Die Kinder hören Pink Floyd – Alexander Gorkow

Wie sagt man heute so bezeichnend: „Ich bin so ein Opfer!“. Und genau das trifft es auch. Ich lese den Namen einer meiner langjährigen Lieblingsbands in Regenbogenfarben auf einem schwarzen Buch und weiß nicht nur sofort, auf welches Plattencover das eine Anspielung sein könnte, sondern auch, dass ich dieses Buch lesen muss. Unbedingt! Denn ich fühle mich ein wenig ausgehungert nach der Musik der 1965 gegründeten Band Pink Floyd, die ich in den 1980er Jahren live in Dortmund und in Köln auf der Bühne erleben durfte. Die mich rund 20, vielleicht sogar 30 Jahre meines Lebens intensiv begleitet hat und doch irgendwann immer mehr in den Hintergrund gerückt ist. Von dem Buch weiß ich vorab nur, dass es einen in die 1970er Jahre mitnimmt und hoffe, dass in dem Roman ganz viel von meiner Lieblingsmusik enthalten ist. Glücklicherweise werden meine Erwartungen sogar noch übertroffen.

Denn der 1966 in Düsseldorf geborene Autor Alexander Gorkow ist nicht nur etwa mein Jahrgang, sondern nimmt mich in seinem autobiografischen Roman mit in ein Leben in den 1970er Jahren, wie ich es zu Teilen ähnlich selbst erinnere. Eine Kindheit mit Altnazis, der ZDF-Hitparade, mit Heino als Feindbild, dem Balkan-Grill, dem Traum von der Einbauküche, gänzlich fehlender Political Correctness und viel politischem Erwachsenengerede, mit dem ich als 10jährige ebenso wenig anfangen konnte, wie der gleichaltrige Ich-Erzähler dieses Buches. Im Gegensatz zu mir stottert dieser zwar und eifert seiner herzkranken älteren Schwester, zu der er ein besonderes Verhältnis hat, nach, aber mich verbindet mit beiden die gemeinsame Liebe zu der Musik von Pink Floyd. Und von der steckt ganz viel in diesem Buch.

Der Zehnjährige beschreibt den Klang der Lieder, sodass sie mir beim Lesen gleich im Ohr klingen. Er zitiert Textstellen daraus oder bezieht sich auf diese und schildert anschaulich das Aussehen der Plattencover. Die Liebe seiner jugendlichen Schwester zu dieser Band ist auch seine geworden. Er erklärt sich die Welt mit ihren nicht immer ernst gemeinten und teilweise auch entnervten aufmüpfigen Äußerungen, mit Pink Floyds Liedtexten und seiner überbordenden Fantasie. Denn so psychedelisch die Musik dieser Band ist, so sind es teilweise auch die kindlichen Gedanken des Jungen. In seiner Welt und seiner Logik als Zehnjähriger sind sie erklärbar und nachvollziehbar. Das Buch wirft einen liebevollen Blick auf die unterschiedlichen Charaktere mit all ihren Ecken und Kanten und schafft es mich zu berühren. Ich fühle mich beim Lesen ein wenig an meine Zeit in dem Alter erinnert und mir fallen eigene abstruse Kindheitsideen und Erklärungsversuche unvorstellbar erscheinender Vorgänge ein. Gelegentlich bringt es mich sogar zum Lachen. Aber es ist kein spöttisches Lachen, sondern ein warmes Lachen, das aus lebendiger Erinnerung gespeist wird und dem Verständnis, dass man selbst manches in dem Alter einfach nicht besser wusste.

Irgendwann springt in dem Buch der Zeitraffer an und man rast regelrecht bis in die jetzige Zeit. Es werden noch einige Meilensteine im Älterwerden des Protagonisten erwähnt und natürlich auch einige aus der Historie von Pink Floyd. Das wirkt insgesamt jedoch etwas gehetzt, was ich beim Lesen bedauernswert finde. Und doch ist auch dies eine nachvollziehbare Vorgehensweise, weil irgendwann die Kindheit vorbei und die Band selbst einfach Geschichte ist. Aber es ist eben auch kein Buch in dem minutiös alle Einzelheiten zu Pink Floyd aufgeführt werden. Es ist die Geschichte eines Jungen, den Pink Floyd über lange Strecken durch sein Leben begleitet hat – und es auch bei ihm als Erwachsenen immer mal wieder tun wird, weil mit dieser Band für immer unvergessliche Erinnerungen für ihn verbunden sein werden.

