erLESENer April 2021

Im Lesemonat April spielte ich durch, wie mein Leben anders verlaufen wäre, wenn ich andere Entscheidungen getroffen hätte; las und hörte mich mit Pink Floyd zu mehr, als nur die dunkle Seite des Mondes; durchlebte mit der dänischen Dichterin Tove Ditlevsen ihre Kindheit und Jugend bis hin zu ihrer vielschichtigen Abhängigkeit als Erwachsene; reiste mit Christopher Many acht Jahre mit dem Land Rover durch die Welt und war enttäuscht von meinem zunehmenden Desinteresse Dave gegenüber.

Bücherwelten – irgendwo zwischen Verzauberung und Entzauberung.

Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig: Eine tolle Romanidee, die jedoch oberflächlich und schlecht umgesetzt wurde. Immerhin gut als Hörbuch mit Annette Frier vertont.

Pink Floyd – Alle Songs – Die Geschichten hinter den Tracks von Jean-Michel Guesdon und Philippe Margotin: Ein echtes Highlight, nicht zuletzt weil ich mir zu dem Geschriebenen immer auch gleich die Songs meiner Lieblingsband angehört habe. Ein Genuss!

Die Kopenhagen-Trilogie von Tove Ditlevsen: Kindheit, Jugend und Abhängigkeit waren für mich unterschiedlich gut, aber nichtsdestotrotz echte Highlights. Von der Autorin möchte ich gern mehr lesen.

Hinter dem Horizont Links von Christopher Many: 8 Jahre mit dem Land Rover um die Welt erzählt mir zu viel Kritisches über Meinung und Ansichten des Weltreisenden und es kommt zu wenig vom Reiz und Besonderheiten der Reise heraus. Die Jahre spätere vierjährige Reise mit dem Motorrad „Hinter dem Horizont Rechts“ gefällt mir bei weitem besser.

Dave von Raphaela Edelbauer: Weder die Charaktere noch die kaum vorhandene Handlung konnten mich dazu bewegen mich bis zum Schluss durch die unverhältnismäßig gestelzte und überkomplizierte Sprache zu quälen. Das Buch war für mich ein Fehlgriff.

Abhängigkeit – Tove Ditlevsen

„Abhängigkeit” ist der dritte und abschließende Teil der „Kopenhagen-Trilogie“, in der Tove Ditlevsen (1917 – 1976) autofiktional über ihr Leben schreibt. Das Buch schließt nahtlos an „Kindheit“ und „Jugend“ an.

Tove Ditlevsen ist mit dem 30 Jahre älteren Viggo F. verheiratet, der in seiner Zeitschrift ihr erstes Gedicht publizierte und ihr Dank seiner Kontakte beim Veröffentlichen ihres ersten Buches half. Doch die Ehe ist nicht glücklich. Erst als sich ‚Der Club der jungen Künstler‘ mit knapp einem Dutzend junger Menschen jeden Donnerstagabend trifft, gewinnt ihr Leben wieder an Farbe und Fülle. Sie lernt dort unter anderem Piet Hein kennen und verlässt Viggo F.

„Jetzt musst du vom Schreiben leben, es hat keinen Sinn, sich von einem Mann durchfüttern zu lassen, auch wenn dir das deine Eltern eingeredet haben.“

(S. 32)

Nachdem Piet Hein sie verlässt, verliebt sie sich in den Studenten Ebbe. Sie heiraten und bekommen ein Kind. Tove Ditlevsen geht es in dieser Zeit gut, doch seit der Geburt hat sie die Lust auf Sex verloren. Als sie schwanger wird, beschließt sie das Kind abzutreiben, doch Ebbe und Tove entfernen sich dennoch immer weiter voneinander. Als sie schließlich den Medizinstudenten Carl kennenlernt, betrügt sie Ebbe und wird erneut schwanger. Carl nimmt die Abtreibung vor und verabreicht Tove dabei das Betäubungsmittel Pethidin.

„Pethidin, denke ich, der Name klingt in meinen Ohren wie Vogelgezwitscher: Ich beschließe, den Mann nie wieder loszulassen, der mir einen so unbeschreiblichen, beglückenden Genuss bereiten kann.“

(S. 86)

Daraufhin verlässt sie Ebbe und heiratet Carl, der sie nicht nur über Jahre hinweg mit Pethidin, sondern auch mit Chloralhydrat und Methadon versorgt. Während sie anfangs unter geringer Methadon-Dosis noch schreiben und einiges veröffentlichen kann, vegetiert sie irgendwann nur noch dahin und gehört nicht einmal mehr zum Alltag ihrer Kinder. Es folgen der Entzug und ein neuer Mann.

Tove Ditlevsen versteht es, eindrucksvoll ihre Erlebniswelt so zu schildern, dass sie beim Lesen nachvollziehbar wird. Ihre Sprache ist klar und wohl dosiert bildhaft. Intensiv erzählt sie von ihrem Leben als Ehefrau, Mutter und Schriftstellerin, aber auch von ihrer Abhängigkeit von den verschiedenen Männern und nicht zuletzt von den Medikamenten. Es ist ein ehrliches Buch, mit dem sich die Autorin verletzbar macht. Denn sie entschuldigt nicht ihr Verhalten und versucht es auch nicht zu rechtfertigen. Aber wenn man sie sucht, findet man beim Lesen die leisen Erklärungen und hat doch nicht das Gefühl, dass hier die Autorin ihr Leben reflektiert. Vielmehr erzählt sie eine Geschichte – ihre Geschichte – und überlässt es dem Leser, wie er sie für sich werten möchte.

