abc.etüden: Tryptophantasie

Manchmal waren es Kleinigkeiten, die bei ihr Assoziationen auslösten, welche sie aus der Ruhe bringen konnten. Sie war beinahe froh, wenn sie sich dies im nachhinein so erklären konnte, denn das machte alles für sie ein wenig nachvollziehbarer. Aber oft ließ sich das alles nicht so einfach trennen und sie fühlte sich ihren Gefühlen ausgeliefert.

Gerade erst war wie aus dem Nichts bedrohlich der Satz „An manchen Tagen weiß ich nicht wieviel Zeit mir noch bleibt.“ aufgetaucht und hallte in ihr nach, bis er sie ganz ausfüllte, immer intensiver wurde und sich schließlich zu einem bedrückenden schweren Stressklumpen in ihrer Magengegend manifestierte. Sie wusste, dass sie dem Gedanken an die bewusst herbeigeführte Endlichkeit des Lebens keine Energie schenken durfte, weil ihn das mächtig machen und möglicherweise in Bahnen lenken konnte, die ihr mehr als nur die Lebensenergie rauben konnten.

Vielmehr galt es abzuwarten, wann es in ihrem Kopf leise und zunächst kaum wahrnehmbar wieder Raum für Anderes gab. Sie hatte gelernt diesen Zeitpunkt zu erkennen und die Denklücke zu nutzen, anstatt sich dem Gefühl zu überlassen, das sie scheinbar willkürlich überkam und dafür sorgte, dass ein sorgloser glücklicher Tag ins genaue Gegenteil kippen konnte.

Fast schon mechanisch stellte sie die Pfanne auf den Herd um sich ihr heißgeliebtes Spiegelei zu braten. Ein wenig Tryptophan um die Serotoninproduktion zu unterstützen konnte jetzt sicherlich nicht schaden. Gleich danach würde sie zwar nicht durch die Wohnung tanzen, aber sie konnte es versuchen und mit etwas Glück würde sie sich dabei auch an die Dinge erinnern, die ihrem Leben Farbe gaben und sie feiern.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Pfanne, glücklich, trennen.

9 Kommentare zu „abc.etüden: Tryptophantasie

  1. Ach. So was kenne ich auch: Ein Gedanke, ein Gefühl, das auftaucht und den ganzen Tag durchzieht/versaut. Hilft das mit dem Spiegelei wirklich? Ich hätte da noch ein paar Eier, die wegmüssten/-könnten … 🤔😉👍
    Montagmorgenkaffeegrüße 😁⛅☕🥨🍳👍

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    1. Das wäre schön – ein paar Spiegeleier oder dunkle Schokolade essen und der Tag ist gerettet. So einfach ist es allerdings tatsächlich wohl doch nicht. Zumindest ist es wissenschaftlich nicht belegt. Aber in der Not klammert man sich ja an alles, was hoffen lässt.
      Die Eier kannst du dir aber trotzdem gut schmecken lassen, den Körper macht das Eiweiß glücklich 😉

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  2. Tryptophan.
    Zum ersten Mal habe ich am 25. Juli 2015 davon gehört. Mein Mann las ein Buch über Ernährung und zitierte daraus. Daraufhin sagte ich ihm im Scherz, er sei mein Tryotophant, da er meine Serotoninproduktion anrege.
    Ich erinnere mich nur daran, weil er am 16. August 2015 plötzlich und unerwartet gestorben ist. Danach war es mit meiner Serotoninproduktion tatsächlich jahrelang nicht mehr sonderlich weit her. Aber ich kann mir ja ein Spiegelei braten, vielleicht hilft das – auch wenn es meinen grenzwertigen Cholesterinspiegel mutmaßlich erhöht.
    Eine spannende Geschichte jedenfalls, danke dafür!

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    1. Solche liebevollen Erinnerungen sind schön. Vielleicht magst du ihm zu Ehren eine eigene Eierspeise kreiren und sie dir dann gut schmecken lassen. Kleine wertvolle Glücksmomente…
      Ich denke schon, dass die richtige Nahrung positiv auf den Gesundheitszustand und somit manchmal vielleicht auch nur indirekt auf die Psyche einwirken kann, selbst wenn für manches der wissenschaftliche Nachweis fehlt. Aber es ist letztlich doch das Zusammenspiel vieler manchmal auch komplexer und kaum messbarer Dinge, die Einfluss darauf haben, ob der innere Gefühlspegel auf Heiter oder Wolkig steht.

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