abc.etüden: Die zweite Natur

Der Wagen fand einen unauffälligen Parkplatz. Hier standen bereits zwei andere Autos. Vereinzelt waren Spaziergänger unterwegs. Und doch war nicht so viel los, dass sie ihr Vorhaben für gescheitert hätten erklären müssen. Sie schlenderten gelöst und nach außen hin völlig entspannt den Waldweg entlang. Immer wieder ließen sie dabei auch ihren Blick zu dem schweifen, was sich an und hinter dem hohen Maschendrahtzaun befand, der sich über die gesamte linke Seite des Waldweges erstreckte und scheinbar kein Ende nehmen wollte. Sie genossen den Spaziergang und waren voller gespannter Vorfreude auf das, was sich ihnen hinter diesem Zaun bieten würde. Nun musste sich nur noch eine Möglichkeit finden, auf dieses Gelände zu gelangen. Irgendwo musste es einen Zugang geben, den andere vor ihnen bereits genutzt hatten und für den sie nichts beschädigen mussten.

Begeistert machte sie Fotos von einigen Bäumen, die in all den Jahren, die man sie nun bereits in Ruhe ließ, mit dem Zaun verwachsen waren, als Jo sie einige Meter weiter leise zu sich rief. Er hatte die Stelle gefunden, an der der Zaun so weit niedergedrückt war, dass sie problemlos drüberklettern konnten. Ihr kleines Abenteuer konnte beginnen. Gleich mit dem Überwinden des Zauns betraten sie eine andere Welt. Der Wind wehte lau und der Wald rauschte für sie anders. Hier konnte einem alles widerfahren, was die Fantasie zuließ. Je weiter sie sich vom Zaun entfernten, umso mehr ließen sie die Zeit hinter sich. Hier gab es Betonwege, die einst von Militärfahrzeugen befahren worden sein mussten und aus deren Anschlussstellen neben Moos inzwischen auch hohe Pflanzen wuchsen. Es gab grüne Baracken und hohe Hügel, denen Betonhauben aufgesetzt waren und zu denen bemooste Treppen führten. Daneben befanden sich eigenartige verrostete Messwerkzeuge. Beschriftungen zeugten davon, dass hier einst Diesel und Kerosin ein großes Thema gewesen sein mussten. Lange bevor die britischen Streitkräfte abgerückt waren und dieses rund einen Quadratkilometer große Areal sich selbst überlassen hatten. So etwas bekam man als Normalsterblicher kaum zu sehen. Es sei denn, man überwand unerlaubter Weise eine vorhandene Lücke im Zaun um sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, was militärischen Anlagen widerfahren konnte, wenn man der Natur wieder das Ruder überließ.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Baracke, lau, widerfahren.

7 Kommentare zu „abc.etüden: Die zweite Natur

  1. Ich hoffe bloß, dass die alle ihre Blindgänger mitgenommen haben, wenn sie früher dort auch Schießen geübt haben … 🤔😉
    Es gibt diese Dokus, wie lange es dauern würde, bis die Natur wieder alles übernommen hätte, würden wir plötzlich verschwinden. Es ist erstaunlich, wie kurz das ist … 🤔
    Nachdenkliche Morgenkaffeegrüße mit Regen 😁🌧️☕🍩👍

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    1. Bei dem Tanklager ging es wohl nur um Treibstoffe, die durch unterirdische Pipelines mit unterschiedlichen Stellen verbunden waren (und wohl noch sind). Schon klar, dass ein Rückbau Unsummen verschlingen würde, aber dass man das alles einfach so sich selbst überlässt…

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  2. Die üblen Nachlassenschaften der US-Streitkräfte haben wir in Hessen und Rheinland-Pfalz zu Hauf erlebt und zig Millionen für deren Beseitigung ausgegeben. Ölwechsel bei den Panzern mal eben nur mit Schraube aufdrehen und dann rauslaufen lassen etc. etc.

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