abc.etüden: Schwarzseher

Dienstag, 02.06.2020

Sie scrollte und scrollte und scrollte. Aber nein, beim Smartphone hieß es ja wischen, doch das änderte nichts an der Tatsache, dass fast jedes zweite Bild bei Instagram schwarz blieb. Erst glaubte sie noch an einen technischen Fehler, der ihre farbenfrohe Instawelt kaputt machte, aber bei genauerem Hinsehen konnte sie feststellen, dass etwas Anderes dahinter steckte.

Alle Beiträge waren mit dem englischen Hashtag schwarzer Dienstag oder sogar Black Out Dienstag versehen und manch einer verkündete zusätzlich noch, dass schwarze Leben zählen. Darum ging es also. Vor etwa einer Woche war der unbewaffnete Schwarze George Floyd von einem weißen Polizisten mit dem Knie auf den Boden gedrückt worden, obwohl er immer wieder gesagt hatte, dass er nicht atmen könne. Das brachte ihn laut Autopsiebericht um. In den USA hat dies zu Protesten und Ausschreitungen geführt und auch in Deutschland fanden Demonstrationen statt. Mit einem schwarzen Bild solidarisierten sich nun zahlreiche Social-Media-Userinnen und User mit den Opfern von Rassismus und Polizeigewalt.

Sie wischte weiter und wischte und wischte. Die schwarzen Bilder nahmen kein Ende. Fast schon fühlte sie sich gedrängt der Schwarmintelligenz zu folgen und ebenfalls ein schwarzes Bild bei Instagram zu posten. Aber was brachte das? Natürlich fand sie nicht gut, was George Floyd passiert war. Gewalt war niemals gut, egal wen sie traf. Wer sie kannte, wusste dass sie so dachte. Musste sie das mit einem schwarzen Bild öffentlich kund tun? Weil man das gerade so machte? Eine zeit lang waren alle Charlie – darüber sprach heute auch niemand mehr. Neue Themen kamen und gingen, rangen um Aufmerksamkeit und verpufften irgendwann in der Bedeutungslosigkeit.

So ein schwarzes Bildchen, versehen mit einem einzelnen Hashtag war schnell gepostet und brachte auch keinen eng getakteten Zeitplan durcheinander. Das war einfacher, als auf die Straße zu gehen, um gegen Missstände aufzubegehren oder mit dem Katamaran den Atlantik zu überqueren, um Aufmerksamkeit für eine gute Sache zu erregen. Nur ein Bild, das war nicht schlimm, tat niemandem weh und man konnte dabei auch nicht herunterfallen und ertrinken. Im Gegenteil, man landete sanft in einer Menge, brauchte sich keine weiteren Gedanken darüber zu machen wo Rassismus anfing oder aufhörte, ob es da vielleicht etwas gab, wofür man sich schämen konnte und das man lieber totschweigen sollte, weil die Andersartigkeit nur dann spannend und bunt war, wenn sie einem nicht zu nah kam.

Nachdenklich legte sie ihr Handy weg. So einfach, wie sie es sich gedacht hatte, war die Sache mit den schwarzen Bildchen vielleicht doch nicht.


Bei den abc.etüden (Extra) geht es darum, 5 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 500 Wörter umfasst. Dieses Mal: Katamaran, totschweigen, Zeitplan, schlimm, fallen.

Über Yvonne

...glücklich verbandelt, fotografiebegeistert und mit dem Lesesessel verwachsen...
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7 Antworten zu abc.etüden: Schwarzseher

  1. Christiane schreibt:

    Tolle Etüde zu einem altbekannten Problem. Ich verstehe, wenn Leute sich so einer Aktion anschließen, weil sie zutiefst schockiert sind und ein „Wir sind viele“-Zeichen setzen wollen. Das mag ihnen persönlich etwas geben. Wer aber darüber hinaus nichts weiter tut und einfach nur mit der Masse schwimmt, der kann es auch gleich lassen. Cooler wird mensch dadurch jedenfalls nicht …
    Liebe Grüße und danke!
    Christiane 😁🌦️☕🍪👍

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    • Yvonne schreibt:

      Ja, so empfinde ich auch. Und doch sorgt jeder Mitschwimmer auch dafür, dass aus einer Menge eine Masse wird. Über die Qualität dieser Masse lässt sich natürlich streiten, aber wenn das nur ein Lebewesen dazu bringt sich mit dem Thema näher auseinanderzusetzen, hat sogar der Mitschwimmer etwas bewirkt.

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  2. puzzleblume schreibt:

    Wie so oft, entscheidet nicht nur, was man tut, sondern was man darüber denkt, was man tut, liest sieht und welche Impulse das in einem auslöst. Es schadet nie, etwas zu hinterfragen, aber aus der Intention heraus, dass man sich einem Phänomen nur aus dem Grund verweigern möchte, weil man den Teinehmenden nicht genug Tiefgang zutraut, ist auch nachdenkenswert.

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    • Yvonne schreibt:

      Eigentlich ist das sogar ziemlich vermessen. Denn die Vielschichtigkeit einer Person lässt sich kaum in einem Social-Media-Profil erfassen, zumal ja beispielsweise für Instagram empfohlen wird, sich für eine Thematik zu entscheiden und gegebenenfalls lieber mehrere gesonderte themenspezifische Profile anzulegen. Da kann eine völlig andere Thematik nur wie plötzlich aus der Luft gegriffen wirken, obwohl der User oder die Userin sich womöglich sehr engagiert.

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  3. Werner Kastens schreibt:

    Das Prinzip des Prangers aus alter Zeit (Abschreckung der Nachahmung und Warnung an die Bevölkerung) hat sich nicht halten können, und der virtuelle Pranger im Internet hat bis dato die Mächtigen auch nicht beeindruckt. Und wer will denn heute wirklich etwas wagen?

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  4. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 24.25.20 | Wortspende von books2cats | Irgendwas ist immer

  5. Melina/Pollys schreibt:

    Sehr aktuelle Sichtweise – danke – findet total meine Zustimmung. Wir sollten uns wirklich viel mehr und länger Gedanken machen um so vieles, was leider so schnell auch wieder aus unseren Köpfen verschwindet.

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