Schmetterling und Taucherglocke – Jean-Dominique Bauby

Manche Buchtipps begleiten mich über Jahre hinweg, als müssten sie mit der Zeit reifen, bis der Wunsch diese Bücher dann auch zu lesen immer größer und fast schon übermächtig wird. So ähnlich ging es mir auch mit diesem autobiografischen Roman, der erst kürzlich als ‚Gebrauchtbuch‘ in meinem Warenkorb landete, nachdem ich schon so viel Gutes darüber gehört hatte. Erschienen ist es bereits 1997 und die Entstehungsgeschichte ist auch für heutige Verhältnisse noch ungewöhnlich.

Denn der Autor, Jean-Dominique Bauby, war Chefredakteur der französischen Zeitschrift „Elle“ und ist 43 Jahre alt, als er 1995 einen Gehirnschlag erleidet. Fortan ist sein gesamter Körper gelähmt, er kann nicht mehr schlucken und er kann nicht mehr sprechen. Seine einzige Möglichkeit zur Kommunikation ist das linke Auge, das er noch kontrollieren kann. Mittels Lidschlag beginnt Bauby seine Memoiren zu diktieren und davon zu berichten, wie es sich anfühlt unter dem sogenannten Locked-In-Syndrom zu leiden und mit seinem hellwachen Geist in einem bewegungslosen Körper gefangen zu sein.

Die Beschreibungen sind bildhaft und nachvollziehbar. Man erlebt die Grenzen und Einschränkungen der neuen Form der Kommunikation, die aber auch Baubys Tor zur Welt ist und seine einzige Möglichkeit sich mitzuteilen. Die Taucherglocke mitsamt der Abhängigkeit und des Ausgeliefert Seins, das sein Zustand mit sich bringt wird in seinen Facetten schmerzlich begreifbar. Fast nimmt es einem beim Lesen vor Bedrückung den Atem, wenn die Schilderungen nicht so verfasst wären, dass der Humor Baubys durchscheint und er trotz allem hoffnungsvoll bleibt. So leidet man zwar mit ihm, aber er ist nicht mitleiderregend, sondern nimmt einen mit auf die Reisen seines Geistes, der wie ein Schmetterling von hier nach dort flattert und dabei gelegentlich auch philosophische Bahnen findet. Die Krankheit hat Bauby zu einem Schriftsteller gemacht, der nicht nur mit bewundernswertem Humor seine eigene Situation analysiert, sondern die Fantasie und das Schreiben auch als das beste Gegenmittel begreift.

Mich hat das Buch so sehr berührt, dass ich mir im Anschluss den gleichnamigen Film aus dem Jahr 2007 ansah. Eine geniale Visualisierung des Buches, die mir fast noch besser gefällt, als das Buch selbst.

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Jean-Dominique Bauby
Schmetterling und Taucherglocke
Taschenbuch, 144 Seiten
ISBN: 978-3423125659
Preis: 8,90 € [D]
Verlag: dtv
Erschienen: 01.10.1998

erLESENer Juni 2021

Im Lesemonat Juni durchlebte ich unterschiedliche Formen des Liebens und Nichtliebens, pendelte zwischen Deutschland und Rumänien, konnte unter Wasser atmen, ließ mich beim Suizid begleiten und war fasziniert von Helen und Mabel.

Bücherwelten – Gefühle zwischen Buchdeckeln…

Klopf an dein Herz von Amélie Nothomb: Ein Roman über ein Zuviel und Zuwenig von Liebe. Amélie Nothomb in Bestform.

Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff: Eine in Kurzgeschichten erzählte Familiengeschichte, die ihre Wurzeln in Rumänien hat. Lieber selber lesen, anstatt zum Hörbuch zu greifen!

Aus schwarzem Wasser von Anne Freytag: Ein Genre-Mix aus Polit-Thriller mit Fantasy/Science-Fiction-Elementen, der mich leider nicht überzeugen konnte.

Unzertrennlich . Über den Tod und das Leben von Irvin D. und Marilyn Yalom: Als fest stand, dass Marilyns Krankheit zum Tode führen würde, begannen die Eheleute ein Buch zu schreiben – das am Ende Irvin D. Yalom alleine fertigstellen musste. Von tiefer Ehrlichkeit und steter Reflektion gekennzeichnet. Berührend!

H wie Habicht von Helen Macdonald: Ein Buch, in dem die Autorin über ihre Trauerbewältigung durch die Zähmung eines Habichts beschreibt. Unglaublich beeindruckend! Ein Highlight!

Unzertrennlich . Über den Tod und das Leben – Irvin D. Yalom und Marilyn Yalom

Erst im Dezember las ich „Wie man wird, was man ist“ von Irvin D. Yalom, was mir diesen von mir geschätzten Autor nochmal ein Stück näher gebracht hat. Schon in dieser Autobiografie war mir aufgefallen, mit wie viel Wärme und Bewunderung er über seine Frau Marilyn, Kulturwissenschaftlerin und selbst Autorin, schreibt, so dass sich ganz automatisch meine Sympathie auch auf sie erstreckte. Umso mehr war ich betroffen, als ich nun erfuhr, dass Marilyn im letzten Herbst starb. Als fest stand, dass ihre Krankheit zum Tode führen würde, begannen beide ein Buch zu schreiben – das am Ende Irvin D. Yalom alleine fertigstellen musste. „Unzertrennlich“ lautet der Titel des Buches der durch 65 Ehejahre verbundenden Eheleute, in dem Irv im April 2019 beginnt, abwechselnd mit Marilyn über die Gefühle und Gedanken bis zu ihrem Tod schreibt und schließlich 125 Tage danach mit einem Brief an sie schließt.

