Kulinarische Weltreise: Spanien

Wir lieben Tapas! Und könnten uns stundenlang durch die Appetithäppchen probieren, die klassischerweise in spanischen Tapas-Bars zu Wein oder Bier gereicht werden. Es ist fast ein wenig schade, dass die Aufnahmekapazität des Magens natürliche Grenzen setzt. Denn mein Herzbube hat auch dieses mal wieder einiges ausprobiert und zubereitet, das wir uns dann genüsslich schmecken gelassen haben.

Den Anfang machten die spanischen Fleischbällchen in Tomatensauce, die Albondigas:

Dazu werden 400 g Gehacktes (halb/halb), 1 kleingehacktes Sträusschen Petersilie, 80 g geröstete gehackte Pinienkerne, 2 Eier und eine Handvoll Paniermehl vermengt, zu etwa 4 cm großen Kugeln geformt und in Olivenöl gebraten. Für die Tomatensauce eine mittlere Zwiebel in Streifen schneiden und in Olivenöl anbraten. 1 EL Tomatenmark und 1 Dose stückige Tomaten zufügen. Mit Salz, Chili und Zucker abschmecken, die Sauce zu den Hackfleischbällchen geben und ziehen lassen.

Für die Gambas al ajillo 4 gehackte Knoblauchzehen in Olivenöl anschwitzen, 1 fein geschnittene Chilischote und 600 g aufgetaute Garnelen etwa 3 Minuten erhitzen und salzen.

12 Spitzpaprika zu Pimientos des piquillo verarbeiten. Dazu den Spitzpaprika den Deckel abschneiden, sie entkernen, mit Olivenöl bepinseln und mit grobem Meersalz bestreuen. Etwa 10 Minuten bei 160 Grad Umluft garen und danach abkühlen lassen. 1 Dose weißen Thunfisch mit 1 kleinen Becher Schmand verrühren, mit Salz, Pfeffer und einem Spritzer Zitronensaft abschmecken und in die Paprika füllen.

Außerdem gab es Pimientos de padrón. Dazu werden 200 g Bratpaprika in Olivenöl angebraten und mit Meersalz gewürzt.

Dazu gereicht wird spanisches Rosmarin-Brot. Hierfür aus 500 g Mehl, 1 Tütchen Trockenhefe, 1 EL Zucker, 1 TL Salz, 300 ml warmes Wasser einen Hefeteig herstellen, eine halbe Stunde gehen lassen. 50 g Pinienkerne und 3 Zweige Rosmarin kleinhacken und unterkneten. Den Teig nochmal 1 Stunde gehen lassen. In 8 Fladen aufteilen und jeden Fladen gleichmäßig 8 – 10 Mal einstechen. Für 12 bis 15 Minuten bei ca. 220 Grad Umluft backen bis sie goldbraun sind.

Außerdem gönnten wir uns einen spanischen Schafskäse aus der Region Kastilien-La Mancha. Der Hartkäse ist unter der Herkunftsbezeichnung Queso Manchego geschützt. Aber vor uns war er natürlich nicht lange sicher. Den in Dreiecke von etwa einem halben Zentimeter dicke geschnittenen Manchego haben wir gemeinsam mit Salzmandeln und einem Feigen-Chutney genossen. Für die Salzmandeln geschälte blanchierte Mandeln in einer Pfanne ohne Öl erhitzen und mit grobem Meersalz würzen. Für das Feigen-Chutney eine kleine rote Zwiebel fein würfeln und in etwas Olivenöl anschwitzen. 2 kleingeschnittene Feigen, 1 TL Zucker zufügen und mit einem guten Schuss Balsamico ablöschen. Einkochen lassen, bis die gewünschte Konsistenz erreicht ist.

Fast schon wie ein Dessert kommen die Datteln im Speckmantel, die Dátiles con bacon, aufgrund ihrer Süße daher. Dazu werden entsteinte Datteln mit Ziegenfrischkäse gefüllt und mit je einer halben Scheibe Speck umwickelt. Im Backofen bei 180 Grad 5 Minuten backen, bis der Speck knusprig ist.

Dazu gab es fruchtig erfrischenden Sangria aus 1 großen Zitrone, 1 großen Orange, 1 großen säuerlicher roter Apfel und 1 Limone. Alles grob gewürfelt mit einer Flasche trockenem Rotwein (z. B. Rioja) und 100 ml Orangenlikör (z. B. Cointreau) übergießen. Das Ganze lässt man gut durchziehen, füllt am nächsten Tag mit 0,33 l Sprite auf und serviert den Sangria mit aus Orangensaft zubereiteten Eiswürfeln.

Fürs passende Ambiente sorgte außerdem noch ein wenig spanische Musik:

¡Viva España!

Jugend – Tove Ditlevsen

„Jugend” ist der zweite Teil der „Kopenhagen-Trilogie“, in der Tove Ditlevsen (1917 – 1976) autofiktional über ihr Leben schreibt. Das Buch schließt nahtlos an „Kindheit“ an und beschreibt die Zeit nach ihrer Konfirmation, also ab dem Alter von etwa 14 Jahren bis zum Erscheinen ihres ersten Gedichtbands.

