Licht in der Nacht der Seele – Martin Duda

Erst kürzlich wurde ich auf die „Bibliotherapie“ aufmerksam, die zu den künstlerischen Therapieformen, (wie beispielsweise auch Musik- und Tanztherapie) gehört. Hierbei setzt man auf die Heilkraft der Sprache, die beim Lesen von beruhigender und aufbauender Literatur und beim Schreiben und Gestalten eigener literarischer Texte Heilungsprozesse unterstützen, Probleme lösen und die Persönlichkeitsentwicklung fördern kann. Bei der Suche nach weiterführender Literatur, stieß ich unter anderem auf „Licht in der Nacht der Seele – Wie Lesen bei Depressionen hilft“ von Martin Duda. Das Buch bezeichnet sich selbst als Literarisches Antidepressivum, was auf mich zunächst befremdlich wirkt, da es enorme Erwartungen weckt. Aber es machte mich auch neugierig.

43_Licht in der Nacht der Seele

Der Text auf der Klappe dieses broschierten Buches erläutert:

„In der Literatur ist die Depression ein immer wiederkehrendes Thema. Viele Dichter und Schriftsteller kennen das Phänomen aus eigenem Erleben. Sie haben – anders als die Wissenschaftler oder die Mediziner einen unmittelbaren und ganzheitlichen Zugang gerade auch zu den Schattenseiten menschlicher Erfahrungen. Dieser Zugang ermöglicht ihnen und damit auch den Lesern eine andere, breitere Sicht auf die Depression. Zugleich haben viele literarische Werke für depressive Menschen eine heilsame und therapeutische Wirkung. Wenn der Lebenssinn zu einer dringenden Frage wird und die Gründe zum Leben verloren gehen, kann uns gute Literatur bei der Suche nach ihnen begleiten und ein wenig Licht in die geheimnisvolle Dunkelheit der Depression bringen.“

Lesen ist für viele Menschen, so auch für mich, ein Hilfsmittel erster Wahl, um Zeiten der Muße, der Ruhe und der Entspannung für sich zu entdecken und in ihnen einzutauchen. Ein gutes Buch hat das Vermögen und die Macht, mich aus dem Alltag zu entführen, aber auch die quälenden Phasen depressiver Langeweile, die immer mehr handlungsunfähig macht und zunehmend lähmt, in eine gute Zeit der Muße zu verwandeln, wenn ich rechtzeitig zu diesem Hilfsmittel greife. Beim Lesen dieses Buches fühlte ich mich außerdem an eine Zeit erinnert, als ich tatsächlich bei Dichtern, Schriftstellern, Musikern und Malern regelrecht auf der Suche nach gemeinsamen Empfindungen und Darstellungen war, in denen ich mich und mein durch die Bipolare Störung (manisch depressive Erkrankung) verändertes Erleben wiederfinden konnte. Ich sammelte diese Fragmente, weil die Künstler in der Lage waren das auszudrücken, wofür mir die Worte und auch sonstige Ausdrucksmöglichkeiten fehlten. Das brachte mir Linderung, weil ich mich verstanden fühlte und ich manches dadurch erst als Teil der Krankheit identifizieren und begreifen konnte.

Geholfen hätte es mir auch, wenn mir zu dieser Zeit, in der ich erst noch den Umgang mit der Depression lernen musste, „Licht in der Nacht der Seele“ in die Hände gefallen wäre. Martin Duda, der sich seit vielen Jahren mit der heilsamen Wirkung des Lesens befasst, bietet mit ausgewählten Texten der Weltliteratur und praktischen Buchtipps Hilfe zur Selbsthilfe an. Denn therapeutisch lesen bedeutet, langsam und mit dem Herzen zu lesen und den Text zu verinnerlichen. Es geht darum,

[…] den traurigen und gesenkten Blick des depressiven Menschen wieder nach oben zu richten, ihn selbst als Mensch aufzurichten und ihn hinaus nach draußen in die Welt, da wo das Leben ist, zu schicken. Gewissermaßen gilt es, nicht nur seine äußeren Sinne, seine Augen und Ohren, sondern vor allem sein Herz zu öffnen und ihn zum Leben und zum Wertvollen im Leben wieder hinzuführen. (S. 41)

Der Autor zeigt, wie die Lektüre dazu beitragen kann, der Ausweglosigkeit der Depression zu entkommen und den Weg zurück ins Leben zu finden. Doch es ist hier keine konkrete Auflistung von Tipps zu erwarten, die abgearbeitet werden könnten. Eher wird das Lesen als ein unterstützendes Mittel empfunden, das unter Umständen einbezogen werden kann. Tatsächlich sind es auch nicht die unterschiedlich gearteten kurzen Texte und Gedichte, die er zitiert und beispielhaft angibt, die ich an diesem Buch als hilfreich empfinde. Manches ist großartig, aber nicht alles spricht mich an und für Lyrik bin ich nicht immer empfänglich. Vielmehr schafft es der Autor durch seine Ausführungen und Erläuterungen das Wesen, die Ursachen und Auswirkungen der Depression so zu benennen und auf den Punkt zu bringen, dass ich mich mitsamt der krankheitsbedingten Problematiken verstanden und ernst genommen fühle. Daher kann ich die Lektüre dieses Buches auch denjenigen empfehlen, die versuchen möchten zu verstehen, wie die Depression das Leben eines Menschen vereinnahmt und was sie unter Umständen aus ihm macht. Selten habe ich mich so verstanden und angenommen gefühlt, was wohltuend und tatsächlich ein wenig wie ein literarisches Antidepressivum auf mich wirkt. Eine Empfehlung für Interessierte und Betroffene.

„Kein Buch vermag zwar die unmittelbare Begegnung mit einem anderen Menschen zu ersetzen, geschweige denn all das, was sich in der Begegnung mit ihm und in der Beziehung zu ihm ereignet und darin wirkt. Aber die Literatur kann nicht nur Wege zum depressiven Menschen ebenen und wie eine Verbindungsbrücke fungieren, sondern auf die heilsamen Kräfte, die nur in der Beziehung der Menschen untereinander entstehen, aufmerksam machen. Ob in großen Werken der klassischen Literatur oder in einfachen Liebesromanen – überall geht es um Themen wie Beziehungen, Trennungen, Verluste und um die Einsamkeit, aber auch um rettende Auswege wie Liebe, Freundschaft, Zuneigung und Mitgefühl. Bücher mit diesen Motiven können zur Reflexion anregen und für die Not eines einsamen Menschen sensibilisieren, aber auch Lösungen und Schritte aus der Einsamkeit aufzeigen.“ (S. 96)

-> Zur Leseprobe [Werbung]



Martin Duda
Licht in der Nacht der Seele
Wie Lesen bei Depressionen hilft
Klappenbroschur, 160 Seiten
ISBN: 978-3-8436-1059-9
Preis: 16,00 € (D) inkl. MwSt.
Verlag: Patmos
Erschienen am 04.06.2018

Über Yvonne

...glücklich verbandelt, fotografiebegeistert und mit dem Lesesessel verwachsen...
Dieser Beitrag wurde unter Sachbuch abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Licht in der Nacht der Seele – Martin Duda

  1. Pingback: Blogbummel Oktober 2019 – buchpost

  2. Pingback: erLESENer Oktober | umgeBUCHt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.