Und für mich wird es jetzt Zeit bei Spotify endlich eine Pink-Floyd-Playlist anzulegen. Denn nachdem ich mich in den 2000er Jahren von meiner Plattensammlung getrennt habe, scheine ich mir auch nicht mehr alle Alben als CDs zugelegt zu haben. Die Zeiten ändern sich, aber eins bleibt: Ich habe den Anfang von „Have A Cigar“ im Ohr und starte dem völlig zuwider handelnd mit dem 1977 erschienen Album „Animals“, gespannt darauf, ob mich die Remastered Version von 2011 noch packen kann. Spätestens als die Hunde bellen und danach die Gitarre einsetzt, bekomme ich eine erste Gänsehaut. Alles gut.

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Alexander Gorkow
Die Kinder hören Pink Floyd
Gebundene Ausgabe, 192 Seiten
ISBN: 978-3-462-05298-5
Preis: 20,00 € [D]
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erschienen: 11.02.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Der Junge, der den Wind einfing – William Kamkwamba

Mehr, als dass diese Geschichte von einen wissbegierigen Jungen handelt, der in Malawi aufwächst und mit 14 Jahren ein Windrad baut, war mir im Vorfeld über dieses Buch nicht bekannt. Aber ich hatte große Lust darauf, wieder einmal etwas für meine BUCHweltreise zu lesen und so ging es dieses Mal für mich nach Malawi, in ein Land, das zwischen Mosambik, Sambia und Tansania liegt und über das ich nicht das Geringste wusste. Belohnt wurde ich mit einer wahren Geschichte, die mich tief berührte und auf vielen Ebenen ansprach.

William Kamkwamba wurde 1987 in Malawi geboren und wächst in einem der ärmsten Staaten der Welt auf. Malawi kämpft gegen Dürre, Hunger und AIDS, nicht jeder hat Zugang zu frischem Wasser oder gar Elektrizität. In vielen Dörfern herrscht der Glaube an Magie vor, während Bildung Mangelware bleibt. Wie viele andere malawische Kinder muss William schon früh die Schule verlassen und auf der Farm seiner Familie mithelfen, weil seine Eltern die Schulgebühren nicht bezahlen können.

Fasziniert von Naturwissenschaft und Technik eignet sich der Junge dank einer kleinen Bücherei von nun an selber Wissen an und beschließt, eine eigene Windturbine zu bauen. Gegen Widerstände und Spott errichtet er 2001 im Alter von 14 Jahren aus Schrott, Eukalyptusholz und Fahrradteilen ein Windrad, das Strom und Wasser in sein Dorf bringt. Seine besondere Geschichte findet rasch internationale Anerkennung, die ihm neue Türen öffnet. Sponsoren ermöglichen dem Autodidakt wieder die Schule zu besuchen, er studiert Umwelttechnik am Darmouth College, USA, und ist Sprecher auf mehreren TED Conferences. Heute pendelt er zwischen Malawi und den USA und arbeitet hauptberuflich mit dem Moving Windmills Project zusammen um das Moving Windmills Innovation Center in Kasungu (Malawi) zum Leben zu erwecken.

William Kamkwamba verfasste den 2009 erschienenen Bestseller über sein Leben gemeinsam mit dem freien Journalisten und Autor Bryan Mealer. Erzählt wird darin natürlich, wie es zu dem Bau des Windrads mitsamt technischen Kniffen und späteren Weiterentwicklungen kam, die sich aus dem Ausprobieren und aus Fehlern lernen ergeben. Aber dieses Buch ist so viel mehr als allein die Erfolgsgeschichte des technisch begabten Jungen. Denn diese aus der Ich-Perspektive William Kamkwambas eindringlich erzählte Geschichte bringt einem die Probleme des Landes so nah, dass man schmerzlich die Auswirkungen von Korruption, Aberglaube, Traditionen, mangelnder Bildung und Hungersnot miterlebt und mitfiebert. Und doch ist es keine Verbitterung über die Zustände, die aus diesem Buch spricht. Vielmehr ist es ein hoffnungsvolles Buch, das zeigt, dass man auch unter sehr schwierigen Umständen etwas erreichen kann. Ein tief berührendes Plädoyer dafür, dass jeder von uns die Welt zum Positiven verändern kann. Und eine Geschichte, die mir so nah ging, dass sie mich zu Tränen rührte, weil ich mich darüber gefreut habe, dass William schließlich doch wieder zur Schule gehen konnte. Zwar weiß man dies bereits, wenn man den Klappentext des Buches liest, aber diese Geschichte geht wirklich zu Herzen.

