erLESENer August 2020

Im Lesemonat August überdachte ich meine Blog- und Instagramaktivitäten, wurde Veganerin, fand meinen Text in einem Buch wieder, ließ mich lächelnd mobben, bewunderte Edward Snowden und übte mich im autobiografischen Schreiben.

Bücherwelten – inspirierend und zuweilen beängstigend.

Hashtag Authentisch von Sara Tasker [4 von 5 Sternen]: Für mich war es ein sehr interessanter Ausflug in die Insta-Welt, der mir dabei geholfen hat meine eigene Blog- und Instagramgestaltung zu überdenken, ohne dabei sklavischen Regeln zu folgen. Ein sehr harmonisches schönes Buch der sympathischen Autorin. 

Die Vegetarierin von Han Kang [4 von 5 Sternen]: Eine tragische sozialkritische Geschichte mit hypnotischer Wirkung, in der eine junge Koreanerin Veganerin wird und so verzweifelt ein Stück Selbstkontrolle zurückzuerlangen versucht. Empfehlenswert!

Anthologie Projekt*txt von Katharina Peham [3 von 5 Sternen]: Die Geschichten der Autoren und Autorinnen aus dem Projekt*txt übersteigen weit die Beitragsworte, die sie in den Jahren von 2015 bis 2019 als Inspiration erhalten haben. Eine intensive gelungene Mischung unterschiedlicher Texte, und mittendrin auch meiner.

Mit Stauen und Zittern von Amélie Nothomb [3 von 5 Sternen]: Eine autobiografisch angehauchte Geschichte der Autorin, in der es um Mobbing in einer japanischen Firma geht, wobei man einiges über die kulturellen Zwänge dieses Landes erfährt.

Permanent Record . Meine Geschichte von Edward Snowden [5 von 5 Sternen]: Die beeindruckende Geschichte des Whistleblowers, in der man über seine Hintergründe und Beweggründe erfährt und warum er nur so handeln konnte, wie er es letztlich tat. Beeindruckend!

Schreiben über mich selbst von Hanns-Josef Ortheil [3 von 5 Sternen]: Enthalten sind in diesem Buch Ausführungen zum autobiografischen Schreiben neben zahlreichen Herangehensweisen, Beispielen und Schreibübungen. Teilweise etwas trocken, aber nichtsdestotrotz sehr inspirierend.

Permanent Record . Meine Geschichte – Edward Snowden

Im Alter von 22 Jahren erhielt er von der NSA seine erste Top-Secret-Freigabe, nicht einmal ein halbes Jahr später arbeitete er als Systemingenieur für die CIA und hatte fast unbegrenzten Zugang zu einigen der sensibelsten Netzwerken der Welt. Mit 29 Jahren schockiert Edward Snowden die Welt: Als Datenspezialist und Geheimnisträger für NSA und CIA deckt er auf, dass die US-Regierung heimlich das Ziel verfolgt, jeden Anruf, jede SMS und jede E-Mail zu überwachen – weltweit.

„Mit ‚PRISM‘ konnte die NSA routinemäßig Daten von Microsoft, Yahoo, Google, Facebook, PalTalk, YouTube, Skype, AOL und Apple sammeln, darunter E-Mails, Fotos, Video- und Audio-Chats, Webbrowsing-Inhalte, Anfragen an Suchmaschinen und alle anderen Daten, die in ihren Clouds gespeichert waren; damit machten sie die Unternehmen zu wissentlichen Mitverschwörern. ‚Upstream Collection‘, das kann man mit Fug und Recht behaupten, war noch invasiver. Es ermöglichte die routinemäßige Datensammlung unmittelbar aus der Internetinfrastruktur des privaten Sektors aus den Switches und Routern, die den weltweiten Internetverkehr über Sateliten im Orbit und die am Meeresboden verlegten Breitband-Glasfaserkabel abwickeln. […] Zusammen sorgten ‚PRISM‘ (durch die obligatorische Datensammlung auf den Servern der Provider) und ‚Upstream Collection‘ (durch die unmittelbare Datensammlung aus der Internetinfrastruktur) dafür, dass weltweit Informationen, ob sie gespeichert oder übermittelt wurden, überwacht werden konnten.“ (S. 284/285)