„Ich kann noch schreiben, und dieses gemeinsame Projekt mit Marilyn ist ein Lebenselexier, nicht nur für sie, sondern auch für mich.“

(S. 83 – Irv im August)

Tiefe Ehrlichkeit und stete Reflektion sind sicherlich die treibenden Kräfte, die ihn und Marilyn auszeichnen – und die auch das vorliegende Buch so unvergleichlich und wertvoll machen. Hier wird nichts schöngeredet, es wird um jede Nuance gekämpft, um das zu erreichen, was man Authentizität nennt. Das allmähliche Sterben bis hin zum begleiteten Suizid von Marilyn ist gesäumt von Irv’s Schmerz über den bevorstehenden Verlust und durchsetzt von Gedanken bezüglich seiner eigenen Sterblichkeit. Denn Irv wird im Juni 2021 neunzig Jahre alt und ist immer davon ausgegangen, dass Marilyn ihn überleben würde. Doch nun bereitet Marilyn ihren Abschied vor und sehnt sich aufgrund des größer werdenden Leidendrucks immer mehr den Tod herbei.

Beide schildern ihre ganz persönlichen Gedanken und Gefühle, legen ihre Schmerzen und Schwächen offen. Beim Lesen fühlt man mit ihnen und nimmt an ihrer Geschichte Anteil. Als schließlich für Irv die Zeit des Lebens nach dem Tod von Marilyn beginnt, durchlebt man mit ihm die Verzweiflung und schließlich seine Versuche, sich als Therapeut an das zu erinnern, was er Patientinnen und Patienten in seiner Situation geraten oder in seinen Büchern geschrieben hatte. Auch muss er sich neu organisieren und Entscheidungen darüber treffen, welche Dinge von ihr bleiben sollen und was weg darf.

Keine einfache Thematik und doch ist „Unzertrennlich“ für mich ein wunderbares Erinnerungsbuch an Marilyn Yalom mit vielen privaten Familienbildern, abgedruckten Trauerreden und liebevollen Gedanken von Irv. Gleichzeitig ist es ein Buch über das Älterwerden und allmähliche Abschiednehmen vom Leben.

„[…] so glaube ich tatsächlich, dass Menschen, die im Sterben liegen – wenn sie zum Nachdenken Zeit haben -, dazu neigen, das Leben, das sie gelebt haben, zu bewerten. Gewiss ist das bei mir der Fall. Und ohne selbstzufrieden im falschen Sinne sein zu wollen, habe ich den Eindruck, dass ich keinen Schaden angerichtet habe und mich dem Ende ohne viel Bedauern und wenig Schuld nähern kann.“

(S. 172 – Marilyn im November)

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Irvin D. Yalom, Marilyn Yalom
Unzertrennlich – Über den Tod und das Leben
Aus dem Amerikanischen von Regina Kammerer
Original: A Matter of Death and Life, Stanford University Press
Hardcover mit Schutzumschlag, 320 Seiten
ISBN: 978-3-442-75921-7
Preis: 22,00 € [D]
Verlag: btb
Erschienen: 10.05.2021

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

H wie Habicht – Helen Macdonald

Die letzte Greifvogelschau, die ich gesehen habe, ist schon eine ganze Weile her. Aber ich finde diese Vorführungen immer wieder beeindruckend. Ich kann mich an ein Mal erinnern, bei dem ein Vogel nicht zu seinem Menschen zurückflog, sondern eigensinnig irgendwo auf einem Dach landete und sich scheinbar gemütlich das Gefieder richtete. Später besann er sich zwar eines Besseren, aber diese Situation hatte ich jetzt wieder bildlich vor Augen, als ich „H wie Habicht“ von Helen Macdonald las. Denn dabei erfährt man auf beeindruckende und faszinierende Weise einiges über das, was ein Mensch anstellen und beachten muss, wenn er den Vogel in gewünschte Bahnen lenken möchte. Aber in diesem Buch geht es um viel mehr als ’nur‘ die Zähmung eines Habichts, den man ja eigentlich nicht zähmen kann, weil diese Tiere niemals ihre Wildheit verlieren.

Helen Macdonald (geboren 1970) ist Autorin, Lyrikerin, Illustratorin und Historikerin. Sie arbeitet an der University of Cambridge, England, im Bereich Geschichte und Philosophie der Wissenschaften. H wie Habicht erhielt in England den renommierten Samuel Johnson Prize, der herausragenden Sachbüchern verliehen wird, sowie den hochdotierten Costa Award für das beste Buch des Jahres. Schon als Kind beschloss Helen Macdonald, Falknerin zu werden. Ihr Vater unterstützte sie in dieser ungewöhnlichen Leidenschaft, er lehrte sie Geduld und Selbstvertrauen und blieb eine wichtige Bezugsperson in ihrem Leben. Der Tod ihres Vaters trifft Helen unerwartet. Erschüttert von der Wucht der Trauer wird der Kindheitstraum in ihr wach, ihren eigenen Habicht aufzuziehen und zu zähmen. Und so zieht das stolze Habichtweibchen Mabel bei ihr ein. Durch die intensive Beschäftigung mit dem Tier entwickelt sich eine konzentrierte Nähe zwischen den beiden, die tröstend und heilend wirkt. Doch Mabel ist nicht irgendein Tier. Mabel ist ein Greifvogel. Mabel tötet.