Verfilmt wurde das Buch von Chiwetel Ejiofor und erschien 2019 auf Netflix. Der Film lief auf dem Sundance Film Festival und wurde 2020 in der Kategorie Bester internationaler Film für den Oscar eingereicht. Nachdem ich vollends begeistert das Buch beendet hatte, schaute ich mir am nächsten Tag den Film (bei Netflix) an. Leider hat er mir nicht so gut wie das Buch gefallen. Manches wurde anders als im Buch dargestellt und ich vermisste insgesamt den Tiefgang der Geschichte. Immerhin hat dieser Film dafür gesorgt, dass das Buch vor kurzem neu veröffentlicht und ich endlich darauf aufmerksam wurde. Dafür bin ich dankbar, denn „Der Junge, der den Wind einfing“ ist für mich ein echtes Lesehighlight und eine Geschichte, die ich nicht so schnell vergessen werde.

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William Kamkwamba & Bryan Mealer
Der Junge, der den Wind einfing – Eine afrikanische Heldengeschichte
Aus dem Amerikanischen von Ulrike Kretschmer
Original: The Boy who Harnessed the Wind | Harper Collins
Paperback, Klappenbroschur, 384 Seiten
Mit zahlreichen Fotos und Abbildungen
ISBN: 978-3-424-35111-8
Preis: 12,00 € [D]
Verlag: Diederichs
Erschienen: 25.01.2021

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

erLESENer Dezember 2020

Im Lesemonat Dezember kämpfte ich mich durch inflationär verwendete englische Begriffe in einem deutschsprachigen Buch, verletzte das Briefgeheimnis und ließ mir von Irvin D. Yalom unter anderem erzählen, wie sich die Gruppentherapie in den vergangenen Jahrzehnten allmählich etablierte.

Bücherwelten – lebensnah, wenn die gelebte Realität zu fiktional wirkt

Erzähl dein Leben neu von Rebecca Vogels: Storytelling nicht im nachhinein, sondern das Leben so zu führen, dass sich eine schöne Geschichte darüber erzählen lässt. Nicht so oberflächlich, wie es sich anhört, aber trotz einiger guter Ansätze ein eher durchwachsenes Buch.

Mitten im Sprung von Stephanie Palm und Roswitha Perniok: Der Briefroman zweier Frauen, die sich nach 40 Jahren wieder treffen und sich Vieles zu berichten haben. Viele schöne Denkanstöße auch in Bezug aufs Älter werden.

Wie man wird, was man ist von Irvin D. Yalom: Die bezaubernde kleine Geschenkausgabe mit den Memoiren des von mir sehr geschätzten Schriftstellers und Psychotherapeuten. Großartig!

Wie man wird, was man ist – Irvin D. Yalom

„Die Geschenkausgabe mit der abgerundeten Ecke: anspruchsvolle Haptik, hochwertiges Papier, mit Lesebändchen, kleines Format“ heißt es in der Beschreibung. Als ich das Buch dann zum ersten Mal in Händen halte, bin ich noch ein wenig skeptisch. Nicht aufgrund des Inhalts, denn von Irvin D. Yalom las ich bereits einiges und war von seinen philosophisch psychologischen Romanen ebenso begeistert, wie von den Büchern, in denen er über seine Arbeit als Psychotherapeut berichtet. Inhaltlich bewege ich mich hier auf sicherem Terrain, davon bin ich überzeugt.

Aber dies ist nun das erste Buch, das ich in einer dieser kleinen Ausgaben besitze, die gerade einmal 10 x 14.6 cm bemisst und 640 Seiten zwischen 2,8 Zentimetern beherbergt. Niedlich finde ich das Buchformat, das sich so einfach für unterwegs in Handtasche oder Rucksack packen lässt und schließe es gleich in mein Herz. Aber ob sich dieses Buch auch komfortabel lesen lässt? Ich bezweifle dies ein wenig, bin aber dennoch bereit es einfach mal auszuprobieren: Und ich bin überrascht, ja sogar begeistert.

Denn dieses Buchformat scheint wie für meine Hände gemacht, auch wenn ich diese nicht unbedingt als zierlich bezeichnen würde. Das Buch liegt angenehm darin und ist keineswegs zu klein. Auch die Schrift ist nicht in einem Maße verkleinert worden, dass es mir unangenehm auffallen würde. Eher sorgt dieses spezielle Format dafür, dass sich das Lesen dieses Buches von den üblichen Größen abhebt und zu einem besonderen Leseerlebnis werden lässt. Hinzu kommt natürlich auch, dass der Inhalt dieses Buches für mich ein besonderer ist, weil es sich um die Autobiografie eines von mir sehr geschätzten Autoren handelt.