„Das Jungsein ist ein vorübergehender, zerbrechlicher und unbeständiger Zustand. Er muss überwunden werden, einen anderen Sinn hat er nicht.“

(S. 105)

So die Erkenntnis von Tove Ditlevsen, die sich in ihrem trostlosen Elternhaus und diversen Arbeitsplätzen so gefangen fühlt, dass sie eine Zeitlang keine Gedichte mehr schreibt, weil sie nichts in ihrem Alltag dazu inspiriert. Als sie endlich achtzehn Jahre alt ist zieht sie aus und mietet sich nicht nur ein unbeheiztes Zimmer bei einer Nazi-Vermieterin, sondern auch eine Schreibmaschine, um ihre Gedichte ins Reine zu tippen.

Sie durchlebt ihren Arbeitsalltag, die Abende mit Nina, die ihr eher nützlich als eine Freundin ist und knüpft erste Bande zu jungen Männern. Doch beim Lesen bekommt man den Eindruck, dass Tove Ditlevsen in dieser Zeit weder Fleisch noch Fisch ist. Sie ist erfüllt von einem Hunger nach großen Gefühlen, ist jedoch nicht in der Lage sie zu fühlen. Sie gleicht einem Kind, das in die Welt der Erwachsenen aufgenommen wurde, sich dort aber noch nicht zurechtfindet. Und so bleibt auch ihre Sehnsucht nach Liebe unerfüllt, selbst als sie aus Vernunftgründen eine Verlobung eingeht, die sie aus Vernunftgründen dann auch wieder löst.

Ihr einziger Trost sind eine Handvoll Gedichte, von denen schließlich eines in einer Zeitung mit einer Auflage von 500 Stück veröffentlicht wird. Es erweist sich als Türöffner, der ihr zu ihrem ersten Gedichtband verhilft.

„Mein Buch! Ich nehme es in die Hand und empfinde ein feierliches Glück, das nichts gleicht, was ich je gefühlt habe. Tove Ditlevsen. Mädchenseele. Es kann nicht mehr zurückgezogen werden. Es ist unwiderruflich. Das Buch wird immer da sein, unabhängig davon, wie sich mein Schicksal gestaltet.“

(S. 130)

Davon abgesehen empfindet sie ihre Jugend aber als nichts als einen Mangel und ein Hindernis, das nicht schnell genug überwunden werden kann. Das würde ich zwar so nicht über das Buch „Jugend“ behaupten wollen, aber es transportiert genau dieses Gefühl. Tove Ditlevsens Sprache ist auch in diesem Buch bildhaft und lyrisch, aber nicht mehr in dem Umfang, wie in „Kindheit“. Auch wenn ich dies ein wenig vermisst habe, so sorgt genau diese zurückhaltendere Verwendung der Stilmittel für ein stimmiges Gesamtbild. Zumindest bisher, denn nun geht es für mich weiter mit „Abhängigkeit“, dem dritten Teil der Kopenhagen-Trilogie.

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Tove Ditlevsen
Jugend – Kopenhagen-Trilogie, Band 2
Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Original: Ungdom, Gyldendal, Kopenhagen, 1967
Gebunden mit Schutzumschlag, 154 Seiten
ISBN: 978-3351038694
Preis: 18,00 € [D]
Verlag: Aufbau Verlag
Erschienen: 15.02.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Foto der Woche – 16/2021

Verwundert fragte mich beim Fotografieren dieses Bildes ein Spaziergänger, was es denn da zu sehen gäbe. Ich antwortete, dass ich die Verwachsungen in diesem Zaun spannend fände. Aber tatsächlich ist es so viel mehr, was ich da sehe. Denn immer wenn mein Herzbube und ich hier vorbeikommen, träumen wir uns ein wenig in eine Welt, in der uns nicht nur dieser Zaun gehört, der in unserer Fantasie schon komplett zugerankt ist, sondern auch der wunderschöne modernisierte Bauernhof dahinter. Dort wohnen wir gemeinsam mit anderen lieben Menschen und es gibt Räume und Werkstätten für all unsere Hobbies, die mehr Platz gebrauchen könnten. In dem riesigen Garten, der auch an einem kleinen Bach gelegen ist, blüht und summt es. Hier findet sich auch immer eine Nascherei zum frisch ernten und viel gewachsene Schönheit fürs Auge. Außerdem gibt es Platz für Geselligkeit, aber auch für den Rückzug, um die Ruhe zu genießen. Und weil dieses Anwesen ohne einfach nicht perfekt wäre, gibt es dort selbstverständlich auch ein bezauberndes kleines Hobbit-Haus und Bäume, die Baumbarts Enkel sein könnten.

umgeSCHAUt im März 2021

📚 Eigenartig, welche Wortschöpfungen sich im Rahmen des Genderns ergeben. Gästin fühlt sich für mich so falsch und sperrig an, dass ich wohl Jahrzehnte brauchen werde, bis ich mich daran gewöhnt habe.

