Die Macht der Maschen – Loretta Napoleoni

Als ich auf dieses Buch aufmerksam wurde, stand für mich gleich fest, dass ich es lesen würde. Ich hatte Lust auf eine ultimative Lobhudelei auf eines meiner liebsten Hobbies und war darüber hinaus gespannt darauf, Dinge übers Stricken zu erfahren, die über Muster und Anleitungen hinaus gehen. Und das bekam ich auch, nämlich immer dann, wenn ich das Strickzeug mal aus der Hand legte und zu diesem Buch griff.

Loretta Napoleoni ist politische Analystin und Ökonomin und hat diverse Sachbücher zu großen Themen unserer Zeit, nicht zuletzt Terrorismus und Globalisierung geschrieben. Aber sie ist auch eine passionierte Strickerin, die es schafft ihr Hobby historisch und analytisch so zu beleuchten, dass man ihr interessiert dabei durch Kapitel wie Stricklektionen über die Liebe, Politik und Wirtschaft, Stricken für die Revolution, Feminismus und Handarbeit – eine Hassliebe, Stricken im Zeitalter der Neurowissenschaft oder Stricken für eine bessere Welt folgt.

Einige Dinge wusste ich bereits, manches vermisste ich, aber es gab für mich auch Neues zu erfahren. Die Informationen sind gut verständlich und unterhaltsam aufbereitet. Ergänzt werden sie durch die Illustrationen von Allessandra Olanow und tragen damit unter anderem zu der liebevollen optischen Gestaltung des Buches bei. Als kleines Gimmick sind am Ende des Buches einige thematisch passende, aber nichtsdestotrotz kuriose knappgehaltene Anleitungen zu finden wie beispielsweise eine „Mütze mit Grips“, Soldatensocken oder die „Jakobinermütze“. Dinge, die mich persönlich nicht unbedingt zum Nachstricken einladen, es aber zumindest schaffen, mir ein Schmunzeln zu entlocken.

Nebenbei lässt die Autorin dabei Momentaufnahmen aus ihrer eigenen Geschichte mit dem Stricken einfließen und erzählt davon, wie das Stricken sie durch eine schwierige Lebenssituation begleitet. Dabei stellt sie manchmal sehr gewollt einen Bezug zwischen dem Stricken und den Dingen her, die ihr in ihrem Leben passiert sind und schreckt auch nicht vor an den Haaren herbeigezogenen Vergleichen und Wortspielen zurück, bei denen man sich ein Augenrollen kaum verkneifen kann. Letzten Endes bleibt das jedoch verzeihlich, weil Loretta Napoleoni mit diesem Buch eine Liebeserklärung an das Stricken gelungen ist und mir, als jemandem der leidenschaftlich gern zu Nadeln und Wolle greift, unterhaltsame und interessante Lesestunden beschert hat. Empfehlenswert!

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Loretta Napoleoni
Die Macht der Maschen
Wie Stricken uns durchs Leben begleitet und miteinander verbindet
Original: The Power of Knitting
Aus dem Englischen von Christiane Wagler
Gebundene Ausgabe, 240 Seiten
ISBN: 978-3328601418
Preis: 20,00 € [D]
Verlag: Penguin Verlag
Erschienen: 04. Oktober 2021

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

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World Travel – Anthony Bourdain, Laurie Woolever

Es war ganz zu Anfang unserer kulinarischen Weltreise, dass mein Herzbube und ich uns ein Video anschauten, in dem Anthony Bourdain Myanmar besucht und auf seine ganz persönliche Weise kennenlernt, indem er sich durch das dort übliche Essen durchprobiert. Das war 2016 und wir ließen uns seitdem unter anderem von einigen seiner Videos der Serien „No Reservations“ und „Parts Unknown“ inspirieren und kosteten Dank der Kochkünste meines Herzbuben die unterschiedlichsten Gerichte, die er den jeweiligen Ländern im Anschluss an seine Recherche nachempfunden hat. Wir mochten die unkonventionelle Art mit der Anthony Bourdain durch die Welt reiste, um dabei die Gaumenfreuden der Einheimischen zu entdecken und vorzustellen, und waren bestürzt als wir erfuhren, dass er sich 2018 das Leben genommen hatte. Anthony Bourdain soll unter Depressionen gelitten haben, die er gekonnt vor der Welt verbarg. Als im Februar 2022 das Buch „World Travel: Ein gnadenlos subjektiver Reiseführer“ von Anthony Bourdain erschien, war ich gleich interessiert und wollte noch ein letztes Mal mit ihm unterwegs sein.

