Abhängigkeit – Tove Ditlevsen

„Abhängigkeit” ist der dritte und abschließende Teil der „Kopenhagen-Trilogie“, in der Tove Ditlevsen (1917 – 1976) autofiktional über ihr Leben schreibt. Das Buch schließt nahtlos an „Kindheit“ und „Jugend“ an.

Tove Ditlevsen ist mit dem 30 Jahre älteren Viggo F. verheiratet, der in seiner Zeitschrift ihr erstes Gedicht publizierte und ihr Dank seiner Kontakte beim Veröffentlichen ihres ersten Buches half. Doch die Ehe ist nicht glücklich. Erst als sich ‚Der Club der jungen Künstler‘ mit knapp einem Dutzend junger Menschen jeden Donnerstagabend trifft, gewinnt ihr Leben wieder an Farbe und Fülle. Sie lernt dort unter anderem Piet Hein kennen und verlässt Viggo F.

„Jetzt musst du vom Schreiben leben, es hat keinen Sinn, sich von einem Mann durchfüttern zu lassen, auch wenn dir das deine Eltern eingeredet haben.“

(S. 32)

Nachdem Piet Hein sie verlässt, verliebt sie sich in den Studenten Ebbe. Sie heiraten und bekommen ein Kind. Tove Ditlevsen geht es in dieser Zeit gut, doch seit der Geburt hat sie die Lust auf Sex verloren. Als sie schwanger wird, beschließt sie das Kind abzutreiben, doch Ebbe und Tove entfernen sich dennoch immer weiter voneinander. Als sie schließlich den Medizinstudenten Carl kennenlernt, betrügt sie Ebbe und wird erneut schwanger. Carl nimmt die Abtreibung vor und verabreicht Tove dabei das Betäubungsmittel Pethidin.

„Pethidin, denke ich, der Name klingt in meinen Ohren wie Vogelgezwitscher: Ich beschließe, den Mann nie wieder loszulassen, der mir einen so unbeschreiblichen, beglückenden Genuss bereiten kann.“

(S. 86)

Daraufhin verlässt sie Ebbe und heiratet Carl, der sie nicht nur über Jahre hinweg mit Pethidin, sondern auch mit Chloralhydrat und Methadon versorgt. Während sie anfangs unter geringer Methadon-Dosis noch schreiben und einiges veröffentlichen kann, vegetiert sie irgendwann nur noch dahin und gehört nicht einmal mehr zum Alltag ihrer Kinder. Es folgen der Entzug und ein neuer Mann.

Tove Ditlevsen versteht es, eindrucksvoll ihre Erlebniswelt so zu schildern, dass sie beim Lesen nachvollziehbar wird. Ihre Sprache ist klar und wohl dosiert bildhaft. Intensiv erzählt sie von ihrem Leben als Ehefrau, Mutter und Schriftstellerin, aber auch von ihrer Abhängigkeit von den verschiedenen Männern und nicht zuletzt von den Medikamenten. Es ist ein ehrliches Buch, mit dem sich die Autorin verletzbar macht. Denn sie entschuldigt nicht ihr Verhalten und versucht es auch nicht zu rechtfertigen. Aber wenn man sie sucht, findet man beim Lesen die leisen Erklärungen und hat doch nicht das Gefühl, dass hier die Autorin ihr Leben reflektiert. Vielmehr erzählt sie eine Geschichte – ihre Geschichte – und überlässt es dem Leser, wie er sie für sich werten möchte.

Erschienen ist dieses Buch 1971 und birgt in seinem scheinbar glücklichen Ende eine gewisse Tragik. Denn Wikipedia verrät, dass Tove Ditlevsen durch eine Überdosis Schlaftabletten 1976 starb, nachdem sie zwei Jahre zuvor bereits einen Suizidversuch unternommen hatte.

Die „Kopenhagen-Trilogie“ war ein intensives Leseerlebnis und ich fand die Bücher großartig. Die Geschichte von Tove Ditlevsen wirkt nach, so dass ich gerne mehr von dieser Autorin lesen möchte. Mir scheint es nicht allein so zu gehen, denn nicht einmal auf dem Gebrauchtbüchersektor ist, abgesehen von dieser Trilogie, etwas Deutschsprachiges von Tove Ditlevsen verfügbar. Es würde mich freuen, wenn der ein oder andere Verlag das ändern würde – vielleicht ja wieder der Aufbau Verlag und sehr gern wieder in einer Übersetzung von Ursel Allenstein.