Irvin D. Yalom gibt in „Wie man wird, was man ist – Memoiren eines Psychotherapeuten“ Einblick in seinen beruflichen Werdegang, nimmt aber auch mit in seine Kindheit und in gibt Privates preis. Das alles macht er aus der Sicht eines Mitte achtzigjährigen Mannes, wobei das Wissen eines in Psychologie und Philiosphie bewanderten Menschen mit reichhaltiger Lebenserfahrung aus ihm spricht. Durch ihn erlebt man ein Stück Geschichte der Psychotherapie und wie sein Einsatz auch die Gruppentherapie im Laufe der Jahre etablieren konnte. Aber es ist keine Selbstlobhudelei, die aus ihm spricht, sondern man lernt einen sympathischen Mann kennen, der berichtet, der manchmal unkonventionell sein kann, aber auch zu seinen Fehlern steht und in schwierigen Lebenslagen selbst gelegentlich Hilfe bei anderen Psychotherapeuten gesucht hat. Außerdem lernt man den über Achtzigjährigen kennen, der mit den Einschränkungen des Älter Werdens und den damit verbundenen Sorgen zu tun hat. Hierbei von Ängsten zu sprechen, wäre unpassend, denn sein insgesamt doch eher lockerer Umgang mit dem Alter und seinen Gedanken über das Ende des Lebens, die sich wohl aus seiner langjährigen Arbeit mit todkranken Patienten entwickelt haben, finde ich beeindruckend.

„Ich sage mir oft: die Realität des Todes mag uns zerstören, aber die Vorstellung vom Tod kann uns retten. Es bringt die Erkenntnis auf den Punkt, dass wir nur eine Chance zu leben haben und deshalb in Fülle leben und am Ende möglichst wenig bedauern sollten. Meine Arbeit mit den Todkranken brachte mich schrittweise dazu, gesunde Patienten mit ihrer Sterblichkeit zu konfrontieren, um ihnen dadurch zu helfen, ihre Lebensweise zu ändern. Oft bedeutet dies einfach, den Patienten zuzuhören und ihnen ihre begrenzte Lebenszeit bewusster zu machen.“

(S. 344)

Trotz teilweise ernster Themen handelt es sich bei diesem Buch jedoch nicht um eines, das einen bedrückt zurück lässt, wenn man es beendet hat. Vielmehr fühlt man sich durch erhellende Gedanken angeregt, sie weiter zu denken. Ein kleines Buch mit großem Inhalt und für mich ein Highlight in diesem Jahr.

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Irvin D. Yalom
Wie man wird, was man ist – Memoiren eines Psychotherapeuten
Taschenbuch Geschenkausgabe, 640 Seiten
ISBN: 978-3442719792
Preis: EUR 11,00 € [DE]
Verlag: btb Verlag
Erschienen: 13.04.2020

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

erLESENer August 2020

Im Lesemonat August überdachte ich meine Blog- und Instagramaktivitäten, wurde Veganerin, fand meinen Text in einem Buch wieder, ließ mich lächelnd mobben, bewunderte Edward Snowden und übte mich im autobiografischen Schreiben.

Bücherwelten – inspirierend und zuweilen beängstigend.

Hashtag Authentisch von Sara Tasker [4 von 5 Sternen]: Für mich war es ein sehr interessanter Ausflug in die Insta-Welt, der mir dabei geholfen hat meine eigene Blog- und Instagramgestaltung zu überdenken, ohne dabei sklavischen Regeln zu folgen. Ein sehr harmonisches schönes Buch der sympathischen Autorin. 

Die Vegetarierin von Han Kang [4 von 5 Sternen]: Eine tragische sozialkritische Geschichte mit hypnotischer Wirkung, in der eine junge Koreanerin Veganerin wird und so verzweifelt ein Stück Selbstkontrolle zurückzuerlangen versucht. Empfehlenswert!

Anthologie Projekt*txt von Katharina Peham [3 von 5 Sternen]: Die Geschichten der Autoren und Autorinnen aus dem Projekt*txt übersteigen weit die Beitragsworte, die sie in den Jahren von 2015 bis 2019 als Inspiration erhalten haben. Eine intensive gelungene Mischung unterschiedlicher Texte, und mittendrin auch meiner.

Mit Stauen und Zittern von Amélie Nothomb [3 von 5 Sternen]: Eine autobiografisch angehauchte Geschichte der Autorin, in der es um Mobbing in einer japanischen Firma geht, wobei man einiges über die kulturellen Zwänge dieses Landes erfährt.

Permanent Record . Meine Geschichte von Edward Snowden [5 von 5 Sternen]: Die beeindruckende Geschichte des Whistleblowers, in der man über seine Hintergründe und Beweggründe erfährt und warum er nur so handeln konnte, wie er es letztlich tat. Beeindruckend!

