erLESENer September 2020

Im Lesemonat September verschanzte ich mich vor dem Virus, holte mir die Welt auf den Teller und ernährte ich mich vorbildlich, hasste den Englischlehrer und ließ mich gänzlich von dem schönen Schein der Literatur einlullen.

Bücherwelten – manchmal steckt mehr dahinter, als es auf den ersten Blick scheint.

Wuhan Diary . Tagebuch aus einer gesperrten Stadt von Fang Fang: Eine andere Sichtweise und ein anderes Erleben im Umgang mit dem Virus – in dem Land, wo alles anfing. Fang Fang gibt ihrer Wut und Trauer Raum in ihren Beiträgen.

Der Ernährungskompass von Bas Kast: Gerade wenn ich zu ausgedehnt im Genussmodus bin, ist ein Buch wie der Ernährungskompass hilfreich bei der Kurskorrektur. Ein Buch zum immer mal wieder reinschauen.

Meine dunkle Vanessa von Kate Elizabeth Russel: Die Geschichte eines Missbrauchs einer 15jährigen von ihrem 30 Jahre älteren Lehrer. Keine leichte Kost, aber lesenswert.

Die rechtschaffenen Mörder von Ingo Schulze: Das Wie diese Geschichte erzählt wird und sich dem Leser erschließt, ist beeindruckender, als die erzählte Geschichte selbst. Dennoch war dies eine besondere Lese-, beziehungsweise Hörerfahrung für mich.

Die Welt auf dem Teller . Inspirationen aus der Küche von Doris Dörrie: Das Buch schafft oft eine Wohlfühlatmosphäre aufgrund der schönen Erinnerungen, in die es einen versetzt, aber manches hätte ich gern ausführlicher gelesen.

Die Welt auf dem Teller . Inspirationen aus der Küche – Doris Dörrie

In diesem Jahr habe ich mich oft von Doris Dörrie inspirieren lassen. Zuerst durch ihr Buch „Leben, schreiben, atmen„, das zum Erinnern und zum anschließenden autobiografischen Schreiben einlädt, dann machte ich bei ihrem Workshop „Schreiben hilft! Dir auch?“ bei der Bürgerakademie mit und folgte ihr und ihren täglichen Schreibeinladungen #morningpages bei Instagram. Es war ein wenig so, als hätte ich mit Doris Dörrie und ihren Schreibeinladungen etwas, beziehungsweise jemanden gefunden, von dem ich nicht gewusst habe, dass ich sie gesucht habe. Dadurch, dass sie viele ihrer Erinnerungen sehr authentisch und sympathisch mit ihren Leserinnen und Lesern und somit natürlich auch mit mir teilt, hatte ich irgendwann das Gefühl sie sehr gut zu kennen. Als ich nun ihr neues Buch in Händen hielt, war es wieder ein wenig so, als nehme man in gemütlicher Atmosphäre gegenüber einer guten Freundin platz um sich von ihr ein wenig über Vergangenes erzählen zu lassen.

Das Buch fühlt sich an, als setze sie ihre Erinnerungen aus „Leben, schreiben, atmen“ themenbezogen fort. Sie erzählt von Reisen, wird manchmal philosophisch, geht zurück bis in ihre Kindheit, offenbart Geschichten zum Schmunzeln oder hat Nachdenkliches parat. Es ist ein wenig wie Nachhause kommen, nur dass sich in „Die Welt auf dem Teller“ alles um das Kochen, das Essen und die kulinarischen Genüsse dreht. Rezepte findet man in diesem Buch nicht, dafür aber eine Doris Dörrie, die sich erinnert und über das Essen schreibt, als umarme sie die Welt. Es geht um knusprige Brotkrusten, Eier von glücklichen Hühnern, familiäres Miteinander bei spanischer Paella, Innehalten bei grünem Tee mit japanischen Reisbällchen und Kindheitserinnerungen an Melonen-Momente. Essen und Kochen sind für sie Inbegriff von Lebensfreude und Genuss, Grund zur Dankbarkeit und Eigenverantwortung und ein Weg zum besseren Verständnis unserer selbst und der Welt, die uns umgibt. Neben den Wohlfühlmomenten gibt es auch kritische Gedanken in dem Buch, aber sie kommen nicht zu dogmatisch daher. Sie sind vielmehr ein Angebot, über manches außerhalb dieses Buches nochmal genauer nachzudenken.