Erschienen ist dieses Buch 1971 und birgt in seinem scheinbar glücklichen Ende eine gewisse Tragik. Denn Wikipedia verrät, dass Tove Ditlevsen durch eine Überdosis Schlaftabletten 1976 starb, nachdem sie zwei Jahre zuvor bereits einen Suizidversuch unternommen hatte.

Die „Kopenhagen-Trilogie“ war ein intensives Leseerlebnis und ich fand die Bücher großartig. Die Geschichte von Tove Ditlevsen wirkt nach, so dass ich gerne mehr von dieser Autorin lesen möchte. Mir scheint es nicht allein so zu gehen, denn nicht einmal auf dem Gebrauchtbüchersektor ist, abgesehen von dieser Trilogie, etwas Deutschsprachiges von Tove Ditlevsen verfügbar. Es würde mich freuen, wenn der ein oder andere Verlag das ändern würde – vielleicht ja wieder der Aufbau Verlag und sehr gern wieder in einer Übersetzung von Ursel Allenstein.

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Tove Ditlevsen
Abhängigkeit – Kopenhagen-Trilogie, Band 3
Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Original: Gift, Gyldendal, Kopenhagen, 1971
Gebunden mit Schutzumschlag, 176 Seiten
ISBN: 978-3351038700
Preis: 18,00 € [D]
Verlag: Aufbau Verlag
Erschienen: 15.02.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Jugend – Tove Ditlevsen

„Jugend” ist der zweite Teil der „Kopenhagen-Trilogie“, in der Tove Ditlevsen (1917 – 1976) autofiktional über ihr Leben schreibt. Das Buch schließt nahtlos an „Kindheit“ an und beschreibt die Zeit nach ihrer Konfirmation, also ab dem Alter von etwa 14 Jahren bis zum Erscheinen ihres ersten Gedichtbands.

„Das Jungsein ist ein vorübergehender, zerbrechlicher und unbeständiger Zustand. Er muss überwunden werden, einen anderen Sinn hat er nicht.“

(S. 105)

So die Erkenntnis von Tove Ditlevsen, die sich in ihrem trostlosen Elternhaus und diversen Arbeitsplätzen so gefangen fühlt, dass sie eine Zeitlang keine Gedichte mehr schreibt, weil sie nichts in ihrem Alltag dazu inspiriert. Als sie endlich achtzehn Jahre alt ist zieht sie aus und mietet sich nicht nur ein unbeheiztes Zimmer bei einer Nazi-Vermieterin, sondern auch eine Schreibmaschine, um ihre Gedichte ins Reine zu tippen.

Sie durchlebt ihren Arbeitsalltag, die Abende mit Nina, die ihr eher nützlich als eine Freundin ist und knüpft erste Bande zu jungen Männern. Doch beim Lesen bekommt man den Eindruck, dass Tove Ditlevsen in dieser Zeit weder Fleisch noch Fisch ist. Sie ist erfüllt von einem Hunger nach großen Gefühlen, ist jedoch nicht in der Lage sie zu fühlen. Sie gleicht einem Kind, das in die Welt der Erwachsenen aufgenommen wurde, sich dort aber noch nicht zurechtfindet. Und so bleibt auch ihre Sehnsucht nach Liebe unerfüllt, selbst als sie aus Vernunftgründen eine Verlobung eingeht, die sie aus Vernunftgründen dann auch wieder löst.

Ihr einziger Trost sind eine Handvoll Gedichte, von denen schließlich eines in einer Zeitung mit einer Auflage von 500 Stück veröffentlicht wird. Es erweist sich als Türöffner, der ihr zu ihrem ersten Gedichtband verhilft.

„Mein Buch! Ich nehme es in die Hand und empfinde ein feierliches Glück, das nichts gleicht, was ich je gefühlt habe. Tove Ditlevsen. Mädchenseele. Es kann nicht mehr zurückgezogen werden. Es ist unwiderruflich. Das Buch wird immer da sein, unabhängig davon, wie sich mein Schicksal gestaltet.“

(S. 130)

Davon abgesehen empfindet sie ihre Jugend aber als nichts als einen Mangel und ein Hindernis, das nicht schnell genug überwunden werden kann. Das würde ich zwar so nicht über das Buch „Jugend“ behaupten wollen, aber es transportiert genau dieses Gefühl. Tove Ditlevsens Sprache ist auch in diesem Buch bildhaft und lyrisch, aber nicht mehr in dem Umfang, wie in „Kindheit“. Auch wenn ich dies ein wenig vermisst habe, so sorgt genau diese zurückhaltendere Verwendung der Stilmittel für ein stimmiges Gesamtbild. Zumindest bisher, denn nun geht es für mich weiter mit „Abhängigkeit“, dem dritten Teil der Kopenhagen-Trilogie.

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Tove Ditlevsen
Jugend – Kopenhagen-Trilogie, Band 2
Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Original: Ungdom, Gyldendal, Kopenhagen, 1967
Gebunden mit Schutzumschlag, 154 Seiten
ISBN: 978-3351038694
Preis: 18,00 € [D]
Verlag: Aufbau Verlag
Erschienen: 15.02.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Frisch auf dem Buchmarkt: April 2021

In den Verlagsvorschauen für den April habe ich einige Bücher gefunden, die ich im Auge behalten und vielleicht auch lesen möchte. Es geht ums reisen und dabei weltwach zu bleiben; um fünfhundert Kinder aus einem Moskauer Waisenhaus, die im Sommer 1944 in den Kaukasus verschickt werden; um ein Mädchen aus Ghana, das im deutschen Exil täglich damit konfrontiert ist, anders zu sein; um Björn Dremel auf Pilgerpfaden; um die Biografie Meister Eckharts; um zwei Schwestern, die sich vielleicht doch nicht so nah standen, wie es erst scheint; um eine dystopische Welt mit einer Wirklichkeit, die die Zukunft und Vergangenheit der Menschheit in Frage stellt; um eine radfahrende Rebellin; um eine Eulenflüsterin und um ein Mädchen, das in ihrer Kindheit und Jugend versucht mit der Schizophrenie ihrer Mutter zurecht zu kommen.

