erLESENer September 2020

Im Lesemonat September verschanzte ich mich vor dem Virus, holte mir die Welt auf den Teller und ernährte ich mich vorbildlich, hasste den Englischlehrer und ließ mich gänzlich von dem schönen Schein der Literatur einlullen.

Bücherwelten – manchmal steckt mehr dahinter, als es auf den ersten Blick scheint.

Wuhan Diary . Tagebuch aus einer gesperrten Stadt von Fang Fang: Eine andere Sichtweise und ein anderes Erleben im Umgang mit dem Virus – in dem Land, wo alles anfing. Fang Fang gibt ihrer Wut und Trauer Raum in ihren Beiträgen.

Der Ernährungskompass von Bas Kast: Gerade wenn ich zu ausgedehnt im Genussmodus bin, ist ein Buch wie der Ernährungskompass hilfreich bei der Kurskorrektur. Ein Buch zum immer mal wieder reinschauen.

Meine dunkle Vanessa von Kate Elizabeth Russel: Die Geschichte eines Missbrauchs einer 15jährigen von ihrem 30 Jahre älteren Lehrer. Keine leichte Kost, aber lesenswert.

Die rechtschaffenen Mörder von Ingo Schulze: Das Wie diese Geschichte erzählt wird und sich dem Leser erschließt, ist beeindruckender, als die erzählte Geschichte selbst. Dennoch war dies eine besondere Lese-, beziehungsweise Hörerfahrung für mich.

Die Welt auf dem Teller . Inspirationen aus der Küche von Doris Dörrie: Das Buch schafft oft eine Wohlfühlatmosphäre aufgrund der schönen Erinnerungen, in die es einen versetzt, aber manches hätte ich gern ausführlicher gelesen.

Gebrauchsanweisung für das Leben – Andreas Altmann

„Was behüten Menschen mit mehr Macht, und was vernichten sie mit gleicher Vehemenz? Das LEBEN, klar. Versprochen, auch dieses Buch wird das Mysterium nicht lösen. Denn ich habe – wie jeder von uns – keine Ahnung, woher unser Leben kommt und wohin es, nachdem es aufhört, verschwindet. […] Der Autor verteilt keine Ratschläge, denn er weiß keine. Er weiß jedoch ein paar Geschichten, und die erzählt er.“ (S. 10/11)

Das beruhigt mich um ehrlich zu sein, denn aufmerksam wurde ich auf Andreas Altmann durch den Podcast WELTWACH, wo er mich durch seine Erzählungen über Reiseerlebnisse zu begeistern wusste. Und als ich im vergangenen Jahr eine Gebrauchtbücherbestellung aufgab, entdeckte ich unter anderem seine „Gebrauchsanweisung für das Leben“ und bestellte das Buch einfach auf gut Glück mit. Dieser Buchtitel ist natürlich hoch gegriffen und weckt pauschal Erwartungen, die unmöglich zu erfüllen sind. Gut dass damit gleich im Vorwort (siehe oben) aufgeräumt wird, aber dennoch fragte ich mich bis zum Schluss, wer sich diesen unsinnigen Buchtitel wohl ausgedacht hat.

01_Gebrauchsanweisung für das Leben

Gefallen haben mir die in Altmanns Ausführungen eingewobenen Geschichten zu den vielen unterschiedlichen großen Themen des Lebens, wie Kindheit, Gier, Abenteuer, die Anderen, Angst, Eros, Religion, Schmerz, Heimat, Frauen, Einsamkeit, Arbeit, Sprache, Tod, Liebe und Mut. Ich mag Andreas Altmann zuhören, wenn er von seinen Reiseabenteuern erzählt und es gefällt mir auch, darüber zu lesen, wie ich nun nach diesem – meinem ersten – Buch von diesem Autor weiß.

Aber bei einem so subjektivem Thema wie das Leben, fließt natürlich auch vieles aus dem Erfahrungsschatz und Gedankengut des Autors ein. Und ebenso zwiespältig wie das Leben selbst sein kann, ist auch das, was Altmann darüber zu schreiben weiß. Bei vielem konnte ich ihm beipflichten und kam auch mit seiner Ausdrucksweise zurecht.