„Wenn sie einen braven Habicht wollen, müssen Sie eins tun: Geben Sie ihm die Gelegenheit zu töten. So oft wie möglich. Mord bringt ihn auf Linie.“

( S. 38)

Helen Macdonald hatte schon eine Menge Greifvögel geflogen und ihr war jeder einzelne Schritt des Abtragens bestens vertraut. Aber nach dem Tod ihres Vaters ist sie nicht mehr dieselbe. Der Habicht verkörpert alles, was sie sein will – eine selbstbeherrschte Einzelgängerin, die frei von Trauer ist und taub gegenüber den Verletzungen des Lebens. Allmählich entwickelt sich zwischen beiden eine hochkomplexe Wechselbeziehung, die mich beim Lesen in den Bann zog und nicht mehr losließ. Es war großartig von der Autorin Wissenswertes über die Falknerei zu erfahren und dabei nicht nur den Habicht als Tier mit seinen besonderen Fähigkeiten und Ansprüchen kennenzulernen, sondern durch die bildhaften Situations- und Naturbeschreibungen ganz dicht am Geschehen zu sein. Die außerdem gut reflektierte Autorin schafft es, dass man ihre Begeisterung für die Falknerei nachvollziehen kann, bei Fehlschlägen mit ihr leidet, bei der Jagd mit fiebert und sich trotz gemischter Gefühle bezüglich mancher Blutrünstigkeit mit ihr freut.

Im Wechsel dazu erfährt man von dem Autor T. H. White, der 1951 über seine Erfahrungen mit der Zähmung seines Habichts in dem Buch „The Goshawk“ schrieb und der dabei eigentlich alles falsch machte, was man falsch machen konnte. Ich muss gestehen, dass ich diese Abschnitte nicht so gern las, weil mich einfach mehr interessierte, wie es mit Helen Macdonald und Mabel weiter ging. Deren Geschichte machte das Buch jedoch zu einem echten Highlight für mich. Von Helen Macdonald und über die Falknerei möchte ich unbedingt mehr lesen.

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Helen Macdonald
H wie Habicht
Aus dem Englischen von Ulrike Kretschmer
Taschenbuch, 416 Seiten
ISBN: 978-3548376721
Preis: 12,00 € [D]
Verlag: Ullstein
Erschienen: 14.10.2016

Befreit – Tara Westover

Für dieses Buch brauchte ich zwei Anläufe, um es zu lesen. Denn es macht zunächst wütend und fassungslos. Beim ersten Versuch legte ich es irgendwann aus der Hand, weil es mich zu sehr aufregte. Denn Tara Westover erzählt auf eindringliche Weise autobiografisch darüber, wie Bildung ihr die Welt erschloss – als jüngstes von sieben Kindern eines Prepper-Ehepaars streng mormonischen Glaubens. Die gesamte Familie erwartet praktisch stündlich den Zusammenbruch der Zivilisation nach göttlicher Bestimmung. Immer wieder geschehen schreckliche Unfälle auf dem Schrottplatz, durch den die Familie ihren Lebensunterhalt bestreitet, aber einen Arzt zu rufen oder ins Krankenhaus zu fahren wäre Verrat des Glaubens und entgegen den Offenbarungen, die der Vater zu empfangen glaubt. Beim Lesen platzte mir ein ums andere Mal der Kragen, aber schließlich las ich das Buch doch gebannt bis zum Schluss und war beeindruckt.

Tara Westover wurde irgendwann 1986 in Idaho, USA, geboren und wächst streng reglementiert innerhalb der Gesetze des mormonischen Glaubens und den paranoiden Verschwörungsideen auf, die sich ihr Vater zusammenfantasiert. Zur Schule geht sie nicht, lernt aber lesen und schreiben von ihren Eltern. Damit ergeht es ihr nicht besser, als ihren Geschwistern. Einige ihrer Brüder entkommen ihrem Elternhaus – der eine wird Fernfahrer, ein anderer holt die Schulabschlüsse nach und studiert dann sogar. Erst spät begreift Tara Westover, dass sich ihr durch das Lernen eine andere Welt eröffnen kann. Sie bereitet sich auf die Aufnahmeprüfung an einer Universität der Mormonen vor und schafft es beim zweiten Versuch. Doch zunächst gilt es dort für die Siebzehnjährige ihre enormen Wissenslücken aufzufüllen, außerdem quälen sie finanzielle Sorgen, weil ihre Familie sie nicht unterstützt. Erst als Tara sich überreden lässt, Stipendien in Anspruch zu nehmen, fällt ihr das Lernen leichter. Schnell stellt sich ihre überragende Begabung heraus, und es folgen ein Gastaufenthalt in Cambridge, schließlich Stipendien in Harvard und Cambridge, wo sie auch promoviert.

Das Buch beginnt Tara Westover mit der Vorbemerkung, dass diese Geschichte nicht vom Mormonentum handelt und auch nicht von einer anderen Form religiösen Glaubens. Und so gestaltet sich ihr Buch auch. Sie kritisiert nicht und klagt nicht an, aber als Leserin kann ich nicht umhin mit manchen Gepflogenheiten zu arg zu fremdeln und sie anhand eigener Richtlinien und Werte zu beurteilen, ja vielleicht auch stellenweise zu verurteilen. Nicht vergessen darf man allerdings hierbei auch, dass der Vater unter Einfluss seiner unbehandelten psychischen Erkrankung (vermutlich eine Bipolare Störung) stand, dem sich niemand entgegen setzte, sondern der in seiner Frau auch noch eine Unterstützerin fand, die sich mit ihm gemeinsam auch gegen ihre Kinder wandte. Beim Lesen schwankt man zwischen Wut und Traurigkeit, weil den Kindern ihre Entfaltungsmöglichkeiten genommen werden und man sie als Gefangene von Glauben und Erziehung erkennt.