Aber schaut selbst, vielleicht ist ja für euch auch etwas Interessantes dabei:

01.04.2021: Weltwach: Mit offenen Augen ins Abenteuer [Werbung] von Erik Lorenz: Abenteuer. Reisen. Leben. Eine Nacht unter freiem Himmel im Naturschutzgebiet Königsforst. Auf dem Motorrad durch den Himalaja. Anrührende Begegnungen auf einer Jurtenfarm in Australien. Erik Lorenz, Herausgeber des erfolgreichen Reisepodcasts WELTWACH, lässt in diesem Buch nicht nur prominente Gäste wie Andreas Altmann, Ilija Trojanow, Carmen Rohrbach, Ranga Yogeshwar und Reinhold Messner zu Wort kommen, sondern lotet anhand der eigenen Abenteuer aus, warum Reisen so wertvoll für uns sind und was sich auf ihnen zu suchen lohnt: vom Zauber der ersten Stunden an einem fremden Ort, dem Überwinden innerer Grenzen bis hin zum Ablegen eigener Vorurteile. Es sind die Momente größter Intensität und innerer Ruhe sowie die Begegnungen mit den Menschen, die ihn immer wieder antreiben, vor die Haustür zu treten und aufzubrechen. Eindrücklich schildert er, warum auch im Zeitalter von Pauschaltourismus und Klimawandel kleine wie große Abenteuer möglich und wichtig sind. Weshalb eine genetische Veranlagung für unsere Rastlosigkeit mitverantwortlich ist. Und welche kostbaren Lektionen man auf Reisen für das Leben lernen kann: über Scheitern und Angst, Neugierde und Verantwortung – und den Mut, den ersten Schritt zu wagen. Umsichtig und mit Blick für das Wesentliche zeigt er dabei auf, wie es uns gelingt, weltwach zu sein.

12.04.2021: Schlief ein goldnes Wölkchen [Werbung] von Anatoli Pristawkin: Ein wiederentdecktes Meisterwerk: berührend und bristant. Fünfhundert Kinder aus einem Moskauer Waisenhaus werden im Sommer 1944 in den Kaukasus verschickt, unter ihnen Saschka und Kolka. Die elfjährigen Zwillinge hoffen, endlich ihren quälenden Hunger hinter sich zu lassen. Doch bereits ihre Ankunft wird von bedrohlichen Detonationen in den nahe gelegenen Bergen begleitet. Bewaffnete Tschetschenen, die der Zwangsaussiedlung entfliehen konnten, setzen sich erbittert gegen die russischen Eindringlinge zur Wehr – und die Brüder geraten nach Momenten überwältigenden Glücks in größte Gefahr. Anatoli Pristawkin bringt die politischen Realitäten so ungeschönt zur Sprache, dass sein Werk in Russland erst mit Beginn der Perestroika erscheinen durfte. Jetzt in aktualisierter und überarbeiteter Übersetzung, unzensiert.

13.04.2021: Wir Gotteskinder [Werbung] von Nana Oforiatta Ayim: Maya Mensah ist im deutschen Exil täglich damit konfrontiert, anders zu sein. Auch ihre Eltern sind anders. Ihr Vater ist ein scheuer Intellektueller, und ihre schöne Mutter liebt es, das Geld mit vollen Händen auszugeben und an ihre königliche Abkunft zu erinnern. Doch wenn Maya in der Schule von ihrer glanzvollen Familie erzählt, wird sie verspottet. Beistand leistet ihr einzig ihr Cousin Kojo. Maya ist fasziniert von seinen farbenprächtigen Erzählungen aus Ghana, an das sie sich kaum erinnern kann. Sie klingen für sie wie Märchen, die mythisch und wirklich zugleich scheinen, und öffnen ihr den Blick: für ein Land, das seine Seele nach all den Jahren der Kolonialzeit erst wiederfinden muss, für ihre entwurzelten Eltern ― und endlich erkennt sich Maya als Teil dieser Geschichte. Poetisch, fesselnd, faszinierend ― » Wir Gotteskinder« ist wahre Weltliteratur und eine Hymne an das Geschichtenerzählen als verbindendes Glied zwischen den Kulturen.

26.04.2021: Achtsam morden am Rande der Welt [Werbung] von Karsten Dusse: Finde dich selbst. Bevor es ein anderer tut. Um der Midlifecrisis zu entgehen, begibt sich Björn Diemel auf Anraten seines Therapeuten auf Pilgerreise. Schnell stellt sich als Erkenntnis auf dem Jakobsweg heraus, dass Björns Leben die Mitte bereits längst überschritten haben könnte: Ein unbekannter Mitpilger versucht, ihn zu töten. Während bei den scheiternden Anschlägen auf ihn ein Pilger nach dem anderen seinen Lebensweg verlässt, versucht Björn ganz achtsam, sich seiner Haut zu wehren. Seine Pilger-Fragen nach Leben, Tod und Erfüllung bekommen plötzlich eine sehr praxisnahe Relevanz.