Doch ganz so leicht macht es einem dieses Buch dabei nicht, denn es stammt nicht allein aus der Feder von Anthony Bourdain, sondern wurde zusammengestückelt aus seinen Zitaten, ergänzt um Textteile und Abschnitte von Laurie Woolever, einer Autorin und Lektorin, die fast zehn Jahre lang an der Seite Anthony Bourdains als persönliche Assistentin tätig war. So bekommt man Anthony Bourdain auf seine bekannte unnachahmliche Weise, in der er kein Blatt vor den Mund nimmt, geboten und somit wohl auch genau das, was man erwartet, wenn man ein Buch zur Hand nimmt, auf dem in großen Buchstaben sein Name prangt. Da er die einzelnen Orte und Länder nicht erst kurz vor seinem Tod bereist hat, sondern hier aus seinen zahlreichen, auch viele Jahre alten Sendungen zitiert wird, ist es gut, dass Informationen und Preise aktualisiert und ergänzt wurden. Das ist ein echter Mehrwert, der einem dieses Buch bietet, wenn man es als eine Art knappes Nachschlagewerk zu den Sendungen nutzen möchte.

„…nichts wie raus aus dem Hotel und probier ein paar von den lokalen Spezialitäten. Neue Gerichte zu entdecken, die einem schmecken, gehört doch schließlich zu den geilsten Aspekten des Reisens.“

(S. 107)

Aber zu den einzelnen Stationen des Buches gibt es immer auch einen etwa gleich großen Teil, in dem Flughafen, öffentliches Verkehrsnetz und Taxi-Trinkgelderwartungen beschrieben werden. Sicherlich sind dies Informationen, die in einem guten Reiseführer nicht fehlen sollten, die jedoch in diesem Buch wie ein Fremdkörper wirken und es nur unnötig aufblähen. Denn um sich Reiseführer nennen zu dürfen – und sei er noch so subjektiv – bietet dieses Buch zu wenig, auch wenn man vom luxuriösen bis zum preiswerten Hotel und von der hochkarätigen Frittenbude bis zum besseren Restaurant in dem Buch Bourdains aktualisierte Perlen findet. Die anderen Informationen wirken wie unvollständiges Füllmaterial, das das Buch auf die doppelte Seitenzahl und wohl auch in eine höhere Preisklasse bringen soll. Das hinterlässt beim Lesen einen leicht schalen Nachgeschmack und den Eindruck, dass hier einfach noch mal richtig Kasse mit einem bekannten Namen gemacht werden soll.

Nichtsdestotrotz ist es mir gelungen die Bourdain-Zitate mal amüsiert und mal mit einem Stirnrunzeln bezüglich seiner allzu offenen Ausdrucksweise zu lesen. Bourdain eben. Irgendwie war es schön ihm noch einmal in Buchform zu begegnen, doch insgesamt hätte ich mir eher einen komplett subjektiven Rückblick auf Bourdains Reisen in „World Travel“ gewünscht.

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Anthony Bourdain, Laurie Woolever
World Travel: Ein gnadenlos subjektiver Reiseführer
Original: World Travel. An Irreverent Guide
Aus dem Amerikanischen von Ina Juhasz, Ursula Held, Heike Schlatterer und Maria Zettner
Gebundene Ausgabe, 576 Seiten
ISBN: 978-3864931970
Preis: 20,00 € [D]
Verlag: Ullstein
Erschienen: 24.02.2022

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Was bleibt wenn wir sterben – Louise Brown

„Seit der Tod in mein Leben getreten ist – und so fühlt es sich bis heute an -, hat er einiges in mir bewegt. So ist die Angst vor dem nächsten Verlust präsenter geworden. Die Garantie, dass ich oder meine Liebsten morgen noch hier sind, gibt es nicht. Auch scheint es unmöglich zu sein, das Sterben von anderen mitzuerleben, ohne an das eigene zu denken.“

(S. 210)

Keine leichte Thematik und ich muss gestehen, dass ich mich ein wenig davor gefürchtet habe, dass das Buch mich traurig machen könnte und in dieser komischen Zeit, die durchsetzt ist mit ihren ganz eigenen Problemen und indirekt immer auch den Tod im Gepäck hat, stimmungsmäßig so richtig runterziehen könnte. Doch diese Sorge war unbegründet, denn Louise Brown versteht sich darauf die richtigen Worte zu finden und nimmt einen behutsam an die Hand, um das Thema Tod zu beleuchten.