Das Ergebnis wäre ein nie dagewesenes System der Massenüberwachung, mit dem das Privatleben jeder einzelnen Person auf der Welt durchleuchtet werden kann. Edward Snowden trifft eine folgenschwere Entscheidung: Er recherchiert, sammelt Beweise und macht die geheimen Pläne öffentlich. Damit gibt er sein ganzes bisheriges Leben auf. Er weiß, dass er seine Familie, sein Heimatland und die Frau, die er liebt, vielleicht nie wiedersehen wird.

„Die deutschen Bürger und Abgeordneten waren empört über die Entdeckung, dass die NSA die deutsche Telekommunikation überwachte und selbst das Smartphone der Bundeskanzlerin angezapft hatte. Zur gleichen Zeit hatte der Bundesnachrichtendienst, Deutschlands wichtigster Geheimdienst, bei zahlreichen Operationen mit der NSA zusammengearbeitet und sogar in Vertretung bestimmte Überwachungsaktionen ausgeführt, die die NSA nicht selber übernehmen konnte oder wollte. Weltweit fand sich nahezu jedes Land einem ähnlichen Dilemma ausgesetzt: Die Bürger waren außer sich, die Regierenden in die Überwachungsvorgänge verwickelt.“ (S. 413)

In „Permanent Record“ erzählt Edward Snowden seine Geschichte von Anfang an. Er beginnt bei seiner Kindheit und endet mit dem Erscheinungsjahr 2019 und seinem Exil in Moskau. Man erlebt einen intelligenten jungen Mann, der voller Enthusiasmus und Patriotismus seinem Land einen Dienst mit seiner Arbeit erweisen will und zutiefst enttäuscht darüber ist, wie das Land die Rechte der Bürger mit Füßen tritt. Beim Lesen fühlt man das Dilemma Edward Snowdens und kann vor der Entscheidung, die er letztlich trifft, nur den Hut ziehen. Neben der technischen Seite, die er auch für einen technikinteressierten Laien wie mich verständlich erklärt, lernt man die menschliche und sehr sympathische Seite des Whistleblowers kennen. Aber selbst wenn einen die technischen Details nicht so sehr interessieren und man sich entscheidet sie beim Lesen eher zu überfliegen, mindert das nicht die Qualität des Buches – die Grundaussage kommt dennoch an.

Ein beeindruckendes gut und spannend erzähltes Buch eines nicht weniger beeindruckenden Mannes, das einen das Smartphone und die eigenen Internetaktivitäten in einem kritischen Licht betrachten lässt. Oft mag man nicht glauben, was man da liest und ist auch jetzt – Jahre später nach dem Bekanntwerden – zutiefst verunsichert, was den Schutz der Privatsphäre angeht. Wohl zu recht.

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Edward Snowden
Permanent Record – Meine Geschichte
Aus dem Amerikanischen von Kay Greiners
Gebunden, 432 Seiten
ISBN: 978-3-10-397482-9
Preis: € (D) 22,00
Verlag: S. Fischer
Erschienen: 17.09.2019

erLESENer April 2020

Im Lesemonat April fuhr ich mit einem Anhalter und dem Wohnmobil quer durch Island, fand Leichen in einem alten baufälligen Krankenhaus, nutzte die Gentechnik zur Partnersuche und folgte beeindruckt den Spuren Rüdiger Nehbergs.

Bücherwelten – fiktiv ebenso mitreißend wie real und nachdenklich machend.

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Der Anhalter von Gerwin van der Werf
Die Geschichte eines Mannes, der mit allen Mitteln verzweifelt um seine Ehe kämpft und sich dabei verliert. Zuweilen etwas nervenaufreibend, aber dennoch gut gemacht.

Die ewigen Toten von Simon Beckett
Ein weiterer guter Thriller aus meiner Lieblingsreihe rund um den foresischen Anthropologen David Hunter.

The One . Finde dein perfektes Match von John Marrs
Ein unterhaltsamer Roman, der aufzeigt was passieren kann, wenn die DNA bestimmt, welcher Partner zu einem passt und welcher nicht.