Aber es blitzt auch in leisen Tönen die Stärke, das Durchhaltevermögen und der Kampfgeist von Tara Westover durch. Man bekommt eine Vorstellung davon, was es heißen muss, erst mit 17 Jahren eine Schullaufbahn ohne Vorwissen zu starten. Es wird deutlich, wie viel sie nachzuholen hatte und man selbst weiß den den Wert der hier herrschenden Schulpflicht besonders zu schätzen, die einem den Zugang zu vielerlei unterschiedlich geartetem Wissen fast schon wie selbstverständlich einfach beim Heranwachsen gewährt. Lernen zu dürfen ist ein Privileg, das es nicht zu unterschätzen gilt.

„Alles, wofür ich gearbeitet hatte, alle meine Studienjahre hatten dazu gedient, mir dieses eine Privileg zu erwerben: mehr Wahrheiten zu sehen und zu erfahren als die, die mir mein Vater gegeben hatte, und diese Wahrheiten dazu zu benutzen, um mir einen eigenen Verstand aufzubauen. Ich war zu dem Glauben gelangt, dass die Fähigkeit, viele Ideen, viele Geschichten, viele Betrachtungsweisen zu bewerten, entscheidend war für das, was es heißt, sich selbst zu erschaffen.“

(S. 412)

Ein großartiges Buch. Eine bemerkenswerte Frau!

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Tara Westover
Befreit – Wie Bildung mir die Welt erschloss
Aus dem Englischen von Eike Schönfeld
Original: Educated, Second Sally Ltd.
Gebunden mit Schutzumschlag, 448 Seiten
ISBN: 978-3462050127
Preis: 29,50 € [D]
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erschienen: 07.09.2018

erLESENer April 2021

Im Lesemonat April spielte ich durch, wie mein Leben anders verlaufen wäre, wenn ich andere Entscheidungen getroffen hätte; las und hörte mich mit Pink Floyd zu mehr, als nur die dunkle Seite des Mondes; durchlebte mit der dänischen Dichterin Tove Ditlevsen ihre Kindheit und Jugend bis hin zu ihrer vielschichtigen Abhängigkeit als Erwachsene; reiste mit Christopher Many acht Jahre mit dem Land Rover durch die Welt und war enttäuscht von meinem zunehmenden Desinteresse Dave gegenüber.

Bücherwelten – irgendwo zwischen Verzauberung und Entzauberung.

Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig: Eine tolle Romanidee, die jedoch oberflächlich und schlecht umgesetzt wurde. Immerhin gut als Hörbuch mit Annette Frier vertont.

Pink Floyd – Alle Songs – Die Geschichten hinter den Tracks von Jean-Michel Guesdon und Philippe Margotin: Ein echtes Highlight, nicht zuletzt weil ich mir zu dem Geschriebenen immer auch gleich die Songs meiner Lieblingsband angehört habe. Ein Genuss!

Die Kopenhagen-Trilogie von Tove Ditlevsen: Kindheit, Jugend und Abhängigkeit waren für mich unterschiedlich gut, aber nichtsdestotrotz echte Highlights. Von der Autorin möchte ich gern mehr lesen.

Hinter dem Horizont Links von Christopher Many: 8 Jahre mit dem Land Rover um die Welt erzählt mir zu viel Kritisches über Meinung und Ansichten des Weltreisenden und es kommt zu wenig vom Reiz und Besonderheiten der Reise heraus. Die Jahre spätere vierjährige Reise mit dem Motorrad „Hinter dem Horizont Rechts“ gefällt mir bei weitem besser.

Dave von Raphaela Edelbauer: Weder die Charaktere noch die kaum vorhandene Handlung konnten mich dazu bewegen mich bis zum Schluss durch die unverhältnismäßig gestelzte und überkomplizierte Sprache zu quälen. Das Buch war für mich ein Fehlgriff.

Abhängigkeit – Tove Ditlevsen

„Abhängigkeit” ist der dritte und abschließende Teil der „Kopenhagen-Trilogie“, in der Tove Ditlevsen (1917 – 1976) autofiktional über ihr Leben schreibt. Das Buch schließt nahtlos an „Kindheit“ und „Jugend“ an.

Tove Ditlevsen ist mit dem 30 Jahre älteren Viggo F. verheiratet, der in seiner Zeitschrift ihr erstes Gedicht publizierte und ihr Dank seiner Kontakte beim Veröffentlichen ihres ersten Buches half. Doch die Ehe ist nicht glücklich. Erst als sich ‚Der Club der jungen Künstler‘ mit knapp einem Dutzend junger Menschen jeden Donnerstagabend trifft, gewinnt ihr Leben wieder an Farbe und Fülle. Sie lernt dort unter anderem Piet Hein kennen und verlässt Viggo F.

„Jetzt musst du vom Schreiben leben, es hat keinen Sinn, sich von einem Mann durchfüttern zu lassen, auch wenn dir das deine Eltern eingeredet haben.“

(S. 32)

Nachdem Piet Hein sie verlässt, verliebt sie sich in den Studenten Ebbe. Sie heiraten und bekommen ein Kind. Tove Ditlevsen geht es in dieser Zeit gut, doch seit der Geburt hat sie die Lust auf Sex verloren. Als sie schwanger wird, beschließt sie das Kind abzutreiben, doch Ebbe und Tove entfernen sich dennoch immer weiter voneinander. Als sie schließlich den Medizinstudenten Carl kennenlernt, betrügt sie Ebbe und wird erneut schwanger. Carl nimmt die Abtreibung vor und verabreicht Tove dabei das Betäubungsmittel Pethidin.