Doris Dörries Exkursionen in die Welt der kulinarischen Genüsse sind nicht nur kurzweilig, sondern tatsächlich auch kurz und erstrecken sich selten über mehr als zwei bis drei Buchseiten. Die optische Gestaltung ist luftig und erlaubt Leerräume, aber auch eine Vielzahl leicht abstrahierter Illustrationen von Zenji Funabashi, denen meist Obst und Gemüse als Vorbild Pate stand. Das macht dieses knapp 200 Seiten umfassende und mit einem goldgelben Lesebändchen ausgestattete Büchlein zu einem Werk, das sich inhaltlich und optisch liebevoll gestaltet präsentiert. Sicherlich ein schönes Geschenk für jemanden, den man mittels dieses Buches dazu anregen möchte, selbst in kulinarischen Erinnerungen zu schwelgen. Denn es sind nicht so sehr die Geschichten dieses Buches, die einem im Gedächtnis bleiben, sondern vielmehr die Wohlfühlatmosphäre, die es zeitweise beim Lesen auslöst. Stellenweise ist dies ein Genuss, aber manchmal sind es leider auch nur eher hastig verschlungene Probierhäppchen, die einen aufgrund der Kürze der Texte nicht so richtig satt machen und mit einem leichten Hunger nach mehr zurücklassen.

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Doris Dörrie
Die Welt auf dem Teller
Inspirationen aus der Küche
Hardcover Leinen mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 208 Seiten
ISBN: 978-3-257-07051-4
Preis: € (D) 22.00 / sFr 30.00* / € (A) 22.70 * unverb. Preisempfehlung
Verlag: Diogenes
Erschienen: 26.08.2020

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

erLESENer Juli

Im Lesemonat Juli füllte ich Notizbücher, beobachtete die Liebesgeschichte von Paul und Susan aus sicherer Entfernung, philosophierte übers Fotografieren und landete im Gulag.

Bücherwelten – eben noch verträumt oder mit dem Hobby beschäftigt und dann auch schon inmitten einem der großen Verbrechen in der Weltgeschichte.

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Schreiben dicht am Leben von Hanns-Josef Ortheil
Es geht ums Notieren und um Notate, um darum, was sie können und wozu sie literarisch werden können. Eine nette inspirierende Lektüre zu meiner momentanen Notierlaune.

Die einzige Geschichte von Julian Barnes
Eine Liebesgeschichte zwischen einem 19jährigen und einer 48jährigen, die in den 1960erJahren beginnt und bis zum Ende erzählt wird. Beeindruckend und nahe gehend durch die intensive und lebenskluge Erzählsweise mit Ausflügen ins Philosophische.

Über Fotografie von Susan Sontag
Essays, die sich mit meinem Hobby „Fotografie“ beschäftigen und mir neue Sichtweisen auf dieses Thema eröffnen konnten. Insgesamt ein interessanter Ausflug in die Geschichte und die Philosophie der Fotografie.

Klara vergessen von Isabelle Autissier
Ein Generationenroman, der einen in die Zeit Stalins mitnimmt, als Menschen willkürlich inhaftiert und in Gulags verschleppt wurden. Erschütternd und doch durch die Naturbeschreibungen und das Zwischenmenschliche wunderbar und mit Wohlfühlmomenten erzählt.

Über Fotografie – Susan Sontag

Die Zeit erhebt die meisten Fotografien, auch die dilettantischsten, auf die Ebene der Kunst. (S. 27)

„Susan Sontag (1933–2004) war eine der wichtigsten US-amerikanischen Intellektuellen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Tätig geworden ist sie als Romanautorin, Publizistin sowie Film- und Theaterregisseurin, vor allem aber als ebenso brillante wie provokative Essayistin. Als solche hat sie sich nicht zuletzt immer wieder dem Medium Fotografie angenommen, dem sie neben einer Handvoll Aufsätze vor allem zwei Bücher widmete: die 1977 erschienene Essaysammlung „Über Fotografie“ sowie den Langessay „Das Leiden anderer betrachten“ von 2003. Beide gehören nicht nur zu den am meisten zitierten, sondern auch wirkmächtigsten Beiträgen im fototheoretischen Kontext und weisen ihre Autorin innerhalb der entsprechenden Diskussion als die neben Walter Benjamin und Roland Barthes wichtigste Stimme aus.“ Verrät zumindest die Website fotogeschichte.info.