📚 „Trick Mirror – Über das inszenierte Ich“ von Jia Tolentino finde ich in der Besprechung sehr interessant, aber die deutsche Übersetzung scheint kaputt-gegendert worden zu sein, wie ich in einer Rezension gelesen habe. Für mich ein K.O.-Kriterium, weil mir übermäßiges Gendern die Freude am Lesen nimmt.

📚 Die Leseprobe von Tore Ditlevens „Kindheit“ hat mich beeindruckt. Bereits am nächsten Tag nach dem Anschauen des Literaturclubs habe ich begonnen es zu lesen.

📚 „Deutschlands schrägste Orte“ klingt großartig. Das muss ich haben.

📚 Tom Belz ist mehr als sein nicht vorhandenes Bein – ein echter Mutmacher.

📚 Über „Die Harpyie“ habe ich schon viel Gutes gehört und auch in der Buchzeit sind sie voll des Lobes. Das Buch habe ich auf meine Bücherwunschliste gesetzt.

📚 Die Mutter-Tochter-Geschichte in „Ein Leben in Geschichten“ berührt mich, sicherlich keine leichte Kost, klingt aber durchaus lesenswert.

📚 „Über Menschen“ fand ich nicht so richtig ansprechend, aber wenn ich Denis Scheck und Juli Zeh über das Buch sprechen höre, bekomme ich doch Lust es zu lesen, zumal ich „Unterleuten“ gern mochte.

Und das sind die Links zu den Sendungen, die noch eine ganze Zeit lang in den Mediatheken verfügbar sind:

02.03.2021: Literaturclub: Nicola Steiner, Martin Ebel, Milo Rau und – als Gast – die Schauspielerin Ursina Lardi diskutieren über «Mädchen, Frau etc.» von Bernardine Evaristo, «Trick Mirror» von Jia Tolentino, «Kopenhagen-Trilogie» von Tove Ditlevsen sowie «Die nicht sterben» von Dana Grigorcea.

11.03.2021: Fröhlich lesen: Für diese Sendung hat sich Susanne Fröhlich zwei Gäste eingeladen. Tom Belz spricht über sein Buch „Do what you can’t“ und Pia Volk über „Deutschlands schrägste Orte“.

14.03.2021: Buchzeit im Frühjahr: Der Bücherfrühling lockt mit einer Fülle interessanter Neuerscheinungen. Gert Scobel stellt mit den Literaturexpertinnen Barbara Vinken, Sandra Kegel und Katrin Schumacher ausgewählte Romane vor.

18.03.2021: lesenswert Quartett: Denis Scheck diskutiert mit Insa Wilke, Ijoma Mangold und als Gast der Schriftstellerin Ines Geipel über Bücher von Christoph Ransmayr, Christian Kracht, Bernardine Evaristo und Viktor Martinowitsch.

25.03.2021: lesenswert: Eine von Gewalt geprägte Kindheit – der Journalist Harald Martenstein und sein autobiographisch gefärbter Roman „Wut“. – In „Über Menschen“ von Juli Zeh flieht eine Berliner Werbetexterin in ein Dorf im brandenburgischen Nirgendwo.

28.03.2021: Druckfrisch: Sharon Dodua Otoo und ihr faszinierend vielstimmiger Roman „Adas Raum“ | Florian Werners Liebeserklärung an die deutsche Autobahnraststätte | Amanda Gormans Gedicht „The Hill We Climb“ | Denis Schecks Kommentar zur Bestsellerliste Sachbuch.

Frisch auf dem Buchmarkt: April 2021

In den Verlagsvorschauen für den April habe ich einige Bücher gefunden, die ich im Auge behalten und vielleicht auch lesen möchte. Es geht ums reisen und dabei weltwach zu bleiben; um fünfhundert Kinder aus einem Moskauer Waisenhaus, die im Sommer 1944 in den Kaukasus verschickt werden; um ein Mädchen aus Ghana, das im deutschen Exil täglich damit konfrontiert ist, anders zu sein; um Björn Dremel auf Pilgerpfaden; um die Biografie Meister Eckharts; um zwei Schwestern, die sich vielleicht doch nicht so nah standen, wie es erst scheint; um eine dystopische Welt mit einer Wirklichkeit, die die Zukunft und Vergangenheit der Menschheit in Frage stellt; um eine radfahrende Rebellin; um eine Eulenflüsterin und um ein Mädchen, das in ihrer Kindheit und Jugend versucht mit der Schizophrenie ihrer Mutter zurecht zu kommen.