26.04.2021: Meister Eckhart: Der Mönch, der die Kirche herausforderte und seinen eigenen Weg zu Gott fand [Werbung] von Joel F. Harrington: Er ist der Ahnherr der Selbsthilfephilosophie, der Guru der New Age-Bewegung, die Millionen von Anhängern hat: Meister Eckhart, Dominikaner, Mystiker und Philosoph. Doch wer war der Mann hinter den Lehren, die nach sieben Jahrhunderten noch Menschen begeistern? Wie sind seine Ideen entstanden? Der Mönch aus Thüringen zeigte damals, dass nur der persönliche Weg zu Gott zum Seelenheil führt und predigte, dass diese spirituelle Erfahrung allen möglich war, die die innere Haltung des Loslassens („Gelâzenheit“) einnahmen. Dieses verblüffend moderne Denken brachte den Mönch Eckhart in Konflikt mit der Kirche, die sich von der Sprengkraft seiner Ideen herausgefordert fühlte. Der Historiker Joel F. Harrington hat sich auf die Spuren des bedeutenden Mystikers begeben und lässt in seiner Biographie eine der faszinierendsten Figuren des Mittelalters auferstehen.

28.04.2021: So wie du mich kennst [Werbung] von Anika Landsteiner: »Warum reden wir den ganzen Tag und erzählen uns doch so wenig?« Karlas Leben ist stehengeblieben. Sie trägt eine Urne nach Hause, darin die Asche ihrer Schwester Marie. Und plötzlich ist nichts mehr so, wie es einmal war. Marie war Karlas Seelenverwandte, ihr Kompass in diesem Chaos, das sich Leben nennt. Und während sich dieses Chaos um sie herum einfach weiterdreht, reist Karla nach New York, um dort die Wohnung ihrer Schwester aufzulösen. Als sie Fotos findet, die so verstörend wie alltäglich sind, fragt sie sich, wie gut sie Marie wirklich kannte. Die Schwester, die so ganz anders lebte als sie. Die erfolgreich und selbstbewusst war. Was Karla auf den Bildern sieht, verändert ihren Blick auf Marie, ihren Blick auf sich selbst und auf das ganze Leben vor ihr. Anika Landsteiner erzählt eindringlich, bewegend und aufrüttelnd von Frauen wie uns. Von Menschen wie dir und mir.

28.04.2021: Singularity [Werbung] von Joshua Tree: Schafft sich die Menschheit selber ab? »Singularity« ist der neue Science-Fiction-Thriller von Bestseller-Autor Joshua Tree über die Zukunft der künstlichen Intelligenz. Ende des 21. Jahrhunderts ist die Menschheit tief gespalten: Während die eine Hälfte medizinisch bestens versorgt ein langes Leben führt, ist die andere schlicht überflüssig. Bestenfalls als billige Arbeitskräfte haben die meisten Menschen ein karges Auskommen.
Einer dieser Überflüssigen ist James, der als Hausdiener der neuen Elite anheuert. Von seinem neuen Herrn erhält er einen rätselhaften Auftrag: Er soll dessen vor zwanzig Jahren verschollene Tochter wiederfinden – in einer virtuellen Simulation. Schon bald muss er erkennen, dass nicht bloß die Grenzen von VR und Wirklichkeit verschwimmen, sondern auch die von Mensch und Maschine. Und ihm offenbart sich ein schreckliches Geheimnis, das die Zukunft und Vergangenheit der Menschheit in Frage stellt.

30.04.2021: Die Rebellion der Alfonsina Strada [Werbung] von Simona Baldelli: Schon als kleines Mädchen hat Alfonsina Strada einen großen Traum: Fahrrad zu fahren und das möglichst schnell. 1891 als eines von vielen Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen im norditalienischen Dörfchen Fossamarcia geboren, saust sie auf dem alten Drahtesel ihres Vaters heimlich durch die Nacht. Trotz Verbots meldet sie sich zu Rennen an, gewinnt und will noch mehr: am großen Giro d’Italia teilnehmen, für den jedoch nur Männer zugelassen sind. Mit Mut, Fantasie und dem unerschütterlichen Glauben an sich selbst bereitet sie sich auf den Coup ihres Lebens vor … 

30.04.2021: Die Eulenflüsterin [Werbung] von Tanja Brandt (TB): „Ich war ein Kind, das nie gewollt war“, sagt Tanja Brandt, wenn man sie zu ihrer Kindheit befragt. Schmerzhaft sind die Erinnerungen an ihr Elternhaus. In ihrem ganz persönlichen Buch schreibt sie über ihren harten Lebensweg und über die Liebe zu ihren Tieren, die sie daran erinnert, dass Träume wahr werden können. Und sie lernt von ihren Tieren, was es braucht, um glücklich zu sein: Mitgefühl, Fürsorge und Verlässlichkeit.

30.04.2021: Als Mama mit der Lampe sprach [Werbung] von Nilüfer Türkmen: Nelly ist erst vier, als ihr Vater stirbt. Von nun an ist sie allein mit ihrer Mutter. Doch Nellys Mutter ist krank, sie erteilt unsinnige Verbote, impft dem kleinen Mädchen Angst vor Infektionen und Entführern ein. Und sie spricht mit Michael, der in der Lampe wohnt, der eigentlich gar nicht da ist, aber trotzdem alles über die beiden weiß. Nellys Mutter leidet an Schizophrenie, nicht alles, was sie sieht und hört, existiert auch wirklich. Tapfer schlägt sich das Mädchen durch – und versucht zu verstehen, was „wirklich“ ist, und was nicht. Nilüfer Türkmens Erfahrungsbericht ist ein berührendes Zeugnis einer Kindheit und Jugend. Und er lässt uns einen Blick in eine verborgene Welt werfen, die viel mehr Menschen betrifft, als wir gemeinhin glauben.