„Die Flucht in ein bewegtes Leben, in dem man keine Zeit mehr hätte, sich von anderen seine Zeit stehlen zu lassen, so ein Leben wäre nicht teuer und verlangte keine haushohen Investitionen. Doch Eintrittspreise werden gefordert wie: Hintern heben, eine Ration Schneid mitbringen, Alleinsein durchstehen, Sich-Verlaufen riskieren, Sich-Blamieren verkraften, Bauchlandungen als Wegweiser erkennen, um Hilfe bitten können, ‚Es tut mir leid‘ sich sagen trauen, Fehler zugeben, neue Fehler – klügere – unternehmen, ‚Ich weiß es nicht‘ beichten, kein verzitterter Hampelmann sein wollen, sich nicht um die Hysterien des großen Haufens scheren und niemals aus den Augen verlieren, wie wertvoll (auch) das eigene Leben ist. Das nie wiederkommt.“ (S. 229)

Aber es gibt in seinem Leben auch Zeiten, in denen ihm übel mitgespielt wurde und es erscheint mir nur legitim, dass man ihm seine Wut und seinen Hass beim Schreiben darüber auch deutlich anmerkt. Ebenfalls aus seiner Feder stammen die Bücher: „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ (2011) und „Dies beschissen schöne Leben. Geschichten eines Davongekommenen.“ (2013). Sicherlich werden in den Büchern dringende und drängende Themen des Autors behandelt, aber für mich war es letztlich doch zu viel und ich wollte darüber in der „Gebrauchsanweisung für das Leben“ nicht immer wieder lesen. Es erweckt den Eindruck, als habe der Autor dringend Bedarf schwere bislang unbearbeitete Kinheitstraumata aufarbeiten zu müssen. Auch gefallen mir die negativen Pauschalurteile nicht, die Altmann in diesem Buch fällt – es erinnert ein wenig an Stammtisch-Nörgeleien, auf die ich so liebend gern verzichte. Problematisch finde ich in diesem Zusammenhang auch, wenn der Autor die „Wir“-Form benutzt und mir versucht einen Schuh anzuziehen, der mir einfach nicht passt. Und so ist es mit diesem Buch, wie mit wohl vielem im Leben – mal ist es gut und mal nicht.

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Andreas Altmann
Gebrauchsanweisung für das Leben
Flexcover mit Klappen, 240 Seiten
EAN: 978-3-492-27686-3
€ 15,00 [D]
Verlag: Piper
Erschienen: 01. März 2017

erLESENer Mai

Im Mai begrüßte mich Desfred mit „Gesegnet sei die Frucht!“, erlebte ich die manisch-depressive Entwicklung von Myrthe, lernte die Autorin Margaret Atwood etwas besser kennen und wurde von Frank Schätzings neuem Roman enttäuscht.

Bücherwelten – manchmal einfach großartig und manchmal nur übelstes Popcorn-Kino.

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Der Report der Magd von Margaret Atwood
highlight_des_monatsjpgEs handelt sich bei diesem Buch zwar um Fiktion, aber es scheint so unfassbar einfach zu sein, Frauen schnell und effektiv sämtlicher Rechte zu berauben, um sie in die gewünschten Bahnen zu lenken. Berührend, skurril und gleichzeitig sehr erschreckend. Für mich ein Lesehighlight!

Heiter bis wolkig von Myrthe van der Meer
Als manisch-depressiv erkrankter Mensch kann man sich in manchem wiedererkennen und fühlt sich an die durchwachsenen, vor allem aber auch an die positiven Aspekte der Klinikzeit zurückerinnert. Wer sich in diese Thematik hineinlesen möchte, dem sei dieses Buch, das einen ein ums andere Mal schmunzeln lässt, unbedingt empfohlen!

Aus Neugier und Leidenschaft von Margaret Atwood 
So sehr mich manches in diesem Buch zu begeistern wusste, muss ich doch gestehen, dass mich auch einiges langweilte, was allerdings bei der Vielfalt der unterschiedlichen Texte nicht ungewöhnlich ist.  Aber ich bin mir dennoch fast sicher, dass Margaret-Atwood-Fans dieses Buch gefallen könnte.