Aber schaut selbst, vielleicht ist ja für euch auch etwas Interessantes dabei:

01.04.2021: Weltwach: Mit offenen Augen ins Abenteuer [Werbung] von Erik Lorenz: Abenteuer. Reisen. Leben. Eine Nacht unter freiem Himmel im Naturschutzgebiet Königsforst. Auf dem Motorrad durch den Himalaja. Anrührende Begegnungen auf einer Jurtenfarm in Australien. Erik Lorenz, Herausgeber des erfolgreichen Reisepodcasts WELTWACH, lässt in diesem Buch nicht nur prominente Gäste wie Andreas Altmann, Ilija Trojanow, Carmen Rohrbach, Ranga Yogeshwar und Reinhold Messner zu Wort kommen, sondern lotet anhand der eigenen Abenteuer aus, warum Reisen so wertvoll für uns sind und was sich auf ihnen zu suchen lohnt: vom Zauber der ersten Stunden an einem fremden Ort, dem Überwinden innerer Grenzen bis hin zum Ablegen eigener Vorurteile. Es sind die Momente größter Intensität und innerer Ruhe sowie die Begegnungen mit den Menschen, die ihn immer wieder antreiben, vor die Haustür zu treten und aufzubrechen. Eindrücklich schildert er, warum auch im Zeitalter von Pauschaltourismus und Klimawandel kleine wie große Abenteuer möglich und wichtig sind. Weshalb eine genetische Veranlagung für unsere Rastlosigkeit mitverantwortlich ist. Und welche kostbaren Lektionen man auf Reisen für das Leben lernen kann: über Scheitern und Angst, Neugierde und Verantwortung – und den Mut, den ersten Schritt zu wagen. Umsichtig und mit Blick für das Wesentliche zeigt er dabei auf, wie es uns gelingt, weltwach zu sein.

12.04.2021: Schlief ein goldnes Wölkchen [Werbung] von Anatoli Pristawkin: Ein wiederentdecktes Meisterwerk: berührend und bristant. Fünfhundert Kinder aus einem Moskauer Waisenhaus werden im Sommer 1944 in den Kaukasus verschickt, unter ihnen Saschka und Kolka. Die elfjährigen Zwillinge hoffen, endlich ihren quälenden Hunger hinter sich zu lassen. Doch bereits ihre Ankunft wird von bedrohlichen Detonationen in den nahe gelegenen Bergen begleitet. Bewaffnete Tschetschenen, die der Zwangsaussiedlung entfliehen konnten, setzen sich erbittert gegen die russischen Eindringlinge zur Wehr – und die Brüder geraten nach Momenten überwältigenden Glücks in größte Gefahr. Anatoli Pristawkin bringt die politischen Realitäten so ungeschönt zur Sprache, dass sein Werk in Russland erst mit Beginn der Perestroika erscheinen durfte. Jetzt in aktualisierter und überarbeiteter Übersetzung, unzensiert.

13.04.2021: Wir Gotteskinder [Werbung] von Nana Oforiatta Ayim: Maya Mensah ist im deutschen Exil täglich damit konfrontiert, anders zu sein. Auch ihre Eltern sind anders. Ihr Vater ist ein scheuer Intellektueller, und ihre schöne Mutter liebt es, das Geld mit vollen Händen auszugeben und an ihre königliche Abkunft zu erinnern. Doch wenn Maya in der Schule von ihrer glanzvollen Familie erzählt, wird sie verspottet. Beistand leistet ihr einzig ihr Cousin Kojo. Maya ist fasziniert von seinen farbenprächtigen Erzählungen aus Ghana, an das sie sich kaum erinnern kann. Sie klingen für sie wie Märchen, die mythisch und wirklich zugleich scheinen, und öffnen ihr den Blick: für ein Land, das seine Seele nach all den Jahren der Kolonialzeit erst wiederfinden muss, für ihre entwurzelten Eltern ― und endlich erkennt sich Maya als Teil dieser Geschichte. Poetisch, fesselnd, faszinierend ― » Wir Gotteskinder« ist wahre Weltliteratur und eine Hymne an das Geschichtenerzählen als verbindendes Glied zwischen den Kulturen.

26.04.2021: Achtsam morden am Rande der Welt [Werbung] von Karsten Dusse: Finde dich selbst. Bevor es ein anderer tut. Um der Midlifecrisis zu entgehen, begibt sich Björn Diemel auf Anraten seines Therapeuten auf Pilgerreise. Schnell stellt sich als Erkenntnis auf dem Jakobsweg heraus, dass Björns Leben die Mitte bereits längst überschritten haben könnte: Ein unbekannter Mitpilger versucht, ihn zu töten. Während bei den scheiternden Anschlägen auf ihn ein Pilger nach dem anderen seinen Lebensweg verlässt, versucht Björn ganz achtsam, sich seiner Haut zu wehren. Seine Pilger-Fragen nach Leben, Tod und Erfüllung bekommen plötzlich eine sehr praxisnahe Relevanz.

26.04.2021: Meister Eckhart: Der Mönch, der die Kirche herausforderte und seinen eigenen Weg zu Gott fand [Werbung] von Joel F. Harrington: Er ist der Ahnherr der Selbsthilfephilosophie, der Guru der New Age-Bewegung, die Millionen von Anhängern hat: Meister Eckhart, Dominikaner, Mystiker und Philosoph. Doch wer war der Mann hinter den Lehren, die nach sieben Jahrhunderten noch Menschen begeistern? Wie sind seine Ideen entstanden? Der Mönch aus Thüringen zeigte damals, dass nur der persönliche Weg zu Gott zum Seelenheil führt und predigte, dass diese spirituelle Erfahrung allen möglich war, die die innere Haltung des Loslassens („Gelâzenheit“) einnahmen. Dieses verblüffend moderne Denken brachte den Mönch Eckhart in Konflikt mit der Kirche, die sich von der Sprengkraft seiner Ideen herausgefordert fühlte. Der Historiker Joel F. Harrington hat sich auf die Spuren des bedeutenden Mystikers begeben und lässt in seiner Biographie eine der faszinierendsten Figuren des Mittelalters auferstehen.