Dabei begibt man sich unweigerlich auf eine Reise in die eigene Erinnerung und begegnet den Lieben, die man schon gehen lassen musste. Das machte mich jedoch nicht traurig, auch wenn ich mich an Schmerz und Trauer erinnerte. Vielmehr ist es ein liebevoller Blick zurück und immer auch eine Einladung, sich nicht nur mit dem eigenen unausweichlichen Tod, sondern außerdem mit dem Leben zu beschäftigen.

Die Journalistin Louise Brown versuchte nach dem Tod ihrer Eltern der Endlichkeit des Lebens etwas sinnstiftendes abzugewinnen und wurde als Trauerrednerin Zeugin dessen, was von uns bleibt. Dies veränderte nicht nur ihre Einstellung zum Tod, sondern auch ihre Haltung zum Leben. Im ersten Teil des Buches geht es um die Konfrontation mit dem Tod, in zweiten Teil um das Leben mit der Trauer, im dritten Teil schließlich darum, die Endlichkeit anzunehmen. Louise Brown schenkt uns unvergessliche Bilder, die daran erinnern, was uns als Menschen ausmacht.

„Ein guter Tod bedeutet für mich: Bevor ich sterbe, möchte ich mich um die Dinge gekümmert haben, die mir wichtig sind. Ich möchte, dass meine Kinder sich geliebt und sicher fühlen. Ich möchte ein mitfühlender und zärtlicher Mensch sein. Ich möchte meiner Welt dienlich sein mit dem Werkzeug, das ich habe. Wenn ich so weit bin, will ich so weit sein. Diese Gedanken an den eigenen Tod helfen mir, Klarheit darüber zu bekommen, welche Geschichte ich von meinem Leben erzählen möchte.“

(S. 232)

Ein tröstendes und befreiendes Buch, das Mut macht, das Leben auf die Dinge auszurichten, die von Bedeutung sind und ein Buch voller Wärme und Menschlichkeit, das Raum schafft, über die eigene Endlichkeit nachzudenken und mit ihr Frieden zu schließen meint der Klappentext. Dem kann ich nur beipflichten und möchte das Buch Lesern empfehlen, die einen liebevollen Blick zurück werfen und sich außerdem mit dem Gedanken an die eigene Vergänglichkeit aussöhnen möchten. Empfehlenswert!

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Louise Brown
Was bleibt, wenn wir sterben
Erfahrungen einer Trauerrednerin
Gebundene Ausgabe, 256 Seiten
ISBN: 978-3257071764
Preis: 22,00 € [D]
Verlag: Diogenes
Erschienen: 29.09.2021

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Wanderlust mit Mister Parkinson – Pamela Spitz

„Meine Reisen in die Ferne und zu mir selbst“ heißt das Buch im Untertitel und hat mich wirklich neugierig gemacht, als ich in der Verlagsvorschau des KiWi-Verlags darauf aufmerksam wurde. Oft empfinde ich Erfahrungsberichte als bereichernd und Mut machend, selbst wenn ich nicht das Schicksal der betroffenen Person teile. Ich bewundere Menschen, die versuchen unter ziemlich widrigen Umständen ein halbwegs normales Leben zu führen. Also nahm ich nach dem Reinschnuppern in die Leseprobe gespannt dieses Buch zur Hand und war offen für die Erfahrungen der Autorin. Der Titel und auch die Kurzbeschreibung haben allerdings bei mir die Erwartung geweckt, dass die Autorin über ihre Erfahrungen mit Morbus Parkinson schreibt und in zweiter Linie über das Reisen. Tatsächlich ist es jedoch eher umgekehrt.

Pamela Spitz hatte sich 2016 gerade von ihrem Mann getrennt und war freiberuflich als Fotoredakteurin tätig, als sie im Alter von einundvierzig Jahren die Diagnose Morbus Parkinson erhielt. Sie wollte immer schon ‚dieses Schneller, Höher, Weiter und war süchtig nach immer neuen Herausforderungen und Abenteuern‘

„Noch mehr Party. Noch mehr oberflächliche Jungs- und Männergeschichten. Noch mehr Ablenkung. Jeden Tag und jeden Abend war ich unterwegs, machte zwar Sport, nahm aber auch Drogen, besuchte Musikfestivals, auf denen ich vorher noch nie gewesen war, begann eine Liaison mit einer Frau, hing ständig in Bars herum und wollte einfach weiterhin alles ausprobieren, was ich nicht kannte. Meine körperlichen Symptome waren noch relativ zurückhaltend und ich fühlte mich stark und gut. Ich genoss die Intensität des Augenblicks und hatte keine Lust, mir ernsthafte Gedanken über die Zukunft zu machen, mir von der Diagnose meinen Lebensstil verändern zu lassen.“

