Etüdensommerpausenintermezzo II-2020: Geruhsame Verortung

Sie wohnte in einem der Wohngebiete, wie sie jede kleine Stadt kannte. Hier und da gab es eine Reihenhaussiedlung und das ein oder andere Mehrfamilienhaus inmitten schmucker und teils auch in die Jahre gekommener Einfamilienhäuser. Die Bewohner widmeten sich der Pflege ihres Vorgartens entweder so liebevoll, dass es nahezu verschwenderisch grünte und blühte und summte und zwitscherte, oder aber sie vergaßen ihn und überließen ihn sich selbst, vielleicht auch um einen peniblen Nachbarn zu ärgern, der sich nicht zurückhalten und zu allem seinen Kommentar abgeben musste. Manch einer wollte seinen Vorgarten aber auch einfach nur vergessen und versteinerte ihn, damit ihm das irgendwie gelang.

Nur wenige Straßen entfernt begann jedoch die Natur. Immer wieder war das ihr eigentliches Ziel um strammen Schrittes an Stoppelfeldern, Bäumen, Sträuchern und Wiesen entlang zu laufen, um irgendwann ihren Weg entlang eines kleinen Bachs durch den Wald fortzusetzen. Längst absolvierte sie ihre Spaziergänge nicht mehr nur um ein Bewegungspensum zu erfüllen, das infolge eines temporären Diätwahns für ein Kaloriendefizit sorgen sollte. Es war ihr vielmehr zu einem inneren Bedürfnis geworden, sich den frischen Wind um die Nase wehen zu lassen und die vorbeiziehenden Sahnewölkchen am Himmel zu beobachten.  Sie genoss die Zeit, die ganz allein ihr gehörte und in der sie ihren Gedanken freien Lauf lassen konnte. Immer kehrte sie von diesen Spaziergängen erholt und erfrischt zurück und empfand es fast schon als ein Geschenk, dass sie seinerzeit nicht von diesem Ort weggezogen war, als Trennung und Herzschmerz ihr eigentlich den Antrieb zur Flucht gegeben hatten.

Denn dieser Ort verfügte trotz ländlicher Lage über alles, was sie sich wünschte. Es gab neben Ärzten und Einkaufsmöglichkeiten sogar einige kleine Lokale. Vor allem aber fand sie hier die geliebte Ruhe in der Natur zu Land und zu Wasser. Zwar konnte man nicht mit einer Windjammer segeln, doch immerhin bot die Niers gleich zwei Anlegestellen, von denen man ablegen und mit dem Kanu auf dem Wasser unterwegs sein konnte. Aber man konnte diesen Ort natürlich auch mit dem Fahrrad oder dank Bahnverbindung verlassen und der Flughafen brachte einen zumindest in den Sommermonaten zu einigen europäischen Reisezielen. Er war einer dieser kleinen Orte, die selbstbewusst genug waren, ihre Bewohner nicht an sich zu ketten sofern sie kein Auto besaßen und der mit seinen Zwischentönen genug Farbigkeit und Abwechslung zu bieten hatte, dass einem dort nicht langweilig werden musste, wenn man nicht dazu neigte. Es hatte lange gedauert, aber nachdem sie gelernt hatte, in sich selbst ein Zuhause zu finden, wusste sie diesen Ort, der ihr in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren zur Heimat geworden war, zu schätzen. Sie war angekommen. Endlich.


Beim Etüdensommerpausenintermezzo II-2020 geht es darum, 7 von 12 vorgegebenen Worten (Blaupause, Diätwahn, Herzschmerz, Kantine, Kommentar, Ohrenkneifer, Sahnewölkchen, Stoppelfeld, Strandkorb, Vulkan, Windjammer, Zwischentöne) in einer Geschichte beliebiger Länge unterzubringen, die an einem Ort spielt den man gut kennt und den man wiedererkennen kann.

7 Kommentare zu „Etüdensommerpausenintermezzo II-2020: Geruhsame Verortung

  1. Ich muss ja gestehen, dass ich von der Existenz eines Flüsschens namens Niers noch nie gehört hatte. Aber solch kleine Städtchen wie das, welches du beschreibst, kenne ich in der Tat auch, die Vorteile wie die Schattenseiten 😎
    Sehr liebevoll bist du in deiner Schilderung. Klingt nach einer schönen Gegend, in der du wohnst.
    Liebe Grüße, danke, dass du mitgeschrieben hast 👍
    Christiane 😁🌤️☕🍪👍

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      1. Jaaaa, aber ein so großes Segelschiff auf einem Fluss … das lasse ich mir gerade zwischen Hamburg und der Nordsee noch gefallen, aber eigentlich ist es schon da komisch … 😎

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      2. Ich finde es traumhaft schön. Bei so einem Anblick geht bei mir innerlich die Sonne auf. Aber auf der Niers wäre das schon ein Aufsehen erregendes Spektakel das entweder von abenteuerlich dramatischer Musik begleitet werden müsste oder aber durch atemberaubende geisterhafte Stille untermalt von sprachlosen Zuschauern die gebannt beobachten wie sich das Schiff gewaltsam seinen Weg bahnt 😮

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    1. Den Flughafen kannte ich bereits, als er noch als Militärflughafen der RAF genutzt wurde. Das war teilweise recht unangenehm laut. Aber als zivil genutzten Flughafen nimmt man ihn als Anwohner kaum wahr. Leider ist er im Laufe der Jahre abhängig von einer Billig-Airline geblieben und hat sich zu einem Sorgenkind entwickelt.

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