abc.etüden: Unwägbarkeit

Blühende Forsythien waren für sie der Inbegriff des Frühlings. Sie mochte die leuchtend gelbe Blütenpracht der prächtigen Sträucher und war immer froh darüber gewesen, dass sie sich bei der Gartenplanung vor Jahren gegen ihren Mann durchgesetzt hatte, dem die Wuchsform zu üppig und ausladend war und der sich eher einen dieser spartanischen Zen-Gärten gewünscht hätte. Noch ließen die Blüten auf sich warten, aber an der ein oder anderen Stelle lugten bereits vorsichtig die ersten Knospen heraus.

In diesem Jahr würde sie den Strauch jedoch in seiner Blütezeit in Ruhe lassen und ihm zum ersten Mal keine Zweige abknipsen, um damit ihre Wohnung zu dekorieren. Es würde niemand kommen, dem sie ihre selbst gebundenen Kränze und liebevoll geschmückten Zweige würde zeigen können. Und um nur für sich selbst diese eigentlich lieb gewonnene Tradition aufrecht zu erhalten, fehlte ihr die Kraft. Zu sehr schmerzte sie der Verlust ihres Mannes. Dabei hatten sie vor wenigen Wochen noch ausgelassen gefeiert und fanden die allgemeine Panikmache einfach nur lächerlich und total überzogen. Doch dann war alles ganz schnell gegangen. Erst fühlte es sich ein bisschen an, wie erfrieren, dann ein wenig wie Erkältung und während sie sich in der amtlich verordneten Quarantäne recht schnell erholte, fühlte es sich für ihren Mann ein wenig an wie ersticken, weil ihm die Luft knapp wurde. So stellte sie es sich zumindest vor, wissen konnte sie es nicht, denn in seinen letzten Stunden im Krankenhaus durfte sie nicht bei ihm sein.

Sie wusste nicht mehr, wie lange sie schon am Fenster gestanden und auf den Forsythienstrauch in ihrem Garten gestarrt hatte. Und wie oft sie ungläubig vor sich hingemurmelt hatte: „Wir gehörten nicht zur Risikogruppe. Uns konnte doch nichts passieren.“


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Forsythien, lächerlich, erfrieren.

Über Yvonne

...glücklich verbandelt, fotografiebegeistert und mit dem Lesesessel verwachsen...
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9 Antworten zu abc.etüden: Unwägbarkeit

  1. Elke H. Speidel schreibt:

    Das hatte ich nicht im Sinn, als ich mir die Wörter ausgedacht habe. Es wäre wohl auch nicht das, was ich getan hätte, wäre mein Mann gerade jetzt gestorben. Ich habe damals eher trotzig an lieben Gewohnheiten festgehalten, mir eher öfter als seltener Blumen ins Haus geholt, um es auszuhalten. Aber jede trauert anders.

    Ein sehr glaubwürdiger, bewegender Text, der mich nachträglich dankbar macht für die 28 schrecklichen Stunden, die ich auf der Intensivstation bei meinem Mann verbringen durfte, als er im Koma lag und künstlich beatmet wurde. Unsere letzte gemeinsame Nacht waren wir zwar nicht wirklich zusammen, aber ich war bei ihm. Vielleicht hat er es gemerkt.

    Jetzt ist mir jedenfalls zum Heulen, hier an Tag 9 meiner freiwilligen Einzel-Quarantäne, als Angehörige mehrerer Risikogruppen.

    Bleib gesund!

    Gefällt 4 Personen

  2. Yvonne schreibt:

    Liebe Elke,
    das hatte ich nicht im Sinn, als ich deine Wörter nahm und um sie herum eine Geschichte wob, die aus meiner Wut und Hilflosigkeit heraus entstanden ist. Traurig machen wollte ich nicht, aber ich wollte die Menschen aufrütteln, die allzu sorglos mit der derzeitigen Situation umgehen, weil sie nicht zu einer Risikogruppe gehören und diejenigen, die allzu sorglos mit der derzeitigen Situation umgehen, obwohl sie zu einer Risikogruppe gehören. Die einen möchte ich aus Wut ‚wegsperren‘ und die anderen aus Sorge. Tatsächlich übe ich mich aber in Zurückhaltung und bleibe zu Hause, psychisch enorm angespannt, aber doch bemüht irgendwie das vermeintlich Richtige zu tun.

    Fühl dich virtuell umarmt und halt durch! Es kommen auch wieder andere Zeiten ❤

    Gefällt 3 Personen

    • Elke H. Speidel schreibt:

      Ich finde deinen Text gelungen und sinnvoll, und tatsächlich ist es nachträglich ein gutes Gefühl, die letzten Stunden gemeinsam mit meinem Mann verbracht zu haben. Die Traurigkeit gehört zum Leben, die kann man nicht wegsperren.
      Bald ist meine private Einzelquarantäne vorbei (zumindest fürs erste), weil meine Enkel die Zeit ebenfalls in strenger Quarantäne verbracht haben und somit ab ca. Mitte der Woche keine Gefahr mehr für mich darstellen. Dann wird eine (strenge) Familienquarantäne draus, was für mich schon wie Quarantäne-Ende klingt. Der Mensch wird bescheiden. Sobald die Kitas wieder aufmachen, fängt hier die Einzel-Quarantäne aber wieder an.
      Eine virtuelle Umarmung auch dir! Wir schaffen das!

      Gefällt 4 Personen

  3. Christiane schreibt:

    Mich erschüttert deine Etüde auch gerade. Dieses Schwanken zwischen Panik und gespielter oder echter Sorglosigkeit, es ist so nervenzerrüttend.
    Pass gut auf dich auf und bleib gesund!
    Liebe Grüße
    Christiane 😁🌞🌼👍

    Gefällt 3 Personen

  4. Myriade schreibt:

    Bedrückend aber sehr realistisch!

    Gefällt 1 Person

  5. Werner Kastens schreibt:

    Die ersten hundert Fälle haben wir in diesem Wochenende wohl erreicht. Vielleicht sind wir ja alles in allem etwas disziplinierter als andere Länder.

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  6. Yvonne schreibt:

    Könnte passieren (derzeit 55): https://experience.arcgis.com/experience/478220a4c454480e823b17327b2bf1d4
    Wir haben vielleicht aber auch den Vorteil, dass unsere Gesundheitsversorgung besser ist, als in beispielsweise so manchem afrikanischen Land, wo das Virus jetzt allmählich immer mehr um sich greift: https://experience.arcgis.com/experience/685d0ace521648f8a5beeeee1b9125cd
    Andererseits, wer nicht testet, kann auch keine Zahlen liefern und in Deutschland wird vergleichsweise viel getestet.

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  7. Pingback: Schreibeinladung für die Textwoche 14.20 | Extraetüden | Irgendwas ist immer

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