(S. 19)

Letzteres merkt man der Autorin über das ganze Buch hinweg dann auch an. Sie selbst geht davon aus, dass sie vielleicht noch zehn gute Jahre hat und lässt einen in dem Buch daran teilhaben, wie sie die ersten fünf Jahre davon verlebt. Mal zieht es sie raus aus der Stadt um allein auf Wanderungen zu gehen und Ruhe in der Natur zu finden, mal lernt sie Fremdsprachen wie Portugiesisch und Arabisch, nimmt Surfunterricht, übt sich im Kraulschwimmen, macht einen Tandem-Gleitschirmflug und lässt sich von zahlreichen Dingen begeistern, die sie alle noch lernen möchte. Dabei wirft sie immer auch ausgiebige Blicke zurück auf ihr von Kindheit an durch Reiselust geprägtes Leben und lässt auch den Einfluss von Familie und Freunden nicht unerwähnt. Insgesamt war mir das ab einem gewissen Punkt allerdings zu viel, weil ich den Eindruck hatte, dass es in diesem Buch nicht um ein Leben mit der Erkrankung Parkinson geht, sondern viel mehr um die Verdrängung der Krankheit und nicht zuletzt vor allem auch der ständigen Flucht davor, sich damit auseinandersetzen zu müssen.

„Denn eins wusste ich inzwischen: dass es ein wirklich langer und holpriger Weg ist, bis man einigermaßen ins Reine kommt mit sich, wenn man mit so einer Diagnose wie Parkinson konfrontiert ist. Und dass da jeder und jede einen ganz eigenen Rhythmus für hat.“

(S. 56)

Der Weg von Pamela Spitz mit der Krankheit umzugehen ist wohl einer von vielen und als sich ihr Mister Parkinson nicht mehr verleugnen lässt, versucht sie mit Schamanismus, Ayurveda, Naturheilmitteln, Nahrungsergänzungsmitteln, Entgiftung und Entschlackung des Körpers und der Wiedererlangung der körperlichen Fitness ihren Mister P. zu besänftigen, auch wenn er sich leider nicht aufhalten lässt.

„Ich erzählte von meiner Bewältigungsstrategie, möglichst immer alles positiv zu sehen, von meinen guten Erfahrungen mit der Ernährungsumstellung und dass ich mich eigentlich so gesund wie noch nie fühlte, abgesehen von Parki.“

(S. 120)

Es bleibt ihr zu wünschen, dass das noch möglichst lange so für sie funktioniert und die Forschung in Zukunft vielleicht doch etwas findet, das den an Morbus Parkinson Erkrankten bahnbrechend weiterhilft.

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Pamela Spitz
Wanderlust mit Mister Parkinson: Meine Reisen in die Ferne und zu mir selbst
Broschiert, 288 Seiten
ISBN: 978-3462055108
Preis: 18,00 € [D]
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erschienen: 19.08.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag kostenlos für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

erLESENer August 2021

Im Lesemonat August sprang ich vom Hochhaus, fristete mein Leben in einem palästinensischen Flüchtlingslager, stand meiner Freundin in den letzten Wochen ihres Lebens bei, versuchte meine Ehe zu retten, pflegte einen Briefkontakt zu einem mir völlig Fremden, erfuhr was es heißen kann ein Wirtschaftsflüchtling zu sein und spürte chinesische Zerrissenheit.

Bücherwelten – lesen über alle Grenzen hinweg.

Der Sprung von Simone Lappert: Ein Sammelsurium von Figuren unterschiedlichen Alters und verschiedener Gesellschaftsschichten, die allesamt mit ihren eigenen Herausforderungen des Lebens beschäftigt sind und mit der jungen Frau, die vom Hochhaus springen will, direkt oder indirekt in Verbindung stehen. Großartig!

Während die Welt schlief von Susan Abulhawa: BUCHweltreise Palästina: Ein Roman mit schönem sprachlichen Klang, durchsetzt von arabischen Worten und Ausdrucksformen, die zu Herzen gehen und berühren. Aber es ist vor allem auch ein Roman voller Brutalität rund um den Nahost-Konflikt. Empfehlenswert! 

