Abenteuer im Gepäck – Erik Lorenz

„Das Reisen holt deinen Kopf aus den Wolken und bringt dich auf den Boden zurück.“

(Nadine Pungs, S. 173)

Als feststand, dass ein Buch erscheinen würde, in dem das Beste aus dem Weltwach-Podcast in gedruckter und bebilderter Form erhältlich sein würde, war mir gleich klar, dass ich es mir irgendwann zulegen würde. Ich mag zu sehr den jeden Samstag erscheinenden Weltwach Podcast, in dem sich Erik Lorenz auf so sympathische und unterhaltsame Weise mit Abenteurern, Reiseschriftstellern und Fotografen über aufregende Expeditionen und lebensverändernde Streifzüge unterhält und bin natürlich längst auch bei Instagram eine begeisterte Followerin von Weltwach und schaue mir dort besonders gern den Travel Talk an.

Und so kam mir beim Lesen selbstverständlich einiges doch bekannt vor. Aber das tat dem Lesevergnügen keinen Abbruch, weil die Berichte um ansprechende Bilder ergänzt wurden und die schöne, wertige Aufmachung des Hardcovers inklusive Lesebändchen überzeugt.

Unterteilt ist das Buch in die vier Rubriken „Aufbruch“, „Wildnis“, „Widerstände“ und „Erkenntnis“ unter denen Joey Kelly, Rolf Lange, Carmen Rohrbach, Rüdiger Nehberg, Reinhold Messner, Jerome Blösser, Uli Kunz, Ana Zirner, Michael Martin, Dirk Rohrbach, Hans Kammerlander, Anselm Pahnke, Andreas Pröve, Stephan Meurisch, Christine Thürmer, Nadine Pungs und Bruno Baumann zu finden sind.

Dieses Buch ist die Essenz aus über hundert Folgen Weltwach: Gesprächsauszüge, die Erik Lorenz für dieses Buch gemeinsam mit seinen Gästen redaktionell aufbereitet und bebildert hat. Wir begleiten darin leidenschaftliche Weltenwanderer auf ihren Streifzügen und erhalten Einblicke in ferne Orte und herausfordernde Momente. Dabei geht es keineswegs nur um das vordergründige, mitunter gefährliche Abenteuer. Vielmehr ist es ein Querschnitt durch das, was Abenteuer ausmacht und erzählt vom Aufbrechen und Ankommen, von Erkenntnissen und Widerständen, von lebensverändernden Begegnungen, von der Faszination für Landschaften und Reiseformen, für Wälder, Wüsten und Flüsse, fürs Bezwingen von Bergen und Von-Deutschland-nach-Tibet-Laufen und dafür, in die Welt aufzubrechen und hinter das Offensichtliche zu schauen.

Ich werde es einfach nicht müde Grenzgängern und Weltreisenden dabei zuzuhören, wenn sie erzählen und kann Buch und Podcast allen empfehlen, denen es ähnlich geht.

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Erik Lorenz (Herausgeber)
Abenteuer im Gepäck
Grenzgänger und Weltreisende erzählen
Hardcover, 192 Seiten
ISBN: 978-3866907256
Preis: 24,99 € [D]
Verlag: NG Buchverlag GmbH
Erschienen: 18.05.2020

Nastjas Tränen – Natascha Wodin

Aufmerksam wurde ich auf Natascha Wodin durch ihr Buch „Sie kam aus Mariupol“ für das sie mit dem Buchpreis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde und in dem sie die Lebensgeschichte ihrer Mutter rekonstruierte, die von den Nazis als Zwangsarbeiterin aus der Sowjetunion deportiert wurde und sich 1956 in der Bundesrepublik Deutschland das Leben nahm. Natascha Wodin selbst wurde 1945 in einem Lager für Displaced Persons in Fürth geboren und erzählt von ihrer Jugend und ihrem Vater in „Nirgendwo in diesem Dunkel“. Und auch in ihrem neuen Roman „Nastjas Tränen“ verarbeitet sie wiederum eigene Erlebnisse literarisch.

Im Mittelpunkt steht Nastja, eine 1942 im Westen der Ukraine geborene Tiefbauingenieurin, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im wirtschaftlichen Chaos der sich rasant entwickelnden Oligarchie in der ehemaligen Teilrepublik der UdSSR nicht mehr genug zum überleben hat. Ihr letztes Gehalt bekommt sie in Form eines Säckchens Reis ausgezahlt – zu wenig, um sie und ihren Enkelsohn zu ernähren. Sie kratzt das Geld für ein Touristenvisum und eine Zugfahrt nach Berlin zusammen, schlüpft bei ihrer Schwester unter, verdient sich fortan ihren kleinen sparsamen Lebensunterhalt als Putzfrau und unterstützt mit dem übrigen Geld ihre Familie in der Ukraine.

Als Natascha Wodin 1992 aus der Südpfalz nach Berlin zieht, sucht sie jemanden, der ihr beim Putzen hilft. Sie gibt eine Annonce auf, und am Ende fällt die Wahl auf Nastja aus der Ukraine, dem Land, aus dem Natascha Wodins Eltern stammten, die im Zweiten Weltkrieg als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt wurden.

„Die Treppe herauf kam eine sehr schmale, schüchtern wirkende Frau, die etwa fünfzig Jahre alt sein mochte, aber aussah wie ein Mädchen. Sie trug Jeans und einen Rucksack auf den Schultern, auf den ersten Blick hätte man sie für eine typische Erscheinung der Prenzlauer-Berg-Szene halten können, doch bei näherem Hinsehen verrieten das altmodische, verwaschene Blüschen und die manierliche Haarspange die Herkunft aus einem anderen Teil der Welt.“

(S. 9)

Doch kaum ist Nastjas Visum abgelaufen, schlittert sie in das Leben einer Illegalen, wird Teil der riesigen Dunkelziffer an Untergetauchten im Dickicht der neuen, noch wildwüchsigen deutschen Hauptstadt. Für Natascha Wodin ist es, als würde sie von ihrem Schicksal erneut eingeholt. Im Heimweh dieser Ukrainerin, mit der sie mehr und mehr eine Freundschaft verbindet, erkennt sie das Heimweh ihrer Mutter wieder, die daran früh zerbrochen ist. Sie fühlt sich der Frau verbunden und versucht ihr dabei zu helfen, in Deutschland Fuß zu fassen. Doch ein Teil ihrer Hilfsaktionen führt zu grotesken Situationen und absurden Wendungen in Nastjas Leben. Zwar bekommt sie die deutsche Staatsangehörigkeit, aber nur über eine üble Heirat und muss dafür auch ihren ukrainischen Pass abgeben. Doch es ist nicht jedem möglich in der östlichen und westlichen Welt gleichzeitig zu leben und als Nastja dann irgendwann doch in die Ukraine zurückkehren will, muss sie feststellen, dass ihr jetzt nur noch ein befristetes Touristenvisum für ihre Heimat zusteht.

Eine sehr berührende Geschichte, auch aufgrund ihres authentischen Charakters. Denn Nastja ist keine rein fiktive Romanfigur, sondern hat ein reales Vorbild, das einen gleichzeitig den Schrecken von stalinistischen Terror, nationalsozialistische Verbrechen, sowjetische Diktatur und den Zusammenbruch des Sozialismus erahnen lässt. Das macht jedoch auch das Verhalten und die Ängste Nastjas begreifbar und nachvollziehbar, ihre Zerrissenheit und ihr ausgeliefert und ergeben Sein in Situationen und Begebenheiten, die eigentlich kaum zu ertragen sind.

Natascha Wodins Sprache ist dabei eher nüchtern und doch gelingt es ihr, bei der Geschichte einen Sog zu entwickeln, der nicht mehr los lässt. Es ist ein wenig so, als nähme man gegenüber der Autorin Platz und ließe sich von ihr in aller Ruhe diese besondere Geschichte rund um ihre Putzfrau erzählen. Eine Geschichte von Unsicherheiten, Ungerechtigkeiten, aber auch von dem leisen Kampf ums Überleben, von Heimat, dem Verlust derselben und den doch immer bleibenden Wurzeln. Empfehlenswert!