„Pethidin, denke ich, der Name klingt in meinen Ohren wie Vogelgezwitscher: Ich beschließe, den Mann nie wieder loszulassen, der mir einen so unbeschreiblichen, beglückenden Genuss bereiten kann.“

(S. 86)

Daraufhin verlässt sie Ebbe und heiratet Carl, der sie nicht nur über Jahre hinweg mit Pethidin, sondern auch mit Chloralhydrat und Methadon versorgt. Während sie anfangs unter geringer Methadon-Dosis noch schreiben und einiges veröffentlichen kann, vegetiert sie irgendwann nur noch dahin und gehört nicht einmal mehr zum Alltag ihrer Kinder. Es folgen der Entzug und ein neuer Mann.

Tove Ditlevsen versteht es, eindrucksvoll ihre Erlebniswelt so zu schildern, dass sie beim Lesen nachvollziehbar wird. Ihre Sprache ist klar und wohl dosiert bildhaft. Intensiv erzählt sie von ihrem Leben als Ehefrau, Mutter und Schriftstellerin, aber auch von ihrer Abhängigkeit von den verschiedenen Männern und nicht zuletzt von den Medikamenten. Es ist ein ehrliches Buch, mit dem sich die Autorin verletzbar macht. Denn sie entschuldigt nicht ihr Verhalten und versucht es auch nicht zu rechtfertigen. Aber wenn man sie sucht, findet man beim Lesen die leisen Erklärungen und hat doch nicht das Gefühl, dass hier die Autorin ihr Leben reflektiert. Vielmehr erzählt sie eine Geschichte – ihre Geschichte – und überlässt es dem Leser, wie er sie für sich werten möchte.

Erschienen ist dieses Buch 1971 und birgt in seinem scheinbar glücklichen Ende eine gewisse Tragik. Denn Wikipedia verrät, dass Tove Ditlevsen durch eine Überdosis Schlaftabletten 1976 starb, nachdem sie zwei Jahre zuvor bereits einen Suizidversuch unternommen hatte.

Die „Kopenhagen-Trilogie“ war ein intensives Leseerlebnis und ich fand die Bücher großartig. Die Geschichte von Tove Ditlevsen wirkt nach, so dass ich gerne mehr von dieser Autorin lesen möchte. Mir scheint es nicht allein so zu gehen, denn nicht einmal auf dem Gebrauchtbüchersektor ist, abgesehen von dieser Trilogie, etwas Deutschsprachiges von Tove Ditlevsen verfügbar. Es würde mich freuen, wenn der ein oder andere Verlag das ändern würde – vielleicht ja wieder der Aufbau Verlag und sehr gern wieder in einer Übersetzung von Ursel Allenstein.

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Tove Ditlevsen
Abhängigkeit – Kopenhagen-Trilogie, Band 3
Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Original: Gift, Gyldendal, Kopenhagen, 1971
Gebunden mit Schutzumschlag, 176 Seiten
ISBN: 978-3351038700
Preis: 18,00 € [D]
Verlag: Aufbau Verlag
Erschienen: 15.02.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Jugend – Tove Ditlevsen

„Jugend” ist der zweite Teil der „Kopenhagen-Trilogie“, in der Tove Ditlevsen (1917 – 1976) autofiktional über ihr Leben schreibt. Das Buch schließt nahtlos an „Kindheit“ an und beschreibt die Zeit nach ihrer Konfirmation, also ab dem Alter von etwa 14 Jahren bis zum Erscheinen ihres ersten Gedichtbands.

„Das Jungsein ist ein vorübergehender, zerbrechlicher und unbeständiger Zustand. Er muss überwunden werden, einen anderen Sinn hat er nicht.“

(S. 105)

So die Erkenntnis von Tove Ditlevsen, die sich in ihrem trostlosen Elternhaus und diversen Arbeitsplätzen so gefangen fühlt, dass sie eine Zeitlang keine Gedichte mehr schreibt, weil sie nichts in ihrem Alltag dazu inspiriert. Als sie endlich achtzehn Jahre alt ist zieht sie aus und mietet sich nicht nur ein unbeheiztes Zimmer bei einer Nazi-Vermieterin, sondern auch eine Schreibmaschine, um ihre Gedichte ins Reine zu tippen.

Sie durchlebt ihren Arbeitsalltag, die Abende mit Nina, die ihr eher nützlich als eine Freundin ist und knüpft erste Bande zu jungen Männern. Doch beim Lesen bekommt man den Eindruck, dass Tove Ditlevsen in dieser Zeit weder Fleisch noch Fisch ist. Sie ist erfüllt von einem Hunger nach großen Gefühlen, ist jedoch nicht in der Lage sie zu fühlen. Sie gleicht einem Kind, das in die Welt der Erwachsenen aufgenommen wurde, sich dort aber noch nicht zurechtfindet. Und so bleibt auch ihre Sehnsucht nach Liebe unerfüllt, selbst als sie aus Vernunftgründen eine Verlobung eingeht, die sie aus Vernunftgründen dann auch wieder löst.

Ihr einziger Trost sind eine Handvoll Gedichte, von denen schließlich eines in einer Zeitung mit einer Auflage von 500 Stück veröffentlicht wird. Es erweist sich als Türöffner, der ihr zu ihrem ersten Gedichtband verhilft.