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Tove Ditlevsen
Abhängigkeit – Kopenhagen-Trilogie, Band 3
Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Original: Gift, Gyldendal, Kopenhagen, 1971
Gebunden mit Schutzumschlag, 176 Seiten
ISBN: 978-3351038700
Preis: 18,00 € [D]
Verlag: Aufbau Verlag
Erschienen: 15.02.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Jugend – Tove Ditlevsen

„Jugend” ist der zweite Teil der „Kopenhagen-Trilogie“, in der Tove Ditlevsen (1917 – 1976) autofiktional über ihr Leben schreibt. Das Buch schließt nahtlos an „Kindheit“ an und beschreibt die Zeit nach ihrer Konfirmation, also ab dem Alter von etwa 14 Jahren bis zum Erscheinen ihres ersten Gedichtbands.

„Das Jungsein ist ein vorübergehender, zerbrechlicher und unbeständiger Zustand. Er muss überwunden werden, einen anderen Sinn hat er nicht.“

(S. 105)

So die Erkenntnis von Tove Ditlevsen, die sich in ihrem trostlosen Elternhaus und diversen Arbeitsplätzen so gefangen fühlt, dass sie eine Zeitlang keine Gedichte mehr schreibt, weil sie nichts in ihrem Alltag dazu inspiriert. Als sie endlich achtzehn Jahre alt ist zieht sie aus und mietet sich nicht nur ein unbeheiztes Zimmer bei einer Nazi-Vermieterin, sondern auch eine Schreibmaschine, um ihre Gedichte ins Reine zu tippen.

Sie durchlebt ihren Arbeitsalltag, die Abende mit Nina, die ihr eher nützlich als eine Freundin ist und knüpft erste Bande zu jungen Männern. Doch beim Lesen bekommt man den Eindruck, dass Tove Ditlevsen in dieser Zeit weder Fleisch noch Fisch ist. Sie ist erfüllt von einem Hunger nach großen Gefühlen, ist jedoch nicht in der Lage sie zu fühlen. Sie gleicht einem Kind, das in die Welt der Erwachsenen aufgenommen wurde, sich dort aber noch nicht zurechtfindet. Und so bleibt auch ihre Sehnsucht nach Liebe unerfüllt, selbst als sie aus Vernunftgründen eine Verlobung eingeht, die sie aus Vernunftgründen dann auch wieder löst.

Ihr einziger Trost sind eine Handvoll Gedichte, von denen schließlich eines in einer Zeitung mit einer Auflage von 500 Stück veröffentlicht wird. Es erweist sich als Türöffner, der ihr zu ihrem ersten Gedichtband verhilft.

„Mein Buch! Ich nehme es in die Hand und empfinde ein feierliches Glück, das nichts gleicht, was ich je gefühlt habe. Tove Ditlevsen. Mädchenseele. Es kann nicht mehr zurückgezogen werden. Es ist unwiderruflich. Das Buch wird immer da sein, unabhängig davon, wie sich mein Schicksal gestaltet.“

(S. 130)

Davon abgesehen empfindet sie ihre Jugend aber als nichts als einen Mangel und ein Hindernis, das nicht schnell genug überwunden werden kann. Das würde ich zwar so nicht über das Buch „Jugend“ behaupten wollen, aber es transportiert genau dieses Gefühl. Tove Ditlevsens Sprache ist auch in diesem Buch bildhaft und lyrisch, aber nicht mehr in dem Umfang, wie in „Kindheit“. Auch wenn ich dies ein wenig vermisst habe, so sorgt genau diese zurückhaltendere Verwendung der Stilmittel für ein stimmiges Gesamtbild. Zumindest bisher, denn nun geht es für mich weiter mit „Abhängigkeit“, dem dritten Teil der Kopenhagen-Trilogie.

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Tove Ditlevsen
Jugend – Kopenhagen-Trilogie, Band 2
Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Original: Ungdom, Gyldendal, Kopenhagen, 1967
Gebunden mit Schutzumschlag, 154 Seiten
ISBN: 978-3351038694
Preis: 18,00 € [D]
Verlag: Aufbau Verlag
Erschienen: 15.02.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Kindheit – Tove Ditlevsen

Manche Hypes gehen einfach an mir vorüber und so schaute ich mir in der vergangenen Woche den Literaturclub von März an, ohne zuvor jemals etwas von Tove Ditlevsen gehört oder gelesen zu haben. Doch als dort Lara Körte eine Passage aus „Kindheit“ vorliest, bin ich gleich wie elektrisiert und beginne bereits wenige Stunden später das Buch selbst zu lesen.

