Etüdensommerpausenintermezzo III/2020: Fotografie

Geknipst habe ich seit meiner Kindheit, nämlich immer dann, wenn etwas Besonderes anstand. So hatte ich es gelernt. Zu Feierlichkeiten, bei Ausflügen, im Urlaub. Es musste einfach eine Kamera dabei sein. Ein Blick, ein Klick und schon war der Zeitpunkt im Bild eingefroren und auf die Filmrolle gebannt. Diese musste später noch weggebracht und entwickelt werden, damit auch tatsächlich ein Foto daraus entstehen konnte, das es vielleicht sogar ins Fotoalbum schaffte. Ich habe mir im nachhinein gern diese Bilder angeschaut, die eigentlich wie eine Gedächtnisstütze sind und mich oft gedanklich in die Situation und Zeit zurückversetzen können, in der sie entstanden sind.

Die gestellten Familienfotos sind in meiner Erinnerung allerdings noch gestellter und unnatürlicher, weil mir auch heute noch die harschen Kommandos im Ohr klingen, mit denen die Personen ins Bild gequetscht wurden oder eine Nähe zur Schau gestellt werden sollte, die es so eigentlich nicht gab. Dafür liebe ich die Schnappschüsse umso mehr. Sie zeigen zwar die abgelichteten Menschen nicht unbedingt von ihrer Schokoladenseite, aber sie bleiben lebendig in Erinnerung, nämlich so, wie man sie erlebt und geliebt hat. Mitsamt dem schelmischen Blick zu dem verschmitzten Lächeln, der Grimasse oder bestenfalls in einer Situation, die einen noch heute zum Lächeln bringt, einfach weil man diesen Menschen so sehr mag und sich darüber freut, zur Erinnerung wenigstens noch über das ein oder andere Bild zu verfügen.

Und dann gibt es bei mir noch Zeiten, die ich für mich als die grauen Jahre bezeichne, obwohl es von ihnen Bilder in Farbe gibt, die bezeugen, dass ich sogar in den Urlaub gefahren sein muss. Doch meine Erinnerungen an diese Zeit sind verwaschen und gefühlsneutral, weil eine Krankheit mich sämtlicher Lebensfarben beraubt hatte. Doch genau diese Krankheit sorgte auch dafür, dass ich einige Zeit später über Umwege die Fotografie neu und völlig anders für mich als Hobby entdeckte. Allmählich bekam ich durch sie eine neue Sicht auf die Welt um mich herum. Das manuelle Scharfstellen, beziehungsweise „Schönes Sehen“ oder das „Ungewöhnliche Sehen“ funktionierte anfangs noch nicht, aber glücklicherweise stellte sich der Autofokus als hilfreich heraus. Während ich noch benommen bemüht darum war meine Umwelt wieder bewusster wahrzunehmen, hatte meine Canon EOS 1000D, eine Spiegelreflexkamera für Einsteiger, die ich mir 2011 geleistet hatte, bereits alles klar im Blick.

Von vornherein entschied ich mich gegen das Format JPG um im RAW-Modus zu fotografieren. Deshalb lernte ich parallel zur Handhabung der Kamera auch gleich noch den zur Entwicklung der Fotos nötigen Umgang mit dem Programm Lightroom. Gar nicht so einfach, wenn man unter Konzentrations- und Gedächtnisstörungen leidet. Zuerst fotografierte ich nur mit den Halbautomatiken und entschied mich meist für die Blendenvorwahl, später traute ich mich auch an die Zeitvorwahl heran, überließ jedoch den Weißabgleich der Kameraautomatik,  auch deshalb, weil ich die Einstellung auch später noch beim Entwickeln in Lightroom vornehmen konnte. Mit dem ISO-Wert konnte ich hingegen lange Zeit nichts anfangen, lernte es aber später bei der Nachtfotografie zu schätzen, dass ich mit diesem Wert Einfluss auf die Lichtempfindlichkeit des Sensors (nicht nur bei Dunkelheit) nehmen konnte.

