abc.etüden: Denkvirus

Sie hatte unruhig geschlafen und war beinahe froh, als der Wecker das Ende der Schlafenszeit einläutete. Mühsam erhob sie sich aus dem Bett und schleppte sich ins Bad. Der Blick in den Spiegel war ernüchternd, also eigentlich wie jeden Morgen. Doch heute war irgendetwas anders. Ihre Augen waren noch geschwollener als sonst und ihre Haut sah stumpf und übermäßig blass aus, fast wie gebleicht. Sie fasste sich an den Hals und streckte ihrem Spiegelbild die Zunge heraus. Und dann ging es auch schon los.

Ihre Zunge war belegt und war da nicht ein Kratzen im Hals? Sie hüstelte leicht und putzte sich anschließend fast schon automatisch die Nase. Schnupfen hatte sie womöglich auch noch. War da nicht auch noch ein leichter Kopfschmerz und war ihre Stirn nicht auch heißer als sonst? Das Fieberthermometer gab Entwarnung, aber das musste nichts heißen. Sie hatte erst seit kurzem eines dieser neumodischen Messgeräte, die die Temperatur im Ohr maßen. Ob das tatsächlich so genau war? Außerdem verspürte sie ein leichtes Rumoren in der Magengegend.

Das war bestimmt eine Grippe. Oder schlimmer noch, vielleicht hatte sie sich dieses neuartige Virus eingefangen, das in China bereits einige hundert Menschen das Leben gekostet hatte. Vielleicht hätte sie gestern beim Chinesen um die Ecke lieber nicht die gebratenen Nudeln mit der knusprigen Hong-Kong-Ente gegessen. Da hatte sie sich bestimmt das Virus eingefangen. Oder bei ihrer Freundin Shenmi, die sie zum Abschied freundschaftlich geknuddelt hatte. Sie musste gleich ihren Hausarzt anrufen. Hektisch putzte sie sich die Zähne und blickte auf den Postkarten-Spruch gleich neben ihrem Spiegel:

"Hypochonder sind keine Simulanten - Sie haben große Ängste."

Sie zwang sich tief durchzuatmen und allmählich wieder ruhiger zu werden, wie in der Therapie besprochen. Aber das komische Gefühl in der Magengegend wurde sie nicht los.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Grippe, gebleicht, knuddeln.

Über Yvonne

...glücklich verbandelt, fotografiebegeistert und mit dem Lesesessel verwachsen...
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7 Antworten zu abc.etüden: Denkvirus

  1. Elke H. Speidel schreibt:

    Ebenso wie Psychosomatikerinnen. Ja, so geht‘s einer manchmal, sehr plastisch geschildert!

    Gefällt 1 Person

  2. Christiane schreibt:

    O ja, wenn man sich gedanklich in etwas verrennt, dann scheint gern auch der Rest zu passen. Gefährliche Mischung, wenn man den Stecker nicht selbst gezogen bekommt. Wirkt sehr realistisch, deine Etüde, vielen Dank! 👍
    Liebe Grüße
    Christiane 😁🐱☕🍪👍

    Gefällt 1 Person

  3. alicemakeachoice schreibt:

    Deine Protagonistin ist damit sicher nicht alleine. Ich habe mal gelesen, dass jede Phobie eigentlich nur Angst vor dem Tod ist. Wenn so ein Virus umgeht, müssen Hypochonder besonders leiden.
    Liebe Grüße
    Alice

    Gefällt 1 Person

  4. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 08.09.20 | Wortspende von BerlinAutor | Irgendwas ist immer

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