Tove Ditlevsen ist 1917 in einem Arbeiterviertel in Kopenhagen geboren und hat 1967 während eines Klinikaufenthalts begonnen an „Kindheit“, dem ersten Buch ihrer autofiktionalen Kopenhagen-Trilogie, zu schreiben. Als dieses Buch in Dänemark erschien, hatte Tove Ditlevsen in Dänemark längst jene Berühmtheit als Dichterin erlangt, von der sie schon als kleines Kind träumte. Während die kindliche Dichterin noch ‚voller Lügen‘ steckte, wie es ihr Bruder Edvin ausdrückte, machte sie als Erwachsene mehr oder weniger unverholen Gebrauch von der eigenen Biographie. „Schreiben heißt, sich selbst auszuliefern“ sagte sie einmal, „sonst ist es keine Kunst. Man kann das verschleiern, aber letzten Endes schreibt man doch immer über sich selbst.“

Als Arbeiterkind, noch dazu als Mädchen, wird Tove Ditlevsen in eine Welt geboren, die äußerst ungünstige Voraussetzungen für sie bietet. Sie entdeckt schon sehr früh das Lesen und das Schreiben für sich, worin sie Zuflucht findet. Aber Frauen werden zu dieser Zeit keine Dichter, erst recht nicht, wenn sie in lieblosen ärmlichen Zuständen aufwachsen, die von Demütigung geprägt sind. Denn der Frau ist es bestimmt Hausfrau und Mutter zu werden – in ihre Bildung zu investieren ist Zeit und Geldverschwendung.

„Doch selbst wenn sich niemand sonst für meine Gedichte interessiert, bin ich gezwungen, sie zu schreiben, denn sie dämpfen die Trauer und Sehnsucht in meinem Herzen.“

(S. 92)

Einige der Gedichte, in denen sie von einem anderen Leben träumt, kann man in diesem Buch lesen, aber vielmehr bin ich beeindruckt von der Art, wie sie ihre Kindheit beschreibt. Sie erzählt einerseits so ungeschminkt und schonungslos, dass es beim lesen schmerzt und man als „Frau von Heute“ die allgemein übliche Ungerechtigkeit vergangener Zeiten kaum ertragen kann. Aber es kommt andererseits auch die Dichterin Tove Ditlevsen zum Vorschein, die treffende Metaphern findet und sich an den passenden Stellen lyrisch genau so auszudrücken versteht, dass es nicht überladen wirkt und man sich vor ihrem sprachlichen Talent einfach nur bewundernd tief verneigen möchte.

„[…] und ohne, dass ich es weiß, sinkt meine Kindheit leise auf den Grund der Erinnerungen, dieser Seelenbibliothek, aus der ich bis an mein Lebensende Wissen und Erfahrungen schöpfen werde.“

(S. 98)

Mit 118 Seiten ist „Kindheit“ ein eher schmales Büchlein, das es jedoch in sich hat. Ich werde unbedingt weiter lesen und bin nun gespannt auf „Jugend“, den zweiten Band der Kopenhagen-Trilogie.

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Tove Ditlevsen
Kindheit – Kopenhagen Trilogie, Band 1
Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Original: Barndom, Gyldendal, Kopenhagen, 1967
Gebunden mit Schutzumschlag, 118 Seiten
ISBN: 978-3-351-03868-7
Preis: 18,00 € [D]
Verlag: Aufbau Verlag
Erschienen: 18.01.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

erLESENer Januar 2021

Im Lesemonat Januar begab ich mich an die ruppig raue aber nichtsdestotrotz wunderschöne englische Küste, verliebte mich erneut ins Kreativsein, irrte durch Wayward Pines, schaute Schriftstellerinnen bei ihrer Arbeit über die Schulter und dachte ein wenig über Corona nach.

Bücherwelten – manchmal mittendrin und manchmal nur dabei.

Offene See von Benjamin Myers: Ein eher ruhiger Roman mit lyrischen Elementen, der mit seiner blumigen poetischen Sprache mitnimmt in eine Welt voller Natur und Landschaftsbeschreibungen. Angenehm zu lesen.

