Deutschlands schrägste Orte – Pia Volk

Der Klappentext dieses Buches verrät, dass die Geographin und Journalistin Pia Volk sich zwischen Wattenmeer und Allgäu, zwischen dem Frankfurter Mainufter und dem Sorbenland umgesehen hat und dabei auf lauter schräge und seltsame Orte gestoßen ist: eine Eiche mit eigener Adresse; ein fortgespültes Atlantis in der Nordsee; ein Kronleuchter in der Kölner Kanalisation; die letzte noch erhaltene Grenzschleuse für sowjetzonale Agenten und noch so einiges mehr.

Das hörte sich für mich spannend an und ich war neugierig auf die geheimen Plätze, obskuren Objekte und bizarren Landschaften, die Deutschland abseits bekannter Pfade zu bieten hat. Zu gerne lassen mein Herzbube und ich uns von kleinen und großen Besonderheiten überraschen, die uns bei dem Besuch von Lost Places oder bei der Jagd nach Geocaches begegnen und die wir vorher gar nicht auf dem Schirm hatten. Etwas in der Art erhoffte ich mir von diesem Buch, das ich für eine Sammlung interessanter Sehenswürdigkeiten hielt, denen man vielleicht bei einem Urlaub in Deutschland einen Besuch abstatten könnte, wenn man sich gerade in der Nähe aufhielt. Erst recht wurde die Erwartung bei mir geweckt, weil sich das Buch als Fremdenführer für Einheimische betitelt. Doch bei näherem hinsehen, will es das eigentlich gar nicht sein.

Es lädt nicht ein diese Orte selbst zu besuchen, zumal dies bei einigen vermutlich auch gar nicht möglich ist. Man kann jedoch zumindest anhand der genannten Koordinaten herausbekommen, wo man sie finden kann. Als mir bewusst wurde, dass ich mir von dem Buch etwas anderes erwartet hatte, war ich zunächst ein wenig enttäuscht. Aber mich interessierten halt die Kuriositäten, die Deutschland zu bieten hat und so las ich dennoch weiter und wurde mit der Zeit immer offener für das, was die Autorin zu berichten hatte.

Sie ist einen Pfad entlanggewandert, der über das Gelände eines Atomkraftwerks führt, und hat einen Truppenübungsplatz durchquert auf dem Weg zu mächtigen Gräbern, von denen niemand weiß, wie sie gebaut wurden. Sie ist über eine mit Hohlräumen durchsetzte Felslandschaft gesprungen, in der alles Wasser verschwindet, und hat sich erklären lassen, wie man von einem Kirchturm auf das wohl gigantischste Ereignis der deutschen Erdgeschichte schließen kann. Sie hat sich sorbische Märchen angehört, saterfriesische Sprichwörter sowie Töne, die Jahre anhalten. Über all diese bizarren Landschaften, exzentrischen Welten und obskuren Objekte berichtet sie. Unterhaltsam führt sie zu geographischen und historischen Kuriositäten und lehrt uns, das eigene Land mal anders zu betrachten. Und so hat mir das Buch letztlich doch Spaß gemacht.

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Pia Volk
Deutschlands schrägste Orte
Ein Fremdenführer für Einheimische
Gebundene Ausgabe, 256 Seiten
ISBN: 978-3406767371
Preis: 20,00 € [D]
Verlag: C.H.Beck
Erschienen: 24. September 2021

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Die Macht der Maschen – Loretta Napoleoni

Als ich auf dieses Buch aufmerksam wurde, stand für mich gleich fest, dass ich es lesen würde. Ich hatte Lust auf eine ultimative Lobhudelei auf eines meiner liebsten Hobbies und war darüber hinaus gespannt darauf, Dinge übers Stricken zu erfahren, die über Muster und Anleitungen hinaus gehen. Und das bekam ich auch, nämlich immer dann, wenn ich das Strickzeug mal aus der Hand legte und zu diesem Buch griff.

Loretta Napoleoni ist politische Analystin und Ökonomin und hat diverse Sachbücher zu großen Themen unserer Zeit, nicht zuletzt Terrorismus und Globalisierung geschrieben. Aber sie ist auch eine passionierte Strickerin, die es schafft ihr Hobby historisch und analytisch so zu beleuchten, dass man ihr interessiert dabei durch Kapitel wie Stricklektionen über die Liebe, Politik und Wirtschaft, Stricken für die Revolution, Feminismus und Handarbeit – eine Hassliebe, Stricken im Zeitalter der Neurowissenschaft oder Stricken für eine bessere Welt folgt.