28.04.2021: So wie du mich kennst [Werbung] von Anika Landsteiner: »Warum reden wir den ganzen Tag und erzählen uns doch so wenig?« Karlas Leben ist stehengeblieben. Sie trägt eine Urne nach Hause, darin die Asche ihrer Schwester Marie. Und plötzlich ist nichts mehr so, wie es einmal war. Marie war Karlas Seelenverwandte, ihr Kompass in diesem Chaos, das sich Leben nennt. Und während sich dieses Chaos um sie herum einfach weiterdreht, reist Karla nach New York, um dort die Wohnung ihrer Schwester aufzulösen. Als sie Fotos findet, die so verstörend wie alltäglich sind, fragt sie sich, wie gut sie Marie wirklich kannte. Die Schwester, die so ganz anders lebte als sie. Die erfolgreich und selbstbewusst war. Was Karla auf den Bildern sieht, verändert ihren Blick auf Marie, ihren Blick auf sich selbst und auf das ganze Leben vor ihr. Anika Landsteiner erzählt eindringlich, bewegend und aufrüttelnd von Frauen wie uns. Von Menschen wie dir und mir.

28.04.2021: Singularity [Werbung] von Joshua Tree: Schafft sich die Menschheit selber ab? »Singularity« ist der neue Science-Fiction-Thriller von Bestseller-Autor Joshua Tree über die Zukunft der künstlichen Intelligenz. Ende des 21. Jahrhunderts ist die Menschheit tief gespalten: Während die eine Hälfte medizinisch bestens versorgt ein langes Leben führt, ist die andere schlicht überflüssig. Bestenfalls als billige Arbeitskräfte haben die meisten Menschen ein karges Auskommen.
Einer dieser Überflüssigen ist James, der als Hausdiener der neuen Elite anheuert. Von seinem neuen Herrn erhält er einen rätselhaften Auftrag: Er soll dessen vor zwanzig Jahren verschollene Tochter wiederfinden – in einer virtuellen Simulation. Schon bald muss er erkennen, dass nicht bloß die Grenzen von VR und Wirklichkeit verschwimmen, sondern auch die von Mensch und Maschine. Und ihm offenbart sich ein schreckliches Geheimnis, das die Zukunft und Vergangenheit der Menschheit in Frage stellt.

30.04.2021: Die Rebellion der Alfonsina Strada [Werbung] von Simona Baldelli: Schon als kleines Mädchen hat Alfonsina Strada einen großen Traum: Fahrrad zu fahren und das möglichst schnell. 1891 als eines von vielen Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen im norditalienischen Dörfchen Fossamarcia geboren, saust sie auf dem alten Drahtesel ihres Vaters heimlich durch die Nacht. Trotz Verbots meldet sie sich zu Rennen an, gewinnt und will noch mehr: am großen Giro d’Italia teilnehmen, für den jedoch nur Männer zugelassen sind. Mit Mut, Fantasie und dem unerschütterlichen Glauben an sich selbst bereitet sie sich auf den Coup ihres Lebens vor … 

30.04.2021: Die Eulenflüsterin [Werbung] von Tanja Brandt (TB): „Ich war ein Kind, das nie gewollt war“, sagt Tanja Brandt, wenn man sie zu ihrer Kindheit befragt. Schmerzhaft sind die Erinnerungen an ihr Elternhaus. In ihrem ganz persönlichen Buch schreibt sie über ihren harten Lebensweg und über die Liebe zu ihren Tieren, die sie daran erinnert, dass Träume wahr werden können. Und sie lernt von ihren Tieren, was es braucht, um glücklich zu sein: Mitgefühl, Fürsorge und Verlässlichkeit.

30.04.2021: Als Mama mit der Lampe sprach [Werbung] von Nilüfer Türkmen: Nelly ist erst vier, als ihr Vater stirbt. Von nun an ist sie allein mit ihrer Mutter. Doch Nellys Mutter ist krank, sie erteilt unsinnige Verbote, impft dem kleinen Mädchen Angst vor Infektionen und Entführern ein. Und sie spricht mit Michael, der in der Lampe wohnt, der eigentlich gar nicht da ist, aber trotzdem alles über die beiden weiß. Nellys Mutter leidet an Schizophrenie, nicht alles, was sie sieht und hört, existiert auch wirklich. Tapfer schlägt sich das Mädchen durch – und versucht zu verstehen, was „wirklich“ ist, und was nicht. Nilüfer Türkmens Erfahrungsbericht ist ein berührendes Zeugnis einer Kindheit und Jugend. Und er lässt uns einen Blick in eine verborgene Welt werfen, die viel mehr Menschen betrifft, als wir gemeinhin glauben.