Kindheit – Tove Ditlevsen

Manche Hypes gehen einfach an mir vorüber und so schaute ich mir in der vergangenen Woche den Literaturclub von März an, ohne zuvor jemals etwas von Tove Ditlevsen gehört oder gelesen zu haben. Doch als dort Lara Körte eine Passage aus „Kindheit“ vorliest, bin ich gleich wie elektrisiert und beginne bereits wenige Stunden später das Buch selbst zu lesen.

Tove Ditlevsen ist 1917 in einem Arbeiterviertel in Kopenhagen geboren und hat 1967 während eines Klinikaufenthalts begonnen an „Kindheit“, dem ersten Buch ihrer autofiktionalen Kopenhagen-Trilogie, zu schreiben. Als dieses Buch in Dänemark erschien, hatte Tove Ditlevsen in Dänemark längst jene Berühmtheit als Dichterin erlangt, von der sie schon als kleines Kind träumte. Während die kindliche Dichterin noch ‚voller Lügen‘ steckte, wie es ihr Bruder Edvin ausdrückte, machte sie als Erwachsene mehr oder weniger unverholen Gebrauch von der eigenen Biographie. „Schreiben heißt, sich selbst auszuliefern“ sagte sie einmal, „sonst ist es keine Kunst. Man kann das verschleiern, aber letzten Endes schreibt man doch immer über sich selbst.“

Als Arbeiterkind, noch dazu als Mädchen, wird Tove Ditlevsen in eine Welt geboren, die äußerst ungünstige Voraussetzungen für sie bietet. Sie entdeckt schon sehr früh das Lesen und das Schreiben für sich, worin sie Zuflucht findet. Aber Frauen werden zu dieser Zeit keine Dichter, erst recht nicht, wenn sie in lieblosen ärmlichen Zuständen aufwachsen, die von Demütigung geprägt sind. Denn der Frau ist es bestimmt Hausfrau und Mutter zu werden – in ihre Bildung zu investieren ist Zeit und Geldverschwendung.

„Doch selbst wenn sich niemand sonst für meine Gedichte interessiert, bin ich gezwungen, sie zu schreiben, denn sie dämpfen die Trauer und Sehnsucht in meinem Herzen.“

(S. 92)

Einige der Gedichte, in denen sie von einem anderen Leben träumt, kann man in diesem Buch lesen, aber vielmehr bin ich beeindruckt von der Art, wie sie ihre Kindheit beschreibt. Sie erzählt einerseits so ungeschminkt und schonungslos, dass es beim lesen schmerzt und man als „Frau von Heute“ die allgemein übliche Ungerechtigkeit vergangener Zeiten kaum ertragen kann. Aber es kommt andererseits auch die Dichterin Tove Ditlevsen zum Vorschein, die treffende Metaphern findet und sich an den passenden Stellen lyrisch genau so auszudrücken versteht, dass es nicht überladen wirkt und man sich vor ihrem sprachlichen Talent einfach nur bewundernd tief verneigen möchte.

„[…] und ohne, dass ich es weiß, sinkt meine Kindheit leise auf den Grund der Erinnerungen, dieser Seelenbibliothek, aus der ich bis an mein Lebensende Wissen und Erfahrungen schöpfen werde.“

(S. 98)

Mit 118 Seiten ist „Kindheit“ ein eher schmales Büchlein, das es jedoch in sich hat. Ich werde unbedingt weiter lesen und bin nun gespannt auf „Jugend“, den zweiten Band der Kopenhagen-Trilogie.

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Tove Ditlevsen
Kindheit – Kopenhagen Trilogie, Band 1
Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Original: Barndom, Gyldendal, Kopenhagen, 1967
Gebunden mit Schutzumschlag, 118 Seiten
ISBN: 978-3-351-03868-7
Preis: 18,00 € [D]
Verlag: Aufbau Verlag
Erschienen: 18.01.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

erLESENer Februar 2021

Im Lesemonat Februar las ich ein Buch über einen Jungen, der mit den psychischen Erkrankungen in seiner Familie zurecht kommen musste; ich las über einen Jungen, der mit dem Hunger kämpfte und seinen Wissensdurst mit Büchern stillte; ich las über einen stotternden Jungen, der sich die Welt mit Pink Floyd erklärte; ich las über die Entstellung einer jungen Frau und war gänzlich gebannt von der majästetisch gefährlichen Ausstrahlung der Tiger.

Triceratops von Stephan Roiss: Ein Buch, an dessen Handlung ich mich nach einem Monat kaum noch erinnern kann.

Der Junge, der den Wind einfing von William Kamkwamba: Die autobiografische Geschichte eines wissbegierigen Jungen in Malawi, die mich berühren konnte und auf mehreren Ebenen ansprach. Beeindruckend!

Tiger von Polly Clark: Stark und sehr atmosphärisch wenn es um Naturbeschreibungen und Tiger geht, aber mit kleinen Schwächen in der Geschichte. Lohnt sich aber dennoch.

Quecksilber von Amélie Nothomb: Ein weiterer kurios überraschender Roman der Autorin, der mich begeistern konnte.