Die Tyrannei des Schmetterlings von Frank Schätzing 
Obwohl ich das Thema „Künstliche Intelligenz“ sehr interessant fand, war der große Rest dieses Hörbuchs für mich insgesamt eine große Enttäuschung, was allerdings nicht an dem Sprecher lag, der vermutlich dafür sorgte, dass ich doch noch bis zum Schluss drangeblieben bin und das Hörbuch nicht vorzeitig abbrach.

Aus Neugier und Leidenschaft – Margaret Atwood

Kurz nachdem Margaret Atwood 2017 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wurde, machte mich ihr Buch „Aus Neugier und Leidenschaft“ neugierig. Sie selbst sagt über diese Sammlung von 47 ihrer interessantesten Essays und Artikel aus ihrem knapp 50-jährigen literarischen Schaffen:

»Immer wenn ich gerade beschlossen habe, weniger zu schreiben und stattdessen etwas für meine Gesundheit zu tun – vielleicht Eistanz oder so –, ruft mich garantiert irgendein glattzüngiger Verleger an und macht mir ein Angebot, das ich unmöglich ablehnen kann. In gewisser Weise ist dieses Buch also schlicht das Ergebnis meiner unterentwickelten Fähigkeit, nein zu sagen.«

16_Aus Neugier und LeidenschaftZu dem Zeitpunkt war mir der Name der Autorin zwar geläufig, aber gelesen hatte ich noch keines ihrer Werke. Das sollte sich in den nachfolgenden Monaten ändern, in denen ich immer mal wieder zwischendurch dieses Buch zur Hand nahm und die chronologisch geordneten Essays, Rezensionen, Vorworte, Nachworte, Einführungen, Reden, Vorlesungen und Nachrufe las. Dabei erfährt man so einiges über bodenständige Schriftstellerin, über ihr Schreiben, über kanadische Lebensverhältnisse, die kanadische Literatur, über Feminismus und Frauenfragen. Die Selbstironie Margaret Atwoods lässt einen gelegentlich schmunzeln und es ist interessant ihren Gedankengängen zu folgen.

Da ich mir in der Zeit, als ich dieses Buch las, die Serie „Alias Grace“ ansah, die nach der Romanvorlage von Margaret Atwood produziert wurde, war es für mich bereichernd über die Entstehung des Buches zu lesen. Außerdem machten mich ihre Essays über Dystopien und speziell die Entwicklung zu „Der Report der Magd“ so neugierig, dass ich dieses Buch, das für mich zu einem echten Highlight wurde, sofort lesen musste. Es wurde ebenfalls verfilmt und ist als Serie „The Handmaids Tale“ erschienen, die mich derzeit zu unterhalten und beeindrucken weiß. Zudem konnten einige von der Autorin erwähnte oder rezensierte Bücher mein Interesse wecken, so dass ich sie gleich auf meine Bücherwunschliste setzte. „Aus Neugier und Leidenschaft“ blieb bei mir also nicht ohne Nebenwirkungen.

So sehr mich manches in diesem Buch zu begeistern wusste, muss ich doch gestehen, dass mich auch einiges langweilte, was allerdings bei der Vielfalt der unterschiedlichen Texte nicht verwunderlich ist und auch daran liegen mag, dass ich mit meinen Literatur- und Kanadakenntnissen nicht mit der Autorin auf Augenhöhe bin. Ich hatte gelegentlich den Eindruck von meinen Bildungslücken erschlagen zu werden, aber ich bin mir dennoch fast sicher, dass Margaret-Atwood-Fans dieses Buch gefallen könnte. Für mich wird es jedenfalls nicht das letzte Buch sein, das ich von dieser Autorin gelesen habe.

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Margaret Atwood
Aus Neugier und Leidenschaft – Gesammelte Essays
Original: Curious Pursuits, Virago Press London, 2005
Übersetzung: C. Buchner, C. Max, I. Pfitzner
480 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-8270-0666-0
D: 28,00 €
Verlag: Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH
Erschienen: 13.10.2017

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Jugend ohne Gott – Ödön von Horváth

Unmittelbar nach seinem ersten Erscheinen 1937 wurde Ödön von Horváths „Jugend ohne Gott“ in mehrere Sprachen übersetzt und machte den österreichisch-ungarischen Schriftsteller international bekannt. Im selben Jahr wurde sie von Thomas Mann empfohlen, und Hermann Hesse schrieb über die Erzählung : »Sie ist großartig.« Es geht in ihr, so Alfred Döblin, um »eine Schule, eine mehr oder weniger verrohte Jugend, an ihr ein Lehrer, der ein Gewissen hat, sich verleugnen muß und schließlich nicht mehr kann«. Und Klaus Mann erblickte in „Jugend ohne Gott“ »alle geheimnisvollen Eigenschaften und Reize der wirklichen Dichtung«.