Kindheit – Tove Ditlevsen

Manche Hypes gehen einfach an mir vorüber und so schaute ich mir in der vergangenen Woche den Literaturclub von März an, ohne zuvor jemals etwas von Tove Ditlevsen gehört oder gelesen zu haben. Doch als dort Lara Körte eine Passage aus „Kindheit“ vorliest, bin ich gleich wie elektrisiert und beginne bereits wenige Stunden später das Buch selbst zu lesen.

Tove Ditlevsen ist 1917 in einem Arbeiterviertel in Kopenhagen geboren und hat 1967 während eines Klinikaufenthalts begonnen an „Kindheit“, dem ersten Buch ihrer autofiktionalen Kopenhagen-Trilogie, zu schreiben. Als dieses Buch in Dänemark erschien, hatte Tove Ditlevsen in Dänemark längst jene Berühmtheit als Dichterin erlangt, von der sie schon als kleines Kind träumte. Während die kindliche Dichterin noch ‚voller Lügen‘ steckte, wie es ihr Bruder Edvin ausdrückte, machte sie als Erwachsene mehr oder weniger unverholen Gebrauch von der eigenen Biographie. „Schreiben heißt, sich selbst auszuliefern“ sagte sie einmal, „sonst ist es keine Kunst. Man kann das verschleiern, aber letzten Endes schreibt man doch immer über sich selbst.“

Als Arbeiterkind, noch dazu als Mädchen, wird Tove Ditlevsen in eine Welt geboren, die äußerst ungünstige Voraussetzungen für sie bietet. Sie entdeckt schon sehr früh das Lesen und das Schreiben für sich, worin sie Zuflucht findet. Aber Frauen werden zu dieser Zeit keine Dichter, erst recht nicht, wenn sie in lieblosen ärmlichen Zuständen aufwachsen, die von Demütigung geprägt sind. Denn der Frau ist es bestimmt Hausfrau und Mutter zu werden – in ihre Bildung zu investieren ist Zeit und Geldverschwendung.

„Doch selbst wenn sich niemand sonst für meine Gedichte interessiert, bin ich gezwungen, sie zu schreiben, denn sie dämpfen die Trauer und Sehnsucht in meinem Herzen.“

(S. 92)

Einige der Gedichte, in denen sie von einem anderen Leben träumt, kann man in diesem Buch lesen, aber vielmehr bin ich beeindruckt von der Art, wie sie ihre Kindheit beschreibt. Sie erzählt einerseits so ungeschminkt und schonungslos, dass es beim lesen schmerzt und man als „Frau von Heute“ die allgemein übliche Ungerechtigkeit vergangener Zeiten kaum ertragen kann. Aber es kommt andererseits auch die Dichterin Tove Ditlevsen zum Vorschein, die treffende Metaphern findet und sich an den passenden Stellen lyrisch genau so auszudrücken versteht, dass es nicht überladen wirkt und man sich vor ihrem sprachlichen Talent einfach nur bewundernd tief verneigen möchte.

„[…] und ohne, dass ich es weiß, sinkt meine Kindheit leise auf den Grund der Erinnerungen, dieser Seelenbibliothek, aus der ich bis an mein Lebensende Wissen und Erfahrungen schöpfen werde.“

(S. 98)

Mit 118 Seiten ist „Kindheit“ ein eher schmales Büchlein, das es jedoch in sich hat. Ich werde unbedingt weiter lesen und bin nun gespannt auf „Jugend“, den zweiten Band der Kopenhagen-Trilogie.

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Tove Ditlevsen
Kindheit – Kopenhagen Trilogie, Band 1
Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Original: Barndom, Gyldendal, Kopenhagen, 1967
Gebunden mit Schutzumschlag, 118 Seiten
ISBN: 978-3-351-03868-7
Preis: 18,00 € [D]
Verlag: Aufbau Verlag
Erschienen: 18.01.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

abc.etüden: Aprilgedanken 2021

Es war noch zu früh für den Sonnenhut. So oder so. Jetzt im April sah man der Staude noch nicht an, dass sie sich rüstete um Anlauf zu nehmen und irgendwann zwischen Juli und Oktober verschwenderisch zu blühen. Und um einen Sonnenschutz für seinen Kopf brauchte man sich gerade auch nicht zu kümmern. Nachdenklich zupfte sie ein wenig unerwünschtes Grünzeug weg, das sich um die Pflanze herum breitgemacht hatte. Nicht gerade eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen, aber ihr tat die Bewegung an der frischen Luft gut.

Gut bekam es ihr auch, wenn es ihr gelang, den Augenblick von Zeit zu befreien. Unbeschwert sie selbst zu sein und sich durch das Ausüben geliebter Tätigkeiten völlig im Hier und Jetzt aufzulösen. Doch das war in den vergangenen Monaten immer schwieriger geworden. Sie fühlte sich gefangen in einer Warteschleife. Immer galt es die nächste Meldung abzuwarten, die schon Einfluss auf den folgenden Tag haben konnte und in der Entscheidungen der Machthaber mitgeteilt wurden, die schon innerhalb weniger Stunden wieder als haltlos entkräftigt werden konnten. Oder sie war wie paralysiert, weil der Stoff, der doch eigentlich Leben retten sollte, plötzlich selbst begann zu töten.