Die Kinder hören Pink Floyd von Alexander Gorkow: Momentaufnahmen eines zehnjährigen Jungen Mitte der 1970er Jahre, der mit viel Fantasie und Pink Floyd groß wird. Sehr musiklastig und empfehlenswert für Fans der Band. Ich habe es sehr genossen.

Die Kinder hören Pink Floyd – Alexander Gorkow

Wie sagt man heute so bezeichnend: „Ich bin so ein Opfer!“. Und genau das trifft es auch. Ich lese den Namen einer meiner langjährigen Lieblingsbands in Regenbogenfarben auf einem schwarzen Buch und weiß nicht nur sofort, auf welches Plattencover das eine Anspielung sein könnte, sondern auch, dass ich dieses Buch lesen muss. Unbedingt! Denn ich fühle mich ein wenig ausgehungert nach der Musik der 1965 gegründeten Band Pink Floyd, die ich in den 1980er Jahren live in Dortmund und in Köln auf der Bühne erleben durfte. Die mich rund 20, vielleicht sogar 30 Jahre meines Lebens intensiv begleitet hat und doch irgendwann immer mehr in den Hintergrund gerückt ist. Von dem Buch weiß ich vorab nur, dass es einen in die 1970er Jahre mitnimmt und hoffe, dass in dem Roman ganz viel von meiner Lieblingsmusik enthalten ist. Glücklicherweise werden meine Erwartungen sogar noch übertroffen.

Denn der 1966 in Düsseldorf geborene Autor Alexander Gorkow ist nicht nur etwa mein Jahrgang, sondern nimmt mich in seinem autobiografischen Roman mit in ein Leben in den 1970er Jahren, wie ich es zu Teilen ähnlich selbst erinnere. Eine Kindheit mit Altnazis, der ZDF-Hitparade, mit Heino als Feindbild, dem Balkan-Grill, dem Traum von der Einbauküche, gänzlich fehlender Political Correctness und viel politischem Erwachsenengerede, mit dem ich als 10jährige ebenso wenig anfangen konnte, wie der gleichaltrige Ich-Erzähler dieses Buches. Im Gegensatz zu mir stottert dieser zwar und eifert seiner herzkranken älteren Schwester, zu der er ein besonderes Verhältnis hat, nach, aber mich verbindet mit beiden die gemeinsame Liebe zu der Musik von Pink Floyd. Und von der steckt ganz viel in diesem Buch.

Der Zehnjährige beschreibt den Klang der Lieder, sodass sie mir beim Lesen gleich im Ohr klingen. Er zitiert Textstellen daraus oder bezieht sich auf diese und schildert anschaulich das Aussehen der Plattencover. Die Liebe seiner jugendlichen Schwester zu dieser Band ist auch seine geworden. Er erklärt sich die Welt mit ihren nicht immer ernst gemeinten und teilweise auch entnervten aufmüpfigen Äußerungen, mit Pink Floyds Liedtexten und seiner überbordenden Fantasie. Denn so psychedelisch die Musik dieser Band ist, so sind es teilweise auch die kindlichen Gedanken des Jungen. In seiner Welt und seiner Logik als Zehnjähriger sind sie erklärbar und nachvollziehbar. Das Buch wirft einen liebevollen Blick auf die unterschiedlichen Charaktere mit all ihren Ecken und Kanten und schafft es mich zu berühren. Ich fühle mich beim Lesen ein wenig an meine Zeit in dem Alter erinnert und mir fallen eigene abstruse Kindheitsideen und Erklärungsversuche unvorstellbar erscheinender Vorgänge ein. Gelegentlich bringt es mich sogar zum Lachen. Aber es ist kein spöttisches Lachen, sondern ein warmes Lachen, das aus lebendiger Erinnerung gespeist wird und dem Verständnis, dass man selbst manches in dem Alter einfach nicht besser wusste.

Irgendwann springt in dem Buch der Zeitraffer an und man rast regelrecht bis in die jetzige Zeit. Es werden noch einige Meilensteine im Älterwerden des Protagonisten erwähnt und natürlich auch einige aus der Historie von Pink Floyd. Das wirkt insgesamt jedoch etwas gehetzt, was ich beim Lesen bedauernswert finde. Und doch ist auch dies eine nachvollziehbare Vorgehensweise, weil irgendwann die Kindheit vorbei und die Band selbst einfach Geschichte ist. Aber es ist eben auch kein Buch in dem minutiös alle Einzelheiten zu Pink Floyd aufgeführt werden. Es ist die Geschichte eines Jungen, den Pink Floyd über lange Strecken durch sein Leben begleitet hat – und es auch bei ihm als Erwachsenen immer mal wieder tun wird, weil mit dieser Band für immer unvergessliche Erinnerungen für ihn verbunden sein werden.

Und für mich wird es jetzt Zeit bei Spotify endlich eine Pink-Floyd-Playlist anzulegen. Denn nachdem ich mich in den 2000er Jahren von meiner Plattensammlung getrennt habe, scheine ich mir auch nicht mehr alle Alben als CDs zugelegt zu haben. Die Zeiten ändern sich, aber eins bleibt: Ich habe den Anfang von „Have A Cigar“ im Ohr und starte dem völlig zuwider handelnd mit dem 1977 erschienen Album „Animals“, gespannt darauf, ob mich die Remastered Version von 2011 noch packen kann. Spätestens als die Hunde bellen und danach die Gitarre einsetzt, bekomme ich eine erste Gänsehaut. Alles gut.