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Natascha Wodin
Nastjas Tränen
Hardcover, 192 Seiten
ISBN:  978-3498002602
Preis: 22,00 € [D]
Verlag: Rowohlt
Erschienen: 17.08.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag kostenlos für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Während die Welt schlief – Susan Abulhawa

Im Rahmen meiner BUCHweltreise ging es für mich mit Susan Abulhawa und dem Roman „Während die Welt schlief“ nach Palästina. Die Autorin wurde 1970 geboren und wuchs als Kind palästinensischer Flüchtlinge in Kuwait, Jordanien und den USA auf. Als Zehnjährige kam sie in ein Waisenhaus in Jerusalem, mit 13 zog sie erneut in die USA, wo sie bis heute mit ihrer Tochter lebt. Abulhawa machte dort einen Highschool-Abschluss und studierte anschließend Biologie, Medizin und Neurologie. Jedoch entdeckte sie bald das Schreiben für sich und verfasste mehrere Kurzgeschichten und kürzere Romane, während sie journalistische Tätigkeiten ausübte. Ihr Debütroman „Während die Welt schlief“ ist ein internationaler Bestseller und wurde in über zwanzig Sprachen übersetzt. Seit einer Reise nach Palästina im Jahr 2000 engagiert sich die Autorin aktiv für die Menschenrechte und die Lebensumstände von palästinensischen Kindern in besetzten Gebieten.

In „Während die Welt schlief“ erzählt Susan Abulhawa eine tief berührende Geschichte über den Verlust der Heimat, eine zerrissene Familie und die immerwährende Hoffnung auf Versöhnung. Seit Generationen leben die Abulhijas als Olivenbauern in dem idyllischen Dorf Ein Hod. Ihr Leben ist friedlich – bis 1948 die Zionisten den Staat Israel ausrufen und sich alles verändert. Die Dorfbewohner werden mit Waffengewalt aus ihren Häusern vertrieben, müssen ihr Land, ihren Besitz und ihr Zuhause zurücklassen. Amal, geboren im Flüchtlingslager in Jenin, lernt die Heimat ihrer Vorväter nie kennen. Stattdessen erlebt sie Kriege, Gewalt und schreckliche Verluste, aber sie erfährt auch Freundschaft und Liebe in der Gemeinschaft der Vertriebenen. Weder Amal noch ihre Familie ahnen jedoch, wie eng ihr Schicksal und das von Israel und Palästina wirklich zusammenhängen.

Die Figuren in diesem Buch sind erfunden – Palästina ist es nicht. Die historischen Ereignisse und die bekannten Personen, die in der Geschichte erwähnt werden, sind oder waren real. Und so lernt man im Buch die kleine Amal und ihre Familie kennen, die zunächst ein beschauliches Leben in Palästina führt. Doch Israel war ein Zufluchtsort für die Juden in einer Welt, in der man anderswo Todeslager für sie gebraut hatte und so fallen sie in Palästina ein und beanspruchen das Land gewaltsam für sich.

Es ist ein Roman mit schönem sprachlichen Klang, durchsetzt von arabischen Worten und Ausdrucksformen, die zu Herzen gehen und berühren. Aber es ist auch ein Roman voller Brutalität. Es geht um Kriegshandlungen und Massaker in Flüchtlingslagern. Grausamkeiten, von denen man lieber nichts wissen möchte, die sich aber leider googeln lassen. Gleichzeitig wird die Geschichte eines kleinen Mädchens erzählt, für das das Großwerden im Flüchtlingslager zu einer Normalität wird, die doch niemals normal sein kann.

„Ich war in einer Landschaft aus improvisierten Träumen und abstrakten Sehnsüchten nach einem Land aufgewachsen – alles erschien mir temporär. Auf nichts konnte man sich verlassen, nicht auf die Existenz der Eltern, der Geschwister oder der Heimat. Nicht mal auf den eigenen Körper, der so empfindlich auf Gewehrkugeln reagierte.“

(S. 209/210)

Ein fesselnd und spannend geschriebener Roman, der nicht immer einfach zu ertragen ist und doch so viel Hoffnung, Familienzusammenhalt und Freundschaft enthält – und gleichzeitig den Israelisch-Palästinensischen Konflikt aus palästinensischer Sicht verdeutlicht. Empfehlenswert!

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Susan Abulhawa
Während die Welt schlief
Aus dem Amerikanischen von Stefanie Fahrner
Original: Mornings in Jenin
Taschenbuch, 448 Seiten
ISBN: 978-3453356627
Preis: 9,99 € [D]
Verlag: Diana Verlag
Erschienen: 09.04.2012

erLESENer Juli 2021

Im Lesemonat Juli war ich mit hellwachem Geist in meinem bewegungslosen Körper gefangen, versuchte mit dem Tod meiner 16jährigen Tochter fertig zu werden, reiste zurück in die Zeit der 1980er Jahre, fand fest in Plastikfolie eingewickelte Leichen, die aussahen wie Kokons, durchlebte den Horror der fortschreitenden Klimakrise, genoss die vietnamesische Küche, beobachtete jemanden beim Morden mit Bauschaum und nahm mit der Bestatterin Blum Rache an den Mördern ihres Mannes.

Bücherwelten – irgendwo zwischen Apokalypse und vermeintlich heiler Welt.

Schmetterling und Taucherglocke von Jean-Dominique Bauby: Die autobiografischen Eindrücke eines 43jährigen, der unter dem Locked-In-Syndrom leidet und mit seinem hellwachen Geist in einem bewegungslosen Körper gefangen ist. Bewegend!

Was ich euch nicht erzählte von Celeste Ng: Das im Untergrund schwelende Familiendrama rund um eine verschwundene Sechzehnjährige. Fesselnd und eindringlich erzählt. Von der Autorin werde ich mehr lesen.

Wir Kassettenkinder von Stefan Bonner und Anne Weiss: Eine Zeitreise in die 1980er Jahre, in die guten und schlechten Zeiten. Hat mir sehr viel Freude bereitet.

Die Verlorenen von Simon Beckett gelesen von Johannes Steck: Der Auftakt der neuen Reihe von Simon Beckett war soweit in Ordnung, konnte mich aber trotz hervorragendem Hörbuchsprecher nicht vollends überzeugen.

Was, wenn wir einfach die Welt retten von Frank Schätzing: Ein gelungener Ansatz des Autors, der nicht mit erhobenem Zeigefinger doziert, aber dennoch deutlich macht, dass wir alles Sinnvolle unternehmen müssen, um die Klimaziele zu erreichen und realistisch betrachtet auch auf die Konsequenzen vorbereitet sein sollten, wenn uns das nicht gelingt. Lesenswert!

Der Geschmack der Sehnsucht von Kim Thúy: Dieses Buch entführt in eine fremde Welt mit den Gerichten, Gewürzen und Zutaten der vietnamesischen Küche, gewährt aber auch Einblicke in die Kultur, Sprache und Geschichte. Ein perfekter BUCHweltreise-Kandidat.

Die Puppenmacherin von Max Bentow gelesen von Axel Milberg: Ein weiterer hervorragender Hörbuchsprecher, widerliche Leichen in Bauschaum, spannend – krank – unterhaltsam.

Totenfrau von Bernhard Aichner gelesen von Christian Berkel: Und noch ein hervorragender Hörbuchsprecher. Es handelt sich hierbei um den Auftakt der Trilogie, in der eine Bestatterin Rache nimmt. Brutal, widerlich, spannend – krank – unterhaltsam.

