abc.etüden: Internettigkeit

Manchmal plätscherten ihre Tage als Rentnerin einfach so dahin, doch an den Tagen, an denen sie Babysitten konnte, war alles anders. „Falte die Mini-Spitzen oben am Kopf als Ohren hoch. Ziehe das nach innen gefaltete Dreieck am Hals wieder heraus.“ hieß es in der Anleitung. Aber wo war dieses vermaledeite Dreieck und warum sahen ihre Mini-Spitzen verknurpselt und nach allem Möglichen aus, nur nicht nach Ohren? Gespannt schaute ihr Enkel dabei zu, wie sie das quadratische orangefarbene Papier hin- und herfaltete. Noch wartete der Kleine ruhig und erwartungsvoll, voller Vertrauen darauf, dass seine Oma ihm den gewünschten Papiertiger basteln würde.

Aber sie musste einsehen, dass sie wieder einmal zu viel gewollt hatte. Sie liebte ihren Enkel über alles und würde ihm jeden Wunsch von den Augen ablesen, wenn sie es konnte. Und wenn dann der kleine Mann ankam und sich von ihr einen Papiertiger wünschte, dann sollte es schon ein besonderes Exemplar werden. Dass sie in ihrem Leben niemals eine Bastelqueen gewesen war, war völlig belanglos. Sie würde über sich hinauswachsen…

Doch es dauerte bereits zu lange. Der Kleine wurde allmählich zappelig und sie musste einsehen, dass ihre Faltkünste unzureichend waren. Plan-B musste her, beziehungsweise ein Ausmaltiger im Internet eingefangen und ausgedruckt werden. Es war eine lustige gemeinsame Suche. Mit leuchtenden Augen hatte der Kleine schnell den Tiger seiner Wahl gefunden, den sie dann ausdruckte und ihm beim Ausschneiden ein wenig half. Mit Inbrunst malte er seinen Tiger anschließend in allen Farben des Regenbogens aus und zeigte ihn später stolz seiner Mama. Um den Origami-Tiger konnte sie sich ja immer noch kümmern – vielleicht gab es ja bei YouTube eine Videoanleitung dazu. Nicht, dass noch irgendjemand Interesse an ihm gehabt hätte, aber für ihren Seelenfrieden konnte es sicherlich nicht schaden.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Papiertiger, belanglos, plätschern.

6 Kommentare zu „abc.etüden: Internettigkeit

  1. Was für ein netter Text – und was bin ich froh, dass mein Enkel sich noch nie einen Papiertiger von mir gewünscht hat! Ich kriege ja gerade so knapp und Schiffchen, Tschakos und Salzfässer zuwege. Aber okay, wenn ich den Salzfässern Augen und Schnurrhaare aufmale, können sie vielleicht als Katzengesichter durchgehen. (Nur kann ich nicht malen.) Ob ich allerdings Faltanleitungen bei YouTube suchen würde, sobald meine Nachkommen wieder bei Mama-Papa sind? Ich weiß nicht, ob mein Ehrgeiz so weit reichen würde. Danke für diese Wiedererkennungs-Geschichte!

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  2. Ha! Also, diese Faltanleitungen haben es wirklich in sich! Das ist mir auch schon passiert, dass ich da böse gestrandet bin, es müssen gar nicht mal komplexe Papiertiger sein.
    Aber wichtig ist eigentlich, dass der Enkel zufrieden war, und wenn Plan B greift, was will das Oma-Herz mehr?
    Schmunzelnde Grüße
    Christiane 😁🐱☕🍪👍

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    1. Ich brauchte vor einiger Zeit mal einen Papierfrosch, weil er im Buch eine Rolle spielte und meiner Meinung nach unbedingt aufs Bild musste. Gar nicht so einfach und geholfen hat mir letztendlich tatsächlich eine YouTube-Anleitung 🙂

      Gefällt 1 Person

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