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Alexander Gorkow
Die Kinder hören Pink Floyd
Gebundene Ausgabe, 192 Seiten
ISBN: 978-3-462-05298-5
Preis: 20,00 € [D]
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erschienen: 11.02.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Der Junge, der den Wind einfing – William Kamkwamba

Mehr, als dass diese Geschichte von einen wissbegierigen Jungen handelt, der in Malawi aufwächst und mit 14 Jahren ein Windrad baut, war mir im Vorfeld über dieses Buch nicht bekannt. Aber ich hatte große Lust darauf, wieder einmal etwas für meine BUCHweltreise zu lesen und so ging es dieses Mal für mich nach Malawi, in ein Land, das zwischen Mosambik, Sambia und Tansania liegt und über das ich nicht das Geringste wusste. Belohnt wurde ich mit einer wahren Geschichte, die mich tief berührte und auf vielen Ebenen ansprach.

William Kamkwamba wurde 1987 in Malawi geboren und wächst in einem der ärmsten Staaten der Welt auf. Malawi kämpft gegen Dürre, Hunger und AIDS, nicht jeder hat Zugang zu frischem Wasser oder gar Elektrizität. In vielen Dörfern herrscht der Glaube an Magie vor, während Bildung Mangelware bleibt. Wie viele andere malawische Kinder muss William schon früh die Schule verlassen und auf der Farm seiner Familie mithelfen, weil seine Eltern die Schulgebühren nicht bezahlen können.

Fasziniert von Naturwissenschaft und Technik eignet sich der Junge dank einer kleinen Bücherei von nun an selber Wissen an und beschließt, eine eigene Windturbine zu bauen. Gegen Widerstände und Spott errichtet er 2001 im Alter von 14 Jahren aus Schrott, Eukalyptusholz und Fahrradteilen ein Windrad, das Strom und Wasser in sein Dorf bringt. Seine besondere Geschichte findet rasch internationale Anerkennung, die ihm neue Türen öffnet. Sponsoren ermöglichen dem Autodidakt wieder die Schule zu besuchen, er studiert Umwelttechnik am Darmouth College, USA, und ist Sprecher auf mehreren TED Conferences. Heute pendelt er zwischen Malawi und den USA und arbeitet hauptberuflich mit dem Moving Windmills Project zusammen um das Moving Windmills Innovation Center in Kasungu (Malawi) zum Leben zu erwecken.

William Kamkwamba verfasste den 2009 erschienenen Bestseller über sein Leben gemeinsam mit dem freien Journalisten und Autor Bryan Mealer. Erzählt wird darin natürlich, wie es zu dem Bau des Windrads mitsamt technischen Kniffen und späteren Weiterentwicklungen kam, die sich aus dem Ausprobieren und aus Fehlern lernen ergeben. Aber dieses Buch ist so viel mehr als allein die Erfolgsgeschichte des technisch begabten Jungen. Denn diese aus der Ich-Perspektive William Kamkwambas eindringlich erzählte Geschichte bringt einem die Probleme des Landes so nah, dass man schmerzlich die Auswirkungen von Korruption, Aberglaube, Traditionen, mangelnder Bildung und Hungersnot miterlebt und mitfiebert. Und doch ist es keine Verbitterung über die Zustände, die aus diesem Buch spricht. Vielmehr ist es ein hoffnungsvolles Buch, das zeigt, dass man auch unter sehr schwierigen Umständen etwas erreichen kann. Ein tief berührendes Plädoyer dafür, dass jeder von uns die Welt zum Positiven verändern kann. Und eine Geschichte, die mir so nah ging, dass sie mich zu Tränen rührte, weil ich mich darüber gefreut habe, dass William schließlich doch wieder zur Schule gehen konnte. Zwar weiß man dies bereits, wenn man den Klappentext des Buches liest, aber diese Geschichte geht wirklich zu Herzen.

Verfilmt wurde das Buch von Chiwetel Ejiofor und erschien 2019 auf Netflix. Der Film lief auf dem Sundance Film Festival und wurde 2020 in der Kategorie Bester internationaler Film für den Oscar eingereicht. Nachdem ich vollends begeistert das Buch beendet hatte, schaute ich mir am nächsten Tag den Film (bei Netflix) an. Leider hat er mir nicht so gut wie das Buch gefallen. Manches wurde anders als im Buch dargestellt und ich vermisste insgesamt den Tiefgang der Geschichte. Immerhin hat dieser Film dafür gesorgt, dass das Buch vor kurzem neu veröffentlicht und ich endlich darauf aufmerksam wurde. Dafür bin ich dankbar, denn „Der Junge, der den Wind einfing“ ist für mich ein echtes Lesehighlight und eine Geschichte, die ich nicht so schnell vergessen werde.

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William Kamkwamba & Bryan Mealer
Der Junge, der den Wind einfing – Eine afrikanische Heldengeschichte
Aus dem Amerikanischen von Ulrike Kretschmer
Original: The Boy who Harnessed the Wind | Harper Collins
Paperback, Klappenbroschur, 384 Seiten
Mit zahlreichen Fotos und Abbildungen
ISBN: 978-3-424-35111-8
Preis: 12,00 € [D]
Verlag: Diederichs
Erschienen: 25.01.2021

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

erLESENer Dezember 2020

Im Lesemonat Dezember kämpfte ich mich durch inflationär verwendete englische Begriffe in einem deutschsprachigen Buch, verletzte das Briefgeheimnis und ließ mir von Irvin D. Yalom unter anderem erzählen, wie sich die Gruppentherapie in den vergangenen Jahrzehnten allmählich etablierte.

