Stoner – John Williams

„Sie schlief fest, doch ließ ihn der Lichteinfall glauben, ihr leicht geöffneter Mund formte lautlose Worte der Leidenschaft und Liebe. Lange stand er da, schaute sie an und empfand undeutliches Mitgefühl, zögerliche Freundschaft und vertrauten Respekt, aber auch eine müde Trauer, da er wusste, dass ihr bloßer Anblick nie mehr jene Agonie des Begehrens in ihm auslösen konnte, die er einst gekannt hatte, so wie er auch wusste, dass ihre Nähe ihn nie mehr derart erregen würde, wie sie es einst getan hatte. Dann verklang die Traurigkeit, und er deckte seine Frau sanft zu, machte das Licht aus und legte sich neben sie ins Bett.“ (S. 128)

John Williams Bücher wurden zu Lebzeiten zwar gelesen, erlangten aber keine Berühmtheit. Dank seiner Wiederentdeckung durch Edwin Frank, der 1999 die legendäre Reihe New York Book Review Classics begründete, zählt er heute weltweit zu den Ikonen der klassischen amerikanischen Moderne. Der Roman „Stoner“ erschien 1965 und erzählt vom Leben William Stoners, der, als Sohn armer Farmer geboren, 1910 im Alter von 19 Jahren an der Universität sein Studium der Agrarwirtschaft beginnt. Dort entdeckt er jedoch seine Leidenschaft für Literatur, bricht sein ursprüngliches Studium ab, um fortan Literatur zu studieren und schließlich Professor zu werden.

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Es ist die Geschichte seines genügsamen Lebens, das wenig Spuren hinterlässt. Aber es ist auch ein Roman über die Freundschaft, die Ehe, ein Campus-Roman, ein Gesellschaftsroman, ein Roman über die Arbeit. Über die harte, erbarmungslose Arbeit auf den Farmen; über die Arbeit, die einem eine zerstörerische Ehe aufbürdet, über die Mühe, in einem vergifteten Haushalt mit geduldiger Einfühlung eine Tochter groß zuziehen und an der Universität oft teilnahmslosen Studenten die Literatur nahe bringen zu wollen. „Stoner“ ist kein Liebesroman im klassischen Sinn, aber doch und vor allem ein Roman über die Liebe: über die Liebe zur Poesie, zur Literatur, und auch über die romantische Liebe.

„Als William Stoner sehr jung war, hatte er die Liebe für einen vollkommenen Seinszustand gehalten, zu dem Zugang fand, wer Glück hatte. Als er erwachsen wurde, sagte er sich, die Liebe sei der Himmel einer falschen Religion, dem man mit belustigter Ungläubigkeit, vage vertrauter Verachtung und verlegener Sehnsucht entgegensehen sollte. Nun begann er zu begreifen, dass die Liebe weder Gnade noch Illusion war; vielmehr hielt er sie für einen Akt der Menschwerdung, einen Zustand, den wir erschaffen und dem wir uns anpassen von Tag zu Tag, von Augenblick zu Augenblick durch Willenskraft, Klugheit und Herzensgüte.“ (S. 246)

„Stoner“ erzählt die Geschichte eines wenig außergewöhnlichen Menschen und selbst was erzählt wird, ist wenig spektakulär. Besonders ist allerdings, wie erzählt wird. John Williams erschafft in dem Roman eine melancholische Grundstimmung, die sich mitsamt seines Protagonisten durch das ganze Buch trägt. Als Leser versteht man sein Dilemma, fühlt sich jedoch in dieser Rolle zur Untätigkeit verdammt, obwohl man Stoner am liebsten Wachrütteln, vor Ungerechtigkeit bewahren und zu seinem Glück zwingen möchte. Aber der stoisch fast alles ertragende Stoner ist dennoch ein beeindruckender Charakter, der einen bis zum Schluss nicht loslässt und gerade durch die kleinen besonderen Gesten und Feinheiten für sich einzunehmen weiß.

„Er trat aus dem Büro ins Dunkel des langen Flurs und ging mit schwerem Schritt ins Sonnenlicht, in die offene Welt, die für ihn ein Gefängnis war, wohin er sich auch wandte.“ (S. 268)

Ein Buch, dessen atmosphärische Erzählkunst mich beeindrucken konnte und Lust darauf macht, mehr von John Williams zu lesen. Sehr empfehlenswert!

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John Williams
Stoner
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
Taschenbuch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-423-14395-0
Preis: EUR 10,90 € [DE], EUR 11,30 € [A]
Verlag: dtv Literatur
Erschienen: 1. Dezember 2014

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