„In vier großen Essays schreibt Susan Sontag in „Über Fotografie“ und erörtert dabei die Beziehung der Fotografie zur Kunst, zum allgemeinen Bewusstsein, zur Realität und diskutiert die Arbeiten der berühmten und entscheidenden Fotografen des 20. Jahrhunderts. Es entstand eine Ästhetik, die es vor der Fotografie nicht gab. Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit dem Medium Fotografie ist eine persönliche Erfahrung: Als Zwölfjährige sah Susan Sontag Aufnahmen aus den Konzentrationslagern von Bergen-Belsen und Dachau: »Mein Leben war verändert worden, in diesem einen Augenblick … Als ich diese Fotos betrachtete, zerbrach etwas in mir.« Die außerordentliche Sensibilität von Susan Sontag, mit der sie Zeitströmungen und Veränderungen in unserem Bewusstsein wahrnahm, die Intelligenz, mit der sie Phänomene in einen neuen Kontext zu stellen und zu deuten wusste, der moralische Impuls, von dem ihr Denken ausging, und schließlich die Lebendigkeit und der Assoziationsreichtum begründeten den Ruhm ihrer Essays.“ – Meint der Klappentext.

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„Über Fotografie“ klingt nach einem Standardwerk, das man gelesen haben sollte, wenn man sich für die Fotografie interessiert. Und so landete dieses Büchlein irgendwann auf meinem Bücherstapel um dort vor sich hinzureifen und darauf zu warten, dass sich der passende Zeitpunkt ergeben würde, um es endlich zu lesen. Und der war für mich Hobby-Fotografin jetzt tatsächlich endlich gekommen. In den vergangenen Jahren habe ich zwar einige Bücher gelesen, die sich mit Fotografie beschäftigen, doch dabei ging es um Bildgestaltung, Techniken und Licht. Susan Sontag beschäftigt sich hingegen mit dem Wesen der Fotografie, was sie mit den Menschen macht, wie sie sie in Szene setzt, was sie zeigt oder nicht zeigt, wie sie wirkt und was sie bewirkt. Mir hat es Aspekte der Fotografie aufgezeigt, über die ich mir als Hobby-Fotografin bislang kaum Gedanken gemacht habe, die ich aber als sehr interessant und bereichernd empfand. Veröffentlicht wurde dieses Buch 1977 und die Technologien des Fotografierens haben sich seitdem enorm weiter entwickelt. Einiges gab es zu der Zeit noch nicht und auch der Umgang mit privaten Fotos und der Verbreitung im Internet und den Sozialen Medien war noch kein Thema. Aber dennoch war ich überrascht, wie aktuell und immer noch zutreffend viele Aussagen Susan Sontags sind.

„Krieg und Fotografie scheinen heutzutage untrennbar miteinander verknüpft, und Flugzeugkatastrophen oder andere grausige Ereignisse haben ihre besondere Anziehungskraft für Leute mit Kameras. Eine Gesellschaft, die es zur Norm macht, dass man danach trachtet, niemals Entbehrung, Scheitern, Elend, Schmerz, Angst und Krankheit zu erfahren, und in der selbst der Tod nicht als natürlich und unvermeidlich empfunden wird, sondern als ein grausames, unverdientes Unglück, eine solche Gesellschaft produziert eine ungeheure Neugier auf derlei Ereignisse – eine Neugier, die zu einem Teil durch Fotografieren befriedigt wird. Das Gefühl, verschont zu sein von Unheil, verstärkt das Interesse an der Betrachtung von Bildern des Schmerzes, und indem man sie betrachtet, verstärkt sich wiederum das Gefühl, dass man selber verschont geblieben ist.“ (S. 160)

Manches war für meine Sprachverhältnisse allerdings auch zu kompliziert ausgedrückt, so dass sich die Essays streckenweise nicht immer leicht lesen und verstehen ließen. Dieses Buch will in jeweils kleiner Dosis genossen werden, auch weil sich manches wiederholt, und bietet sich an, mit geöffneter Suchmaschine gelesen zu werden, damit man die zahlreichen erwähnten Fotografen und Fotografien gleich bildlich vor Augen hat und nicht in einer Flut oftmals unbekannter Namen versinkt. Für mich war es dennoch ein insgesamt interessanter Ausflug in die Philosophie und Geschichte der Fotografie.

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Susan Sontag
Über Fotografie
Aus dem Amerikanischen von Mark W. Rien, Gertrud Baruch
Original: On Photography
Taschenbuch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-596-23022-8
Preis: € (D) 12,00 | € (A) 12,40
Verlag: Fischerverlage
Erschienen: 01.09.1980