erLESENer Dezember 2020

Im Lesemonat Dezember kämpfte ich mich durch inflationär verwendete englische Begriffe in einem deutschsprachigen Buch, verletzte das Briefgeheimnis und ließ mir von Irvin D. Yalom unter anderem erzählen, wie sich die Gruppentherapie in den vergangenen Jahrzehnten allmählich etablierte.

Bücherwelten – lebensnah, wenn die gelebte Realität zu fiktional wirkt

Erzähl dein Leben neu von Rebecca Vogels: Storytelling nicht im nachhinein, sondern das Leben so zu führen, dass sich eine schöne Geschichte darüber erzählen lässt. Nicht so oberflächlich, wie es sich anhört, aber trotz einiger guter Ansätze ein eher durchwachsenes Buch.

Mitten im Sprung von Stephanie Palm und Roswitha Perniok: Der Briefroman zweier Frauen, die sich nach 40 Jahren wieder treffen und sich Vieles zu berichten haben. Viele schöne Denkanstöße auch in Bezug aufs Älter werden.

Wie man wird, was man ist von Irvin D. Yalom: Die bezaubernde kleine Geschenkausgabe mit den Memoiren des von mir sehr geschätzten Schriftstellers und Psychotherapeuten. Großartig!

Mitten im Sprung – Stephanie Palm, Roswitha Perniok

Eva und Karin sind beste Freundinnen. Nach dem Abitur trennen sich ihre Wege und sie verlieren sich aus den Augen. Fast 40 Jahre später begegnen sie sich zufällig wieder und beschließen, in Kontakt zu bleiben. Über eMails und Briefe lernen sie sich ganz allmählich neu kennen. Sie erzählen sich von den unterschiedlichen Stationen in ihrem Leben, ihrer persönlichen Entwicklung und dem, was wirklich für sie zählt.

Nach und nach nähern sich die beiden Freundinnen einander wieder an und der Briefwechsel wird immer persönlicher. Beide sind etwa um die 60 Jahre alt. Es geht ums älter werden und um Situationen und Probleme, vor die Menschen mit zunehmendem Alter gestellt werden können. Die Schwierigkeiten und Auswirkungen der Kindheit und die von den Eltern getroffenen Entscheidungen spielen immer noch eine Rolle, auch wenn sie selbst „fast schon Seniorinnen sind und damit alt genug, um die Kindheit endlich würdevoll loszulassen“.

Gleichzeitig steigt ihr Bewusstsein, dass sie selbst in die Position der nächsten alten Generation herein wachsen und es allmählich Zeit dafür wird, die Träume zu verwirklichen, die sie noch haben und endlich das Leben zu führen, das sie sich wirklich wünschen.

Aber „Mitten im Sprung“ ist kein Buch in dem gemeckert oder gejammert wird. Vielmehr hat man es mit zwei sympathischen Protagonistinnen zu tun, die einem ein wenig bekannt vorkommen, vielleicht weil man sich in ihren Charaktereigenschaften oder in dem, was sie tun, oder nicht tun, teilweise wiedererkennen kann. Immer wieder spricht auch eine gewisse angenehm bodenständige Lebenserfahrung aus ihnen, die mir beim Lesen gut gefallen hat.

„Wenn man jung ist, mangelt es an Erfahrung und Weitblick. Wenn man älter ist, hätte man beides, aber der Mut fehlt.“

(S. 46)

Gern habe ich das Briefgeheimnis verletzt und gelesen, was Karin und Eva sich zu schreiben hatten. Tatsächlich hat mich die Briefnovelle zum richtigen Zeitpunkt erreicht und mich ein wenig dazu angestachelt, doch gerade hinsichtlich einer bestimmten Situation selbst etwas mehr Mut und Selbstvertrauen zu beweisen. Den beiden Autorinnen sei Dank hierfür.

Einzig, dass ich die knapp 150 Seiten in elektronischer Form auf meinem eReader (Tolino Shine 3) las, habe ich etwas bereut. Denn so konnte ich die enthaltenen Grafiken nicht erkennen, die als Gestaltungsmittel an unterschiedlichen Stellen des Buches auftauchen. Aus diesem Grund würde ich eher zum Taschenbuch raten.

-> Zur Leseprobe [Werbung]


Stephanie Palm, Roswitha Perniok
Mitten im Sprung
Paperback, 150 Seiten
ISBN: 9783750499737
Preis: EUR 6,99 € [DE]
Verlag: Books on Demand
Erschienen: 11.11.2020

Das eBook wurde mir freundlicherweise von den Autorinnen zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Duell – Joost Zwagerman

In die Niederlande sollte es im Rahmen meiner BUCHweltreise gehen. Das führte mich zu der Novelle „Duell“, die 2010 publiziert und im Rahmen der alljährlichen Niederländischen Buchwoche als „Boekenweekgeschenk“ (Bücherwochengeschenk) kostenlos in allen Buchhandlungen verteilt wurde. Die Auflage lag bei über 950.000 Exemplaren. Im Mittelpunkt dieses Buches steht die größte anzunehmende Katastrophe für den Museumsdirektor Jelmer Verhooff: Seine Faust durchschlägt ein Gemälde im Wert von 30 Millionen Euro.