Einige Dinge wusste ich bereits, manches vermisste ich, aber es gab für mich auch Neues zu erfahren. Die Informationen sind gut verständlich und unterhaltsam aufbereitet. Ergänzt werden sie durch die Illustrationen von Allessandra Olanow und tragen damit unter anderem zu der liebevollen optischen Gestaltung des Buches bei. Als kleines Gimmick sind am Ende des Buches einige thematisch passende, aber nichtsdestotrotz kuriose knappgehaltene Anleitungen zu finden wie beispielsweise eine „Mütze mit Grips“, Soldatensocken oder die „Jakobinermütze“. Dinge, die mich persönlich nicht unbedingt zum Nachstricken einladen, es aber zumindest schaffen, mir ein Schmunzeln zu entlocken.

Nebenbei lässt die Autorin dabei Momentaufnahmen aus ihrer eigenen Geschichte mit dem Stricken einfließen und erzählt davon, wie das Stricken sie durch eine schwierige Lebenssituation begleitet. Dabei stellt sie manchmal sehr gewollt einen Bezug zwischen dem Stricken und den Dingen her, die ihr in ihrem Leben passiert sind und schreckt auch nicht vor an den Haaren herbeigezogenen Vergleichen und Wortspielen zurück, bei denen man sich ein Augenrollen kaum verkneifen kann. Letzten Endes bleibt das jedoch verzeihlich, weil Loretta Napoleoni mit diesem Buch eine Liebeserklärung an das Stricken gelungen ist und mir, als jemandem der leidenschaftlich gern zu Nadeln und Wolle greift, unterhaltsame und interessante Lesestunden beschert hat. Empfehlenswert!

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Loretta Napoleoni
Die Macht der Maschen
Wie Stricken uns durchs Leben begleitet und miteinander verbindet
Original: The Power of Knitting
Aus dem Englischen von Christiane Wagler
Gebundene Ausgabe, 240 Seiten
ISBN: 978-3328601418
Preis: 20,00 € [D]
Verlag: Penguin Verlag
Erschienen: 04. Oktober 2021

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

erLESENer Oktober 2021

Im Lesemonat Oktober verwüstete ich mit Herrn Schmidt die Küche um für Barbara zu kochen, aß mich dumm und dusselig, versuchte in Nordkorea zu überleben und floh mit Morrigan nach Nevermoor.

Bücherwelten – irgendwo zwischen Realität und Phantasie.

Barbara stirbt nicht von Alina Bronsky: Die bitterböse und doch warmherzige Geschichte eines Rentners, dessen Frau von einem auf den anderen Tag nicht mehr ‚funktioniert‘. Empfehlenswert!

Dumm gegessen! von Hans-Ulrich Grimm: Ein Buch, das die Probleme unmissverständlich vor Augen führt, welche durch die eigens konstruierte ultraverarbeitete Nahrung der Lebensmittelkonzerne entsteht. Erschreckend!

Denunziation von Bandi: Atmosphärisch und eindringlich erzählt Bandi vom Alltag der Menschen in Nordkorea, davon, wie ihr Leben bestimmt wird von den strengen Regeln der Diktatur und von den grausamen Folgen, die Verstöße nach sich ziehen. Erschütternd!

Fluch und Wunder . Nevermoor 1 . von Jessica Townsend: Morrigan ist ein verfluchtes Kind und soll deshalb in der Nacht zu ihrem elften Geburtstag sterben. Doch glücklicherweise kommt alles ganz anders. Bezaubernd!

Dumm gegessen! – Hans-Ulrich Grimm

„Wie uns die Nahrungsindustrie um den Verstand bringt“ lautet der provokante Untertitel des Buches, der gleich mein Interesse weckte. Die Menschen werden immer älter, aber das menschliche Gehirn schrumpft und ist heute weniger leistungsfähig. Es altert sogar schneller als in früheren Zeiten, warnen neueste wissenschaftliche Untersuchungen. Die geistige Performance lässt nach, es steigt die Gefahr, an Alzheimer und Demenz zu erkranken und schon bei den Schülern lässt die geistige Leistungsfähigkeit seit 1999 immer mehr nach. Der entscheidende Grund dafür ist unsere Ernährung, sagt der Nahrungskritiker Dr. Hans-Ulrich Grimm, der seine jahrelangen Recherchen in der Welt der industrialisierten Nahrungsmittel bereits in zahlreichen Bestsellern präsentiert hat.

In seinem neuen Buch hat er Wissenswertes aus mehreren neuen Forschungsdisziplinen zusammengetragen, die sich mit dem Gehirn beschäftigen, zum Beispiel die Hirnernährungswissenschaft (Nutritional Neuroscience), bei der es um die Ernährung des Gehirns ganz generell oder die Ernährungspsychiatrie (Nutritional Psychiatry), bei der es um die Folgen der Nahrung für die Psyche, das Verhalten und den Charakter geht. Hans-Ulrich Grimm zeigt, wo die Gefahren lauern.