Und ich meine dazu: Es handelt sich hierbei um ein Werk, das mir sprachlich gut gefallen hat, mich zum nachdenken anregen konnte und mich kurzzeitig aus meiner Leseflaute herausbefördert hat. Mit nur 148 Seiten leider ein wenig kurz – ich hätte gern mehr gelesen, was allerdings für das Buch spricht.

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Durch die Erzählung führt ein namenloser Geschichtslehrer in der Ich-Form und lässt den Leser an der Verrohung der Jugend durch die Verbreitung der NS-Ideologien und Vorbereitung auf den Krieg teilhaben. Der humanistisch geprägte Pädagoge kann mit den Weltanschauungen nichts anfangen und eckt an. Als er mit seinen Schülern in ein Zeltlager fährt, wo diese für das Militär vorbereitet werden sollen, überschlagen sich die Ereignisse und bringen den Lehrer in einen Gewissenskonflikt.

Auf kurzweilige nachdenklich stimmende Weise erfährt man von der von der NS-Ideologie abweichenden Denkweise des Lehrers, der zugleich einen Gegensatz zu der verrohenden Jugend darstellt. Auch wenn es zunächst nicht so erscheint, ringt er mit sich und steht schließlich doch für seine Werte ein.

„Wer mit Verbrechern und Narren zu tun hat, muss verbrecherisch und närrisch handeln, sonst hört er auf. Mit Haut und Haar. Er muss sein Heim beflaggen, auch wenn er kein Heim mehr hat. Wenn kein Charakter mehr geduldet wird, sondern nur der Gehorsam, geht die Wahrheit, und die Lüge kommt. Die Lüge, die Mutter aller Sünden. Fahnen heraus! Lieber Brot, als tot! – So dachte ich, als mir plötzlich einfiel: was denkst du da?“ (S. 105)

„Jugend ohne Gott“ ist eine spannende Kriminalgeschichte, die ich in einem Rutsch gelesen habe und die am Beispiel eines Lehrer-Schüler-Konflikts den Menschen im faschistischen Staat schildert – eine brisante Mischung aus Minderwertigkeitsgefühlen und sadistischen Machtgelüsten.

So weit das Buch. Seit dem 31.08.2017 läuft eine dystopisch angehauchte Verfilmung im Kino:



Ödön von Horváth
Jugend ohne Gott [Werbung]
Taschenbuch, 148 Seiten
ISBN: 978-3-518-46019-1
€ (D) 5.00 / sFr 7.90* / € (A) 5.20 * unverb. Preisempfehlung
Verlag: Suhrkamp
Erschienen: 18.08.2008

Kitchen – Banana Yoshimoto

Bei diesem Buch handelt es sich um das Erstlingswerk von Banana Yoshimoto. Es umfasst die drei Kurzgeschichten „Kitchen“, „Vollmond (Kitchen 2)“ und „Moonlight Shadow“. Im Anschluss daran befinden sich im Buch ein Nachwort der Autorin, das Glossar und das Essay „Das Phänomen Banana Yoshimoto“ von Giorgio Amitrano.

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Während „Vollmond“ eine Fortsetzung der ersten Erzählung ist, steht „Moonlight Shadow“ für sich allein. Und doch verbindet die Geschichten als Thematik die Trauer durch den Verlust eines geliebten Menschen, die Verzweiflung und das irgendwie damit fertig werden, nicht zuletzt durch die Hilfe anderer Menschen.

„Warum nur bleibt dem Menschen so wenig Wahl? Auch wenn man geschunden wird wie ein Stück Vieh, man kocht sein Essen, isst, schläft. Die Menschen, die man liebt, sterben einem weg. Einer nach dem anderen. Und dennoch muss man weiterleben.“ (S. 104)

Es gibt skurrile Charaktere, Unerklärliches und Verwirrung. Der Erzählstil ist leise und unaufdringlich. Die Schilderungen von Empfindungen sind eindringlich und nachvollziehbar.