Der Geschmack der Sehnsucht – Kim Thúy

„Vor dem Schlafengehen legte Mama das Buch wieder in seine Metalldose und vergrub es in einem Versteck. Es war das größte aller Geheimnisse, denn ausländische Bücher waren verbannt, vor allem Romane, genauer gesagt, die Frivolität der Fiktion.“

(S. 42)

Im Rahmen meiner BUCHweltreise ging es dieses Mal für mich nach Vietnam. Kim Thúy verbrachte ihre ersten zehn Lebensjahre in Vietnam, bevor sie 1978 mit ihren Eltern und zwei Brüdern als boat people nach Kanada floh und sich in Montreal in der Provinz Québec niederließ. Später arbeitete sie als Übersetzerin und Rechtsanwältin und war Gastronomin und Gastrokritikerin für Radio und Fernsehen. Ihr erstes Buch „Der Klang der Fremde“ war ein internationaler Erfolg und brachte ihr zahlreiche Preise ein. 2013 erschien Thúys Buch „Der Geschmack der Sehnsucht“.

Es ist die autobiografisch gespeiste Liebesgeschichte einer Frau, die als Kriegswaise nach dem Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südvietnam weitergereicht wird und erst bei der dritten ‚Mutter‘ ein zu Hause findet. Bei ihr lernt Mãn die vietnamesische Kultur kennen und wird auch mit ihrer Küche vertraut gemacht.

„Leise, flüsternd lehrten die Mütter ihre Töchter kochen, damit nicht Nachbarinnen die Rezepte stahlen und womöglich mit den gleichen Gerichten deren Männer verführten. Kulinarische Traditionen wurden heimlich weitergegeben, wie Zaubertricks vom Meister an den Lehrling, immer nur eine einzelne Fertigkeit im Rhythmus der alltäglichen Verrichtungen.“

(S. 10)

Doch um ihre Zukunft zu sichern, entscheidet sich auch die neue Mutter, sie in die Ferne zu schicken: in eine arrangierte Ehe mit einem älteren Mann, der nach Kanada ausgewandert ist. Zuerst nimmt die junge Frau die neue Heimat nur durch die Luke der kleinen Suppenküche wahr, die dem ungleichen Paar den Lebensunterhalt sichert.

Erinnerungen an Vietnam und an Erlebnisse verbindet Mãn immer mit Geschmackserlebnissen und kocht nun alte Rezepte nach. Durch das Probieren mit Gewürzen und Zutaten aus der Heimat wird sie bald zu einer kleinen Berühmtheit in Bezug auf ihre Kochkunst. Sie versteht sich auf die Sprache der Gewürze, die zugleich die der Sehnsucht ist und in der jedes Kraut, jede Zutat eine besondere Bedeutung hat, eine Geschichte erzählt. Alle Emotionen und ihre ganze Sinnlichkeit steckt in ihren Gerichten. Mit dem Erfolg entdeckt sie auch sich selbst, findet eine neue Sprache, in der auch Wünsche und Sehnsüchte zu Wort kommen dürfen.

Dieses Buch entführt in eine fremde Welt mit den Gerichten, Gewürzen und Zutaten der vietnamesischen Küche. Es macht Appetit und beim Lesen scheint es köstlich aus dem Buch zu duften. Aber die Seiten gewähren durch die kurzen episodenhaften Einblicke in das Leben Mãns gleichzeitig auch Einblicke in die vietnamesische Kultur, Sprache und Geschichte. Der Schmerz der durch die Wirren der Politik und des Krieges verursachten Vergangenheit wird ebenso schmerzlich erfahrbar, wie die dennoch vorhandene Sehnsucht nach der Heimat, die trotz eines guten Lebens im Exil noch vorhanden ist. Ein berührendes leises Leseerlebnis der besonderen Art.

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Kim Thúy
Der Geschmack der Sehnsucht
Gebundene Ausgabe, 143 Seiten
ISBN: 978-3888979286
Preis: 16,95 € [D]
Verlag: Kunstmann
Erschienen: 26.02.2014

erLESENer Mai 2021

Im Lesemonat Mai wachte ich nach einem schweren Motorradunfall im Krankenhaus auf, übernahm in Lusaka eine Hühnerfarm, ging als 17jährige zum ersten Mal zur Schule, half Liss auf ihrem Bauernhof und bei der Ernte, pimpte mein Gehirn, übte mit Elias täglich 6 Stunden lang Gitarrenriffs und versuchte den Geheimnissen der Biografiearbeit auf die Schliche zu kommen.

Bücherwelten – irgendwo zwischen Fiktion und Realität…

Vom Ende der Einsamkeit von Benedict Wells: Obwohl es in diesem Buch um Verlust, Tod und Krankheit geht, hatte ich doch den Eindruck, ein Wohlfühlbuch zu genießen, in das man sich entspannt hineinfallen lassen und in dem man stundenlang schmökern kann. Ausgezeichnet!

Das Auge des Leoparden von Henning Mankell: Fein beobachtet schildert der Autor das Dilemma der Kolonialisierung und der späteren Ent-Kolonialisierung von Sambia. Hervorragend!

Befreit von Tara Westover: Ein großartiges Buch über eine bemerkenswerte Frau, die es durch harte Arbeit und Durchhaltevermögen geschafft hat, sich durch Bildung ein neues Leben aufzubauen. Beeindruckend!

Alte Sorten von Ewald Arenz: Eine schöne Geschichte irgendwo zwischen wuchtig und ganz zart – mit leisem Humor, Wut, Traurigkeit und Tiefgang. Eine umfangreiche Gefühlspalette zum mittendrin sein und mitfühlen, aber auch mit Wohlfühlmomenten. Wunderbar!

Mein Kopf gehört mir von Miriam Meckel: Eine Mischung aus erschreckend und faszinierend, was da am Gehirn erforscht und schon herausgefunden wurde. Wahnsinnig interessant!

Die goldene Ananas von Dennis Kornblum: Sprachlich sehr einfach, aber nichtsdestotrotz ein interessant und authentisch gehaltener Einblick in Leben und Wahrnehmung eines unter Asperger-Syndrom leidenden 26jährigen Gitarristen.

Biografiearbeit – Die innere Schatzsuche von Anja Mannhard: Ein kurzes Buch mit vielen Übungen und Fragen, um die eigene Lebensgeschichte unter die Lupe zu nehmen. Für mich zu bastellastig und zu wenig Erklärungen. Wohl eher an Fachleute gerichtet.

Das Auge des Leoparden – Henning Mankell

Und wieder konnte ich einen echten Schatz inmitten meines Stapels ungelesener Bücher entdecken. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie dieses Buch vor vielen Jahren zu mir gelangte. Die Stadtbibliothek veranstaltete damals einen ihrer regelmäßigen sogenannten „Bücherbummel“, wo man ausrangierte und gespendete Bücher für ganz kleines Geld erwerben konnte. Dort war ich gemeinsam mit meiner Mutter unterwegs, die dieses Buch aus dem riesigen Bücherangebot fischte und mir wärmstens ans Herz legte. Tatsächlich nahm ich es mit leichtem Widerwillen mit, denn Henning Mankell war meines Wissens nach ein Krimi-Autor und Krimis lese ich einfach nicht so gerne. Aber mit dem Hinweis, dass „Das Auge des Leoparden“ eines seiner hervorragenden Afrika-Bücher und keineswegs ein Krimi sei, hatte sie mich doch noch überzeugen können. Allerdings war es das dann auch erstmal, denn das Buch wurde bestimmt 10 Jahre gut in meinem Bücherregal abgelagert, bevor ich es wieder zur Hand nahm – als einen Kandidaten für meine BUCHweltreise, der mich nach Sambia führen sollte.

