in Händen hält. Stattdessen handelt das Buch von unausstehlichen Kollegen in einem Großraumbüro – einer auf den ersten Blick eher nicht so spannenden Thematik. Aber tatsächlich schafft es das Buch, mich bereits nach wenigen Seiten in seinen Bann zu ziehen.

29_Das Zimmer

Der Autor lässt den Leser tief ins Innerste des Ich-Erzählers Björn blicken, einem Protagonisten, der davon regelrecht besessen zu sein scheint, sich mit eiserner Disziplin, strategischem Handeln und Abwesenheit jeglicher sozialer Kompetenz an die Spitze seiner Abteilung arbeiten zu wollen.

»Und wie läuft es bei dir, Björn?«
»Wie läuft was?«, fragte ich in einem völlig neutralen Ton zurück.
»Nun«, sagte Karl und ich spürte sofort, wie unsicher er wurde.
»Was hast du die letzten Tage denn so gemacht?«
Natürlich wollte er darauf keine Antwort haben. Er erkundigte sich lediglich auf die gleiche sinnlose Art wie Leute, die von einem wissen wollen, wie es einem geht. Sie wollen überhaupt nicht wissen, ob man gesund ist oder nicht. Sie wollen nur ihre eigene Stimme hören, Dinge sagen, die sie auch früher schon gesagt haben. Sie wollen in einem zwischenmenschlichen Kontext ihrer Stimme Gehör verschaffen dürfen. (S.102)

Doch recht bald wird klar, dass sein Erleben und seine Wahrnehmung nicht mit der seiner Kollegen übereinstimmt. Denn kaum zwei Wochen, nachdem Björn seine neue Stelle in einem Großraumbüro bei der Behörde angetreten hatte, macht er eine geheimnisvolle Entdeckung: Zwischen der Toilette und dem Aufzug befindet sich eine Tür, die von seinen Kollegen offenbar gemieden wird. Sie führt in ein kleines fensterloses Büro.

Mehr sollte man als Leser vorab eigentlich nicht wissen, um sich auf diesen knapp 176 Seiten umfassenden und auf seine Art fesselnden Roman möglichst unvoreingenommen einlassen und überraschen lassen zu können. Belohnt wird man mit einem Buch, das kunstvoll Einblick in eine ungewöhnliche Sichtweise und eine nicht alltägliche, aber gut dargestellte Psyche gewährt und auch groteske Situationen der Arbeitswelt inklusive Mobbing und Integration nicht ausklammert. Die Charaktere sind nicht einfach schwarz-weiß gezeichnet, sondern erzeugen beim Lesen Sympathie oder sogar Verständnis, aber auch Abneigung und Widerwillen. Langeweile kommt dabei nicht auf und die kurzen Kapitel laden zum immer weiterlesen ein. „Das Zimmer“ von Jonas Karlsson ist ein kurzweiliges und intensives Lesevergnügen, das mich beeindrucken konnte.

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Jonas Karlsson
Das Zimmer
Aus dem Schwedischen von Paul Berf
Hardcover mit Schutzumschlag, 176 Seiten
ISBN: 978-3-630-87460-9
Preis:  17,99 [D] inkl. MwSt. € 18,50 [A] CHF 25,50 * (* empf. VK-Preis)
Verlag: Luchterhand
Erschienen:  11. April 2016

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Über Yvonne

...glücklich verbandelt, fotografiebegeistert und mit dem Lesesessel verwachsen...
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Eine Antwort zu Das Zimmer – Jonas Karlsson

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