Es fehlt an hirnwichtigen Nährstoffen, dafür gibt es eine Flut neuer Schadstoffe, Chemikalien, Zusatzstoffe und auch mehr Zucker, mehr Salz und dazu völlig neuartige Problemstoffe, die durch die industrielle Produktion überhaupt erst entstehen. Der entscheidende Punkt ist, ob das herrschende Ernährungssystem die Versorgung des Gehirns begünstigt und die grauen Zellen schützt – oder sie schädigt. Die Probleme entstehen erst durch die Extrempraktiken der Lebensmittelkonzerne, durch die eigens konstruierte ultraverarbeitete Nahrung, für die es oft nicht einmal ein Vorbild in der Natur gibt – und durch ihren wachsenden Anteil an der Versorgung.

Hans-Ulrich Grimm erklärt, was manche Stoffe fürs Gehirn problematisch werden lässt, wozu sie eingesetzt werden und wie sie in der Zutatenliste gefunden werden können. Dabei macht er auch nicht davor halt die Lebensmittelkonzerne und deren Produkte zum Teil namentlich zu benennen. Fast beschleicht einen beim Lesen das schlechte Gewissen, weil man vieles einfach kennt und vielleicht sogar gern konsumiert hat. Und als hätte man es nicht längst geahnt, bekommt man nun schwarz auf weiß bestätigt, dass man sich damit nichts Gesundes gegönnt hat.

Aber der Autor schafft es die Dringlichkeit eines Umdenkens zu vermitteln. Nötig ist eine umfassende Ernährungswende, auch ein Paradigmenwechsel bei der Bewertung von Nahrung, ein neuer Begriff von Lebensmittelsicherheit, der auch den Grad der industriellen Verarbeitung als Risikofaktor anerkennt. Das Beste ist und bleibt halt selbst zu kochen, frisch und regional, nach Jahreszeiten, „viel Obst, viel Gemüse, ein bisschen Fleisch, etwas Fisch, wenig Zucker, keine Chemie, also kein Fast Food, keine Fertiggerichte, keine Softdrinks. Frisch zubereitet, hohe Qualität bei den Rohstoffen, glückliche Tiere.“

Das klingt nicht nach umwälzenden neuen Erkenntnissen und doch habe ich viel Bemerkenswertes und auch einiges Neue in dem Buch erfahren können, so dass ich es Lesern empfehlen kann, die sich für die Thematik interessieren.

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Hans-Ulrich Grimm
Dumm gegessen!
Wie uns die Nahrungsindustrie um den Verstand bringt
Gebundene Ausgabe, 288 Seiten
ISBN: 978-3426277997
Preis: 20,00 € [D]
Verlag: Droemer
Erschienen: 01.09.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag kostenlos für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Was, wenn wir einfach die Welt retten – Frank Schätzing

„Und ist das wirklich erwiesen mit dem menschengemachten Klimawandel? Nicht, dass ich ein Leugner wäre – „

(S. 106)

Als Frank Schätzing sein neues Buch veröffentlichte und ich erfuhr, dass es sich dabei um ein Sachbuch mit dem Untertitel „Handeln in der Kimakrise“ handelt, war mein Interesse erstmal gedämpft, weil mich die Krise mit dem Namen C. noch viel zu sehr im Griff hatte. Aber im Hintergrund schwelte nichtsdestotrotz die Sorge um den Klimawandel weiter, die immer weiter gefüttert wird von Unsicherheit, aber auch von Wissenslücken.

„Wissen ist die Wunderpille gegen fragwürdige Ideologien.“

(S. 17)

Denn auch wenn ich einiges durch die Medien mitbekommen hatte, fühlte ich mich nicht so, als hätte ich mich gut mit dem Thema auseinandergesetzt. Während ich mich noch fragte, wie ich denn einen passenden Einstieg finden könnte, fiel mir wieder das Buch von Frank Schätzing ein, der mich in seinen früheren Büchern eher mit dem sachlich-fachlichen Anteil begeistern konnte, als mit den fiktiven Thriller-Elementen. Und plötzlich war sein neues Buch dann doch ganz oben auf meiner Leseliste.