Doch zunächst nimmt dieser Roman mit nach Schweden zu Hans Olofson, der 1969 eigentlich nur eine kurze Reise nach Afrika machen wollte, dann aber neunzehn Jahre dort blieb. Statt in Uppsala sein Jurastudium zu beenden, übernimmt er in Lusaka die Hühnerfarm einer weißen Engländerin, deren Mann im Busch verschollen ist. Dabei verfolgt er ehrgeizige Reformpläne: Er will neue Häuser für die Schwarzen bauen, ihnen höhere Löhne bezahlen und ihren Kindern eine Schule einrichten. Doch bald mehren sich die Zeichen, dass sich die Zustände wohl nicht so rasch in seinem Sinne ändern lassen. Seine weißen Nachbarn werden massakriert, sein Schäferhund brutal getötet. Und der Mann, den er für seinen einzigen schwarzen Freund hält, rät ihm, für immer wegzugehen.

Schon als Kind träumte Henning Mankell davon, den Afrikanischen Kontinent zu bereisen, 1972 erfüllte er sich erstmals diesen Wunsch und fand in Afrika seine wahre Heimat. Ab­wech­selnd lebte er in seinem Heimatland Schweden und seiner Wahlheimat Afrika. Erstmals erschien dieser Roman 1990 in Schweden und es ist 1988 als der Protagonist dabei ist, Sambia wieder zu verlassen. Viel Zeit ist seit dem vergangen und doch hatte ich beim Lesen nicht den Eindruck, ein in die Jahre gekommenes Buch in Händen zu halten. Gelegentlich fragte ich mich beim Lesen überrascht und wohl auch ein wenig schockiert, ob manches nicht vielleicht zu rassistisch geschildert und vielleicht sogar diskriminierend sein könnte.

Doch tatsächlich bin ich es einfach nicht gewöhnt, manches in dieser Deutlichkeit ausformuliert zu lesen. Mit fortschreitendem Lesen habe ich jedoch immer mehr die feine Beobachtungsgabe des Autors schätzen gelernt, dem es gelingt das Dilemma der Kolonialisierung und der späteren Ent-Kolonialisierung – Sambia wurde 1964 vom Vereinigten Königreich unabhängig – zu schildern. Die Denkweise der Schwarzen und der Weißen wird nicht als gut oder schlecht, besser oder schlechter beurteilt. Doch die Andersartigkeit und in manchen Punkten auch die Unvereinbarkeit in diesem Land wird deutlich, unabhängig davon, ob Gutes oder Schlechtes im Schilde geführt wird und welche Beweggründe hinter dem Handeln auch stecken mögen.

„Aber der schwarze Kontinent als Ganzes wird immer ungreifbarer, je mehr er zu verstehen glaubt. Er spürt, dass Afrika im Grunde kein Ganzes ist, jedenfalls nichts, was er mit seinen angestammten Vorstellungen begreifen oder sich zu eigen machen könnte. Hier gibt es keine einfachen Losungsworte. Hier sprechen hölzerne Götter und Ahnen ebenso deutlich wie die Lebenden. Die Wahrheit der Europäer verliert in der Savanne ihre Gültigkeit.“

(S. 185)

Insgesamt ein großartiger Roman, der viel Stoff zum Nachdenken bietet und auch den ein oder anderen Denkanstoß für unsere heutige Zeit mitbringt. Mit der auktorialen Erzählweise konnte ich mich anfangs nicht so recht anfreunden und auch der Protagonist ist niemand, der einem auf Anhieb sympathisch ist. Dennoch schafft es Mankell, dass man mit der verkorksten Figur mit fiebert und dessen Angst und Einsamkeit, aber auch Ziel- und Haltlosigkeit beim Lesen eindringlich spüren kann. „Das Auge des Leoparden“ ist mein erstes, wird aber sicherlich nicht das letzte Afrika-Buch bleiben, das ich von diesem Autor gelesen habe.

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Henning Mankell
Das Auge des Leoparden
Aus dem Schwedischen von Paul Berf
Original: Leopardens Öga, Ordfront Förlag in Stockholm
Gebunden mit Schutzumschlag, 384 Seiten
ISBN: 978-3552052963
Preis: 21,50 € [D]
Verlag: Paul Zsolnay Verlag
Erschienen: 10.02.2004

erLESENer April 2021

Im Lesemonat April spielte ich durch, wie mein Leben anders verlaufen wäre, wenn ich andere Entscheidungen getroffen hätte; las und hörte mich mit Pink Floyd zu mehr, als nur die dunkle Seite des Mondes; durchlebte mit der dänischen Dichterin Tove Ditlevsen ihre Kindheit und Jugend bis hin zu ihrer vielschichtigen Abhängigkeit als Erwachsene; reiste mit Christopher Many acht Jahre mit dem Land Rover durch die Welt und war enttäuscht von meinem zunehmenden Desinteresse Dave gegenüber.

Bücherwelten – irgendwo zwischen Verzauberung und Entzauberung.

Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig: Eine tolle Romanidee, die jedoch oberflächlich und schlecht umgesetzt wurde. Immerhin gut als Hörbuch mit Annette Frier vertont.

Pink Floyd – Alle Songs – Die Geschichten hinter den Tracks von Jean-Michel Guesdon und Philippe Margotin: Ein echtes Highlight, nicht zuletzt weil ich mir zu dem Geschriebenen immer auch gleich die Songs meiner Lieblingsband angehört habe. Ein Genuss!

Die Kopenhagen-Trilogie von Tove Ditlevsen: Kindheit, Jugend und Abhängigkeit waren für mich unterschiedlich gut, aber nichtsdestotrotz echte Highlights. Von der Autorin möchte ich gern mehr lesen.

Hinter dem Horizont Links von Christopher Many: 8 Jahre mit dem Land Rover um die Welt erzählt mir zu viel Kritisches über Meinung und Ansichten des Weltreisenden und es kommt zu wenig vom Reiz und Besonderheiten der Reise heraus. Die Jahre spätere vierjährige Reise mit dem Motorrad „Hinter dem Horizont Rechts“ gefällt mir bei weitem besser.

Dave von Raphaela Edelbauer: Weder die Charaktere noch die kaum vorhandene Handlung konnten mich dazu bewegen mich bis zum Schluss durch die unverhältnismäßig gestelzte und überkomplizierte Sprache zu quälen. Das Buch war für mich ein Fehlgriff.

Frisch auf dem Buchmarkt: März 2021

Auch wenn es vielleicht nicht so aussieht, aber diese Liste interessanter Neuerscheinungen habe ich bereits gekürzt – um etwa ein Drittel, mehr ging beim besten Willen nicht.

Es geht um Bitcoins, einen verbrecherischen Bibliophilien, den Sohn einer psychotischen Mutter, Natalie Amiri zwischen deutscher und iranischer Kultur, den Neuanfang der jungen Emilienne in London nach dem Bürgerkrieg in Ruanda, eine Wanderung durch Europa angefangen vom südlichsten Festlandzipfel in Tarifa in Spanien bis hin zum Nordkap in Norwegen, 25 Geschichten über das Reisen, die Verbindung zwischen Mensch und Tier im Nahen Osten, die Grenzen zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz, die Flucht vor dem Lockdown aufs Land, die Folgen eines Schlaganfalls, Augenblickstexte und Augenblickspoesien, eine Einladung zum Schreiben, nach einem Jahrzehnt aus dem Koma zu erwachen, um den Anteil von autobiografischem in Romanen, die Machtstellung von Amazon, der Roadtrip einer 90-jährigen mit einem schüchternen Studenten, die Reise einer 65-jährigen mit einem alten Benz durch 15 Länder, Gedanken rund um den 50. Geburtstag und um das Leben und Wohnen im Alter.