47_Duell

Jelmer Verhooff ist der junge Direktor des „Hollands Museum“ in Amsterdam, ein hipper Aufsteiger innerhalb der Kunstwelt. Nun aber muss sein Museum wegen Brandschutzmängeln geschlossen werden. Als letzte Ausstellung vor der Schließung hat er sich etwas ganz Besonderes ausgedacht: Junge holländische Künstler sollen sich mit Meisterwerken der Sammlung auseinandersetzen. Der Titel der Schau: „Duel. Dutch Artists Challenged by Modern Masters“. Besonders angetan ist er von einer jungen Malerin, die sich darauf spezialisiert hat, bedeutende Gemälde detailgenau zu kopieren. Diese wählt ein Schlüsselwerk von Mark Rothko und schafft ein verblüffend originalgetreues Abbild.

„Ein Kritiker zog, wie Emma selbst, den Vergleich mit einem reproduzierenden Künstler: ‚So wie die Wundergeigerin Hilary Hahn beim Spielen von Bachs Chaconne mit scheinbarer Leichtigkeit den Eindruck erweckt, in die Seele des Komponisten hinabsteigen zu können, so gelangt Emma Duiker in das Innere des so gequälten Mark Rothko, dessen Werk sie nicht fälscht sondern aufführt.'“ (S. 24)

Nach dem Ende der Ausstellung stellt dann allerdings der Restaurator des Museums fest, dass nun die Kopie in der Sammlung ist. Das Original wurde von der Malerin gestohlen. Und Jelmer Verhooff stellt seinerseits fest, dass Emma Duiker nicht nur Gemälde kopiert, sondern eine Konzeptkünstlerin ist, deren eigentliches Werk darin besteht, Rothkos Gemälde ohne jeden Hinweis auf dessen Wert und Bedeutung an alltäglichen Orten auf einfache Menschen wirken zu lassen.  Verhooff macht sich sofort daran zu recherchieren, wo sich das Original befindet.

Joost Zwagerman, geboren 1963, war einer der bedeutendsten niederländischen Autoren seiner Zeit – er litt unter starken Depressionen und nahm sich 2015 das Leben. Gedichte, Essays, Erzählungen sowie Romane schrieb er und war in den Niederlanden auch als Kolumnist und Kunstkritiker bekannt. Die Beschäftigung mit der Kunst findet ihren Niederschlag auch in dieser Novelle, in der Zwagerman überaus subtil Realität und Fiktion vermischt. Dabei nimmt er die Ende 2003 aus bautechnischen Gründen von der Feuerwehr verfügte Schließung des Stedelijk Museums in Amsterdam zum Ausganspunkt für eine beinahe schon groteske, sich um ein fiktives Gemälde von Mark Rothko drehende Vertauschungsgeschichte. Mit feiner Ironie schildert er die Kunst- und Museumswelt und beleuchtet erzählend grundlegende Probleme der modernen Kunst. Zentral steht dabei gewiss die Frage nach dem Stellenwert eines Originals, doch auch die Frage nach dem Verhältnis von Marktwert und ästhetischem Wert von Kunst sowie der Anspruch und die Erwartung, dass Kunst immer wieder Grenzen verschieben muss, werden angesprochen, ohne dass das Buch jemals theorielastig ist. Es ist eine Geschichte voller Witz, Action, kluger Gedanken, interessanter Einblicke in die Welt der Kunst und einer gehörigen Portion Slapstick.

-> Zur Leseprobe [Werbung]



Joost Zwagerman
Duell
Aus dem Niederländischen und mit einem Nachwort von Gregor Seferens
Original: Duel
fadengeheftete Broschur, 160 Seiten
ISBN: 978-3-938803-81-3
Preis: € 17,00
Verlag: Weidle Verlag
Erschienen: Juli 2016

Schachnovelle – Stefan Zweig

03_Schachnovelle

In der 1942 erschienen Schachnovelle von Stefan Zweig trifft ein als Schachspieler mäßig begabter Ich-Erzähler auf dem Passagierdampfer von New York nach Buenos Aires auf den Schachweltmeister Mirko Czentovic, den ein selbstgefälliger Millionär gegen Honorar zu einer Simultanpartie herausfordert. Der primitive und zugleich arrogante Czentovic beherrscht fast automatisch die kalte Logik des königlichen Spiels und agiert in gewohnt souveräner Weise. Mitten in der für die Herausforderer hoffnungslos verfahrenen Partie, greift plötzlich beratend der österreichische Emigrant Dr. B. ein.

Fragte ich mich anfangs noch, ob meine Grundkenntnisse des Schachspiels für diese Novelle ausreichen würden, so zerstreuten sich meine Bedenken recht schnell und das Buch zog mich regelrecht in seinen Bann. Die Charaktere und Situationen sind so bildhaft und intensiv geschildert, dass man sich inmitten des Geschehens befindet. Ist die Geschichte zunächst noch in unterhaltsamem Stil erzählt, gewinnt sie in dem Gespräch zwischen dem Ich-Erzähler und Dr. B. an Tiefe, aber auch an Tragik. Stefan Zweig macht die Gefühlswelten der Personen nachvollziehbar und miterlebbar – beispielsweise die abgrundtiefe Verzweiflung des Dr. B., wenn er sich an den Terror seiner Inhaftierung im Nationalsozialismus erinnert oder die mitreißende Leidenschaft , beziehungsweise der Besessenheit fürs Schachspiel.

Ich bin bemüht an dieser Stelle nicht zu viel zu verraten, weil ich es so sehr genossen habe, mich unvoreingenommen auf die in meiner Ausgabe knapp 93 Seiten umfassende eindrucksvolle Novelle einzulassen. Dieses Leseerlebnis sollte sich unbedingt gönnen, wer die Schachnovelle noch nicht kennt.



Stefan Zweig
Schachnovelle [Werbung]
Taschenbuch, 112 Seiten
ISBN: 978-3-596-21522-5
Preis € (D) 5,95€ (A) 6,20
Verlag: Fischer