Es fühlt sich eigenartig an dieses Sachbuch zu lesen, denn Frank Schätzing leistet seinen Beitrag zum Handeln in der Klimakrise, indem er im Rahmen seiner Möglichkeiten durch spannendes und unterhaltsames Geschichten erzählen informiert und präsentiert. Er schließt Wissenslücken, definiert den Unterschied zwischen Wetter und Klima, unterscheidet zwischen natürlichem und menschengemachtem Klimawandel, zeigt Kippelemente und führt vor Augen, was in der Natur und im Ökosystem passieren kann und welche Auswirkungen es hat. Der zweite Teil des Buches zeigt, was wir konkret tun können, um ein verantwortungsvolleres klimafreundlicheres Leben zu führen.

Wissenschaftlich fundiert, spannend und nie ohne Humor entwirft Frank Schätzing außerdem verschiedene Szenarien unserer Zukunft, in denen wir mal versagt und es mal geschafft haben. Er lässt die Welt hypothetisch untergehen, um sie im nächsten Schritt neu zu erschaffen. Wir lernen die Protagonisten und Antagonisten kennen, Verantwortliche aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, Aktivisten, Leugner und Verschwörungstheoretiker, bevor der Autor den Blick aufs Panorama des Machbaren öffnet, auf die Vielzahl unserer Optionen und gar nicht so fernen Superlösungen. ‚Was, wenn wir einfach die Welt retten?‘ ist ein Plädoyer für Mut und Zuversicht. Wir können die Herausforderung meistern, wenn wir nur wollen: mit Wissen, Willenskraft, positivem Denken, Kreativität, der Liebe zu unserem Planeten und ein bisschen persönlichem Heldentum, wie man es im Thriller braucht.

Maßhalten ist der Schlüssel zum Erfolg, lautet die Botschaft dieses Sachbuches für Menschen, die eigentlich lieber Thriller lesen. Ein gelungener Ansatz des Autors, der nicht mit erhobenem Zeigefinger doziert, aber dennoch deutlich macht, dass wir alles Sinnvolle unternehmen müssen, um die Klimaziele zu erreichen und realistisch betrachtet auch auf die Konsequenzen vorbereitet sein sollten, wenn uns das nicht gelingt.

Auch wenn mir der Ton des Buches gelegentlich ein wenig zu flapsig ist, halte ich es doch für einen gelungenen Anfang um sich eingehender mit der Materie zu befassen – und bestenfalls auch ins Handeln zu kommen.

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Frank Schätzing
Was, wenn wir einfach die Welt retten?
Handeln in der Klimakrise
Gebundene Ausgabe, 336 Seiten
ISBN: 978-3462002010
Preis: 20,00 € [D]
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erschienen: 15.04.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Wir Kassettenkinder – Stefan Bonner, Anne Weiss

Die achtziger Jahre fanden bei mir im Alter zwischen 12 und 22 Jahren statt. Eine Zeit, die ich als Kind, als Jugendliche, als Schülerin, als Auszubildende und als junge Erwachsene erlebt habe.

„Was uns heute immer öfter bewusst wird: Die Achtziger sind im Begriff, von der nahen Vergangenheit, die wir vor kurzem erlebt haben, in die Zeitgeschichte überzugehen. Und das macht uns – so blöd es klingt – unsere eigene Vergänglichkeit bewusst.“

(S. 21)

Gleichzeitig macht es einem bewusst, wie schön es ist, in alten Zeiten zu schwelgen. Und das funktioniert mit diesem leicht und humorvoll geschriebenen Buch wirklich wunderbar. Es spult zurück in die Achtziger und nimmt einen mit in die Zeit, in der wir bei Musiksendungen vorm Radio hockten – bereit, die Aufnahmetaste des Kassettenrekorders zu drücken, wenn der Moderator den nächsten Hit spielte. Noch heute habe ich in meiner Erinnerung das Lied „Eye of the Tiger“ von Survivor mit der Unterbrechung des Verkehrsfunks im Ohr, der meine Aufnahme von der „Schlagerralleye“ oder „Mal Sondocks Hitparade“ so unschön erweitert hatte, was mich jedoch damals trotzdem nicht davon abhielt das Lied in Dauerschleife zu hören.

Und so ist das ganze Buch. Die Autoren schwelgen in Erinnerungen, verwenden die „Wir-Form“, gegen die ich mich schonmal gern sperre, wenn sie pauschalisierend mich mit einschließt. Doch hier ist das anders, denn ich fühle mich von den 1974 und 1975 geborenen Autoren verstanden und habe fast den Eindruck mich mit Freunden über die „gute alte Zeit“ zu unterhalten, die gar nicht immer so gut, aber auf ihre Art und Weise besonders war, nicht zuletzt weil ich so viele Entwicklungsschritte in der Zeit durchmachte.