Aber schaut selbst:

04.03.2021: Monte Crypto von Tom Hillenbrand: Sein Geld hat der spleenige Start-up-Unternehmer Gregory Hollister größtenteils in der Kryptowährung Bitcoin angelegt. Als er bei einem Unfall ums Leben kommt, beginnt die Suche nach seinem Privatvermögen. Das hat der paranoide Kalifornier gut versteckt. Wo befindet sich der digitale Schatz, den die Medien bereits Montecrypto nennen? Hollisters Witwe beauftragt den Privatdetektiv Ed Dante, das verschwundene Geld aufzuspüren. Dante recherchiert und stellt bald fest, dass etliche Personen hinter Montecrypto her sind. Das ist angesichts der kolportierten Summe von mehreren Milliarden Dollar nicht weiter verwunderlich – aber die anderen Interessenten sind keine gewöhnlichen Schatzsucher. Warum interessieren sich ausländische Geheimdienste, das FBI und die Mafia für den Schatz? Dante erkennt, dass Hollisters Vermächtnis aus mehr besteht als aus einem Haufen digitaler Münzen. Möglicherweise ist Montecrypto der Schlüssel zu einem immensen Finanzskandal, der die gesamte Weltwirtschaft in den Abgrund reißen könnte. Wird es Dante gelingen, das Geheimnis von Montecrypto zu lüften, bevor der digitale Schatz in die falschen Hände gerät? Eine weltweite Suche beginnt, die von Los Angeles über New York und Frankfurt bis nach Zug führt, ins sogenannte »Crypto Valley« der Schweiz.

07.03.2021: Bibliomanie von Gustave Flaubert und Burkhard Neie: Der Buchhändler und Antiquar Giacomo lebt zurückgezogen in einer stillen Gasse in Barcelona. Seine Liebe gilt allein den Büchern. Er berauscht sich am Geruch ihres Papiers, dem Einband, der Vergoldung der Lettern und der Druckerschwärze. Sein Traum: der Aufbau einer eigenen Bibliothek. Bei dem Erwerb bibliophiler Schätze steht ihm allerdings sein Rivale Baptisto im Weg, der Buchhändler vom Königsplatz. Allmählich steigert sich Giacomos Leidenschaft zum verbrecherischen Wahn.

08.03.2021: Ein Spalt Luft von Mischa Mangel: Kurz nachdem er geboren wurde, leidet seine Mutter zum ersten Mal an einer Psychose. Sie zieht sich mit dem Kleinkind immer mehr von der Außenwelt zurück, kappt alle Kontakte zu Freunden und Familie, verlässt die Zweizimmerwohnung nur noch selten. Währenddessen kämpft sein Vater für das alleinige Sorgerecht. Als der Sohn schließlich in dessen neue Familie aufgenommen wird, bricht der Kontakt zur Mutter ab. Fast zwanzig Jahre später ist er deshalb auf die Zeugnisse anderer angewiesen – Gerichtsakten, Tonbandaufnahmen, Erzählungen und Erinnerungen der Familie –, um doch noch zu erfahren, was damals geschehen ist. Er malt sich aus, wie diese Zeit gewesen sein könnte, und wird dabei von einer surrealen, albtraumhaften Welt eingeholt. In Ein Spalt Luft erzählt Mischa Mangel einfühlsam vom Leben eines jungen Mannes, der seine eigene Geschichte sowie die seiner Familie umkreist. Dabei montiert er verschiedene Stimmen: die bürokratische Sprache psychologischer Gutachten und Studien, Märchen, Träume, psychotische Tiraden, erzählerische und poetische Sequenzen – eine kunstvolle Collage, ein vielstimmiges literarisches Debüt.

15.03.2021: Zwischen den Welten von Natalie Amiri: Was macht man, wenn man auf einer Recherchereise im iranischen Gebirge nicht tanken kann, weil das Benzin aufgrund westlicher Sanktionen knapp ist? Oder wenn man eine vermeintlich zu kurze Hose trägt und die Strafe darauf lautet, in ein Fass mit schwarzer Farbe steigen zu müssen? Und warum reiste Amiri trotz aller Warnungen immer wieder in den Iran? Natalie Amiri ist in München in einer deutsch-iranischen Familie aufgewachsen und lebte und arbeitete über sechs Jahre in Teheran. Sie ist eine der wenigen deutschen Journalistinnen, die den Iran detailreich kennt und der es gelingt, das internationale Politikgeschehen rund um die Islamische Republik klug und präzise einzuordnen. Authentisch beschreibt sie ihr Leben zwischen zwei Welten und unterschiedlichen Kulturen und bringt uns nahe, wie sich die politische Situation im Iran seit der Revolution von 1979 entwickelt hat. Es ist das Buch einer modernen jungen Frau und einer mutigen Journalistin, die höchste persönliche Risiken in Kauf nimmt, um den Menschen im Iran eine Stimme zu geben und über den Alltag in einem Land zwischen verbotenen Partys und Sanktionen zu berichten. Von Lehrern bis zu Drogenabhängigen, vom Revolutionsführer Khamenei bis zum ersten weiblichen Fußballstar des Iran – Natalie Amiri lässt sie zu Wort kommen und zeigt uns die unerwarteten Facetten der muslimischen Republik Iran.

15.03.2021: Der silberne Elefant von Jemma Wayne: Als Einzige ihrer Dorfgemeinschaft überlebte die junge Emilienne den Bürgerkrieg in Ruanda. In London versucht sie unter dem Namen Emily ein neues Leben zu beginnen und die allgegenwärtigen Erinnerungen an die grausamen Erlebnisse zu verdrängen. Vera, eine junge Londonerin, deren früheres Leben von Drogenexzessen geprägt wurde, hat gerade zum Christentum gefunden und möchte ein guter und moralischer Mensch sein. Geplagt von Schuldgefühlen, schafft sie es nicht, ihrem Verlobten Luke vom größten Fehler ihres Lebens zu erzählen. Auch die fortschreitende Krebserkrankung von Lukes Mutter Lynn wird zur Belastungsprobe für das junge Paar. Während die End-Fünfzigerin immer mehr auf die Hilfe anderer angewiesen ist, rechnet sie schonungslos mit den verpassten Chancen ihres Lebens ab. Erst als die Schicksale der drei Frauen sich eines Winters kreuzen, bewegt sich etwas in ihnen und sie nehmen nach und nach den Kampf gegen ihre Dämonen auf.

17.03.2021: Der Weg ist mein Zuhause von Philipp Fuge: 272 Tage zu Fuß unterwegs, über 6.500 Kilometer und 35 Breitengrade durch sieben Länder: Was für viele Wanderer ein Traum bleibt, hat Philipp Fuge in die Tat umgesetzt. Er durchquert Europa vom südlichsten Festlandszipfel in Tarifa in Spanien bis hin zum Nordkap in Norwegen, quer durch alle Klimazonen und Jahreszeiten. Während im spanischen Januar der Winter zum Frühling wird, wähnt sich Philipp im norwegischen Spätsommer schon tief im Herbst. Die Route führt ihn von Spanien nach Frankreich durch Deutschland, Dänemark, Schweden und Finnland bis an sein Ziel in Norwegen. Er spricht kein Spanisch und auch kein Schwedisch, ist fünf Monate auf dem Weg Richtung Norden vollkommen auf sich allein gestellt, aber Sprache ist beim Wandern kein Problem. Philipp Fuge trifft auf seinem Weg viele herzliche Menschen, die seine Reise einzigartig machen. Er erspürt die Eigenheiten der Länder und Regionen und die Besonderheiten der Landschaften, die er durchwandert. Auch die Schönheit der Natur lernt er durch seine entschleunigte Fortbewegung wieder viel mehr zu schätzen. Dass er bei dieser Wanderung kein einziges Mal seinen Pass vorzeigen muss, macht seine Reise aber auch zu einem Plädoyer für ein Europa ohne Grenzen. Die unzähligen grandiosen Augenblicke seiner grenzenlosen Rucksacktour quer durch Europa hat Philipp Fuge in dieser persönlichen Reiseerzählung festgehalten.