„Mein Buch! Ich nehme es in die Hand und empfinde ein feierliches Glück, das nichts gleicht, was ich je gefühlt habe. Tove Ditlevsen. Mädchenseele. Es kann nicht mehr zurückgezogen werden. Es ist unwiderruflich. Das Buch wird immer da sein, unabhängig davon, wie sich mein Schicksal gestaltet.“

(S. 130)

Davon abgesehen empfindet sie ihre Jugend aber als nichts als einen Mangel und ein Hindernis, das nicht schnell genug überwunden werden kann. Das würde ich zwar so nicht über das Buch „Jugend“ behaupten wollen, aber es transportiert genau dieses Gefühl. Tove Ditlevsens Sprache ist auch in diesem Buch bildhaft und lyrisch, aber nicht mehr in dem Umfang, wie in „Kindheit“. Auch wenn ich dies ein wenig vermisst habe, so sorgt genau diese zurückhaltendere Verwendung der Stilmittel für ein stimmiges Gesamtbild. Zumindest bisher, denn nun geht es für mich weiter mit „Abhängigkeit“, dem dritten Teil der Kopenhagen-Trilogie.

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Tove Ditlevsen
Jugend – Kopenhagen-Trilogie, Band 2
Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Original: Ungdom, Gyldendal, Kopenhagen, 1967
Gebunden mit Schutzumschlag, 154 Seiten
ISBN: 978-3351038694
Preis: 18,00 € [D]
Verlag: Aufbau Verlag
Erschienen: 15.02.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Frisch auf dem Buchmarkt: April 2021

In den Verlagsvorschauen für den April habe ich einige Bücher gefunden, die ich im Auge behalten und vielleicht auch lesen möchte. Es geht ums reisen und dabei weltwach zu bleiben; um fünfhundert Kinder aus einem Moskauer Waisenhaus, die im Sommer 1944 in den Kaukasus verschickt werden; um ein Mädchen aus Ghana, das im deutschen Exil täglich damit konfrontiert ist, anders zu sein; um Björn Dremel auf Pilgerpfaden; um die Biografie Meister Eckharts; um zwei Schwestern, die sich vielleicht doch nicht so nah standen, wie es erst scheint; um eine dystopische Welt mit einer Wirklichkeit, die die Zukunft und Vergangenheit der Menschheit in Frage stellt; um eine radfahrende Rebellin; um eine Eulenflüsterin und um ein Mädchen, das in ihrer Kindheit und Jugend versucht mit der Schizophrenie ihrer Mutter zurecht zu kommen.

Aber schaut selbst, vielleicht ist ja für euch auch etwas Interessantes dabei:

01.04.2021: Weltwach: Mit offenen Augen ins Abenteuer [Werbung] von Erik Lorenz: Abenteuer. Reisen. Leben. Eine Nacht unter freiem Himmel im Naturschutzgebiet Königsforst. Auf dem Motorrad durch den Himalaja. Anrührende Begegnungen auf einer Jurtenfarm in Australien. Erik Lorenz, Herausgeber des erfolgreichen Reisepodcasts WELTWACH, lässt in diesem Buch nicht nur prominente Gäste wie Andreas Altmann, Ilija Trojanow, Carmen Rohrbach, Ranga Yogeshwar und Reinhold Messner zu Wort kommen, sondern lotet anhand der eigenen Abenteuer aus, warum Reisen so wertvoll für uns sind und was sich auf ihnen zu suchen lohnt: vom Zauber der ersten Stunden an einem fremden Ort, dem Überwinden innerer Grenzen bis hin zum Ablegen eigener Vorurteile. Es sind die Momente größter Intensität und innerer Ruhe sowie die Begegnungen mit den Menschen, die ihn immer wieder antreiben, vor die Haustür zu treten und aufzubrechen. Eindrücklich schildert er, warum auch im Zeitalter von Pauschaltourismus und Klimawandel kleine wie große Abenteuer möglich und wichtig sind. Weshalb eine genetische Veranlagung für unsere Rastlosigkeit mitverantwortlich ist. Und welche kostbaren Lektionen man auf Reisen für das Leben lernen kann: über Scheitern und Angst, Neugierde und Verantwortung – und den Mut, den ersten Schritt zu wagen. Umsichtig und mit Blick für das Wesentliche zeigt er dabei auf, wie es uns gelingt, weltwach zu sein.

12.04.2021: Schlief ein goldnes Wölkchen [Werbung] von Anatoli Pristawkin: Ein wiederentdecktes Meisterwerk: berührend und bristant. Fünfhundert Kinder aus einem Moskauer Waisenhaus werden im Sommer 1944 in den Kaukasus verschickt, unter ihnen Saschka und Kolka. Die elfjährigen Zwillinge hoffen, endlich ihren quälenden Hunger hinter sich zu lassen. Doch bereits ihre Ankunft wird von bedrohlichen Detonationen in den nahe gelegenen Bergen begleitet. Bewaffnete Tschetschenen, die der Zwangsaussiedlung entfliehen konnten, setzen sich erbittert gegen die russischen Eindringlinge zur Wehr – und die Brüder geraten nach Momenten überwältigenden Glücks in größte Gefahr. Anatoli Pristawkin bringt die politischen Realitäten so ungeschönt zur Sprache, dass sein Werk in Russland erst mit Beginn der Perestroika erscheinen durfte. Jetzt in aktualisierter und überarbeiteter Übersetzung, unzensiert.