Dem Mut ist keine Gefahr gewachsen . Ein abenteuerliches Leben von Rüdiger Nehberg
Die Autobiografie von Rüdiger Nehberg, der bodenständig und mitreißend über sein beeindruckendes Leben schreibt. Für mich ein echtes Highlight!

Dem Mut ist keine Gefahr gewachsen . Ein abenteuerliches Leben – Rüdiger Nehberg

Als ich davon hörte, dass Rüdiger Nehbergs Autobiografie im April erscheinen sollte, freute ich mich. Ich wollte immer mal etwas von ihm lesen. Denn auch wenn ich von ihm nicht viel mehr wusste, als dass er sich einen Namen als Survival-Experte und Menschenrechtler gemacht hatte, war mir doch klar, dass er zu den Menschen gehört, die wirklich etwas zu erzählen haben. So nahm ich voller Vorfreude in meinem Lesesessel platz um zu erfahren, welche Abenteuer Rüdiger Nehberg in seinem Leben bestreiten musste. Kaum angefangen, mochte ich das Buch fast nicht mehr aus der Hand legen, weil er unterhaltsam erzählen kann, und weil er jemand ist, zu dem man bei dem, was er bislang erreicht hat, bewundernd aufblicken kann. Gleichzeitig fühlt man sich ihm jedoch verbunden, weil er bodenständig geblieben ist, auch wenn er immer nach den Sternen gegriffen hat.

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Rüdiger Nehberg nimmt den Leser in diesem mit Farb- und Schwarzweißbildern versehenen Buch mit auf einen Streifzug durch sein aufregendes Leben – die Basis für die Erfolge in der Arbeit mit seiner eigenen Menschenrechtsorganisation. Als Siebzehnjähriger radelt er heimlich nach Marokko. 1968 importiert er ‚Survial‘ aus den USA und wird zum Inbegriff des Überlebenskünstlers. 1981 beim Marsch durch Deutschland lebt er 1000 Kilometer lang nur von dem, was die Natur hergibt. Er übersteht 26 Raubüberfälle, überquert dreimal den Atlantik, schafft es allein und halbnackt durch den Dschungel. Er lernt Ekel, Angst und die Bedenken anderer zu überwinden, lässt sich nicht entmutigen.

„Wieder einmal wissen wir es zu schätzen, nicht hier, sondern in einem anderen, begünstigteren Teil der Welt geboren zu sein. Momente, die mir einmal mehr das Glück bewusst machen, ausgerechnet in Nordeuropa zu leben, in all dem Wohlstand, dem gemäßigten Klima, der Demokratie, der Pressefreiheit, den Bildungsmöglichkeiten, des Friedens, des gemeinsamen Europas. Paradiesische Zustände, wie noch keiner unserer Vorfahren sie erleben durfte. Und ich verspüre die Verpflichtung, davon abzugeben an die, die unter solch erbärmlichen Zuständen ihr Dasein fristen müssen. Wie diese Salzarbeiter. Das Reisen und mein Blick auf andere Lebensumstände verändern sich.“ (S. 82)

Als er Zeuge schlimmster Menschenrechtsverletzungen wird, erfindet er aberwitzige Aktionen, um Aufmerksamkeit auf die Not anderer zu lenken.

„Ich will mich einsetzen. Massiv, körperlich, intellektuell. Nicht im Entferntesten kommt mir der Gedanke, dass diese Entscheidung meine weitere Zukunft komplett verändern würde. Ich mache die neue Erfahrung, dass mein Abenteuer auf einmal einen Sinn erfährt, mein Leben eine ganz andere Erfüllung.“ (S. 126)

Etwa die drohende Ausrottung der Yanomami in Brasilien durch die Goldsucher-Mafia, der er mit Zivilcourage den Kampf ansagt. Auch berichtet er von der Zeit in jordanischen Gefängnissen und den Wüstenkarawanen, die ihn mit Muslimen vertraut machten. Es ist ein kleines Erlebnis, das ihn tief berührt und seine Liebe zu Nordafrika, den Menschen, ihrer Kultur und der Exotik des Orients begründet hat. Es war die Urkeimzelle seiner Verbundenheit mit der Wüste und nomadischer Gastfreundschaft und erweist sich als Zündfunke für sein weiteres Leben.

