Dankbarkeiten – Delphine de Vigan

Es kommt plötzlich, wenn auch nicht ohne Vorzeichen. Von einem Tag auf den anderen kann Michka, die stets ein unabhängiges Leben geführt hat, nicht mehr allein leben. Geplagt von Albträumen glaubt sie ständig, wichtige Dinge zu verlieren. Tatsächlich verliert sie aufgrund ihrer beginnenden Aphasie nach und nach Wörter, findet die richtigen nicht mehr und ersetzt sie durch ähnlich klingende. Die junge Marie, um die Michka sich oft gekümmert hat, bringt sie schließlich in einem Seniorenheim unter.

Der alten Frau fällt es schwer, sich in der neuen Ordnung einzufinden. In hellen Momenten leidet sie unter dem Verlust ihrer Selbstständigkeit. Doch was Michka am meisten beschäftigt, ist die bisher vergebliche Suche nach einem Ehepaar, von dem sie als Kind bei sich aufgenommen wurde und ihr dadurch das Leben gerettet wurde. Ihnen möchte Michka endlich ihre tiefe Dankbarkeit ausdrücken, weshalb Marie erneut eine Suchanzeige aufgibt.

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Doch die knapp 176 Seiten dieses schmalen Buches sind nicht geprägt von dieser Suche, sondern vielmehr von dem Kennenlernen Michkas durch die Augen von Marie und dem Logopäden Jérôme.

„Ich bin Logopäde. Ich arbeite mit den Wörtern und dem Schweigen. Dem Ungesagten. Ich arbeite mit der Scham, dem Geheimnis, der Reue. Ich arbeite mit dem Fehlenden, mit verschwundenen Erinnerungen und solchen, die durch einen Vornamen, ein Bild, einen Duft wieder geweckt werden. Ich arbeite mit den Schmerzen von gestern und denen von heute. Mit den vertraulichen Mitteilungen. Und der Angst vor dem Sterben. Das gehört zu meinem Beruf.“ (S. 79)

In jeweils abwechselnden Kapiteln erlebt man Michka in Dialogen, deren Sprache durch die Aphasie geprägt ist. Doch ähnlich wie Marie und Jérôme lernt man Michka trotz ihrer Wortverwechselungen und Auslassungen zu verstehen. Die Autorin schafft es sogar, dass einem diese reizende alte Dame, die sich trotz ihres Wortkauderwelschs durch Herz und Verstand auszeichnet, regelrecht ans Herz wächst.

„Ich fühle mich gut, müssen Sie wissen, die Wörter sind da wie früher, ich muss sie nicht einmal suchen oder auswählen oder umsorgen, sie tauchen einfach so auf, ganz spontan und ohne Gedöns, ich muss ihnen nicht schöntun, sie einfangen und streicheln, nein, stellen Sie sich vor, sie kommen und gehen in aller Freiheit, es ist sehr schön. Ich weiß, ich befinde mich in einem Traum.“ (S. 39)

Aber im Alter arbeitet die Zeit irgendwann nicht mehr für den Menschen und so nimmt der allmähliche Abbau der Gesundheit mit all seinen Einschränkungen seinen schmerzlichen Lauf.

„Wenn Michka mit ihrem schwankenden, um Gleichgewicht ringenden Schritt auf mich zukommt, würde ich sie am liebsten an mich pressen und ihr etwas von meiner Kraft und Energie einhauchen. Doch ich halte mich zurück. Wahrscheinlich aus einer Art Schamgefühl heraus. Und weil ich ihr nicht wehtun will. Sie ist so zerbrechlich geworden.“ (S. 67)

Ohne übermäßige Verklärung oder schonungsloses und übermäßig schmerzendes Aufzeigen des letzten Lebensabschnittes zeigt Delphine de Vigan, was uns am Ende bleibt: Zuneigung, Mitgefühl und Dankbarkeit. Gleichzeitig erschafft sie mit Michka, Marie und Jérôme fiktive Persönlichkeiten, die sich Gedanken umeinander machen und fürsorglich miteinander umgehen.

Gewünscht hätte ich mir, dass dieses Buch mindestens die doppelte Seitenzahl umfasst. Denn ich mochte die Charaktere und wollte Mischka einfach nicht so schnell aus meinem Lesefluss verschwinden lassen, denn ich bin mir sicher: Sie hätte noch so vieles zu sagen gehabt.

Ein wundervolles Buch, das sich einerseits durch leise humorvolle französische Leichtigkeit auszeichnet, andererseits jedoch viel Stoff zum Nachdenken und Erinnern enthält.

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Delphine de Vigan
Dankbarkeiten
Original: Les gratitudes, 2019
Aus dem Französischen von Doris Heinemann
Gebunden, 176 Seiten
ISBN: 978-3-8321-8112-3
Preis: 20,00 (D)
Verlag: Dumont
Erschienen: 10.03.2020

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

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