Erebos 2 – Ursula Poznanski

Vor knapp 7 Jahren las ich „Erebos[Werbung] von Ursula Poznanski voller Begeisterung und wurde es seitdem auch nicht müde, das Buch immer wieder computer- oder spielbegeisterten Lesern zu empfehlen. Mich hat damals die spannende Geschichte rund um das geheimnisvolle Spiel, das ein bedrohliches Eigenleben entwickelt und seine Mitspieler dazu bringt Aufgaben im realen Umfeld auszuführen, gepackt. Einerseits wünsche ich mir natürlich von Büchern, die mich derart begeistern konnten, dass sie fortgesetzt werden, aber andererseits fürchte ich doch auch immer, dass eine Fortsetzung zu einer Entzauberung führt, wenn sie eben nicht so gut gelungen ist, wie das Einstiegsbuch. Allerdings hatte ich bei diesem Buch eher nicht mit einer Fortsetzung der Geschichte gerechnet, weil die Handlung eigentlich zu einem abgeschlossenen Ende fand. Umso überraschter war ich, dass Ursula Poznanski gut 10 Jahre nach dem Erscheinen dieses Buches „Erebos 2“ veröffentlichte.

41_Erebos 2

Da „Erebos“ mit zu meinen Lesehighlights unter den Jugendbüchern gehört, konnte ich nicht widerstehen und musste einfach erfahren, wie die Geschichte weiter geht. Vorab stellte sich mir allerdings die Frage, ob ich nach der langen Zeit vielleicht doch „Erebos“ noch einmal lesen sollte, da ich mich an genauere Einzelheiten nicht mehr erinnern konnte. Ich entschied mich dazu, es nicht zu tun. Leider – wie ich jetzt im nachhinein feststellen kann. Denn das, was im ersten Buch geschah, wird zwar manchmal grob aufgegriffen und sporadisch erklärt, aber es hätte mir besser gefallen, wenn ich mich an mehr Details hätte erinnern können. Dennoch ist es für das Verständnis nicht erforderlich, dass man für „Erebos 2“ unbedingt das Vorgängerbuch gelesen haben muss. Da es sich jedoch lohnt, empfehle ich das Lesen in der richtigen Reihenfolge – und dann zu entscheiden, ob man die schwächere Fortsetzung „Erebos 2“ tatsächlich noch lesen möchte.

Das Spiel Erebos wird im ersten Buch noch im Geheimen auf DVDs herumgereicht, macht seine Mitspieler regelrecht süchtig, bringt sie dazu, oft nicht ganz ungefährliche Aufgaben in der Realität zu erledigen und gewährt ihnen im Gegenzug dafür spezielle Belohnungen: Ein Wunsch eines Spielers wird von einem anderen – vom Spiel dazu gezwungenen – Spieler ausgeführt. Die Spieler wie Räder in einer großen Maschine ineinandergreifen lassen, damit die Maschine dann am Ende etwas zerstören kann, oder jemanden. Das ist – rund 10 Jahre später – auch bei „Erebos 2“ der Fall. Aber ebenso wie die Technologie im Laufe der Jahre, hat sich auch auch die Künstliche Intelligenz des Spiels weiter entwickelt und nutzt nicht mehr nur den Computer, sondern auch das Smartphone, Navigationssysteme, Überwachungskameras und vieles mehr um seine dem Leser bis zum Schluss unergründlichen Ziele zu erreichen.

Und es sucht sich seine Spieler selbst, um die richtigen Leute zu rekrutieren – und zu beinflussen. Als Nick auf seinem Smartphone ein vertrautes Icon in Gestalt eines roten E entdeckt, glaubt er zuerst an einen Zufall. Aber dann wird ihm klar: Erebos hat ihn nach all den Jahren wiedergefunden. Der sechzehnjährige Derek hingegen ist nur kurz misstrauisch, als das rote E auf seinem Handy aufleuchtet. Zu spät begreift er, dass er selbst zu einer Spielfigur geworden ist. Und es um viel mehr geht, als er sich je hätte vorstellen können.