Ich hatte so unglaublich viel Neues zu lernen und ließ mich von allem begeistern, was irgendwie mit Fotografie zu tun hatte. Ich kaufte mir ein Handbuch zur Kamera und sah mir etliche YouTube-Videos an, um auch im Umgang mit Lightroom immer sicherer zu werden. Blende und Verschlusszeit waren irgendwann für mich keine Fremdworte mehr und ich traute mich sogar daran, gelegentlich auf die Kameraautomatiken zu verzichten um alles manuell einzustellen. Das war allerdings auch notwendig, denn ich hatte im Internet schon früh Projekte von Fotobegeisterten entdeckt, die die Teilnehmenden wöchentlich vor neue Themen und Herausforderungen im Umgang mit der Technik und Bildgestaltung stellten. Erst dadurch lernte ich das Fotografieren wirklich. Ich sah, wie unterschiedlich die Themen interpretiert und umgesetzt wurden. Auch Plattformen wie Facebook und Instagram zeigten mir Bilder von denen ich lernen konnte. Das regt einerseits zum Nachahmen dessen an, was man an den Bildern anderer gerne mag und zeigt andererseits auch im Vergleich, welche Techniken oder Gestaltungsmöglichkeiten man noch lernen könnte, welche man bereits beherrscht oder welche man vielleicht sogar besser kann, als der Urheber des betrachteten Fotos. Bei anderem erkenne ich im nachhinein, was ich verbessern könnte und finde Grenzen, die manchmal auch einfach darin begründet liegen, dass meine Finanzen recht überschaubar sind und ich meist in der näheren Umgebung fotografiere. Es gibt einfach Orte auf dieser Welt, wo man nur den Auslöser betätigen muss, um ein traumhaftes Einzelbild zu fotografieren. Der Niederrhein ist zwar schön, aber fotografisch macht er es einem nicht immer so einfach. Doch mit etwas Experimentierfreude, dramatischem Wetter, etwas Glück und dem Mut auch mal dem Gegenlicht ins Auge zu blicken, kommen dennoch ansehnliche Ergebnisse dabei heraus.

Doch die Kamera allein und das Kit-Objektiv machen auf Dauer nicht glücklich. Und so gesellten sich im Laufe der Jahre erst ein Telezoom-Objektiv, danach noch ein Makro-Objektiv und zum Schluss das Ultra-Weitwinkelobjektiv dazu. Denn genau diese Möglichkeiten, die einem die Objektive eröffnen, machen die Fotografie erst so richtig abwechslungsreich, aber auch herausfordernd. Denn gelegentlich nervt es doch ein wenig, zwischen ihnen hin und her wechseln zu müssen. Aber beim späteren Entwickeln sehe ich, dass es sich gelohnt hat und ich das bildlich umsetzen und einfangen konnte, was ich mir im Vorfeld vorgestellt hatte. Dem Smartphone sind da doch gewisse Grenzen gesetzt, obwohl ich manchmal darüber staune, welche Fotos mit meinem Mittelklasse-Smartphone doch möglich sind. Denn wie heißt es so schön: „Die beste Kamera ist die, die man dabei hat.“ Und wenn mich unterwegs ein Motiv anspringt, ich die Kamera jedoch nicht dabei habe, mache ich halt Fotos mit meinem Handy. Aber da macht es eben auch einen Unterschied, ob ich mir über die Bildgestaltung Gedanken mache und statt im JPG- im RAW-Modus fotografiere, den ich in der Lightroom-App auswählen kann um den vollen Umfang an Entwicklungsmöglichkeiten für das Bild zur Verfügung zu haben. Denn auch das die Fotografie unvorhersehbar und spontan sein kann, macht sie zu einem besonderen Erlebnis und die spätere Bildentwicklung am Computer macht mir nochmal beinahe genauso viel Freude, wie das Unterwegs Sein und Fotografieren selbst.

In den letzten Jahren wurde jedoch ganz allmählich der Wunsch nach einer neuen Kamera größer und in gefühltem Zeitlupentempo wuchsen schließlich auch meine Ersparnisse dafür heran. Etwa neun Jahre habe ich mit meiner Einsteigerkamera fotografiert. Sie hat mir wertvolle Dienste geleistet und mich niemals im Stich gelassen, auch wenn ich mit den Jahren so manche Funktion an ihr vermisste. Als treue Wegbegleiterin hat sie mir Woche für Woche zur Seite gestanden, wenn ich für diverse Fotoprojekte oder unsere kleinen Fototouren Bilder gemacht habe. Ich habe viel gelernt und bin dankbar für dieses Hobby, das mich immer wieder in die Natur treibt um genau, genauer und manchmal auch ganz genau hinzusehen. Jetzt habe ich seit wenigen Wochen meine neue – die Canon EOS 80D. Sie liegt unglaublich gut in der Hand und ich staune, was sie alles kann. Ein Quantensprung, auch wenn ich immer noch nicht weiß, was die X-Synchronzeit ist. So habe ich auch weiterhin noch viel zu lernen, Neues zu entdecken und Anderes wieder zu finden; kann dabei weiterhin meinen Fotografischen Blick schulen, Gestaltungsregeln anwenden oder bewusst ignorieren und nach Herzenslust experimentieren und ausprobieren. Ich liebe es und freue mich über das neue Kapitel in meinem Foto-Tagebuch.