17.03.2021: Ansichtskarten: 25 Geschichten über das Reisen von Jörg Hülsmann und Hanna Hesse: Reisen – was bis vor kurzem noch selbstverständlich war und unbedingt dazugehörte, war seit dem Frühjahr 2020 auf einmal so weit weg. Daher machten sich 25 deutschsprachige Autor*innen auf den Weg – und wir können mit ihnen reisen. Ob erinnerte Reisen, Fantasiereisen, Zeitreisen oder Reisen durch das eigene Zimmer – es sind ganz besondere Postkarten, die wir von ihnen erhalten, anregende, beglückende, gegen den Strich gebürstete, befreiende. Wir reisen mit Weltatlas und Lupe, gehen durch Grenzgebiete und manchmal Wände. Oder verlieren uns einfach Zuhause. So schildert Lutz Seiler in seiner Erzählung „Exit“ den Versuch einer Familienzusammenführung in Hoch-Corona-Zeiten. Nachrichten über Checkpoints und von vereitelten „Grenzdurchbrüchen“ wecken im Autor unweigerlich Erinnerungen, doch in Sachen Chaos- und Katastrophenkompetenz ist der Ostdeutsche geschult. Und so schmiert der Autor fünf Doppelstullen und macht sich auf die Reise nach Schweden. Terézia Mora, Büchnerpreisträgerin 2018, hat eine poetische Wegbeschreibung verfasst, die am letzten Haus eines Ortes in Österreich beginnt und ein kleines, weißes Haus in Ungarn zum Ziel hat. Eine Reise durch Grenzgebiete, über eine Staatsgrenze, einmal buchstäblich durch eine Wand. Eine flirrende Anspannung liegt über allem, obwohl es durch eine vertraute Landschaft geht, vorbei an Schafgarbe, Schmetterlingen, versteinerten Schnecken. Christoph Peters beschreibt in „Plastikkanister“ eine Fahrt durch die ägyptische Provinz, entlang von sichtbaren und unsichtbaren Grenzen. Soldaten mit Maschinengewehren säumen den Weg, Wasserbüffel, Wracks und Wüstensand, hin und wieder die Umrisse von Pyramiden am Horizont. Im Auto drei Menschen: der Fahrer, die Übersetzerin und ein deutscher Wissenschaftler. So unterschiedlich die drei Insassen auch sein mögen, eine Frage beschäftigt sie alle: Die Tanknadel sinkt immer weiter, doch nirgends gibt es Benzin – werden sie es bis nach Kairo schaffen? Diese und eine Auswahl von über zwanzig weiteren Geschichten, die auf dem ARD-Radiofestival 2020 vorgetragen wurden, führen uns vom Sofa aus in alle Welt. Neben Terézia Mora, Lutz Seiler und Christoph Petes haben auch Cihan Acar, Marica Bodrožic, Nora Bossong, Hans Christoph Buch, Helga Bürster, Kenah Cusanit, Yannic Han Biao Federer, Gunther Geltinger, Hans Gerhard, Verena Güntner, Anna Katharina Hahn, Yael Inokai, Lisa Kreißler, Judith Kuckart, Nele Pollatschek, Kerstin Preiwuß, Jaroslav Rudiš, Jochen Schimmang, Kerstin Specht, Jackie Thomae, Julia Trompeter und Christine Wunnicke ihre realen oder fiktiven Reisen zu dieser ungewöhnlichen Anthologie beigetragen.

17.03.2021: Pferde fliegen Businessclass – Was Tiere, Menschen und Gesellschaft im Nahen Osten verbindet von Olaf Koens und Roger Anis: In Aleppo werden Kämpfe gestoppt, um Zootiere kostenlos in die Türkei zu bringen. Im Arabischen Golf werden Tausende von Pferden in ein weniger warmes Land geflogen, wenn es für sie zu heiß ist. Tiere aus einem Zoo im Gaza-Streifen werden wegen der miserablen Bedingungen, unter denen sie leben, evakuiert, während die Grenze für Menschen hermetisch abgeriegelt ist. In den Golfstaaten, in glitzernden Städten wie Dubai, Doha und Abu Dhabi, werden Falken, Dromedare und Pferde besser behandelt als die Millionen pakistanischer oder indischer Gastarbeiter, die dort arbeiten. Tiere halten sich in klimatisierten Ställen auf, Menschen leben in Seecontainern voller Etagenbetten. Und wie ist es möglich, dass Vögel unter Spionageverdacht stehen und ihr Schicksal im Gefängnis abwarten müssen? In Pferde fliegen Businessclass nimmt uns der preisgekrönte Journalist Olaf Koens mit auf eine spannende Reise von den staubigen Straßen Gazas in die Wüste Katars, von der Türkei in die Krisengebiete Syriens und des Irak. Dabei stolpert er über bewegende und manchmal fast lächerliche Geschichten, in denen das Schicksal der Tiere das Elend, die Hoffnung und die Ängste einer ganzen Region offenlegen.

22.03.2021: Der Algorithmus der Menschlichkeit von Vera Buck: Eine Geschichte über die Grenzen zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz – eine Geschichte über das, was das Menschsein ausmacht. Wer Mari begegnet, dem fällt auf, dass sie intelligent ist und fast gespenstisch makellos. Aber auch, dass sie Witze nicht versteht, und alles sehr rational sieht. Und wer sie besser kennenlernt, dem fällt auf, dass Mari weder Schlaf noch Nahrung braucht. Denn Mari ist nur fast ein Mensch. Ihre künstliche Intelligenz lernt ständig dazu, um eine Aufgabe zu erfüllen: den Menschen glücklich zu machen. Doch als Mari nach einer unglücklichen Verkettung von Umständen mit einem bunt zusammengewürfelten Haufen Menschen, darunter der rebellischen Bloggerin Frieda und dem einsamen Studenten Linus, in einer Berliner Wohnung landet, erkennt sie, dass ihre Aufgabe alles andere als einfach ist. Die Welt folgt ihrer eigenen Logik, die Wünsche der Menschen sind irrational, und Mari muss begreifen dass es eine Welt jenseits der beweisbaren Fakten gibt. Wie soll sie Wesen glücklich machen, die keine Ahnung haben, was sie wollen? Doch dann kommt sie auf eine Lösung, mit der kein Mensch gerechnet hätte

22.03.2021: Über Menschen von Juli Zeh: Dora ist mit ihrer kleinen Hündin aufs Land gezogen. Sie brauchte dringend einen Tapetenwechsel, mehr Freiheit, Raum zum Atmen. Aber ganz so idyllisch wie gedacht ist Bracken, das kleine Dorf im brandenburgischen Nirgendwo, nicht. In Doras Haus gibt es noch keine Möbel, der Garten gleicht einer Wildnis, und die Busverbindung in die Kreisstadt ist ein Witz. Vor allem aber verbirgt sich hinter der hohen Gartenmauer ein Nachbar, der mit kahlrasiertem Kopf und rechten Sprüchen sämtlichen Vorurteilen zu entsprechen scheint. Geflohen vor dem Lockdown in der Großstadt muss Dora sich fragen, was sie in dieser anarchischen Leere sucht: Abstand von Robert, ihrem Freund, der ihr in seinem verbissenen Klimaaktivismus immer fremder wird? Zuflucht wegen der inneren Unruhe, die sie nachts nicht mehr schlafen lässt? Antwort auf die Frage, wann die Welt eigentlich so durcheinandergeraten ist? Während Dora noch versucht, die eigenen Gedanken und Dämonen in Schach zu halten, geschehen in ihrer unmittelbaren Nähe Dinge, mit denen sie nicht rechnen konnte. Ihr zeigen sich Menschen, die in kein Raster passen, ihre Vorstellungen und ihr bisheriges Leben aufs Massivste herausfordern und sie etwas erfahren lassen, von dem sie niemals gedacht hätte, dass sie es sucht. Juli Zehs neuer Roman erzählt von unserer unmittelbarsten Gegenwart, von unseren Befangenheiten, Schwächen und Ängsten, und er erzählt von unseren Stärken, die zum Vorschein kommen, wenn wir uns trauen, Menschen zu sein.