„Jetzt den Datenstick in den Slot. Oder … doch nicht? Er zögerte. Auf dem Stick konnten alle möglichen Viren drauf sein – gleichzeitig war ihm klar, wie albern der Gedanke war. Er hatte ja schon ein Programm auf dem Rechner, das den Computer nach Belieben ein- und ausschalten konnte. Sein Handy telefonierte selbstständig und mit Dereks eigener Stimme … viel schlimmer konnte es nicht mehr werden.“ (S. 142)

Es ist spannend diesem taktierenden Spiel zu folgen. Man fragt sich, was es im Schilde führt und warum es seine dauerüberwachten und unter Druck gesetzten Mitspieler zwingt so zu agieren, wie sie es letztlich tun. Gut dreiviertel des Buches las ich gern, beziehungsweise mit leichtem Gruseln vor der sich hier verselbständigenden Technik, und fühlte mich gut unterhalten. Geradezu fieberhaft las ich dem Ende entgegen und war neugierig auf die Auflösung des Ganzen. Doch was sich Ursula Poznanski als Hintergrund und eigentlichen Verwendungszweck des Spiels ausgedacht hat, konnte mich leider gar nicht überzeugen. Ohne hier spoilern zu wollen kann ich nur verraten, dass der Zweck für mich nicht immer die Mittel heiligt und einfach nur abstrus und an jeglicher Glaubwürdigkeit vorbei konstruiert ist. Das empfinde ich als umso problematischer, da die große Stärke dieses Jugendromans für mich darin liegt, sich nah an der derzeitigen Technik zu orientieren und man sich beim Lesen fragt, ob so eine manipulative Nervensäge wie das Spiel Erebos nicht unter Umständen doch möglich wäre. Unweigerlich überlegt man auch, ob man seinen Smartphone-Apps nicht doch mehr Rechte einräumt, als gut für einen sein können. Und tatsächlich fühlte es sich auch ein wenig eigenartig an, wenn das eigene Handy Benachrichtungstöne von sich gab, während beim Lesen des Buches gerade einer der Protagonisten mittels Smartphone-Nachrichten von Erebos massiv bedrängt wurde.

Ob ich das Buch empfehlen kann? Ich bin mir nicht sicher, ob das tatsächlich nötig ist. Denn wer schon in den letzten 10 Jahren Erebos verfallen ist, der kann sich vermutlich „Erebos 2“ nur schwerlich entziehen, selbst wenn das Ende versemmelt ist.

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Ursula Poznanski
Erebos 2
ePub, 512 Seiten, ab 14 Jahren
ISBN: 978-3-7320-1371-5
Preis: 14,99 € (D) inkl. MwSt.
Verlag: Loewe
Erschienen am 14.08.2019

Über Yvonne

...glücklich verbandelt, fotografiebegeistert und mit dem Lesesessel verwachsen...
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3 Antworten zu Erebos 2 – Ursula Poznanski

  1. Mrs Postman schreibt:

    Vor einigen Tagen sah ich einen Beitrag in einer TV Sendung, in der es um eine neue Betrugsmasche ging. Eine Frau bekam telefonisch von ihrem Chef den Auftrag, an einen wichtigen Kunden eine größere Geldsumme zu überweisen. Sie kannte den Kunden, fand allerdings die Summe enorm, stellte während des Telefonats ein paar Fragen, die ihr Chef alle überzeugend beantworten konnte. Sie überwies also das Geld.
    Nur war es nicht ihr Chef, mit dem sie gesprochen hatte, sondern ein Computer.
    Und gestern schaute ich die Wiederholung eines Tatort mit dem Titel „KI“, der am Anfang darüber informierte, dass es bisher noch keiner KI gelungen sei, den sogenannten Turing Test zu bestehen, also dass Menschen bisher immer erkennen, wenn sie nicht mit einem Menschen sprechen. Und dass das im Tatort gezeigte also Fiktion sei.
    Dieser Tatort war von 2018. Man kann schon Gänsehaut kriegen….

    Gefällt 1 Person

    • Yvonne schreibt:

      So schnell kann’s gehen. Irgendwie beginnt ja alles mit Fiktion und den Menschen, die weiterspinnen und weiterträumen und sogar in der Lage sind ihre Visionen umsetzen – einfach weil es geht und weil sie es können. Ich bewundere das und bin begeistert, oft auch fasziniert von dem, was inzwischen im technischen, aber auch im medizinischen Bereich möglich ist. Aber es macht mir immer auch ein wenig Angst, weil keine ursprünglich vielleicht noch so gute (oder gut gemeinte 😉 Errungenschaft vor Missbrauch sicher ist.

      Gefällt 1 Person

  2. Pingback: erLESENer Oktober | umgeBUCHt

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