13.04.2021: Wir Gotteskinder [Werbung] von Nana Oforiatta Ayim: Maya Mensah ist im deutschen Exil täglich damit konfrontiert, anders zu sein. Auch ihre Eltern sind anders. Ihr Vater ist ein scheuer Intellektueller, und ihre schöne Mutter liebt es, das Geld mit vollen Händen auszugeben und an ihre königliche Abkunft zu erinnern. Doch wenn Maya in der Schule von ihrer glanzvollen Familie erzählt, wird sie verspottet. Beistand leistet ihr einzig ihr Cousin Kojo. Maya ist fasziniert von seinen farbenprächtigen Erzählungen aus Ghana, an das sie sich kaum erinnern kann. Sie klingen für sie wie Märchen, die mythisch und wirklich zugleich scheinen, und öffnen ihr den Blick: für ein Land, das seine Seele nach all den Jahren der Kolonialzeit erst wiederfinden muss, für ihre entwurzelten Eltern ― und endlich erkennt sich Maya als Teil dieser Geschichte. Poetisch, fesselnd, faszinierend ― » Wir Gotteskinder« ist wahre Weltliteratur und eine Hymne an das Geschichtenerzählen als verbindendes Glied zwischen den Kulturen.

26.04.2021: Achtsam morden am Rande der Welt [Werbung] von Karsten Dusse: Finde dich selbst. Bevor es ein anderer tut. Um der Midlifecrisis zu entgehen, begibt sich Björn Diemel auf Anraten seines Therapeuten auf Pilgerreise. Schnell stellt sich als Erkenntnis auf dem Jakobsweg heraus, dass Björns Leben die Mitte bereits längst überschritten haben könnte: Ein unbekannter Mitpilger versucht, ihn zu töten. Während bei den scheiternden Anschlägen auf ihn ein Pilger nach dem anderen seinen Lebensweg verlässt, versucht Björn ganz achtsam, sich seiner Haut zu wehren. Seine Pilger-Fragen nach Leben, Tod und Erfüllung bekommen plötzlich eine sehr praxisnahe Relevanz.

26.04.2021: Meister Eckhart: Der Mönch, der die Kirche herausforderte und seinen eigenen Weg zu Gott fand [Werbung] von Joel F. Harrington: Er ist der Ahnherr der Selbsthilfephilosophie, der Guru der New Age-Bewegung, die Millionen von Anhängern hat: Meister Eckhart, Dominikaner, Mystiker und Philosoph. Doch wer war der Mann hinter den Lehren, die nach sieben Jahrhunderten noch Menschen begeistern? Wie sind seine Ideen entstanden? Der Mönch aus Thüringen zeigte damals, dass nur der persönliche Weg zu Gott zum Seelenheil führt und predigte, dass diese spirituelle Erfahrung allen möglich war, die die innere Haltung des Loslassens („Gelâzenheit“) einnahmen. Dieses verblüffend moderne Denken brachte den Mönch Eckhart in Konflikt mit der Kirche, die sich von der Sprengkraft seiner Ideen herausgefordert fühlte. Der Historiker Joel F. Harrington hat sich auf die Spuren des bedeutenden Mystikers begeben und lässt in seiner Biographie eine der faszinierendsten Figuren des Mittelalters auferstehen.

28.04.2021: So wie du mich kennst [Werbung] von Anika Landsteiner: »Warum reden wir den ganzen Tag und erzählen uns doch so wenig?« Karlas Leben ist stehengeblieben. Sie trägt eine Urne nach Hause, darin die Asche ihrer Schwester Marie. Und plötzlich ist nichts mehr so, wie es einmal war. Marie war Karlas Seelenverwandte, ihr Kompass in diesem Chaos, das sich Leben nennt. Und während sich dieses Chaos um sie herum einfach weiterdreht, reist Karla nach New York, um dort die Wohnung ihrer Schwester aufzulösen. Als sie Fotos findet, die so verstörend wie alltäglich sind, fragt sie sich, wie gut sie Marie wirklich kannte. Die Schwester, die so ganz anders lebte als sie. Die erfolgreich und selbstbewusst war. Was Karla auf den Bildern sieht, verändert ihren Blick auf Marie, ihren Blick auf sich selbst und auf das ganze Leben vor ihr. Anika Landsteiner erzählt eindringlich, bewegend und aufrüttelnd von Frauen wie uns. Von Menschen wie dir und mir.

28.04.2021: Singularity [Werbung] von Joshua Tree: Schafft sich die Menschheit selber ab? »Singularity« ist der neue Science-Fiction-Thriller von Bestseller-Autor Joshua Tree über die Zukunft der künstlichen Intelligenz. Ende des 21. Jahrhunderts ist die Menschheit tief gespalten: Während die eine Hälfte medizinisch bestens versorgt ein langes Leben führt, ist die andere schlicht überflüssig. Bestenfalls als billige Arbeitskräfte haben die meisten Menschen ein karges Auskommen.
Einer dieser Überflüssigen ist James, der als Hausdiener der neuen Elite anheuert. Von seinem neuen Herrn erhält er einen rätselhaften Auftrag: Er soll dessen vor zwanzig Jahren verschollene Tochter wiederfinden – in einer virtuellen Simulation. Schon bald muss er erkennen, dass nicht bloß die Grenzen von VR und Wirklichkeit verschwimmen, sondern auch die von Mensch und Maschine. Und ihm offenbart sich ein schreckliches Geheimnis, das die Zukunft und Vergangenheit der Menschheit in Frage stellt.

