abc.etüden: Fraglich

„Und? Wird das wieder?“ hatte er gefragt. Was für eine Frage? Konnte man das wirklich so frei heraus fragen, wenn die Chancen, dass es gut gehen konnte, alles andere als gut standen? Wenn einem jemand eröffnete, dass er an etwas erkrankt war, was von so ernstem Ausmaß war, durfte man darauf tatsächlich locker lässig nach Heilungschancen fragen, als handle es sich dabei um eine harmlose Sportverletzung? Wenn man doch wusste, dass jährlich ein nicht geringer Prozentsatz daran starb?

Seitdem sie die Diagnose bekommen hatte, fühlte sie sich wie betäubt. „Und? Wird das wieder?“ hallte in ihr nach. Woher sollte sie das wissen? Andere würden nun über sie bestimmen. Ihr Leben würde künftig nach einem streng geregelten Zeitplan ablaufen, in dem sie die bis dato bekannten Behandlungsmethoden durchlaufen würde. Es war etwas in ihr, das sie kaum bemerkt hatte, leise und heimtückisch. Das wieder auszumerzen würde schlimm werden. Körperlich und seelisch. Und sie, die immer ein Fels in der Brandung gewesen war, würde nun anderen zur Last fallen, wenn ihre Kräfte dahinschwanden, und das würden sie, zumindest zeitweise.

Aber dann, dann wird das schon wieder. Man musste nur daran glauben, dessen war sie sich sicher und umarmte schweigend ihren ältesten und besten Freund.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Zeitplan, schlimm, fallen.

Über Yvonne

...glücklich verbandelt, fotografiebegeistert und mit dem Lesesessel verwachsen...
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7 Antworten zu abc.etüden: Fraglich

  1. Christiane schreibt:

    Wenn die Freundschaft so alt und so gut ist, dann, finde ich, kann man das so fragen, auch wenn die Frage unglaublich salopp und schnodderig klingt. Es gehört auch Mut dazu, das Thema Tod oder möglicher Tod anzusprechen, weil – wer will schon daran erinnert werden? Und gerade Männer haben oft mehr Probleme diesbezüglich als Frauen – meine Erfahrung, vielleicht ist deine anders.
    Ich mag deine Etüde. Viel, worüber man nachdenken kann.
    Liebe Grüße
    Christiane 😀🌦️☕🍪👍

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    • Yvonne schreibt:

      Manchmal tut salopp und schnoddrig auch einfach gut, weil es vom Ernst der Lage ablenkt. Es kommt natürlich immer auch darauf an, wer so reagiert. Der gute Freund, zumindest den, den ich mir vielleicht in so einer Situation wünschen würde, bricht erst mit seiner Schnoddrigkeit das Eis um aus der Schockstarre herauszukommen und hat dann ein offenes Ohr und die tröstende Schulter parat.

      Gefällt 2 Personen

  2. Werner Kastens schreibt:

    „Wird das wieder“ sehe ich als Bereitschaft, dass man zuhören will. Und das ist doch ein positiver Ansatz.

    Gefällt 2 Personen

  3. Myriade schreibt:

    Ich finde auch, dass „wird das wieder?“ viel mehr Anteilnahme ausdrückt als ein dahin gesagtes „das wird schon wieder“

    Gefällt 3 Personen

    • Yvonne schreibt:

      Dahin gesagt, ist sicherlich beides fatal. Die Frage und die Möglichkeit darauf zu antworten gefällt mir in dem Zusammenhang aber besser, als dieses unsägliche „das wird schon wieder“ mit dem man einfach einen bequemen Schlußpunkt hinter die Thematik setzt. Selbst wenn eine Bereitschaft zum Zuhören da wäre, ist es dann schwierig doch noch auszuholen und über das zu sprechen, was einen vielleicht bewegt.

      Gefällt 2 Personen

      • Myriade schreibt:

        Ja, da bin ich ganz bei dir. Übrigens muss ich endlich wieder einmal meine Literaturreisebeiträge bei dir einstellen. Ja, ja, ich reise noch, wenn auch oft in Gegenden, in denen ich schon oft war und dann schreibe ich keine Beiträge dazu

        Gefällt 1 Person

  4. Pingback: Schreibeinladung für die Textwoche 23.20 | Extraetüden | Irgendwas ist immer

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