Schreiben über mich selbst von Hanns-Josef Ortheil [3 von 5 Sternen]: Enthalten sind in diesem Buch Ausführungen zum autobiografischen Schreiben neben zahlreichen Herangehensweisen, Beispielen und Schreibübungen. Teilweise etwas trocken, aber nichtsdestotrotz sehr inspirierend.

Permanent Record . Meine Geschichte – Edward Snowden

Im Alter von 22 Jahren erhielt er von der NSA seine erste Top-Secret-Freigabe, nicht einmal ein halbes Jahr später arbeitete er als Systemingenieur für die CIA und hatte fast unbegrenzten Zugang zu einigen der sensibelsten Netzwerken der Welt. Mit 29 Jahren schockiert Edward Snowden die Welt: Als Datenspezialist und Geheimnisträger für NSA und CIA deckt er auf, dass die US-Regierung heimlich das Ziel verfolgt, jeden Anruf, jede SMS und jede E-Mail zu überwachen – weltweit.

„Mit ‚PRISM‘ konnte die NSA routinemäßig Daten von Microsoft, Yahoo, Google, Facebook, PalTalk, YouTube, Skype, AOL und Apple sammeln, darunter E-Mails, Fotos, Video- und Audio-Chats, Webbrowsing-Inhalte, Anfragen an Suchmaschinen und alle anderen Daten, die in ihren Clouds gespeichert waren; damit machten sie die Unternehmen zu wissentlichen Mitverschwörern. ‚Upstream Collection‘, das kann man mit Fug und Recht behaupten, war noch invasiver. Es ermöglichte die routinemäßige Datensammlung unmittelbar aus der Internetinfrastruktur des privaten Sektors aus den Switches und Routern, die den weltweiten Internetverkehr über Sateliten im Orbit und die am Meeresboden verlegten Breitband-Glasfaserkabel abwickeln. […] Zusammen sorgten ‚PRISM‘ (durch die obligatorische Datensammlung auf den Servern der Provider) und ‚Upstream Collection‘ (durch die unmittelbare Datensammlung aus der Internetinfrastruktur) dafür, dass weltweit Informationen, ob sie gespeichert oder übermittelt wurden, überwacht werden konnten.“ (S. 284/285)

Das Ergebnis wäre ein nie dagewesenes System der Massenüberwachung, mit dem das Privatleben jeder einzelnen Person auf der Welt durchleuchtet werden kann. Edward Snowden trifft eine folgenschwere Entscheidung: Er recherchiert, sammelt Beweise und macht die geheimen Pläne öffentlich. Damit gibt er sein ganzes bisheriges Leben auf. Er weiß, dass er seine Familie, sein Heimatland und die Frau, die er liebt, vielleicht nie wiedersehen wird.

„Die deutschen Bürger und Abgeordneten waren empört über die Entdeckung, dass die NSA die deutsche Telekommunikation überwachte und selbst das Smartphone der Bundeskanzlerin angezapft hatte. Zur gleichen Zeit hatte der Bundesnachrichtendienst, Deutschlands wichtigster Geheimdienst, bei zahlreichen Operationen mit der NSA zusammengearbeitet und sogar in Vertretung bestimmte Überwachungsaktionen ausgeführt, die die NSA nicht selber übernehmen konnte oder wollte. Weltweit fand sich nahezu jedes Land einem ähnlichen Dilemma ausgesetzt: Die Bürger waren außer sich, die Regierenden in die Überwachungsvorgänge verwickelt.“ (S. 413)

In „Permanent Record“ erzählt Edward Snowden seine Geschichte von Anfang an. Er beginnt bei seiner Kindheit und endet mit dem Erscheinungsjahr 2019 und seinem Exil in Moskau. Man erlebt einen intelligenten jungen Mann, der voller Enthusiasmus und Patriotismus seinem Land einen Dienst mit seiner Arbeit erweisen will und zutiefst enttäuscht darüber ist, wie das Land die Rechte der Bürger mit Füßen tritt. Beim Lesen fühlt man das Dilemma Edward Snowdens und kann vor der Entscheidung, die er letztlich trifft, nur den Hut ziehen. Neben der technischen Seite, die er auch für einen technikinteressierten Laien wie mich verständlich erklärt, lernt man die menschliche und sehr sympathische Seite des Whistleblowers kennen. Aber selbst wenn einen die technischen Details nicht so sehr interessieren und man sich entscheidet sie beim Lesen eher zu überfliegen, mindert das nicht die Qualität des Buches – die Grundaussage kommt dennoch an.