Hier hatten andere die Fäden für ihr Leben in der Hand und spielten das Lied vom Tod nicht unbedingt gekonnt. Wie schön wäre es, wenn sie einfach ihre Hände an die Schläfen legen und diese Gedanken wegmassieren könnte. Einfach mal darauf vertrauen, dass schon alles gut werden würde. Sich mit exzessivem Sport betäuben und in Bücherwelten flüchten. Oder vielleicht ins nächste Gartencenter, um ein wenig farbenfrohe Lebendigkeit für Zuhause nachzuladen.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Sonnenhut, haltlos, massieren.

Pink Floyd – Alle Songs – Jean-Michel Guesdon / Philippe Margotin

Als ich zum ersten Mal dieses Buch in Händen halte, bin ich fast ein wenig ehrfürchtig, denn es ist mit seinen 592 Seiten im Format 19 x 24,2 cm ein echtes Schwergewicht. Beim ersten Durchblättern fällt mir im Gegensatz zum Buchcover eine ansprechend dezente Farbgestaltung der Seiten mit zahlreichen Fotos und Abbildungen auf. Mir ist sofort klar, dass ich dieses Buch feiern werde, denn Pink Floyd ist eine meiner Lieblingsbands und ich habe große Lust darauf, mehr über sie zu erfahren. Zwar bringt allein schon der Anblick dieses Buches ihre Musik in mir zum Klingen, aber ich ich verstehe den Titel „Pink Floyd – Alle Songs“ auch als Aufforderung mir diese gleich beim lesen der Geschichten hinter den Tracks auch noch einmal ganz in Ruhe anzuhören. Allerdings habe ich meine Plattensammlung vor knapp 20 Jahren komplett aufgelöst und nicht mehr alle Pink-Floyd-Alben als CDs nachgekauft. Glücklicherweise finde ich jedoch bis auf wenige Ausnahmen alle Lieder bei Spotify und so sind in den darauf folgenden Wochen meine Tage mit Zeitinseln versehen, die gleichermaßen dem Lesen und dem Musikhören gewidmet sind. Eine wundervolle Zeit, die ich keinesfalls missen möchte!

Denn dieses Buch beinhaltet satte 50 Jahre Rock-Geschichte, von der Gründung Pink Floyds im Jahr 1965 bis hin zu ihrem Ende 2015. Es beginnt damit, wie sich die Band-Mitglieder kennenlernen und zeigt den Werdegang von Pink Floyd in unterschiedlichen Besetzungen auf, nicht ohne dabei auch die musikalischen Einflüsse zu nennen, die prägend waren. Es fühlt sich an wie eine Zeitreise durch ein Stück Musikgeschichte, wenn beispielsweise die Stones, die Beatles oder Alan Parson Erwähnung finden und man sich doch darüber freuen darf, dass Pink Floyd ihren ganz eigenen Stil entwickelt haben, der sich aus Progressive Rock, Psychedelic Rock, Blues und Jazz zusammensetzt und noch Einflüsse aus der klassischen und der neueren Musik mit aufnimmt.

Album für Album, inklusive der Singles, wird diese Entwicklung nachgezeichnet und auch für die Band relevante private und politische Einflüsse werden nicht ausgelassen, ohne jedoch dabei reißerisch zu wirken. Jedem Album wird einleitend die Entstehungsgeschichte einschließlich der Covergestaltung vorangestellt und der technische Stand inklusive der verwendeten Instrumente der Musiker offengelegt. Weiter geht es im Anschluss mit den einzelnen Titeln und ihrer Vorgeschichte, worin sich auch mögliche Interpretationen der Liedtexte finden, noch ausführlich ergänzt um die technischen Einzelheiten der Aufnahmen. Hier findet sich auch viel von dem Zeitgeist der Bandjahre wieder.

Das alles liest sich für mich wie eine spannende Geschichte, bei der ich mich noch grob an Einzelheiten erinnere, die aber nun um interessante Details ergänzt werden. Allerdings fehlen mir für die technische Seite der Musik die nötigen Kenntnisse, so dass ich diesbezüglich umfangreiche Textstellen auch einfach nur überfliege, ohne sie trotz Glossar gänzlich zu verstehen. Fast bedaure ich dies, könnte mir jedoch vorstellen, dass für Musiker hier viel Interessantes zu finden ist. Da ich mir die Lieder jedoch beim Lesen gleichzeitig anhöre, kann ich manches doch in gewisser Weise nachvollziehen, bin überrascht davon, wie manche Effekte erzielt werden und spüre bei Vielem zumindest was gemeint ist.

Ergänzend finden sich in dem Buch zahlreiche Fotos und Abbildungen der Instrumente und des Studioequipments der Bandmitglieder, aber auch von ihren Auftritten und aus dem Proberaum. In kleinen Randnotizen gibt es noch Zusatzinformationen, nicht nur für „Pink Floyd Addicts“, so dass man in der Musik schwelgen und gleichzeitig die Augen durchs Buch wandern lassen kann. Natürlich schweifen bei manchen Liedern auch die Gedanken ab und entführen in die Zeiten, in denen die Musik Pink Floyds zum Soundtrack des eigenen Lebens gehört hat und manche Lieder und Ereignisse sich unzertrennlich miteinander verbunden haben. Ein besonderes Erlebnis für mich, jetzt nochmal chronologisch durch Musik und Jahrzehnte zu reisen, die Spotify-Playlist mit Lieblingssongs zu füllen und dabei auch einige neu entdecken zu können, weil ich eben doch nicht alle Alben und Lieder kannte – „More“ und „Obscured by Clouds“ waren mir beispielsweise irgendwie entgangen.