Was fehlt dir von Sigrid Nunez: Weil der Tod trotz Chemotherapie unausweichlich ist, beschließt sie den Zeitpunkt ihres Todes mit Hilfe von Tabletten selbst bestimmen zu wollen und bittet die Ich-Erzählerin ihr in den letzten Wochen oder Monaten ihres Lebens zur Seite zu stehen. Ein recht spezielles, aber doch gelungenes Buch, das viele Denkanstöße mitbringt.

Der Brand von Daniela Krien: Momentaufnahme einer altgewordenen kriselnden Ehe und anderen Konflikten. Gute Schreibweise, aber es werden viele Themen aufgemacht und dann nur oberflächlich abgefrühstückt. Insgesamt doch eher enttäuschend.

I get a bird von Anne von Canal und Heikko Deutschmann: Als Jana plötzlich ihre vor drei Jahren verlorene Agenda plötzlich zugeschickt bekommt, entspinnt sich zwischen ihr und dem Finder eine immer intensiver werdende Korrespondenz. Ein humorvoller und berührender Briefroman.

Nastjas Tränen von Natascha Wodin: BUCHweltreise Ukraine: Die Autorin erzählt die Geschichte ihrer ukrainischen Putzfrau, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im wirtschaftlichen Chaos der sich rasant entwickelnden Oligarchie in der ehemaligen Teilrepublik der UdSSR nicht mehr genug zum überleben hat und mit einem Touristenvisum in Berlin landet, um dort den Lebensunterhalt für sich und ihre Familie zu verdienen. Berührend und empfehlenswert!

Ist es nicht schön hier von Te-Ping Chen: BUCHweltreise China: Hellwach und mit genauem Blick für komische Momente zeichnet die Autorin in 10 Kurzgeschichten Figuren zwischen Tradition und Hypermoderne nach, die nach Halt und einem Zuhause suchen. Macht Lust auf mehr!

erLESENer Juli 2021

Im Lesemonat Juli war ich mit hellwachem Geist in meinem bewegungslosen Körper gefangen, versuchte mit dem Tod meiner 16jährigen Tochter fertig zu werden, reiste zurück in die Zeit der 1980er Jahre, fand fest in Plastikfolie eingewickelte Leichen, die aussahen wie Kokons, durchlebte den Horror der fortschreitenden Klimakrise, genoss die vietnamesische Küche, beobachtete jemanden beim Morden mit Bauschaum und nahm mit der Bestatterin Blum Rache an den Mördern ihres Mannes.

Bücherwelten – irgendwo zwischen Apokalypse und vermeintlich heiler Welt.

Schmetterling und Taucherglocke von Jean-Dominique Bauby: Die autobiografischen Eindrücke eines 43jährigen, der unter dem Locked-In-Syndrom leidet und mit seinem hellwachen Geist in einem bewegungslosen Körper gefangen ist. Bewegend!

Was ich euch nicht erzählte von Celeste Ng: Das im Untergrund schwelende Familiendrama rund um eine verschwundene Sechzehnjährige. Fesselnd und eindringlich erzählt. Von der Autorin werde ich mehr lesen.

Wir Kassettenkinder von Stefan Bonner und Anne Weiss: Eine Zeitreise in die 1980er Jahre, in die guten und schlechten Zeiten. Hat mir sehr viel Freude bereitet.

Die Verlorenen von Simon Beckett gelesen von Johannes Steck: Der Auftakt der neuen Reihe von Simon Beckett war soweit in Ordnung, konnte mich aber trotz hervorragendem Hörbuchsprecher nicht vollends überzeugen.

Was, wenn wir einfach die Welt retten von Frank Schätzing: Ein gelungener Ansatz des Autors, der nicht mit erhobenem Zeigefinger doziert, aber dennoch deutlich macht, dass wir alles Sinnvolle unternehmen müssen, um die Klimaziele zu erreichen und realistisch betrachtet auch auf die Konsequenzen vorbereitet sein sollten, wenn uns das nicht gelingt. Lesenswert!

Der Geschmack der Sehnsucht von Kim Thúy: Dieses Buch entführt in eine fremde Welt mit den Gerichten, Gewürzen und Zutaten der vietnamesischen Küche, gewährt aber auch Einblicke in die Kultur, Sprache und Geschichte. Ein perfekter BUCHweltreise-Kandidat.

Die Puppenmacherin von Max Bentow gelesen von Axel Milberg: Ein weiterer hervorragender Hörbuchsprecher, widerliche Leichen in Bauschaum, spannend – krank – unterhaltsam.