Ein beeindruckendes gut und spannend erzähltes Buch eines nicht weniger beeindruckenden Mannes, das einen das Smartphone und die eigenen Internetaktivitäten in einem kritischen Licht betrachten lässt. Oft mag man nicht glauben, was man da liest und ist auch jetzt – Jahre später nach dem Bekanntwerden – zutiefst verunsichert, was den Schutz der Privatsphäre angeht. Wohl zu recht.

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Edward Snowden
Permanent Record – Meine Geschichte
Aus dem Amerikanischen von Kay Greiners
Gebunden, 432 Seiten
ISBN: 978-3-10-397482-9
Preis: € (D) 22,00
Verlag: S. Fischer
Erschienen: 17.09.2019

erLESENer April 2020

Im Lesemonat April fuhr ich mit einem Anhalter und dem Wohnmobil quer durch Island, fand Leichen in einem alten baufälligen Krankenhaus, nutzte die Gentechnik zur Partnersuche und folgte beeindruckt den Spuren Rüdiger Nehbergs.

Bücherwelten – fiktiv ebenso mitreißend wie real und nachdenklich machend.

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Der Anhalter von Gerwin van der Werf
Die Geschichte eines Mannes, der mit allen Mitteln verzweifelt um seine Ehe kämpft und sich dabei verliert. Zuweilen etwas nervenaufreibend, aber dennoch gut gemacht.

Die ewigen Toten von Simon Beckett
Ein weiterer guter Thriller aus meiner Lieblingsreihe rund um den foresischen Anthropologen David Hunter.

The One . Finde dein perfektes Match von John Marrs
Ein unterhaltsamer Roman, der aufzeigt was passieren kann, wenn die DNA bestimmt, welcher Partner zu einem passt und welcher nicht.

Dem Mut ist keine Gefahr gewachsen . Ein abenteuerliches Leben von Rüdiger Nehberg
Die Autobiografie von Rüdiger Nehberg, der bodenständig und mitreißend über sein beeindruckendes Leben schreibt. Für mich ein echtes Highlight!

Dem Mut ist keine Gefahr gewachsen . Ein abenteuerliches Leben – Rüdiger Nehberg

Als ich davon hörte, dass Rüdiger Nehbergs Autobiografie im April erscheinen sollte, freute ich mich. Ich wollte immer mal etwas von ihm lesen. Denn auch wenn ich von ihm nicht viel mehr wusste, als dass er sich einen Namen als Survival-Experte und Menschenrechtler gemacht hatte, war mir doch klar, dass er zu den Menschen gehört, die wirklich etwas zu erzählen haben. So nahm ich voller Vorfreude in meinem Lesesessel platz um zu erfahren, welche Abenteuer Rüdiger Nehberg in seinem Leben bestreiten musste. Kaum angefangen, mochte ich das Buch fast nicht mehr aus der Hand legen, weil er unterhaltsam erzählen kann, und weil er jemand ist, zu dem man bei dem, was er bislang erreicht hat, bewundernd aufblicken kann. Gleichzeitig fühlt man sich ihm jedoch verbunden, weil er bodenständig geblieben ist, auch wenn er immer nach den Sternen gegriffen hat.

15_Dem Mut ist keine Gefahr gewachsen

Rüdiger Nehberg nimmt den Leser in diesem mit Farb- und Schwarzweißbildern versehenen Buch mit auf einen Streifzug durch sein aufregendes Leben – die Basis für die Erfolge in der Arbeit mit seiner eigenen Menschenrechtsorganisation. Als Siebzehnjähriger radelt er heimlich nach Marokko. 1968 importiert er ‚Survial‘ aus den USA und wird zum Inbegriff des Überlebenskünstlers. 1981 beim Marsch durch Deutschland lebt er 1000 Kilometer lang nur von dem, was die Natur hergibt. Er übersteht 26 Raubüberfälle, überquert dreimal den Atlantik, schafft es allein und halbnackt durch den Dschungel. Er lernt Ekel, Angst und die Bedenken anderer zu überwinden, lässt sich nicht entmutigen.

„Wieder einmal wissen wir es zu schätzen, nicht hier, sondern in einem anderen, begünstigteren Teil der Welt geboren zu sein. Momente, die mir einmal mehr das Glück bewusst machen, ausgerechnet in Nordeuropa zu leben, in all dem Wohlstand, dem gemäßigten Klima, der Demokratie, der Pressefreiheit, den Bildungsmöglichkeiten, des Friedens, des gemeinsamen Europas. Paradiesische Zustände, wie noch keiner unserer Vorfahren sie erleben durfte. Und ich verspüre die Verpflichtung, davon abzugeben an die, die unter solch erbärmlichen Zuständen ihr Dasein fristen müssen. Wie diese Salzarbeiter. Das Reisen und mein Blick auf andere Lebensumstände verändern sich.“ (S. 82)

Als er Zeuge schlimmster Menschenrechtsverletzungen wird, erfindet er aberwitzige Aktionen, um Aufmerksamkeit auf die Not anderer zu lenken.

