Die Zeuginnen – Margaret Atwood

„Liebe Leserinnen und Leser, die Inspiration zu diesem Buch war all das, was Sie mich zum Staat Gilead und seine Beschaffenheit gefragt haben. Naja, fast jedenfalls. Die andere Inspirationsquelle ist die Welt, in der wir leben.“ (Margaret Atwood über „Die Zeuginnen“)

45_Die Zeuginnen

Es ist noch gar nicht all zulang her, dass ich von Margaret Atwood den dystopischen Roman „Der Report der Magd“ las, der erstmals im Jahr 1985 erschien. Das Buch wurde längst zum Klassiker und zählt zu den Romanen, die mir nachhaltig in Erinnerung blieben – ein echtes Lieblingsbuch. Das liegt wohl auch nicht zuletzt daran, dass ich mir eher skeptisch die auf dem Buch basierende Serie „The Handmaid’s Tale“ anschaute und positiv überrascht davon war, wie gut die Umsetzung gelungen ist. Die zweite und dritte Staffel der Serie spinnen die Geschichte unabhängig vom Buch weiter, was ich ebenfalls sehr stimmig fand. Als Margaret Atwood nun mit „Die Zeuginnen“ nach all den Jahren ihr Buch fortsetzte, konnte ich mich vor Neugier darauf kaum halten.

Aber ich rechnete eigentlich mit einer mittelschweren Katastrophe, weil ich befürchtete, dass das neue Buch die Handlung der Serie durchkreuzen und die Besonderheit der durch die Serie weitererzählten Geschichte zerstören könnte. Auch fürchtete ich bereits zu viel von der Handlung durch das Anschauen der Serie erfahren zu haben und mich selbst um den Lesegenuss von „Die Zeuginnen“ gebracht zu haben.

Tatsächlich war aber das Gegenteil der Fall, denn ich habe nun nach Beendigung des neuen Buches das Gefühl den Gottesstaat Gilead mitsamt seinen Auswüchsen noch besser aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und verstanden zu wissen. Denn während das erste Buch lediglich aus der Sicht der Magd geschrieben ist, kommen in „Die Zeuginnen“ drei Frauen zu Wort, die aus der Ich-Perspektive berichten: Tante Lydia, die mit ‚eiserner Faust im Lederhandschuh im Wollfäustling‘ die weibliche Seite Gileads im Zaum hält, eine junge Frau, die in Gilead groß geworden und in ihre Rolle erzogen wurde und eine junge kanadische Frau, die auf besondere Weise mit Gilead verbunden ist.

Sie berichten von einer Zeit, die etliche Jahre nach der in der dritten Staffel der Serie behandelten Zeit liegt. Die Medien Buch und Serie kommen sich also nicht gegenseitig ins Gehege. Tatsächlich sind mir auch nur minimale Abweichungen zwischen Buch und Serie aufgefallen, jedoch in einem Maße, das ich verschmerzen konnte. Vielmehr hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass sich immer mehr Puzzle-Teilchen der Geschichte an ihren Platz fügten. Beweggründe und Charakterzüge mancher Hauptperson, die bereits aus dem ersten Buch bekannt ist, werden klarer und nachvollziehbarer, rücken von reiner schwarzweiß Skizzierung plötzlich in die Vielschichtigkeit der Graustufen mit all ihren schönen und schrecklichen Variationen ab. Die herrschende Männerwelt wird noch etwas widerwärtiger als bereits im ersten Buch und es wird geradezu tragisch deutlich wie gefangen Menschen in ihrem Tun und Handeln sind, die von klein auf in dem totalitären Gottesstaat Gilead aufgewachsen sind und nichts anderes kennen.

Das ganze endet, wie man es bereits grob aus „Der Report der Magd“ erfahren hat, das man vor „Die Zeuginnen“ gelesen haben sollte, um das ganze Ausmaß dieser Geschichte erfassen zu können. Doch obwohl man weiß, wohin dieser Roman steuert, ist doch das Wie ein spannender Aspekt, der einen bis zum Schluss mitfiebern lässt. Großartig!

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Margaret Atwood
Die Zeuginnen
Übersetzt von Monika Baark
Hardcover mit Schutzumschlag, 576 Seiten
ISBN: 978-3-8270-1404-7
Preis: € 25,00 [D], € 25,70 [A]
Verlag: Berlin Verlag
Erschienen am 10.09.2019

Über Yvonne

...glücklich verbandelt, fotografiebegeistert und mit dem Lesesessel verwachsen...
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Eine Antwort zu Die Zeuginnen – Margaret Atwood

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