Kreativität von Melanie Raabe: Ein lebendiges, unterhaltsames und unglaublich motivierendes Sachbuch, bei dem man noch beim Lesen das Bedürfnis verspürt sich unbedingt sofort auf seine ganz eigene Art und Weise kreativ austoben zu müssen.  

Psychose von Blake Crouch: Ein Thriller, dessen Verwirrspiel mir zu lange gedauert hat und dessen Ausgang mich überhaupt nicht begeistern konnte.

Schreibtisch mit Aussicht von Ilka Piepgras: 24 bedeutende Schriftstellerinnen erzählen von ihrem Schreiben auf ihre sehr persönliche Weise. Empfehlenswert!

Trotzdem von Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge: Die Autoren unterhalten sich darüber, was das Corona-Virus gesellschaftlich und politisch verursacht hat, noch bewirkt und wohl auf lange Sicht noch hervorbringen könnte. Interessant, aber kein Muss.

Offene See – Benjamin Myers

„Damals wusste ich nicht, was Sprache vermag. Ich verstand die Macht, die Wirkungskraft von Worten noch nicht. Die komplexe Magie von Sprache war mir ebenso fremd wie das veränderte Land, das ich in jenem Sommer um mich herum sah.“

(S. 11)

So blickt Robert in hohem Alter zurück auf sein Leben als Sechzehnjähriger, in die Zeit kurz nach dem zweiten Weltkrieg, als er sich auf den Weg macht, um zur offenen See, dem Ort seiner Sehnsucht zu gelangen. Und um noch ein letztes Mal dem zu entfliehen, das für ihn vorbestimmt ist. Denn aufgewachsen ist er in einem abgeschiedenen englischen Bergarbeiterdorf und sein beruflicher Werdegang scheint vorgegeben. Wie alle Männer seiner Familie soll auch er im Bergbau arbeiten. Dabei liebt er Natur und Bewegung und sehnt sich nach der Weite des Meeres.

„Solange ich zurückdenken konnte, hatte die Unausweichlichkeit eines Arbeiterlebens in der staubigen Dunkelheit wie ein Schreckgespenst in meinem Unterbewusstsein gelauert und alles mit einem dunklen Tuch bedeckt. Anfangs hatte ich mich vor der Vorstellung gefürchtet, doch in letzter Zeit lehnte ich sie mit einer Unnachgiebigkeit ab, die an Hass grenzte.“

(S. 20)

Fast am Ziel angekommen, lernt er eine ältere Frau kennen, die ihn auf eine Tasse Tee in ihr leicht heruntergekommenes Cottage einlädt. Eine Frau wie Dulcie hat er noch nie getroffen: unverheiratet, allein lebend, unkonventionell, mit sehr klaren und für ihn unerhörten Ansichten zu Ehe, Familie und Religion – und sie ist interessiert an seinen Gedanken. Aus dem Nachmittag wird ein längerer Aufenthalt, und Robert lernt eine ihm vollkommen unbekannte Welt kennen. In den Gesprächen mit Dulcie wandelt sich sein von den Eltern geprägter Blick auf das Leben und sie führt ihn nebenbei an die Literatur heran. Als Dank für ihre Großzügigkeit bietet er ihr seine Hilfe rund um das Cottage an. Doch als er eine wild wuchernde Hecke stutzen will, um den Blick auf das Meer freizulegen, verbietet sie das barsch. Ebenso ablehnend reagiert sie auf ein Manuskript mit Gedichten, das Robert findet. Gedichte, die Dulcie gewidmet sind, die sie aber auf keinen Fall lesen will. Allmählich kommt Robert hinter ihr Geheimnis.

„Offene See“ ist ein eher ruhiger Roman, der mit seiner blumigen poetischen Sprache mitnimmt in eine Welt voller Natur- und Landschaftsbeschreibungen, die noch gar nicht zu dem Auftreten, den Äußerungen und dem Handeln des sechzehnjährigen Ich-Erzählers passen wollen, aus dessen Sicht man dieses Buch größtenteils liest. Aber das macht auch einen gewissen Reiz beim Lesen aus, denn hierdurch erhält man eine leise Vorahnung von dem, was in Robert steckt und im Laufe seiner Lebensjahre erst noch freigelegt werden will. Aber dieses Buch erzählt auch von einer zufälligen und eher ungewöhnlichen Freundschaft zwischen dem Protagonisten und der ebenso eigensinnigen wie klugen Dulcie, die auf ihre besondere Art Zugang zu dem jungen Mann findet und auf sein Leben Einfluss nimmt.

