Schreiben dicht am Leben – Hanns-Josef Ortheil

„In jedem Menschen existiert ein großer, noch unentdeckter Text. Diesen im Ganzen dunkel bleibenden Text gilt es zu entziffern. Das tägliche Schreiben versucht genau eine solche Entzifferung, in kurzen Schreibanläufen, die kleine Fragmente von Schrift produzieren.“ (S. 139)

Nachdem ich „Leben, Schreiben, Atmen“ von Doris Dörrie vor einem halben Jahr gelesen und an ihrem kostenlosen Workshop „Schreiben hilft! Dir auch?“ bei der Bürgerakademie teilgenommen habe, schreibe ich mehr oder weniger regelmäßig. Es handelt sich um Erinnerungen an Vergangenes, Schönes und nicht so Schönes, aber auch Gedanken über aktuelle Geschehnisse oder Menschen, die mir mal mehr und manche auch weniger am Herzen liegen oder die ich bereits verloren habe. Das Schreiben tut mir gut und half mir vor allem dabei, mit meiner Trauer umzugehen. Inzwischen schreibe ich auch einfach wieder aus Spaß an der Freud‘, setze mich an den Rechner, stelle den Timer auf 10 Minuten, finde ein Thema und los geht es. Stromlastig, ganz privat, ohne Anspruch auf Perfektion. Vor allem aber ganz egoistisch nur für mich.

„In dieser Stunde der Freiheit war alles erlaubt, wenn es nur spontan war und später nicht wieder aufgenommen wurde. Es durfte kurz oder lang sein, hitzig oder kalt, böse oder gut. Da es nie wieder gelesen wurde, musste man sich nicht schämen, wenn es in seiner Offenheit vielleicht peinlich oder wenn es nicht ganz klar war. Die redliche Überzeugung, dass ich diese Dinge nur für mich niederschrieb, einfach um am Leben zu bleiben und nicht zu ersticken, beließ ihnen ihre Unmittelbarkeit. (Elias Canetti: Aufzeichnungen 1942-1948, S. 7/8)“ ( S. 104)

Manchmal war es jedoch auch so, dass ich zwar Lust zu Schreiben hatte, mir aber spontan kein Thema einfallen wollte. Das brachte mich dazu in meinem Handy-Notizbuch aufzuschreiben, wann immer ich etwas Interessantes oder Bemerkenswertes aufschnappte oder las. Ich mache das mit der App Evernote, die ich in der kostenlosen Version auf Smartphone und Rechner installiert habe, weil ich so auf die Inhalte auf beiden Geräten zugreifen kann. Enorm praktisch, denn Notizbücher liebe ich zwar, besonders die kunstvoll gearbeiteten in Leder gebundenen, wie man sie auch auf Mittelaltermärkten kaufen kann, habe sie aber erfahrungsgemäß nie dabei, wenn ich sie gerade brauche. Tausendsassa Handy dagegen schon.

26_Schreiben dicht am Leben

Und weil ich seit einiger Zeit eifrig notiere und schreibe, interessiert mich auch alles Theoretische, das ich übers Schreiben finden kann. Dabei stieß ich auf „Schreiben dicht am Leben“ von Hanns-Josef Ortheil. Laut Klappentext verführt dieser Band zum Notieren und Skizzieren. Es gilt, rasch und ohne Mühe etwas festzuhalten, dem plötzlichen Schreibimpuls ohne Umwege zu folgen oder ein Detail des Lebens in Erinnerung zu behalten. Das 160 Seiten starke Büchlein zeigt, dass und warum Notieren eine Kunst sein kann, und macht mit einigen der besten Notierer unter den Schriftstellern der Welt bekannt.

Enthalten sind Textprojekte und Schreibaufgaben wenn man lernen möchte, gut und präzise zu notieren. Es beginnt mit Methoden des ‚elementaren Notierens‘, wie sie vor allem von Schriftstellern des 20. und 21. Jahrhunderts entwickelt worden sind. Im zweiten Teil geht es um das ‚bildliche Notieren‘, also darum, wie man mithilfe von Notaten einen Menschen porträtiert, Bilder zeichnet, Skizzen entwirft oder einen Film gestaltet. In der dritten Abteilung geht es um das Notieren von Emotionen und Passionen abseits von Tagebuchnotaten und damit in einer eigenen Struktur und Kunstform. In der vierten Abteilung dieses Büchleins zeigen vier Schriftsteller des 18. und 20. Jahrhunderts, wie man seit den Zeiten der Moderne mit den traditionellen Verfahren von Exzerpieren, Kommentieren und Reflektieren umgeht und sie erweitert. Auch dabei entstehen ganz neue und vorher nicht gekannte literarische Formen: das Sudelbuch, das Forschungsprojekt, der Feldforschungsbericht und das Denkbuch.

„Man soll seinem Gefühl folgen und den ersten Eindruck, den eine Sache auf uns macht, zu Wort bringen. Nicht als wenn ich Wahrheit so zu suchen riete, sondern weil es die unverfälschte Stimme unserer Erfahrung ist, das Resultat unserer besten Bemerkungen, da wir leicht in pflichtmäßiges Gewäsch fallen, wenn wir erst nachsinnen.“ (Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher I, S. 441)“ (S. 123)

Insgesamt zielen all diese Schreibaufgaben und Präsentationen von Schreibwerkstätten im Grund noch immer auf das handschriftliche Notieren und Skizzieren. Natürlich ist es aber auch leicht möglich, den Computer oder Laptop für ein solches Notieren zu nutzen. Da „Schreiben dicht am Leben“ zu der Reihe „Kreatives Schreiben“ gehört, wurden alle Formen des Notierens und Skizzierens in Tagebüchern oder im Rahmen der neuen Medien nicht aufgenommen. Diese findet man in „Schreiben Tag für Tag“ von Christian Schärf oder in „Schreiben unter Strom“ von Stephan Porombka.

„Schreiben dicht am Leben“ fand ich sehr interessant, weil es mir die verschiedenen Arten des Notierens aufzeigt. So unterschiedlich diese sind, so zugänglich und weniger zugänglich sind auch die Texte und Erklärungen dazu. Für meine Art des Notierens hätte ich dieses Buch nicht gebraucht, fand es aber dennoch bereichernd, weil mir die Beschäftigung mit der Thematik Freude gemacht hat. Außerdem trägt neuerdings eines meiner Evernote-Notizbücher den stilvollen Namen ‚Sudelbuch‘. Georg Christoph Lichtenberg möge mir diesen geistigen Diebstahl verzeihen. Die Bezeichnung ist einfach großartig und so zutreffend 🙂

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Hanns-Josef Ortheil
Schreiben dicht am Leben
Reihe: Kreatives Schreiben
Gebunden, 160 Seiten
ISBN: 978-3-411-74911-9
Preis: 14,95 € 
Verlag: Duden
Erschienen: 01.09.2011

4 Kommentare zu „Schreiben dicht am Leben – Hanns-Josef Ortheil

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