„Aktionen zu starten, die bereits hundertfach von anderen zelebriert wurden, ist öde, zeugt von mangelnder Kreativität und mindert die Bedeutung des Projektes. Nur Einmaliges kann mit medialer Wahrnehmung rechnen, dessen Bekanntheitsgrad mehren und damit auch die Durchsetzungskraft stärken. Meine Aktionen für die Yanomami hatten 20 (!) Jahre gedauert. Erst dann war die pro-indianische Lobby stark genug geworden, um einen akzeptablen Frieden für dieses große Regenwaldvolk durchzusetzen. Erst danach war ich frei für Neues.“ (S. 217)

Frei für die Arbeit mit seiner Organisation TARGET e. V. und dem Islam als Partner, unterstützt durch muslimische Autoritäten in Ländern wie Mauretanien und Äthiopien. Mit dem Ziel, für das er mit nie erlahmender Kreativität kämpft: die Ächtung Weiblicher Genitalverstümmelung von Mekka aus.

„Ich erzähle ihm vom Thema Verstümmelung, dass wir Augenzeugen geworden sind und fragen, ob wir ihm die Bilder zeigen dürfen. Wir dürfen. Er schaut sie sich sehr lange an, bleibt sprachlos und wird blass. ‚Das geschieht mit meinen Mädchen?‘, fragt er schließlich leise.“ (S. 229)

Rüdiger Nehberg warnt vor den schwer zumutbaren Schilderungen dessen, was den Mädchen bei der Beschneidung geschieht, was dies aus ihnen macht und welche Probleme es ihnen in ihrem weiteren Leben bereitet – und es ist unvorstellbar grausam, was man da liest. Aber es verdeutlicht auch, wie wertvoll und wichtig der Kampf dagegen ist. Ein Kampf, den er gemeinsam mit seiner Frau Annette bis zu seinem Lebensende führt.

Rüdiger Nehberg verstarb am 01. April 2020, wenige Tage vor Erscheinen dieses Buches. Es stimmt mich traurig, dass er die Vision, mit der er sein Buch enden lässt, nicht mehr selbst erleben kann. Aber mit seinem „Bis dann, vielleicht demnächst, Rüdi Rastlos“ bringt einen der willensstarke Abenteurer dann doch wieder zum Lächeln. Ein beeindruckendes Lebenswerk, eine lesenswerte Autobiografie.

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Rüdiger Nehberg
Dem Mut ist keine Gefahr gewachsen
Ein abenteuerliches Leben
Hardcover mit Schutzumschlag, 432 Seiten
ISBN: 978-3-89029-537-4
Preis: € 22,00 [D], € 22,70 [A]
Verlag: Malik
Erschienen: 06.04.2020

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

erLESENer Dezember 2019

Im Lesemonat Dezember durchlitt ich mit Stoner stoisch alles Erdenkliche, mauerte mich in Angola ein und nahm Doris Dörries Einladung zu Schreiben an.

Bücherwelten – bereichernd und beruhigend, wenn das richtige Buch in die Realität eingreift…

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Stoner von John Williams
Der Roman erzählt vom Leben William Stoners, der als Farmerssohn an der Universität das Studium der Agrarwirtschaft beginnt und dort seine Leidenschaft für Literatur entdeckt. Ein Buch, dessen atmosphärische Erzählkunst mich beeindrucken konnte und Lust darauf macht, mehr von John Williams zu lesen. Sehr empfehlenswert!

Eine allgemeine Theorie des Vergessens von José Eduardo Agualusa
Ein Roman der vom Wandel und von den Wunden Angolas erzählt, indem er eine fantastische und doch ganz und gar wahre Geschichte rund um die junge Ludovica webt, die sich für dreißig Jahre in ihrer Wohnung einmauert, nachdem sie am Vorabend der angolanischen Revolution einen Einbrecher in Notwehr erschossen hat.  Durchwachsen.