Totenfrau von Bernhard Aichner gelesen von Christian Berkel: Und noch ein hervorragender Hörbuchsprecher. Es handelt sich hierbei um den Auftakt der Trilogie, in der eine Bestatterin Rache nimmt. Brutal, widerlich, spannend – krank – unterhaltsam.

Wir Kassettenkinder – Stefan Bonner, Anne Weiss

Die achtziger Jahre fanden bei mir im Alter zwischen 12 und 22 Jahren statt. Eine Zeit, die ich als Kind, als Jugendliche, als Schülerin, als Auszubildende und als junge Erwachsene erlebt habe.

„Was uns heute immer öfter bewusst wird: Die Achtziger sind im Begriff, von der nahen Vergangenheit, die wir vor kurzem erlebt haben, in die Zeitgeschichte überzugehen. Und das macht uns – so blöd es klingt – unsere eigene Vergänglichkeit bewusst.“

(S. 21)

Gleichzeitig macht es einem bewusst, wie schön es ist, in alten Zeiten zu schwelgen. Und das funktioniert mit diesem leicht und humorvoll geschriebenen Buch wirklich wunderbar. Es spult zurück in die Achtziger und nimmt einen mit in die Zeit, in der wir bei Musiksendungen vorm Radio hockten – bereit, die Aufnahmetaste des Kassettenrekorders zu drücken, wenn der Moderator den nächsten Hit spielte. Noch heute habe ich in meiner Erinnerung das Lied „Eye of the Tiger“ von Survivor mit der Unterbrechung des Verkehrsfunks im Ohr, der meine Aufnahme von der „Schlagerralleye“ oder „Mal Sondocks Hitparade“ so unschön erweitert hatte, was mich jedoch damals trotzdem nicht davon abhielt das Lied in Dauerschleife zu hören.

Und so ist das ganze Buch. Die Autoren schwelgen in Erinnerungen, verwenden die „Wir-Form“, gegen die ich mich schonmal gern sperre, wenn sie pauschalisierend mich mit einschließt. Doch hier ist das anders, denn ich fühle mich von den 1974 und 1975 geborenen Autoren verstanden und habe fast den Eindruck mich mit Freunden über die „gute alte Zeit“ zu unterhalten, die gar nicht immer so gut, aber auf ihre Art und Weise besonders war, nicht zuletzt weil ich so viele Entwicklungsschritte in der Zeit durchmachte.

Natürlich kennt man dieses Jahrzehnt auch aus Fernsehsendungen, in denen Stars und Sternchen Rückblicke in diese Zeit kommentieren, aber bei diesem Buch übernimmt man selbst diese Rolle. Man lehnt sich zurück, liest und nimmt sich die Zeit, das Gelesene um eigene Erinnerungen zu ergänzen. So fliegt man durch die Seiten und macht doch auch sehr oft Rast um eigenen Gedanken nachzugehen, den guten, manchmal aber auch den nicht so guten.

Gegliedert ist das Buch in 4 Teile, die an dieser Stelle nur einen groben Überblick dessen liefern sollen, was einen hier erwartet:

  1. Das Spiel unseres Lebens – Matschbrötchen im Hausmeisterkabuff, große Träume und das gute Gefühl, ohne Helm Fahrrad zu fahren
  2. Die Supersorgloszeit – Endlossommer, Erdnussflips im Bademantel und die Geborgenheit guter Samstagabendunterhaltung
  3. Von Blauen Engeln und weißen Tauben – Jute statt Plastik, Singen für ein bisschen Frieden und Hoffnung in der Endzeitstimmung
  4. Wo wir hinfuhren, brauchten wir keine Straßen – Pioniere im Technikwunderland, Joystickakrobaten und das Vergnügen, Videorekorder zu verkoppeln

Mir hat diese Zeitreise in die Achtziger viel Freude gemacht, aber man muss auch wissen, dass es in diesem Buch ausschließlich um die westdeutschen Kassettenkinder geht. Wer gelegentlich auch einen Blick in den Osten werfen möchte, dem sei ergänzend die doch etwas ernsthafter aber nicht weniger interessant daherkommende ZDF-Doku „Die 80er – Das explosive Jahrzehnt“ empfohlen: Teil 1Teil 2Teil 3 .