23.03.2021: Das Leben ist ein vorübergehender Zustand von Gabriele von Arnim: Ein Schlaganfall, zehn Tage später der zweite, haben ihren Mann aus allem herauskatapultiert, was er bis dahin gelebt hatte. Und aus ihr wird die Frau des Kranken. Der nicht deutlich sprechen, nicht gehen, nicht lesen, nicht schreiben kann – aber nach wie vor wasserhell denkt. Zutiefst eingekerkert in sich, ausgeschlossen von der Welt, die er bisher so großräumig bewohnt hat. Ein zerstörter Mensch, ein Bär ohne Wildnis. Und sie sitzt ratlos zusammen mit der Vergangenheit und der Zukunft auf der schmalen Bank namens Jetzt. Wie lebt man Krankheit? Zehn Jahre lang haben die beiden gekämpft, gelitten, gewütet und sich gegenseitig mit neuer Innigkeit kennengelernt. Gabriele von Arnim beschreibt in diesem literarischen Text, wie schmal der Grat ist zwischen Fürsorge und Übergriffigkeit, Zuwendung und Herrschsucht. Wie leicht Rettungsversuche in demütigender Herabwürdigung enden. Und Aufopferung erbarmungslos wird. Wie liebt und hütet man einen Mann, der an dem Tag zusammenbricht, an dem man ihm gesagt hat, man könne nicht mehr leben mit ihm? Wie schafft man die Balance, in der Krankheit zu sein und im Leben zu bleiben? „Das Leben ist ein vorübergehender Zustand“ ist eine leidenschaftliche, so kühle wie zärtliche Erzählung eines bedrängten Lebens.

23.03.2021: Sprachlaub oder: Wahr ist, was schön ist von Martin Walser und Alissa Walser: Texte von Martin Walser mit Aquarellen von Alissa Walser. «Du musst den Wörtern kündigen», notiert der Schriftsteller, oder: «Ich bin durchsichtig wie ein leeres Marmeladenglas.» In Augenblickstexten, Augenblickspoesien sammelt Martin Walser noch einmal Eindrücke von der Welt, wobei sein Sehen oft ein Sichversenken ist, sein Anschauen einer Wasseroberfläche, einer Lilie oder Baumkrone schon eine Art, über diese Dinge nachzudenken. Die Aquarelle Alissa Walsers entsprechen diesem Nachdenken; indem sie ausschweifen ins Sinnliche, weisen sie hin auf die landschaftlichen Quellen. Sie grundieren die Stimmungen des Autors mit dem Spektrum jahreszeitlicher Farben. Die Themen, die hier auf wenigen Seiten Platz finden, sind vielfältig und weitgespannt. Vor fast 80 Jahren hat Walser mit dem Schreiben begonnen, und noch immer tut er, was er auch damals getan hat, fixiert die eigenen Zustände, als wären sie endgültig, versucht gleichzeitig, offen zu bleiben. Motive: einer sein wollen, der man nicht ist; Sätze, die man sagen wollte und nicht sagte; Texte, die man schreiben wollte und nicht schrieb; Streit und Liebe. «Schicksal». Gespräche mit dem eigenen Knie oder einer Katze. Und dann das Hauptmotiv: dass es bald enden könnte. Der Schriftsteller richtet sich darauf ein, bereitet sich vor, sagt aber auch: «Ich wehre mich nicht, ich bin bedacht und will bis zum letzten Abend leben.»

24.03.2021: Einladung zum Schreiben von Doris Dörrie: Dieses Buch ist eine persönliche Einladung an jeden von uns, selbst zum Stift zu greifen und über das eigene Leben nachzudenken. In ›Leben, schreiben, atmen‹ erzählt Doris Dörrie von der Kraft des autobiographischen Schreibens und hat damit unzählige Leserinnen und Leser begeistert. Nun ermutigt sie uns, mit diesem Schreibjournal voller Inspirationen und Tipps in die eigene Geschichte einzutauchen und die Widersprüchlichkeit des Lebens zu umarmen.

24.03.2021: Der ehemalige Sohn von Sasha Filipenko: Eigentlich sollte der junge Franzisk Cello üben fürs Konservatorium, doch lieber genießt er das Leben in Minsk. Auf dem Weg zu einem Rockkonzert verunfallt er schwer und fällt ins Koma. Alle, seine Eltern, seine Freundin, die Ärzte, geben ihn auf. Nur seine Großmutter ist überzeugt, dass er eines Tages wieder die Augen öffnen wird. Und nach einem Jahrzehnt geschieht das auch. Aber Zisk erwacht in einem Land, das in der Zeit eingefroren scheint.

24.03.2021: Sind Sie das? von Charles Lewinsky: Was schmuggelt ein Schriftsteller bewusst oder unbewusst vom eigenen Leben in seine Bücher? Charles Lewinsky hat sich auf Spurensuche begeben und staunt, wie viel Persönliches sich ungewollt in seine Romane eingeschlichen hat. Was ihm nun die Gelegenheit gibt, sich in Anekdoten und Geständnissen an Hochgefühle ebenso zu erinnern wie an kritische Momente – so wie er sie in den eigenen Romanen als Spiegelungen wiederentdeckt hat.

24.03.2021: Ausgeliefert – Amerika im Griff von Amazon von Alec MacGillis: In seinem großen Gesellschaftsporträt der USA zeigt der preisgekrönte Investigativjournalist Alec MacGillis, dass es vor allem der Großkonzern Amazon ist, der die Spaltung Amerikas vorantreibt. Amazon sorgt dafür, dass die Schere zwischen Arm und Reich sich immer weiter öffnet, während immer weniger Menschen zu den Gewinnern gehören. In monopolartigen Verhältnissen akkumuliert Amazon immer mehr Reichtum und Macht und Jeff Bezos, schon jetzt der reichste Mann der Welt, profitiert weiter von der wachsenden Ungleichheit. In einer 10 Jahre umspannenden investigativen Recherche, die ihn von Washington nach Seattle, nach San Francisco, Baltimore und Ohio führte, hat MacGillis die Einzelschicksale, die Amazon prägt, zu einem Porträt der amerikanischen Gesellschaft verwoben. Er war in Columbus, Ohio, wo Amazon Steuern erlassen werden, obwohl der Warenhausbetreiber den Durchschnittslohn in der Region senkt. Und er war in Seattle, wo das gigantische Amazon Headquarter die Lebenskosten in die Höhe treibt und die einst pulsierende Black Community nahezu gänzlich verdrängt hat. »Ausgeliefert« ist mehr als das Porträt Amazons. Es ist das Porträt der Vereinigten Staaten von Amerika, die immer mehr unter den Schatten Amazons geraten. MacGillis zeigt eindringlich, wie sehr die Macht der Großkonzerne den gesellschaftlichen Zusammenhalt in den USA bedroht – und er lässt uns ahnen, was uns in Europa unmittelbar bevorsteht, wenn es uns nicht gelingt, die Macht Amazons zu beschränken.

26.03.2021: Reise mit zwei Unbekannten von Zoe Brisby: Die 90-jährige energische Maxine ist aus dem Seniorenheim ausgebüxt, um ihr Ableben selbstbestimmt zu regeln. Der schüchterne Student Alex hat Liebeskummer und braucht frischen Wind. Das Schicksal führt sie über ein Mitfahrportal zusammen. In einem uralten Twingo brechen sie zu einer Fahrt durch Frankreich nach Brüssel auf. Als Maxine von der Polizei gesucht wird, beginnt ein atemloses Abenteuer – mit Blick auf die grandiose Vielfalt des Lebens.