„[…] ein gutes Gedicht bricht die Austernschale des Verstandes auf, um die Perle darin freizulegen. Es findet Wörter für Gefühle, deren Definitionen sich allen Versuchen des verbalen Ausdrucks entziehen.“

(S. 80)

Um „Offene See“ zu mögen, muss man Lyrik nicht lieben, aber man sollte ihr gegenüber aufgeschlossen sein. Denn es gibt einige Gedichte zu lesen, die man mögen kann oder halt nicht, aber das Buch ist auch geprägt von blumig formulierten und weit ausholend geschilderten Landschafts- und Naturbeschreibungen, die einen geradewegs an die ruppig raue aber nichtsdestotrotz wunderschöne englische Küste mitnehmen. Aufgrund der derzeitigen Reisebeschränkungen bin ich fast versucht eine Triggerwarnung auszusprechen.

Von den unabhängigen Buchhandlungen wurde „Offene See“ im Jahr 2020 als Lieblingsbuch ausgezeichnet. Für mich selbst ist dieser Roman zwar kein Lieblingsbuch, aber durchaus ein Buch, das ich gerne gelesen habe.

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Benjamin Myers
Offene See
Aus dem Englischen von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel
Original: The Offing
Hardcover gebunden, 270 Seiten
ISBN: 978-3-8321-8119-2
Preis: 20,00 € [DE]
Verlag: Dumont
Erschienen: 20.03.2020

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

erLESENer Mai

Im Mai durchdachte ich meine Mutter-Tochter-Rolle, tauchte in amüsante Miniaturwelten ab, verschwurbelten Worte mir die Sinne, frischte ich meinen gestalterischen Kameradurchblick auf, erfuhr endlich die ganze Wahrheit über Harmony Bay und starb fast vor Durst.

Bücherwelten – psychisch und physisch herausaufordernd…

05_erLESENer

Unsere Mütter von Silia Wiebe
Geschichten von komplizierten Mutter-Tochter-Beziehungen, die meist auf ihre ganz spezielle Art liebevoll sein, beziehungsweise werden können. Nicht einfach, aber auch nicht hoffnungslos.

Lifestyle von Frank Kunert
Die Arbeitsweise des Fotografen mit amüsanten Bildern seiner kleinen Welten.

Das Haus aus Stein von Aslı Erdoğan
Ein poetisches Buch mit teilweise beeindruckender Wortwahl, zu dem mir der Zugang fehlte.

Der fotografische Blick von Michael Freeman
Immer noch ein gutes Buch über Bildkomposition und Gestaltung.

Monster 1983 (3. Staffel) von Ivar Leon Menger
Die letzte Staffel der Hörspiel-Trilogie, die für mich insgesamt ein echtes Highlight war.

Dry von Neal und Jarrod Shusterman
Ein packendes Jugendbuch das aufzeigt, wie schnell jegliche Form von Zivilisation auf der Strecke bleibt, wenn Menschen von heute auf morgen gezwungen werden, um den nächsten Schluck Wasser zu kämpfen.

Das Haus aus Stein – Aslı Erdoğan

Aufmerksam wurde ich auf „Das Haus aus Stein“ von der 1967 in Istanbul geborenen Schriftstellerin Aslı Erdoğan durch die Literatursendung „Bücherjournal“. Der Bericht über die Autorin, die eine der bekanntesten Schriftstellerinnen der Türkei ist und weltweit zu einer Symbolfigur für den Widerstand gegen die Willkürherrschaft in ihrer Heimat wurde, beeindruckte mich.