30.04.2021: Die Rebellion der Alfonsina Strada [Werbung] von Simona Baldelli: Schon als kleines Mädchen hat Alfonsina Strada einen großen Traum: Fahrrad zu fahren und das möglichst schnell. 1891 als eines von vielen Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen im norditalienischen Dörfchen Fossamarcia geboren, saust sie auf dem alten Drahtesel ihres Vaters heimlich durch die Nacht. Trotz Verbots meldet sie sich zu Rennen an, gewinnt und will noch mehr: am großen Giro d’Italia teilnehmen, für den jedoch nur Männer zugelassen sind. Mit Mut, Fantasie und dem unerschütterlichen Glauben an sich selbst bereitet sie sich auf den Coup ihres Lebens vor … 

30.04.2021: Die Eulenflüsterin [Werbung] von Tanja Brandt (TB): „Ich war ein Kind, das nie gewollt war“, sagt Tanja Brandt, wenn man sie zu ihrer Kindheit befragt. Schmerzhaft sind die Erinnerungen an ihr Elternhaus. In ihrem ganz persönlichen Buch schreibt sie über ihren harten Lebensweg und über die Liebe zu ihren Tieren, die sie daran erinnert, dass Träume wahr werden können. Und sie lernt von ihren Tieren, was es braucht, um glücklich zu sein: Mitgefühl, Fürsorge und Verlässlichkeit.

30.04.2021: Als Mama mit der Lampe sprach [Werbung] von Nilüfer Türkmen: Nelly ist erst vier, als ihr Vater stirbt. Von nun an ist sie allein mit ihrer Mutter. Doch Nellys Mutter ist krank, sie erteilt unsinnige Verbote, impft dem kleinen Mädchen Angst vor Infektionen und Entführern ein. Und sie spricht mit Michael, der in der Lampe wohnt, der eigentlich gar nicht da ist, aber trotzdem alles über die beiden weiß. Nellys Mutter leidet an Schizophrenie, nicht alles, was sie sieht und hört, existiert auch wirklich. Tapfer schlägt sich das Mädchen durch – und versucht zu verstehen, was „wirklich“ ist, und was nicht. Nilüfer Türkmens Erfahrungsbericht ist ein berührendes Zeugnis einer Kindheit und Jugend. Und er lässt uns einen Blick in eine verborgene Welt werfen, die viel mehr Menschen betrifft, als wir gemeinhin glauben.

Kindheit – Tove Ditlevsen

Manche Hypes gehen einfach an mir vorüber und so schaute ich mir in der vergangenen Woche den Literaturclub von März an, ohne zuvor jemals etwas von Tove Ditlevsen gehört oder gelesen zu haben. Doch als dort Lara Körte eine Passage aus „Kindheit“ vorliest, bin ich gleich wie elektrisiert und beginne bereits wenige Stunden später das Buch selbst zu lesen.

Tove Ditlevsen ist 1917 in einem Arbeiterviertel in Kopenhagen geboren und hat 1967 während eines Klinikaufenthalts begonnen an „Kindheit“, dem ersten Buch ihrer autofiktionalen Kopenhagen-Trilogie, zu schreiben. Als dieses Buch in Dänemark erschien, hatte Tove Ditlevsen in Dänemark längst jene Berühmtheit als Dichterin erlangt, von der sie schon als kleines Kind träumte. Während die kindliche Dichterin noch ‚voller Lügen‘ steckte, wie es ihr Bruder Edvin ausdrückte, machte sie als Erwachsene mehr oder weniger unverholen Gebrauch von der eigenen Biographie. „Schreiben heißt, sich selbst auszuliefern“ sagte sie einmal, „sonst ist es keine Kunst. Man kann das verschleiern, aber letzten Endes schreibt man doch immer über sich selbst.“

Als Arbeiterkind, noch dazu als Mädchen, wird Tove Ditlevsen in eine Welt geboren, die äußerst ungünstige Voraussetzungen für sie bietet. Sie entdeckt schon sehr früh das Lesen und das Schreiben für sich, worin sie Zuflucht findet. Aber Frauen werden zu dieser Zeit keine Dichter, erst recht nicht, wenn sie in lieblosen ärmlichen Zuständen aufwachsen, die von Demütigung geprägt sind. Denn der Frau ist es bestimmt Hausfrau und Mutter zu werden – in ihre Bildung zu investieren ist Zeit und Geldverschwendung.

„Doch selbst wenn sich niemand sonst für meine Gedichte interessiert, bin ich gezwungen, sie zu schreiben, denn sie dämpfen die Trauer und Sehnsucht in meinem Herzen.“

(S. 92)

Einige der Gedichte, in denen sie von einem anderen Leben träumt, kann man in diesem Buch lesen, aber vielmehr bin ich beeindruckt von der Art, wie sie ihre Kindheit beschreibt. Sie erzählt einerseits so ungeschminkt und schonungslos, dass es beim lesen schmerzt und man als „Frau von Heute“ die allgemein übliche Ungerechtigkeit vergangener Zeiten kaum ertragen kann. Aber es kommt andererseits auch die Dichterin Tove Ditlevsen zum Vorschein, die treffende Metaphern findet und sich an den passenden Stellen lyrisch genau so auszudrücken versteht, dass es nicht überladen wirkt und man sich vor ihrem sprachlichen Talent einfach nur bewundernd tief verneigen möchte.

„[…] und ohne, dass ich es weiß, sinkt meine Kindheit leise auf den Grund der Erinnerungen, dieser Seelenbibliothek, aus der ich bis an mein Lebensende Wissen und Erfahrungen schöpfen werde.“

(S. 98)

Mit 118 Seiten ist „Kindheit“ ein eher schmales Büchlein, das es jedoch in sich hat. Ich werde unbedingt weiter lesen und bin nun gespannt auf „Jugend“, den zweiten Band der Kopenhagen-Trilogie.

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Tove Ditlevsen
Kindheit – Kopenhagen Trilogie, Band 1
Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Original: Barndom, Gyldendal, Kopenhagen, 1967
Gebunden mit Schutzumschlag, 118 Seiten
ISBN: 978-3-351-03868-7
Preis: 18,00 € [D]
Verlag: Aufbau Verlag
Erschienen: 18.01.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.