Bücherwelten – lebensnah, wenn die gelebte Realität zu fiktional wirkt

Erzähl dein Leben neu von Rebecca Vogels: Storytelling nicht im nachhinein, sondern das Leben so zu führen, dass sich eine schöne Geschichte darüber erzählen lässt. Nicht so oberflächlich, wie es sich anhört, aber trotz einiger guter Ansätze ein eher durchwachsenes Buch.

Mitten im Sprung von Stephanie Palm und Roswitha Perniok: Der Briefroman zweier Frauen, die sich nach 40 Jahren wieder treffen und sich Vieles zu berichten haben. Viele schöne Denkanstöße auch in Bezug aufs Älter werden.

Wie man wird, was man ist von Irvin D. Yalom: Die bezaubernde kleine Geschenkausgabe mit den Memoiren des von mir sehr geschätzten Schriftstellers und Psychotherapeuten. Großartig!

Wie man wird, was man ist – Irvin D. Yalom

„Die Geschenkausgabe mit der abgerundeten Ecke: anspruchsvolle Haptik, hochwertiges Papier, mit Lesebändchen, kleines Format“ heißt es in der Beschreibung. Als ich das Buch dann zum ersten Mal in Händen halte, bin ich noch ein wenig skeptisch. Nicht aufgrund des Inhalts, denn von Irvin D. Yalom las ich bereits einiges und war von seinen philosophisch psychologischen Romanen ebenso begeistert, wie von den Büchern, in denen er über seine Arbeit als Psychotherapeut berichtet. Inhaltlich bewege ich mich hier auf sicherem Terrain, davon bin ich überzeugt.

Aber dies ist nun das erste Buch, das ich in einer dieser kleinen Ausgaben besitze, die gerade einmal 10 x 14.6 cm bemisst und 640 Seiten zwischen 2,8 Zentimetern beherbergt. Niedlich finde ich das Buchformat, das sich so einfach für unterwegs in Handtasche oder Rucksack packen lässt und schließe es gleich in mein Herz. Aber ob sich dieses Buch auch komfortabel lesen lässt? Ich bezweifle dies ein wenig, bin aber dennoch bereit es einfach mal auszuprobieren: Und ich bin überrascht, ja sogar begeistert.

Denn dieses Buchformat scheint wie für meine Hände gemacht, auch wenn ich diese nicht unbedingt als zierlich bezeichnen würde. Das Buch liegt angenehm darin und ist keineswegs zu klein. Auch die Schrift ist nicht in einem Maße verkleinert worden, dass es mir unangenehm auffallen würde. Eher sorgt dieses spezielle Format dafür, dass sich das Lesen dieses Buches von den üblichen Größen abhebt und zu einem besonderen Leseerlebnis werden lässt. Hinzu kommt natürlich auch, dass der Inhalt dieses Buches für mich ein besonderer ist, weil es sich um die Autobiografie eines von mir sehr geschätzten Autoren handelt.

Irvin D. Yalom gibt in „Wie man wird, was man ist – Memoiren eines Psychotherapeuten“ Einblick in seinen beruflichen Werdegang, nimmt aber auch mit in seine Kindheit und in gibt Privates preis. Das alles macht er aus der Sicht eines Mitte achtzigjährigen Mannes, wobei das Wissen eines in Psychologie und Philiosphie bewanderten Menschen mit reichhaltiger Lebenserfahrung aus ihm spricht. Durch ihn erlebt man ein Stück Geschichte der Psychotherapie und wie sein Einsatz auch die Gruppentherapie im Laufe der Jahre etablieren konnte. Aber es ist keine Selbstlobhudelei, die aus ihm spricht, sondern man lernt einen sympathischen Mann kennen, der berichtet, der manchmal unkonventionell sein kann, aber auch zu seinen Fehlern steht und in schwierigen Lebenslagen selbst gelegentlich Hilfe bei anderen Psychotherapeuten gesucht hat. Außerdem lernt man den über Achtzigjährigen kennen, der mit den Einschränkungen des Älter Werdens und den damit verbundenen Sorgen zu tun hat. Hierbei von Ängsten zu sprechen, wäre unpassend, denn sein insgesamt doch eher lockerer Umgang mit dem Alter und seinen Gedanken über das Ende des Lebens, die sich wohl aus seiner langjährigen Arbeit mit todkranken Patienten entwickelt haben, finde ich beeindruckend.

„Ich sage mir oft: die Realität des Todes mag uns zerstören, aber die Vorstellung vom Tod kann uns retten. Es bringt die Erkenntnis auf den Punkt, dass wir nur eine Chance zu leben haben und deshalb in Fülle leben und am Ende möglichst wenig bedauern sollten. Meine Arbeit mit den Todkranken brachte mich schrittweise dazu, gesunde Patienten mit ihrer Sterblichkeit zu konfrontieren, um ihnen dadurch zu helfen, ihre Lebensweise zu ändern. Oft bedeutet dies einfach, den Patienten zuzuhören und ihnen ihre begrenzte Lebenszeit bewusster zu machen.“

(S. 344)

Trotz teilweise ernster Themen handelt es sich bei diesem Buch jedoch nicht um eines, das einen bedrückt zurück lässt, wenn man es beendet hat. Vielmehr fühlt man sich durch erhellende Gedanken angeregt, sie weiter zu denken. Ein kleines Buch mit großem Inhalt und für mich ein Highlight in diesem Jahr.

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Irvin D. Yalom
Wie man wird, was man ist – Memoiren eines Psychotherapeuten
Taschenbuch Geschenkausgabe, 640 Seiten
ISBN: 978-3442719792
Preis: EUR 11,00 € [DE]
Verlag: btb Verlag
Erschienen: 13.04.2020

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.