„Ich glaubte fest daran, irgendwann einen Punkt zu erreichen, an dem ich aus der ganzen Sache ausbrechen konnte. Ich musste versuchen, so lange durchzuhalten, auch wenn es keine Garantie gab, dass es diesen Punkt tatsächlich gab. So hatte ich es auch gehalten, als unser Hund gestorben war und unser Vogel. Doch diesmal schien es nicht zu funktionieren. Ohne jeden Schimmer von Hoffnung welkten die Tage dahin. Und trotzdem sagte ich mir, als spräche ich ein Gebet: Du schaffst es. Irgendwann schaffst du es, hier herauszukommen. Es ist nur eine Frage der Zeit.“ (S. 141)

Trotz ernster Thematik handelt es sich hierbei jedoch um kein tieftrauriges Buch. Es herrscht eine melancholische Grundstimmung, aber die Charaktere sind nicht so gezeichnet, dass man als Leser mit ihnen mitleiden müsste. Vermutlich sorgt genau das dafür, dass mir die Geschichten nicht wirklich nah gingen, selbst wenn sie stellenweise anrührend waren.



Banana Yoshimoto
Kitchen [Werbung]
Aus dem Japanischen von Wolfgang E. Schlecht
Taschenbuch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-257-22700-0
€ (D) 10.00 / sFr 13.00* / € (A) 10.30 * unverb. Preisempfehlung
Verlag: Diogenes
Erschienen: 15.03.1994

Szenen aus Schottland – James Leslie Mitchell

testDas Ziel der Buchweltreise ist es, Bücher über möglichst viele Länder der Welt  zu lesen. Die Liste der Mitreisenden ansehen oder sich zum Mitmachen anmelden kann man HIER.

Für das Vereinigte Königreich Großbritanien las ich Szenen aus Schottland von James Leslie Mitchell. Hier startet meine literarische Weltreise:

James Leslie Mitchell (1901-1935) schrieb immer wieder über seine Heimat Schottland. In diesem Band mit Erzählungen und essayistischer Prosa ist seine literarische Kunst in komprimierter Form zu entdecken. Menschen, Gespräche, Landstriche, Jahreszeiten, Historie und Mythen werden in einer Sprache geschildert, die gleichermaßen sanft wie auch schroff ist und mit all ihren Eigenheiten der schottischen Landschaft selbst zu entsprechen scheint.

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Eher schlicht von der Aufmachung kommt dieses 170 Seiten starke und mit zurückhaltenden Tuschezeichnungen versehene Büchlein daher. Bereits nach den ersten Sätzen steht jedoch fest, dass man hier einen kleinen Schatz in Händen hält, weil der Autor über ein Sprachgefühl und eine poetische Ausdrucksweise verfügt, vor der man sich als Leser einfach nur voller Hochachtung verneigen kann. Vor dem inneren Auge bauen sich stimmige schottische Bilderwelten auf, in denen ganz selbstverständlich und greifbar urig kauzige Protagonisten wandeln.

„…ich erinnere mich an die frühen Sommermorgen, die safrangetüpfelt über den Heuraufen von meines Vaters Hof heraufzogen, das Wispern und Knistern der Getreideähren, Grün, das zu Gelb wurde auf den langen Feldern, die sich vor unserer Haustür erstreckten, das Rumpeln und Quietschen des Aufsatzes eines vorüberfahrenden Kastenwagens, das muntere, etwas spöttische ‚He!‘ des Bauernburschen mit lachenden Augen, der unrasiert auf der Vorderkante des Kastens hockte…“ (S. 39)

So sehr ich die bemerkenswerten Beschreibungen von Landschaft, Natur und Menschen mit der von alten schottischen Wörtern durchsetzten Sprache in den insgesamt 4 Erzählungen genossen habe, so zwiespältig las ich die 3 Essays. Immer wieder musste ich mir die Frage stellen, ob mein geringes Vorwissen von der schottischen Mentalität und den geschichtlichen Begebenheiten in den 1930er Jahren tatsächlich ausreichte, um die Tragweite und den Sinn der journalistischen Texte, mitsamt der darin enthaltenen Ironie tatsächlich vollends erfassen zu können. Hier konnte jedoch das von der Übersetzerin Esther Kinsky verfasste Nachwort, das ich mir als Vorwort gewünscht hätte, weiter helfen. Darin erfuhr man von der sozialen Ungerechtigkeit in den Städten, vor allem von der Menschenunwürdigkeit der legendären Glasgower Slums und die daraus resultierende politische Einstellung Mitchells: Er blieb Zeit seines Lebens ein überzeugter, leidenschaftlicher Sozialist.