Leben, Schreiben, Atmen von Doris Dörrie
Eine Einladung zum autobiographischen Schreiben,  bei der die Autorin sympathisch aus ihrem Leben plaudert. Sehr inspirierend und unkompliziert!

Leben, schreiben, atmen – Doris Dörrie

„Wenn wir darüber nachdenken, was wir so denken, schämen wir uns schnell. Und wenn wir uns schämen, können wir schlecht schreiben. Wofür schämen wir uns? Wir schämen uns, dass wir uns anmaßen, über uns selbst zu schreiben, wir schämen uns für unser kleines Leben, für unsere Unzulänglichkeiten, unsere Lügen, unsere enttäuschten Erwartungen an das Leben und an uns selbst. Dieser Scham entkommt man nur, indem man nicht nachdenkt, sondern weiterschreibt…“

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Doris Dörrie studierte Theater und Schauspiel in Kalifornien und in New York, entschloss sich dann aber, lieber Regie zu führen. Parallel zu ihrer Filmarbeit (zuletzt der Spielfilm „Kirschblüten und Dämonen“) veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Romane und Kinderbücher. Sie lebt in München, unterrichtet dort an der Filmhochschule „creative writing“ und gibt immer wieder Schreibworkshops.

Mit „Leben, schreiben, atmen“ lädt sie zum autobiographischen Schreiben ein. Sie gibt Tipps und kreative Anleitungen und macht gleichzeitig vor, wozu sie den Leser ihres Buches auffordert. Zu Beginn jedes Kapitels gibt sie ein Stichwort vor, zu dem sie auf überaus sympathische Weise über ihr Leben plaudert. Manchmal kommt Doris Dörrie dabei vom Hölzchen aufs Stöckchen, aber das ist durchaus gewollt und wohl auch ein natürlicher Effekt, wenn man frei von der Leber weg schreibt. Sie macht dem Leser vor, wie es geht und gibt am Kapitelende knappgehaltene Erklärungen und Tipps. Und weil sie Lockerheit beim Schreiben in ihren autobiographischen Texten vormacht und ihre Ratschläge nicht dogmatisch daherkommen, fühlt man sich tatsächlich auch in der Lage dazu, ihren anschließenden Aufforderungen zum Schreiben nachzukommen.

So musste ich mich zurückhalten um nicht gleich loszulegen, weil ich das Buch so motivierend empfand. Doch wollte ich es erst zuende lesen, denn „Leben, Schreiben, Atmen“ ist kein Schreibratgeber im eigentlichen Sinne. Das Buch liest sich flüssig und die Autorin versteht es, Dinge aus ihrem Leben zu formulieren und so zu beschreiben, dass sie anschaulich sind und berühren. So erfährt man nach jedem Stichwort immer ein wenig mehr aus ihrem Leben, so dass sich am Ende ein ehrliches und authentisches Gesamtbild ergibt, auch wenn die Fragmente nicht in einer zeitlichen Reihenfolge und recht sprunghaft erzählt sind. Gleichzeitig erinnert man sich an Vergangenes und füllt die Stichworte bereits gedanklich mit eigenen leichtgewichtigen oder schwermütigen Inhalten, selbst wenn man es nicht gleich nach Abschluss des jeweiligen Kapitels niederschreibt.

„Der Schreibmuskel ist ein Muskel, der verkümmert, wenn man ihn nicht trainiert“, so Doris Dörrie. „Leben, Schreiben, Atmen“ ist inspirierend und macht Lust darauf, gleich mit dem Training zu beginnen.

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Doris Dörrie
Leben, schreiben, atmen – Eine Einladung zum Schreiben
Hardcover Leinen, 288 Seiten
ISBN: 978-3-257-07069-9
Preis: € (D) 18.00 / sFr 24.00* / € (A) 18.50 * unverb. Preisempfehlung
Verlag: Diogenes
Erschienen: 1. September 2019

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

erLESENer März

Im Lesemonat März fand ich mit Dr. David Hunter Leichen und Leichenteile in den Backwaters, übte mich mit den Scythe und angehenden Scythe in der Kunst des Nachlesens und sah Stephan Wiesner dabei über die Schulter, wie er einiges Rund ums Thema Fotografie ausprobierte.