29.03.2021: Einfach abgefahren – Wie ich mit 65 Jahren und einem alten Benz 18.000 Kilometer durch 15 Länder reiste von Margot Flügel-Anhalt: Bestsellerautorin Margot Flügel-Anhalt hält es nach ihrem Motorradtrip um die halbe Welt nicht lange in Deutschland: Mit 65 Jahren, einem 24 Jahre alten Benz und ohne Reisepass macht sie sich auf, um 15 Länder über 18.000 Kilometern bis nach Südostasien zu bereisen. Die rüstige Rentnerin erzählt in „Einfach abgefahren“ nicht nur von berührenden Begegnungen mit Fremden und atemberaubenden Landschaften, sondern auch von bedrohlichen Momenten in Kriegs- und Krisengebieten. Ihre fesselnden Geschichten von unterwegs ziehen unweigerlich in den Bann und man stürzt sich ohne Zögern mit in dieses einmalige Abenteuer. Das beeindruckende Reisememoir einer beeindruckenden Frau, die die Freiheit in der Welt sucht und findet.

29.03.2021: Das Schönste an uns sind wir von Christiane Hastrich und Barbara Lueg: Fünfzig werden ist eine Zäsur im Leben. Der Blick in den Spiegel wird kritischer. Die Leichtigkeit der Jugend schwindet. Doch etwas in uns nimmt auch Anlauf. Wir sind ja mittendrin. Und fühlen uns manchmal präsenter denn je. Die Fernsehredakteurinnen Christiane Hastrich und Barbara Lueg haben Experten und Gleichaltrige befragt, um Antworten auf ihre Fragen zu bekommen: Was ist noch möglich an Neuanfängen? Was geht vorbei, was rückt an die Leerstellen? Natürlich zwickt das Älterwerden – aber bis dahin ist noch jede Menge Zeit für Abenteuer!

29.03.2021: Statt einsam gemeinsam – Wie wir im Alter leben wollen von Christiane Hastrich und Barbara Lueg: Wie wollen wir im Alter leben? Welche Lebensform passt zu uns? Diesen Fragen stellen sich die Journalistinnen Christiane Hastrich und Barbara Lueg und testen die Möglichkeiten kurzerhand selber aus. Sie legen sich ins Tinyhouse, bauen ihr Zelt bei den Dauercampern auf, nehmen sich ein Zimmer in der Seniorenresidenz und besuchen ein Mehrgenerationenhaus. Auf der Suche danach, was uns im Alter glücklich macht, haben sie Interviews geführt, Experten befragt und Vor- und Nachteile der Alternativen im ehrlichen Selbstversuch gegeneinander abgewogen. Eine inspirierende Entdeckungsreise in eine neue Lebensphase, die uns alle erwartet. Und in der wir uns neu erfinden können, statt einsam lieber gemeinsam!

Frei. Luft. Hölle – Are Kalvø

Untertitelt ist dieses Buch mit „Mein Selbstversuch, den Outdoor-Wahnsinn lieben zu lernen“ und genau das interessierte mich auch daran, abgesehen davon, dass ich Lust darauf hatte, meine BUCHweltreise nach Norwegen führen zu lassen. Mein Herzbube braucht nicht viel Überredungskunst, um mich immer öfter aus den geliebten vier Wänden in die Natur heraus zu zerren. Dabei mag ich ausgedehnte Spaziergänge, stehe aber so manchem, das ich hier pauschal unter dem Oberbegriff „Outdoor-Trend“ zusammenfassen möchte, punktuell doch ein wenig skeptisch gegenüber. Dementsprechend war ich neugierig zu erfahren, was der norwegische Comedian Are Kalvø unter Outdoor-Wahnsinn versteht.

Dieser geht in die Natur, zu Fuß, auf Skiern und im Auto um seine Freunde und seine Freude in der norwegischen Natur zu finden. Denn ihm kommt es so vor als habe er etwas verpasst, weil die Freunde des 1969 geborenen Autors inzwischen lieber in die Berge zum Wandern gehen, Bilder von Skispuren posten, Kleidung mit zu vielen Taschen tragen und humorfreie Sätze wie „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung“ sagen, anstatt mit ihm in den Pub zu gehen und Unsinn zu reden. Sein erster Versuch mehr über diese ihm unbekannte Welt zu erfahren, führt ihn gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, die er fortan nur noch als Dokubeauftragte bezeichnet und die über einen ähnlich trockenen Humor wie er selbst verfügt, nach Jotunheimen – um bekehrt zu werden.

„Der amerikanische Schriftsteller John Irving schreibt in einem seiner etwas zu langen Romane über das unheimlichste Geräusch, das es gibt: das Geräusch von jemandem, der versucht, kein Geräusch zu machen. Genau das macht die Natur ständig. Es ist völlig still hier, aber gleichzeitig hörst du ständig winzig kleine Geräusche. Die vielleicht keine Geräusche sind. Es kann sich um Einbildung handeln. Aber es können auch Regentropfen sein. Oder ein Ast im Wind. Oder ein Verrückter mit Universalschlüssel.“

(S. 94/95)

Erfrischend schreibt er und nicht nur die Dialoge lassen einen schmunzeln. Die Erfahrungen der beiden während der Vorbereitungszeit und der siebentägigen Tour sind humorvoll, aber mit viel Biss geschildert. Hier werden natürlich Wanderbegeisterte auf die Schippe genommen, aber zugleich auch Fakten eingestreut, so dass man einiges über die norwegische Wanderbewegung erfährt. Außerdem werden fein beobachtete Stimmungen und Menschen beschrieben, die man gleich bildlich vor Augen hat. Da der Autor auch nachdenkliche Gedankengänge pflegt, verkommt dieses Buch trotz teilweise überspitzter Darstellungen glücklicherweise nicht zu einer Lachnummer.

„Es ist heutzutage leichter denn je, sich nach dem Ursprünglichen zu sehnen. Denn es ist leichter, das bäuerliche Leben zu romantisieren, wenn du nicht Bauer sein musst. Es ist leichter, das kalte, aber gemütliche und sozialdemokratische Skandinavien cool zu finden, wenn du nicht hier leben musst. Und es ist leichter, der Sehnsucht nach der Natur zu frönen, wenn du dich nicht im täglichen Leben zu ihr verhalten musst.“

(S. 140)

Fünf Monate nach der ersten Tour geht es dann mit einem befreundeten Pärchen zur Hardangervidda – um Leute zu treffen. Im Gegensatz zur ersten Tour wird nun persönlichen Präferenzen ein höherer Stellenwert eingeräumt, so dass sich die Wanderung, dieses Mal auf Ski durch den Schnee, erheblich von der ersten unterscheidet. Ich werde nicht verraten, ob der Autor seine Leidenschaft für die Natur entdeckt, aber auch diese Tour ist amüsant und locker beschrieben.

Gelegentlich fällt mir der Autor allerdings auch ein wenig auf die Nerven, wenn er das sprichwörtliche Haar in der Suppe sucht, während ich mich beim Lesen bei denen einreihen mag, die das Wandern in der norwegischen Natur genießen mögen und versuchen aus allem das Beste zu machen. Aber bei dieser Herangehensweise hätte das Lesen dieses Buches vermutlich auch nur halb so viel Spaß gemacht und die Vehemenz, mit der Menschen sich überall auf der Welt in ihre Hobbys stürzen und von unterschiedlichsten Motiven leiten lassen können, wäre nur halb so komisch gewesen. Mir macht dieser humorvolle Miesmacher tatsächlich Lust darauf, seinen Spuren zu folgen und selbst Wandererfahrungen in Norwegen zu sammeln. Allerdings bin ich mir nicht sicher ob das nicht vielleicht meinem fortschreitenden Corona-Wahnsinn geschuldet ist 😉

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Are Kalvø
Frei. Luft. Hölle. – Mein Selbstversuch, den Outdoor-Wahnsinn lieben zu lernen
Klappenbroschur, 360 Seiten
ISBN: 978-3770166893
Preis: 14,95 € [D]
Verlag: Dumont Reiseverlag
Erschienen: 31.08.2019