abc.etüden: Annahmen

Es war Wochenende und das Wetter war herrlich. Ideale Voraussetzungen für eine Einweihungsparty. Die Gelegenheit hatten die neuen Nachbarn von nebenan wohl genutzt und man hörte sie laut mit Helene Pischers Geplärr im Garten feiern. Da musste Ronja jetzt wohl oder übel durch, obwohl sie die Wohngegend eigentlich genau deshalb so sehr mochte, weil es dort meist ruhig zuging.

Gerade als sie die Harke zurück in den Geräteschuppen stellen wollte, tauchte am Zaun eine Frau auf, deren Haare kupferfarben in der Abendsonne leuchteten. Freundlich stellte sie sich als Ulrike vor und lud sie ein, auf ein Kennenlernschnäpschen rüberzukommen. Dankend lehnte Ronja ab, murmelte etwas von einem Grillabend, zu dem sie später noch wollte. Doch so leicht ließ sich die Kupferfrau nicht abwimmeln. Immer wieder fielen ihr neue Dinge ein, die sie zu erzählen hatte. Und weil Ronja ahnte, dass es diese schwatzhafte Frau interessieren würde und es gerade thematisch passte, ließ sie wie beiläufig fallen, dass sie nur eine schmale Rente habe, mit der sie gerade so zurecht komme. Das war nur ehrlich und erklärte auch gleich, dass sie keiner geregelten Arbeit nachging, nur für den Fall, dass die Kupferfrau das irgendwann bemerken würde. Denn auch nach mehr als sechs Jahren Erwerbsminderungsrente und anerkannter Schwerbehinderung fühlte sie sich immer noch, als sei sie anderen Rechenschaft schuldig. Dabei hatte sie ja bis zuletzt arbeiten gewollt, es aber irgendwann einfach nicht mehr gekonnt.

„Ich hab‘ auch Krebs.“ entgegnete die Kupferfrau daraufhin leichtzüngig. „Und einen Stand. Und Adipositas.“ Sie erwartete keine Antwort darauf, sondern redete ungebremst immer weiter.

Irgendwann war der Zeitpunkt verpasst, an dem noch Korrekturen möglich gewesen wären. Sie wünschten sich gegenseitig einen schönen Abend und gingen getrennte Wege. Die eine feierte ihren Einzug und die andere war froh, dass sie keinen Krebs hatte, sondern nur eine psychische Krankheit, mit der sie gelernt hatte zu leben. Aber sie hatte auch gelernt, dass mit dieser Information nur wenige Menschen umgehen konnten.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Geräteschuppen, kupferfarben, feiern.

Über Yvonne

...glücklich verbandelt, fotografiebegeistert und mit dem Lesesessel verwachsen...
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8 Antworten zu abc.etüden: Annahmen

  1. Christiane schreibt:

    Und von solchen Leuten kommt dann irgendwann unvermeidlich der Satz, dass ja jeder sein Päckchen zu tragen hätte, wenn sie geklärt haben, dass sie ihrer Meinung nach gewonnen haben im Schlimmer-dran-Sein. 😏
    Und die merken es nicht.
    Danke dir für die Etüde. Hab einen feinen Tag! 😁😺
    Liebe Grüße
    Christiane 😁🌞☕🍪👍

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  2. Werner Kastens schreibt:

    Viele sehen oft vordergründung nur ihre eigene Krankheit und merken gar nicht, z.B. bei einer Krebserkrankung, dass die Familie im Grunde mehr darunter leidet (weil einfach auch mehr Personen), als man selbst.
    Und es ist auf der anderen Seite aber auch verdammt schwer zu sagen, jetzt ist aber genug!

    Da den Mittelweg zu finden ist sicherlich nicht einfach.

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  3. Leinwandartistin schreibt:

    Dieses permanente schlechte Gewissen und den Rechtfertigungsdruck als Frührentnerin bei nicht körperlicher, psychischer Erkrankung kenne ich auch sehr gut. Zu meiner großen positiven Überraschung und unglaublichen Erleichterung bin ich gestern diesbezüglich auf viel Verstehen und Akzeptanz getroffen, wo ich gefürchtet hatte, es würde fehlen. Ich bin immer noch etwas verwirrt …
    Schöne Grüße
    Ines

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    • Yvonne schreibt:

      Diese Art der Verwirrung ist sicherlich ganz angenehm. Eine schöne Überraschung, wenn man Anderes befürchtet hatte.

      Es ist schon paradox ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn es einem gut geht, man aktiv sein kann und für eigene Verhältnisse eine Menge ’schafft‘. Die schlechten Tage dahinter, die der Grund für die Frührente sind, laufen hingegen eher im Verborgenen ab. Aber wer mag schon ständig darüber jammern, nur um zeigen, dass er/sie sich die Frührente tatsächlich ‚verdient‘ hat.

      Liebe Grüße
      Yvonne

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      • Leinwandartistin schreibt:

        Ja, ganz genau so ist es. Aber immer beruhigend zu lesen und zu hören, dass es ja den anderen aus so geht und dieses Gefühl „normal“, aber unberechtigt ist.

        Liebe Grüße
        Ines

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  4. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 26.27.20 | Wortspende von stepnwolf | Irgendwas ist immer

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