Und dann gibt es da noch auf meinem eReader einen angefangenen Roman, der mich mehr mitnimmt als mir lieb ist, der es stellenweise schafft mich zu faszinieren und mich gleichzeitig anwidert, mich nervt und mich nach gelesenen knapp einhundert (von insgesamt dreihundert) Seiten bereits mehrfach in diesem Monat an meine Schmerzgrenze gebracht hat. Der Roman hemmt mich in meiner Lesefreude und lässt mich oft andere Dinge tun, als zu lesen. Aber irgendetwas hat dieses Buch, dass ich es einfach noch nicht abbrechen kann, ihm immer wieder eine neue Chance gebe und den „richtigen“ Zeitpunkt abwarte, um weiter zu lesen. Dabei habe ich nicht den Eindruck, dass es am Ende eines der Bücher werden könnte, das sich gelohnt haben könnte zu lesen – und dennoch…

Bücherwelten, manchmal enorm strapaziös…

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Totenfang von Simon Beckett
Das fünfte Buch aus der David Hunter Reihe in bewährter Qualität. Für Fans ein Muss- und ich bin einer 🙂

Die Hüter des Todes . Scythe 1 von Neal Shusterman
Eine großartige Jugendbuchdystopie, die ich als Hörbuch genoss und von der ich mir unbedingt auch die Fortsetzung anhören werde.

Nicht glauben, ausprobieren! von Stephan Wiesner
Stephan Wiesner beschreibt die fünf Jahre, in denen er seinen YouTube-Kanal startet und von der Informatik immer mehr hin zum Schreiben, Reisen und Fotografieren findet. Interessante und unterhaltsame Zusatzinfos für fotografiebegeisterte Zuschauer.

Nicht glauben, ausprobieren! – Stephan Wiesner

Irgendwann, vor etwa ein bis zwei Jahren, entdeckte ich Stephan Wiesners Youtube-Kanal [Werbung] und war schon recht bald begeistert davon, wie er vieles Rund ums Thema Fotografie erklärt oder auch den Zuschauer mit auf seine Fototouren in die Bergwelt mitnimmt. Im vergangenen Jahr arbeitete ich sein Buch über Landschaftsfotografie durch und freute mich, dass ich darin noch so einiges für mich entdecken konnte.

10_Nicht glauben, ausprobieren

In „Nicht glauben, ausprobieren!“ beschreibt er die fünf Jahre, in denen er seinen YouTube-Kanal startet und sich aus seiner Lebenskrise heraus allmählich weiter entwickelt. Sein beruflicher Weg führt immer weiter weg von der Informatik und immer mehr hin zum Schreiben, Reisen und Fotografieren.

„Sobald ich durch den Sucher schaue, bin ich nur noch im Hier und jetzt. Es ist wie beim Spielen früher als Kind oder beim Klettern. Ich bin nur noch im Augenblick, im Flow. Alle Sorgen sind verschwunden. Wahrscheinlich ist es dieses Gefühl, das andere in Drogen suchen.“ (S. 27)

Und ganz ähnlich wie auch schon in seinen Videos, schafft er es mit seiner unaufgeregten authentischen Art mich zu begeistern und stellenweise auch mitzureißen. Vieles, über das er schreibt, ist mir aus seinen Videos bekannt und ich habe gleich die passenden Bilder vor Augen. Aber ich erfahre auch mehr über die Schwierigkeiten und den teilweise großen Aufwand, der für das Filmen mancher Sequenzen oder für das Fotografieren in der Bergwelt notwendig war.