„Ich will mich einsetzen. Massiv, körperlich, intellektuell. Nicht im Entferntesten kommt mir der Gedanke, dass diese Entscheidung meine weitere Zukunft komplett verändern würde. Ich mache die neue Erfahrung, dass mein Abenteuer auf einmal einen Sinn erfährt, mein Leben eine ganz andere Erfüllung.“ (S. 126)

Etwa die drohende Ausrottung der Yanomami in Brasilien durch die Goldsucher-Mafia, der er mit Zivilcourage den Kampf ansagt. Auch berichtet er von der Zeit in jordanischen Gefängnissen und den Wüstenkarawanen, die ihn mit Muslimen vertraut machten. Es ist ein kleines Erlebnis, das ihn tief berührt und seine Liebe zu Nordafrika, den Menschen, ihrer Kultur und der Exotik des Orients begründet hat. Es war die Urkeimzelle seiner Verbundenheit mit der Wüste und nomadischer Gastfreundschaft und erweist sich als Zündfunke für sein weiteres Leben.

„Aktionen zu starten, die bereits hundertfach von anderen zelebriert wurden, ist öde, zeugt von mangelnder Kreativität und mindert die Bedeutung des Projektes. Nur Einmaliges kann mit medialer Wahrnehmung rechnen, dessen Bekanntheitsgrad mehren und damit auch die Durchsetzungskraft stärken. Meine Aktionen für die Yanomami hatten 20 (!) Jahre gedauert. Erst dann war die pro-indianische Lobby stark genug geworden, um einen akzeptablen Frieden für dieses große Regenwaldvolk durchzusetzen. Erst danach war ich frei für Neues.“ (S. 217)

Frei für die Arbeit mit seiner Organisation TARGET e. V. und dem Islam als Partner, unterstützt durch muslimische Autoritäten in Ländern wie Mauretanien und Äthiopien. Mit dem Ziel, für das er mit nie erlahmender Kreativität kämpft: die Ächtung Weiblicher Genitalverstümmelung von Mekka aus.

„Ich erzähle ihm vom Thema Verstümmelung, dass wir Augenzeugen geworden sind und fragen, ob wir ihm die Bilder zeigen dürfen. Wir dürfen. Er schaut sie sich sehr lange an, bleibt sprachlos und wird blass. ‚Das geschieht mit meinen Mädchen?‘, fragt er schließlich leise.“ (S. 229)

Rüdiger Nehberg warnt vor den schwer zumutbaren Schilderungen dessen, was den Mädchen bei der Beschneidung geschieht, was dies aus ihnen macht und welche Probleme es ihnen in ihrem weiteren Leben bereitet – und es ist unvorstellbar grausam, was man da liest. Aber es verdeutlicht auch, wie wertvoll und wichtig der Kampf dagegen ist. Ein Kampf, den er gemeinsam mit seiner Frau Annette bis zu seinem Lebensende führt.

Rüdiger Nehberg verstarb am 01. April 2020, wenige Tage vor Erscheinen dieses Buches. Es stimmt mich traurig, dass er die Vision, mit der er sein Buch enden lässt, nicht mehr selbst erleben kann. Aber mit seinem „Bis dann, vielleicht demnächst, Rüdi Rastlos“ bringt einen der willensstarke Abenteurer dann doch wieder zum Lächeln. Ein beeindruckendes Lebenswerk, eine lesenswerte Autobiografie.

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Rüdiger Nehberg
Dem Mut ist keine Gefahr gewachsen
Ein abenteuerliches Leben
Hardcover mit Schutzumschlag, 432 Seiten
ISBN: 978-3-89029-537-4
Preis: € 22,00 [D], € 22,70 [A]
Verlag: Malik
Erschienen: 06.04.2020

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

erLESENer Dezember 2019

Im Lesemonat Dezember durchlitt ich mit Stoner stoisch alles Erdenkliche, mauerte mich in Angola ein und nahm Doris Dörries Einladung zu Schreiben an.

Bücherwelten – bereichernd und beruhigend, wenn das richtige Buch in die Realität eingreift…

12_erLESENer

Stoner von John Williams
Der Roman erzählt vom Leben William Stoners, der als Farmerssohn an der Universität das Studium der Agrarwirtschaft beginnt und dort seine Leidenschaft für Literatur entdeckt. Ein Buch, dessen atmosphärische Erzählkunst mich beeindrucken konnte und Lust darauf macht, mehr von John Williams zu lesen. Sehr empfehlenswert!