Foto-Tagebuch


Beim Etüdensommerpausenintermezzo III-2020 geht es darum, zu einem frei wählbaren Oberthema je einen passenden Begriff zu den Buchstaben des Alphabets zu finden und daraus einen Text zu formen. In meinem Fall: „Fotografie“ – Autofokus, Bild, Canon, Dunkelheit, Erinnerung, Fotoalbum, Gestaltungsregeln, Handbuch, ISO-Wert, JPG, Kamera, Lightroom, Makro-Objektiv, Nachtfotografie, Objektiv, Projekt, Quantensprung, RAW-Modus, Spiegelreflexkamera, Telezoom-Objektiv, Ultra-Weitwinkelobjektiv, Verschlusszeit, Weißabgleich, X-Synchronzeit, YouTube-Videos, Zeitvorwahl)

 

10 Kommentare zu „Etüdensommerpausenintermezzo III/2020: Fotografie

  1. Ja, eine neue Kamera ist immer auch ein Sprung ins Ungewisse, noch dazu, wenn man sich für den „großen Bruder“ entscheidet. Was ist denn bei dir dein „Immerdrauf“, also das Objektiv, das du meistens drauf hast, wenn du nichts Spezielles vorhast? Bei mir ist es ein klassischer Telezoom.
    Feiner Alphabet-Beitrag, ich danke dir sehr! 😁👍
    Liebe Grüße
    Christiane 😁🌞🥛🌼👍

    Gefällt 1 Person

    1. Es ist tatsächlich das Objektiv, das ich als erstes bei der Einsteigerkamera dabei hatte: Das Standard-Kit-Objektiv 18-55 mm, das meist auch für das schnelle spontane Foto zwischendurch passt. Aber das möchte ich gerne gegen ein 24-105 mm Zoomobjektiv ersetzen, da hiermit ein größerer Bereich abgedeckt wird. Mein 70-300 mm ist groß und unhandlich und schwer – nichts für die Fototour mit ‚kleinem Marschgepäck‘ und manchmal hätte ich doch gern ein klein wenig mehr Zoom.

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      1. Mein Immerdrauf ist ein (altes) L-Objektiv, das 70–200 F4, noch ohne Antiwackel etc. Kleiner möchte ich nicht mehr, ich bin ein Tele-Typ. Aber mit dem 24–105 machst du bestimmt nichts falsch.

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      2. Als ich noch analog fotografiert habe, hatte ich immer zwei Zoom Objektive dabei: das SMC Pentax M 1:3.5-135 mm und das Auto Edixar 1:3.9-200 mm. Den 200 mm Zoom hasbe ich meistens drauf gehabt, weil ich es liebe, wenn das Zielobjekt scharf ist und der Hintergrund verschwommen.
        Sehe ich genauso wie Christiane.

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      3. Es kommt halt drauf an, was man fotografiert. Wenn die Fototour ins Blaue geht ist mein komplettes Sortiment dabei inklusive Weitwinkel-, Makro- und Telezoom, damit ich spontan entscheiden kann. Aber wenn ich die Kamera beim Spazierengehen mitnehme, weiß ich in der Regel, was mich erwartet und da passt mein „Immerdrauf“ für die Landschaftsaufnahmen und für die Bilder von Büchern ganz gut. Es ist ja das Schöne, das in der Fotografie jeder mit seinen ganz speziellen Bedürfnissen und Vorlieben seinen Platz finden kann. Einfach ein tolles Hobby. Warum hast du aufgehört?

        Liken

      4. Das ist schade, aber ich kann es nachvollziehen, habe aber das Privileg Hobbyfotografin sein zu dürfen. Meine Fotos sind zwar nicht spitzenmäßig, aber das müssen sie auch nicht sein. Es ist halt ein Hobby. Aber manche meiner Bilder finde ich persönlich ganz gelungen und vereinzelte sogar richtig gut. Doch hauptsächlich ist es wohl bei mir die Freude am unterwegs sein und sich mit der Kamera und dem, was man sieht zu beschäftigen, das mich dran bleiben lässt. Der Spaß an der Technik, am Ausprobieren, am Dranbleiben, wenn es nicht auf Anhieb klappt, an der Softwarebearbeitung und am Lernen von den Leuten, die es richtig gut können. Es ist der Weg das Ziel, der mir durch dieses Hobby wertvolle Lebenszeit beschert.

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