Gleichzeitig gewährt er einen kleinen Einblick hinter die Kulissen seiner Social Media Kanäle und in sein Privatleben. Von letzterem allerdings doch eher zurückhaltend und etwas Anderes hätte auch zu Stephan Wiesner nicht gepasst, der in diesem Buch selbstreflektiert, kritisch und durchaus sympathisch zurückblickt. Und wie der Buchtitel schon verrät, hat auch Stephan Wiesner viel ausprobiert und ist teilweise Risiken eingegangen, aber er zeigt auch, dass sich das lohnen und zu einem erfüllteren Leben führen kann. Wer jedoch einen Ratgeber erwartet, bei dem es um das Thema „Burnout“ geht oder der dort hinaushelfen soll, wie es der Untertitel „Vom Burnout zum Traumberuf“ vermuten lassen könnte, der dürfte hier allerdings enttäuscht werden. Fotografiebegeisterten Menschen, denen auch die YouTube-Videos und Tutorials von Stephan Wiesner gefallen, kann ich das Buch hingegen als Lektüre für zwischendurch empfehlen.

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Stephan Wiesner
Nicht glauben, ausprobieren!
Taschenbuch, 298 Seiten
ISBN: 978-1977031938
Preis: 15,99 [D]
Verlag: Independently published
Erschienen: 22.03.2018

erLESENer Juni

Im Juni ließ ich mich durch Algorithmen manipulieren, meinte auf meinem niederrheinischen Balkon Meeresrauschen zu hören und salzige Seeluft auf meinen Lippen zu schmecken, lernte die Temperatur kennen, bei der Buchseiten zu brennen beginnen und reiste unter Beachtung strengster Regeln kreuz und quer durch Nordkorea.

Bücherwelten – so fern und manchmal doch so nah.

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Mensch 4.0 von Alexandra Borchardt 
Ob die neuen Technologien uns freier machen oder uns manipulieren, ablenken und benutzen und ob wir mehr mitbestimmen können oder ob wir zu nützlichen Idioten ökonomischer oder politischer Interessen werden ist die Thematik dieses Buches, das interessante Denkanstöße enthält.

Barbarentage von William Finnegan 
Finnegan ist wie besessen vom Surfen und diese Leidenschaft sprang beim Lesen sogar auf mich Nicht-Surfer über. Aber ellenlange Beschreibungen der von Ort zu Ort unterschiedlichen Wellen begannen mich zu langweilen, so dass ich das Buch nach zwei Dritteln abbrach.

highlight_des_monatsjpg Fahrenheit 451 von Ray Bradbury 
Die beängstigende Geschichte von einer Welt, in der das Bücherlesen mit Gefängnis und Tod bestraft wird, ist ein zeitloses Plädoyer für das freie Denken und unbedingt empfehlenwert!

Unterwegs in Nordkorea von Rüdiger Frank 
Bis zu diesem Buch wusste ich nicht, dass es überhaupt möglich ist als Normalsterblicher Nordkorea zu bereisen. Dieser Reiseführer hat viel Interessantes über Land und Gepflogenheiten zu berichten, selbst wenn man nicht vor hat nach Nordkorea zu reisen. Empfehlenswert!

Barbarentage – William Finnegan

William Finnegan, geboren 1952, arbeitet seit 1987 als Journalist für den ‚New Yorker‘. Er schrieb vielbeachtete Reportagen über den Bürgerkrieg im Sudan, das Apartheidsregime in Südafrika und Neonazis in Kalifornien und arbeitete als Kriegsreporter. Schon als Kind verfällt er dem Surfen, das ihm damals Respekt verschafft. Später jagt es ihn hinaus in die Welt – Samoa, Indonesien, Australien, Südafrika. In ‚Barbarentage‘ erzählt er die Geschichte dieser lebenslangen Leidenschaft und gewinnt damit 2016 den Pulizer-Preis in der Kategorie ‚Autobiografie‘. In den USA, in Spanien und in Frankreich stand das Buch monatelang auf den Bestsellerlisten.

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Ich mag autobiografische Bücher von Weltenbummlern, ließ mich von der Leseprobe überzeugen und freute mich aufs Lesen, auch wenn ich nicht die leiseste Ahnung vom Surfen hatte. Eingangs schildert der Autor, wie er zum Surfen kommt und seine Leidenschaft dafür entdeckt. Surfen ist für ihn kein Sport, sondern ein Weg.