Eine allgemeine Theorie des Vergessens von José Eduardo Agualusa
Ein Roman der vom Wandel und von den Wunden Angolas erzählt, indem er eine fantastische und doch ganz und gar wahre Geschichte rund um die junge Ludovica webt, die sich für dreißig Jahre in ihrer Wohnung einmauert, nachdem sie am Vorabend der angolanischen Revolution einen Einbrecher in Notwehr erschossen hat.  Durchwachsen.

Leben, Schreiben, Atmen von Doris Dörrie
Eine Einladung zum autobiographischen Schreiben,  bei der die Autorin sympathisch aus ihrem Leben plaudert. Sehr inspirierend und unkompliziert!

Leben, schreiben, atmen – Doris Dörrie

„Wenn wir darüber nachdenken, was wir so denken, schämen wir uns schnell. Und wenn wir uns schämen, können wir schlecht schreiben. Wofür schämen wir uns? Wir schämen uns, dass wir uns anmaßen, über uns selbst zu schreiben, wir schämen uns für unser kleines Leben, für unsere Unzulänglichkeiten, unsere Lügen, unsere enttäuschten Erwartungen an das Leben und an uns selbst. Dieser Scham entkommt man nur, indem man nicht nachdenkt, sondern weiterschreibt…“

52_Leben, Schreiben, Atmen

Doris Dörrie studierte Theater und Schauspiel in Kalifornien und in New York, entschloss sich dann aber, lieber Regie zu führen. Parallel zu ihrer Filmarbeit (zuletzt der Spielfilm „Kirschblüten und Dämonen“) veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Romane und Kinderbücher. Sie lebt in München, unterrichtet dort an der Filmhochschule „creative writing“ und gibt immer wieder Schreibworkshops.

Mit „Leben, schreiben, atmen“ lädt sie zum autobiographischen Schreiben ein. Sie gibt Tipps und kreative Anleitungen und macht gleichzeitig vor, wozu sie den Leser ihres Buches auffordert. Zu Beginn jedes Kapitels gibt sie ein Stichwort vor, zu dem sie auf überaus sympathische Weise über ihr Leben plaudert. Manchmal kommt Doris Dörrie dabei vom Hölzchen aufs Stöckchen, aber das ist durchaus gewollt und wohl auch ein natürlicher Effekt, wenn man frei von der Leber weg schreibt. Sie macht dem Leser vor, wie es geht und gibt am Kapitelende knappgehaltene Erklärungen und Tipps. Und weil sie Lockerheit beim Schreiben in ihren autobiographischen Texten vormacht und ihre Ratschläge nicht dogmatisch daherkommen, fühlt man sich tatsächlich auch in der Lage dazu, ihren anschließenden Aufforderungen zum Schreiben nachzukommen.

So musste ich mich zurückhalten um nicht gleich loszulegen, weil ich das Buch so motivierend empfand. Doch wollte ich es erst zuende lesen, denn „Leben, Schreiben, Atmen“ ist kein Schreibratgeber im eigentlichen Sinne. Das Buch liest sich flüssig und die Autorin versteht es, Dinge aus ihrem Leben zu formulieren und so zu beschreiben, dass sie anschaulich sind und berühren. So erfährt man nach jedem Stichwort immer ein wenig mehr aus ihrem Leben, so dass sich am Ende ein ehrliches und authentisches Gesamtbild ergibt, auch wenn die Fragmente nicht in einer zeitlichen Reihenfolge und recht sprunghaft erzählt sind. Gleichzeitig erinnert man sich an Vergangenes und füllt die Stichworte bereits gedanklich mit eigenen leichtgewichtigen oder schwermütigen Inhalten, selbst wenn man es nicht gleich nach Abschluss des jeweiligen Kapitels niederschreibt.

„Der Schreibmuskel ist ein Muskel, der verkümmert, wenn man ihn nicht trainiert“, so Doris Dörrie. „Leben, Schreiben, Atmen“ ist inspirierend und macht Lust darauf, gleich mit dem Training zu beginnen.

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Doris Dörrie
Leben, schreiben, atmen – Eine Einladung zum Schreiben
Hardcover Leinen, 288 Seiten
ISBN: 978-3-257-07069-9
Preis: € (D) 18.00 / sFr 24.00* / € (A) 18.50 * unverb. Preisempfehlung
Verlag: Diogenes
Erschienen: 1. September 2019

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.