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Stefan Bonner, Anne Weiss
Wir Kassettenkinder: Eine Liebeserklärung an die Achtziger
Taschenbuch, 272 Seiten
ISBN: 978-3426788530
Preis: 9,99 € [D]
Verlag: Knaur
Erschienen: 02.11.2017

Schmetterling und Taucherglocke – Jean-Dominique Bauby

Manche Buchtipps begleiten mich über Jahre hinweg, als müssten sie mit der Zeit reifen, bis der Wunsch diese Bücher dann auch zu lesen immer größer und fast schon übermächtig wird. So ähnlich ging es mir auch mit diesem autobiografischen Roman, der erst kürzlich als ‚Gebrauchtbuch‘ in meinem Warenkorb landete, nachdem ich schon so viel Gutes darüber gehört hatte. Erschienen ist es bereits 1997 und die Entstehungsgeschichte ist auch für heutige Verhältnisse noch ungewöhnlich.

Denn der Autor, Jean-Dominique Bauby, war Chefredakteur der französischen Zeitschrift „Elle“ und ist 43 Jahre alt, als er 1995 einen Gehirnschlag erleidet. Fortan ist sein gesamter Körper gelähmt, er kann nicht mehr schlucken und er kann nicht mehr sprechen. Seine einzige Möglichkeit zur Kommunikation ist das linke Auge, das er noch kontrollieren kann. Mittels Lidschlag beginnt Bauby seine Memoiren zu diktieren und davon zu berichten, wie es sich anfühlt unter dem sogenannten Locked-In-Syndrom zu leiden und mit seinem hellwachen Geist in einem bewegungslosen Körper gefangen zu sein.

Die Beschreibungen sind bildhaft und nachvollziehbar. Man erlebt die Grenzen und Einschränkungen der neuen Form der Kommunikation, die aber auch Baubys Tor zur Welt ist und seine einzige Möglichkeit sich mitzuteilen. Die Taucherglocke mitsamt der Abhängigkeit und des Ausgeliefert Seins, das sein Zustand mit sich bringt wird in seinen Facetten schmerzlich begreifbar. Fast nimmt es einem beim Lesen vor Bedrückung den Atem, wenn die Schilderungen nicht so verfasst wären, dass der Humor Baubys durchscheint und er trotz allem hoffnungsvoll bleibt. So leidet man zwar mit ihm, aber er ist nicht mitleiderregend, sondern nimmt einen mit auf die Reisen seines Geistes, der wie ein Schmetterling von hier nach dort flattert und dabei gelegentlich auch philosophische Bahnen findet. Die Krankheit hat Bauby zu einem Schriftsteller gemacht, der nicht nur mit bewundernswertem Humor seine eigene Situation analysiert, sondern die Fantasie und das Schreiben auch als das beste Gegenmittel begreift.

Mich hat das Buch so sehr berührt, dass ich mir im Anschluss den gleichnamigen Film aus dem Jahr 2007 ansah. Eine geniale Visualisierung des Buches, die mir fast noch besser gefällt, als das Buch selbst.

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Jean-Dominique Bauby
Schmetterling und Taucherglocke
Taschenbuch, 144 Seiten
ISBN: 978-3423125659
Preis: 8,90 € [D]
Verlag: dtv
Erschienen: 01.10.1998

erLESENer Juni 2021

Im Lesemonat Juni durchlebte ich unterschiedliche Formen des Liebens und Nichtliebens, pendelte zwischen Deutschland und Rumänien, konnte unter Wasser atmen, ließ mich beim Suizid begleiten und war fasziniert von Helen und Mabel.

Bücherwelten – Gefühle zwischen Buchdeckeln…

Klopf an dein Herz von Amélie Nothomb: Ein Roman über ein Zuviel und Zuwenig von Liebe. Amélie Nothomb in Bestform.

Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff: Eine in Kurzgeschichten erzählte Familiengeschichte, die ihre Wurzeln in Rumänien hat. Lieber selber lesen, anstatt zum Hörbuch zu greifen!

Aus schwarzem Wasser von Anne Freytag: Ein Genre-Mix aus Polit-Thriller mit Fantasy/Science-Fiction-Elementen, der mich leider nicht überzeugen konnte.

Unzertrennlich . Über den Tod und das Leben von Irvin D. und Marilyn Yalom: Als fest stand, dass Marilyns Krankheit zum Tode führen würde, begannen die Eheleute ein Buch zu schreiben – das am Ende Irvin D. Yalom alleine fertigstellen musste. Von tiefer Ehrlichkeit und steter Reflektion gekennzeichnet. Berührend!