„Dieser Weg führte weg vom Bürgerlichen, in der althergebrachten Bedeutung des Wortes, hin zu einer selbstgezimmerten Grenze, an der wir als neuzeitliche Barbaren leben würden. Das war nicht mehr der Tagtraum vom glücklichen Gammler. Es ging deutlich tiefer. Mit echter Hingabe Wellen zu jagen, das war zutiefst egozentrisch und selbstlos zugleich, voller Dynamik und Askese, radikal in seiner Abkehr von den Werten der Pflichterfüllung und vom Erfolg im konventionellen Sinn.“ (S. 129)

Und so erklärt er eines Tages seiner Freundin, dass er nach Westen an die Küste reisen, und irgendwann von Osten zurückkommen werde. Er zieht umher, und wenn es ihm gefällt oder er zur Finanzierung der Weiterreise arbeiten muss, lässt er sich für einige Zeit nieder. Ich las gern darüber, wie er entlegene Orte entdeckt, neue Formen des Daseins kennen lernt und sich dabei persönlich weiter entwickelt.

„Manchmal geriet ich in Panik, fest überzeugt, dass ich meine Jugend damit verschwendete, ziellos auf der dunklen Seite des Mondes umherzuwandern, während in Amerika alte Freunde und Klassenkameraden in meinem Alter sich ein Leben, eine Karriere aufbauten, erwachsen wurden.“ (S. 292)

Lange Zeit ist Finnegan wie besessen vom Surfen und diese Leidenschaft sprang beim Lesen sogar auf mich Nicht-Surfer über. Bei seinen Beschreibungen spürte ich die Wellen, roch das Meer und war bereit Surfen auf der Stelle ausprobieren, weil ich mir sicher war, dass es auch mich einfach begeistern musste.

„Wenn man surft, so wie ich es damals verstand, lebt man für die Wellen, man atmet Wellen. Man weiß immer, wie die Brandung sich entwickelt.“ (S. 141)

Aber bei etwa der Hälfte des Buches ließ meine Begeisterung nach. Ellenlange Beschreibungen der von Ort zu Ort unterschiedlichen Wellen begannen mich zu langweilen, weil ich das Besondere und Hervorhebenswerte eben doch nicht nachvollziehen und nachspüren konnte. Hinzu kommt, dass diese Schilderungen nicht ohne umfangreiches Surfer-Latein auskommen, von dem ich mich manchmal regelrecht erschlagen fühlte, auch wenn ein vierseitiges Glossar typischer Surf-Begriffe am Ende des Buches um Aufklärung des Lesers bemüht ist.

„Es waren Wellen dabei, die ganz sauber vom Point bis in die Bucht brachen, mehrere hundert Meter weit, Wellen von einer Schönheit, dass mir leicht mulmig wurde, als ich sah, wie sie sich dem Offshore-Wind entgegenwarfen. Das hier war kein klassischer Pointbreak nach dem Muster von Rincon. Vor allem weiter draußen sahen wir gewaltige Sections, die unsurfbar wirkten, […]“ (S. 142)

Schließlich ertappte ich mich dabei, wie ich solche Beschreibungen nur noch weiträumig überflog, insgesamt mein Interesse immer geringer wurde und brach nach zwei gelesenen Dritteln das Buch endgültig ab. Die Wellenbeschreibungen waren für mich zu ermüdend, auch wenn ich die Leidenschaft des Autors hierfür durchaus nachvollziehen kann. Auch könnte ich mir vorstellen, dass die Besonderheiten der Wellen an den unterschiedlichen Standorten für passionierte Surfer durchaus interessant, informativ und mitreißend sein könnten, weshalb ich ‚Barbarentage‘ Surfern empfehlen möchte – für mich war dieses Buch leider nicht das Richtige.

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William Finnegan
Barbarentage
Aus dem Englischen von Tanja Handels
Mit fachlicher Beratung von Jens Steffenhagen
Original: Barbarian Days. A Surfing Life, 2015 – Penguin Books
Klappenbroschur, 566 Seiten, mit s/w Fotografien
ISBN: 978-3-518-46873-9
D: 18,00 € | A: 18,50 € | CH: 25,90 sFr
Verlag: Suhrkamp Nova
Erschienen:  07.05.2018

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.