Als junge Physikerin forschte Aslı Erdoğan am Genfer Spitzeninstitut CERN. Doch ihre Beobachtungsgabe und ihr Sinn für Sprache brachte sie zur Schriftstellerei, wodurch sie mit einer Vielzahl von Auszeichnungen geehrt wurde, unter anderem erhielt sie 2010 mit dem Sait-Faik-Preis den bedeutendsten Literaturpreis der Türkei. Aslı Erdoğan wird als Schriftstellerin und als Kolumnistin zu einer wichtigen Stimme der Türkei. 2016 hört sie von massiven Menschenrechtsverletzungen, die türkische Sicherheitskräfte in der überwiegend von Kurden bewohnten Stadt Cizre begangen haben. Sie schreibt darüber und ist bei der ersten großen Verhaftungswelle dabei, als die türkische Regierung nach dem gescheiterten Militärputsch 2016 den Ausnahmezustand verhängt. In dem bis heute andauernden Gerichtsprozess wird ihr „Propaganda für eine terroristische Organisation“, „Zugehörigkeit zu einer Terrororganisation“ und „Aufruf zur Volksverhetzung“ vorgeworfen. Aus der gefeierten Autorin wird eine Staatsfeindin, die 132 Tage lang im Instanbuler Frauengefängnis Bakirköy inhaftiert bleibt. Neun Monate nach der Haft erhält sie ihren Pass zurück und verlässt ihre Heimat. Die Romane Asli Erdoğans wurden aus allen Bibliotheken der Türkei entfernt. Sie lebt im Exil in Deutschland.

18_Das Haus aus Stein

„Das Haus aus Stein“, ihren poetischen Roman über Gefangenschaft und den Verlust aller Sicherheiten, hatte Aslı Erdoğan bereits 2009 veröffentlicht und nun für die am 18. März 2019 erschienene deutsche Erstausgabe um einen eigens dafür verfassten Beitrag über die Monate, die sie 2016 selbst im Gefängnis verbrachte, ergänzt. Im Nachwort dieses insgesamt knapp 128 Seiten umfassenden Buches steht abschließend noch Wissenswertes über den Roman und die Autorin. Wie ein besonderes Kleinod hielt ich dieses Buch in meinen Händen und habe bis zur letzten Seite gehofft, dass ich es vielleicht doch noch mögen würde. Aber dem war leider nicht so. Die Sprache ist poetisch und springt von einer bildhaften Beschreibung zur nächsten, ohne dabei einen roten Faden zu haben, der einen durchs Buch führen oder dabei helfen könnte zu erfassen, was dieses Buch einem eigentlich vermitteln möchte.

„Die Melodie war bekannt, doch den Text verstand ich nicht, vielleicht war es ja ein Lied, das in der Welt der Wörter keine Entsprechung hatte.“ (S. 46/47)

Wenn das Beschriebene beschreibend umschrieben und bildhaft verbildlicht wird, verliere ich den Sinnzusammenhang und übrig bleibt mir nur die unschön gerunzelte Stirn. Aber ich wollte verstehen und fühlte mich, als sei dieses Buch verschlüsselt und ich hätte nicht den richtigen Code dazu. Dabei mochte ich aufgrund der eindrucksvollen Wortwahl manche Textstellen recht gern, weil die Autorin ein schönes Gespür für Sprache hat und kraftvolle Bilder damit zeichnet.

„Er war überzeugt, dass Mörder durch die Pupillen ihrer Opfer auf ewig überführt werden können. Wie Millionen von Jahren in Bernstein erhaltene Fliegen. Im eigenen Verbrechen gefangen, wie ein zweidimensionales erstarrtes Bild in einem Universum rasch verlöschenden Lichts.“ (S. 102)

Umso mehr fand ich es schade, zu diesem Buch keinen Zugang zu finden, das sich in einer Zerrissenheit zwischen schönen Formulierungen und Nichtverstehenkönnens für mich las. Ob das an der Übersetzung oder einer blumigeren Originalsprache mit ganz eigenen und dem deutschen vielleicht fremden Bildsprache liegt, kann ich nicht beurteilen. Möglicherweise fehlt es mir auch einfach an erweiterter Erfahrung mit lyrischen Texten, was ich nicht ausschließen will und daher empfehle, sich unbedingt selbst einen Eindruck durch das Lesen der Leseprobe zu verschaffen. Mir selbst gefiel die Geschichte um das Buch und die Autorin jedenfalls besser, als das Buch selbst.

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Aslı Erdoğan
Das Haus aus Stein
Aus dem Türkischen von Gerhard Meier
Original: Tas Bina, Verlag: Everest
Hardcover mit Schutzumschlag, 128 Seiten
ISBN: 978-3-328-60076-3
Preis: € 15,00 [D] | € 15,50 [A] | CHF 21,90 ( empf. VK-Preis)
Verlag: Penguin Verlag
Erschienen am 18. März 2019

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.