Insgesamt handelt es sich hierbei um ein Buch, das mich eher sprachlich zu bezaubern wusste, meinen Wunsch, irgendwann einmal Schottland besuchen zu wollen, aber dennoch verstärken konnte.



James Leslie Mitchell
Szenen aus Schottland [Werbung]
OT: Scottish Scene Or The Intelligent Man’s Guide To Albyn, 1934
Aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Esther Kinsky
Gebunden mit Lesebändchen, 170 Seiten
ISBN 978-3-945370-06-3
€ 19 [D] | € 19,50 [A]
Verlag: Guggolz Verlag
Erschienen: 01.03.2016

Schlafanstalt für Traumgestörte – Karen Russel

Mit unbändiger Phantasie zaubert Karen Russell Welten aufs Papier, wo Wolfsmädchen in einem Umerziehungsheim zu wertvollen Gliedern der Gesellschaft zurechtgebogen werden, da verdient eine Familie ihren Lebensunterhalt mit Alligatorwrestling in einem Vergnügungspark, und orakelträumende Kinder werden von ihren Eltern in der Schlafanstalt für Traumgestörte abgegeben. Russells Geschichten aus den Sümpfen Floridas und den Inseln im Golf von Mexiko erzählen von Exzentrikern und Rastlosen. Nicht zuletzt geht es auch um Freundschaft und Initiation und uns wird auf souveräne Weise vorgeführt, wer wir sind und wie wir leben.

Aufmerksam geworden bin ich auf dieses Buch durch Ilke von Buchgeschichten. Neben ihrer Beschreibung, konnte mich auch das Cover neugierig machen. Mir gefällt die Farbgestaltung und inzwischen weiß ich, dass die eigenartig anmutende Zeichnung zur letzten Geschichte des Buches gehört.

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Aber auch der Inhalt konnte mich überzeugen. Mit großem Einfallsreichtum werden hier 10 Geschichten auf jeweils etwa 30 Seiten erzählt. Sofort wird man in Situationen mitgenommen, in die man sich aufgrund der schönen Sprache und der bildhaften Beschreibungen gut einfinden kann. Auf den ersten Blick scheint es sich hierbei schonmal um mehr oder weniger alltägliche Umstände zu handeln, doch immer wandeln sich die lebendigen und anschaulichen Erzählungen früher oder später zu surrealen Geschichten, die einen bis zum Schluss mitnehmen.

Es handelt sich hierbei um intensive Kurzgeschichten, die ich nicht hintereinanderweg lesen konnte und wollte. Jede wirkte auf ihre Art und es machte mir Spaß nach dem Lesen jeder einzelnen inne zu halten und das Gelesene zu überdenken – meist mit einem Lächeln auf den Lippen, weil diese Kurzgeschichten zu überraschen und zu bezaubern wissen.

„Es ist einer jener seltenen Augenblicke, da die Luft derart von Erinnerungen knistert und duftet, dass die Welt der Phantasie und die Wirklichkeit sich zu überlappen scheinen.“ (S. 85)

Wer magischen Realismus mag, dem möchte ich den Erzählband „Schlafanstalt für Traumgestörte“ von Karen Russel empfehlen. Wenn man dem Buch etwas vorwerfen möchte, dann dass manche Geschichten zu kurz waren, weil sie von der Atmosphäre dazu einluden, endlos weiterlesen zu wollen.



Karen Russel
Schlafanstalt für Traumgestörte [Werbung]
Erzählungen
Aus dem Amerikanischen von Malte Krutzsch
Original: St. Lucy’s Home for Girls Raised by Wolves
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 304 Seiten
ISBN: 978-3-0369-5513-1
14,90 EUR
Verlag: Kein & Aber
Erschienen: 01.04.2008