H wie Habicht von Helen Macdonald: Ein Buch, in dem die Autorin über ihre Trauerbewältigung durch die Zähmung eines Habichts beschreibt. Unglaublich beeindruckend! Ein Highlight!

Unzertrennlich . Über den Tod und das Leben – Irvin D. Yalom und Marilyn Yalom

Erst im Dezember las ich „Wie man wird, was man ist“ von Irvin D. Yalom, was mir diesen von mir geschätzten Autor nochmal ein Stück näher gebracht hat. Schon in dieser Autobiografie war mir aufgefallen, mit wie viel Wärme und Bewunderung er über seine Frau Marilyn, Kulturwissenschaftlerin und selbst Autorin, schreibt, so dass sich ganz automatisch meine Sympathie auch auf sie erstreckte. Umso mehr war ich betroffen, als ich nun erfuhr, dass Marilyn im letzten Herbst starb. Als fest stand, dass ihre Krankheit zum Tode führen würde, begannen beide ein Buch zu schreiben – das am Ende Irvin D. Yalom alleine fertigstellen musste. „Unzertrennlich“ lautet der Titel des Buches der durch 65 Ehejahre verbundenden Eheleute, in dem Irv im April 2019 beginnt, abwechselnd mit Marilyn über die Gefühle und Gedanken bis zu ihrem Tod schreibt und schließlich 125 Tage danach mit einem Brief an sie schließt.

„Ich kann noch schreiben, und dieses gemeinsame Projekt mit Marilyn ist ein Lebenselexier, nicht nur für sie, sondern auch für mich.“

(S. 83 – Irv im August)

Tiefe Ehrlichkeit und stete Reflektion sind sicherlich die treibenden Kräfte, die ihn und Marilyn auszeichnen – und die auch das vorliegende Buch so unvergleichlich und wertvoll machen. Hier wird nichts schöngeredet, es wird um jede Nuance gekämpft, um das zu erreichen, was man Authentizität nennt. Das allmähliche Sterben bis hin zum begleiteten Suizid von Marilyn ist gesäumt von Irv’s Schmerz über den bevorstehenden Verlust und durchsetzt von Gedanken bezüglich seiner eigenen Sterblichkeit. Denn Irv wird im Juni 2021 neunzig Jahre alt und ist immer davon ausgegangen, dass Marilyn ihn überleben würde. Doch nun bereitet Marilyn ihren Abschied vor und sehnt sich aufgrund des größer werdenden Leidendrucks immer mehr den Tod herbei.

Beide schildern ihre ganz persönlichen Gedanken und Gefühle, legen ihre Schmerzen und Schwächen offen. Beim Lesen fühlt man mit ihnen und nimmt an ihrer Geschichte Anteil. Als schließlich für Irv die Zeit des Lebens nach dem Tod von Marilyn beginnt, durchlebt man mit ihm die Verzweiflung und schließlich seine Versuche, sich als Therapeut an das zu erinnern, was er Patientinnen und Patienten in seiner Situation geraten oder in seinen Büchern geschrieben hatte. Auch muss er sich neu organisieren und Entscheidungen darüber treffen, welche Dinge von ihr bleiben sollen und was weg darf.

Keine einfache Thematik und doch ist „Unzertrennlich“ für mich ein wunderbares Erinnerungsbuch an Marilyn Yalom mit vielen privaten Familienbildern, abgedruckten Trauerreden und liebevollen Gedanken von Irv. Gleichzeitig ist es ein Buch über das Älterwerden und allmähliche Abschiednehmen vom Leben.

„[…] so glaube ich tatsächlich, dass Menschen, die im Sterben liegen – wenn sie zum Nachdenken Zeit haben -, dazu neigen, das Leben, das sie gelebt haben, zu bewerten. Gewiss ist das bei mir der Fall. Und ohne selbstzufrieden im falschen Sinne sein zu wollen, habe ich den Eindruck, dass ich keinen Schaden angerichtet habe und mich dem Ende ohne viel Bedauern und wenig Schuld nähern kann.“

(S. 172 – Marilyn im November)

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Irvin D. Yalom, Marilyn Yalom
Unzertrennlich – Über den Tod und das Leben
Aus dem Amerikanischen von Regina Kammerer
Original: A Matter of Death and Life, Stanford University Press
Hardcover mit Schutzumschlag, 320 Seiten
ISBN: 978-3-442-75921-7
Preis: 22,00 € [D]
Verlag: btb
Erschienen: 10.05.2021

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.