Erwartet hatte ich eigentlich, in diesem Buch die kompletten Songtexte abgedruckt zu sehen, fand diese jedoch ebenso wie die Cover der Alben nur beschreibend und interpretierend behandelt. Dennoch ist dieses Buch ein echtes Schmankerl für Pink Floyd Fans und ich habe die Zeitreise damit sehr genossen. Jedoch hätte ich mir für die Covergestaltung einen Grafikdesigner im Stil von Storm Thorgerson gewünscht und unbedingt ein Korrektorat.

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Jean-Michel Guesdon, Philippe Margotin
Pink Floyd – Alle Songs – Die Geschichten hinter den Tracks
Aus dem Französischen von Sarah Pasquay und Melanie Köpp
Original: Pink Floyd, La Totale. Les 179 Chansons expliquées, Hachette Livre, Paris
Taschenbuch, 592 Seiten – 440 Fotos und Abbildungen
ISBN: 978-3667120199
Preis: 39,90 € [D]
Verlag: Delius Klasing
Erschienen: 26.02.2021

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Die Mitternachtsbibliothek – Matt Haig

Wer hat noch nicht darüber nachgedacht, wie das Leben hätte verlaufen können, wenn man manche Entscheidungen anders gefällt hätte?

Ziemlich genial fand ich in dem Zusammenhang die Idee von Matt Haig, der seine Protagonistin Nora Seed das „Was wäre wenn…“ durchspielen lässt, indem er sie sich in einer riesigen Bibliothek wiederfinden lässt, nachdem sie verzweifelt beschlossen hatte, sich das Leben zu nehmen. Hier eröffnet sich für Nora plötzlich die Möglichkeit herauszufinden, was passiert wäre, wenn sie sich anders entschieden hätte. Denn jedes Buch in der Mitternachtsbibliothek bringt sie in ein anderes Leben, in eine andere Welt, in der sie sich zurechtfinden muss.

Was für eine geniale Prämisse, dachte ich, als ich diese kurze Zusammenfassung der Geschichte las. Und weil ich gerade ein Guthaben bei Audible [Werbung] übrig hatte, entschied ich mich für „Die Mitternachtsbibliothek“ als Hörbuch, das wunderbar von Annette Frier vorgetragen wird.

Und doch geht mir die 35jährige unter Depressionen leidende Protagonistin Nora Seed, die nach einem Selbstmordversuch in der Mitternachtbibliothek landet, recht schnell auf die Nerven. Es fehlt der Tiefgang um dem Leser das Wesen dieser Erkrankung nahe zu bringen, so dass hier eher der Eindruck entsteht, dass bei Nora gerade einiges schief läuft und sie darum weinerlich bereit ist ihr Leben einfach wegzuwerfen. Ein echter Augenrollmoment und umso erstaunlicher, wenn man berücksichtigt, dass der Autor selbst bereits unter Depressionen litt.

Aber genaugenommen habe ich bei diesem Buch nicht erwartet das Krankheitsbild vernünftig beleuchtet zu sehen, sondern war vielmehr darauf gespannt, wie der Autor die Protagonistin unterschiedliche Lebenswege ausprobieren lässt – und davon gibt es einige. Manche werden ausführlich geschildert, wobei sich das Erzählschema wiederholt und irgendwann zu langweilen beginnt. Weder Leser noch die Protagonistin kommen so recht in der Geschichte weiter, so dass es fast eine Erlösung ist, als einige Lebenswege nur noch kurz zusammengefasst werden.

Als Leser sieht man die Konsequenzen der einzelnen Entscheidungen überdeutlich, da sie fast schon ein wenig plump daherkommen. Irgendwann fragt man sich, wohin Matt Haig einen mit diesen vielen kleinen meist sehr vorhersehbaren Geschichten eigentlich noch führen möchte. Die Charaktere bleiben eher flach und auch zu Nora will sich bei mir keine rechte Verbindung aufbauen. Und doch habe ich die Geschichte immer weiter gehört, nicht zuletzt weil der Erzählstil flüssig ist und das Hörbuch hervorragend von Annette Frier gelesen wurde. Übrig bleibt jedoch von diesem Buch nur ein flaues Ende, bei dem die Depressionen verschwinden, wenn man sich nur für das Leben entscheidet und die Gewissheit, dass die Grundidee dieses Romans besser ist, als ihre Umsetzung. Schade.

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Matt Haig
Die Mitternachtsbibliothek
Ungekürztes Hörbuch
Sprecherin: Annette Frier
Spieldauer: 8 Std. und 21 Min.
Erscheinungsdatum: 01.02.2021
Verlag: Argon Verlag