Natürlich kennt man dieses Jahrzehnt auch aus Fernsehsendungen, in denen Stars und Sternchen Rückblicke in diese Zeit kommentieren, aber bei diesem Buch übernimmt man selbst diese Rolle. Man lehnt sich zurück, liest und nimmt sich die Zeit, das Gelesene um eigene Erinnerungen zu ergänzen. So fliegt man durch die Seiten und macht doch auch sehr oft Rast um eigenen Gedanken nachzugehen, den guten, manchmal aber auch den nicht so guten.

Gegliedert ist das Buch in 4 Teile, die an dieser Stelle nur einen groben Überblick dessen liefern sollen, was einen hier erwartet:

  1. Das Spiel unseres Lebens – Matschbrötchen im Hausmeisterkabuff, große Träume und das gute Gefühl, ohne Helm Fahrrad zu fahren
  2. Die Supersorgloszeit – Endlossommer, Erdnussflips im Bademantel und die Geborgenheit guter Samstagabendunterhaltung
  3. Von Blauen Engeln und weißen Tauben – Jute statt Plastik, Singen für ein bisschen Frieden und Hoffnung in der Endzeitstimmung
  4. Wo wir hinfuhren, brauchten wir keine Straßen – Pioniere im Technikwunderland, Joystickakrobaten und das Vergnügen, Videorekorder zu verkoppeln

Mir hat diese Zeitreise in die Achtziger viel Freude gemacht, aber man muss auch wissen, dass es in diesem Buch ausschließlich um die westdeutschen Kassettenkinder geht. Wer gelegentlich auch einen Blick in den Osten werfen möchte, dem sei ergänzend die doch etwas ernsthafter aber nicht weniger interessant daherkommende ZDF-Doku „Die 80er – Das explosive Jahrzehnt“ empfohlen: Teil 1Teil 2Teil 3 .

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Stefan Bonner, Anne Weiss
Wir Kassettenkinder: Eine Liebeserklärung an die Achtziger
Taschenbuch, 272 Seiten
ISBN: 978-3426788530
Preis: 9,99 € [D]
Verlag: Knaur
Erschienen: 02.11.2017

H wie Habicht – Helen Macdonald

Die letzte Greifvogelschau, die ich gesehen habe, ist schon eine ganze Weile her. Aber ich finde diese Vorführungen immer wieder beeindruckend. Ich kann mich an ein Mal erinnern, bei dem ein Vogel nicht zu seinem Menschen zurückflog, sondern eigensinnig irgendwo auf einem Dach landete und sich scheinbar gemütlich das Gefieder richtete. Später besann er sich zwar eines Besseren, aber diese Situation hatte ich jetzt wieder bildlich vor Augen, als ich „H wie Habicht“ von Helen Macdonald las. Denn dabei erfährt man auf beeindruckende und faszinierende Weise einiges über das, was ein Mensch anstellen und beachten muss, wenn er den Vogel in gewünschte Bahnen lenken möchte. Aber in diesem Buch geht es um viel mehr als ’nur‘ die Zähmung eines Habichts, den man ja eigentlich nicht zähmen kann, weil diese Tiere niemals ihre Wildheit verlieren.

Helen Macdonald (geboren 1970) ist Autorin, Lyrikerin, Illustratorin und Historikerin. Sie arbeitet an der University of Cambridge, England, im Bereich Geschichte und Philosophie der Wissenschaften. H wie Habicht erhielt in England den renommierten Samuel Johnson Prize, der herausragenden Sachbüchern verliehen wird, sowie den hochdotierten Costa Award für das beste Buch des Jahres. Schon als Kind beschloss Helen Macdonald, Falknerin zu werden. Ihr Vater unterstützte sie in dieser ungewöhnlichen Leidenschaft, er lehrte sie Geduld und Selbstvertrauen und blieb eine wichtige Bezugsperson in ihrem Leben. Der Tod ihres Vaters trifft Helen unerwartet. Erschüttert von der Wucht der Trauer wird der Kindheitstraum in ihr wach, ihren eigenen Habicht aufzuziehen und zu zähmen. Und so zieht das stolze Habichtweibchen Mabel bei ihr ein. Durch die intensive Beschäftigung mit dem Tier entwickelt sich eine konzentrierte Nähe zwischen den beiden, die tröstend und heilend wirkt. Doch Mabel ist nicht irgendein Tier. Mabel ist ein Greifvogel. Mabel tötet.

„Wenn sie einen braven Habicht wollen, müssen Sie eins tun: Geben Sie ihm die Gelegenheit zu töten. So oft wie möglich. Mord bringt ihn auf Linie.“

( S. 38)

Helen Macdonald hatte schon eine Menge Greifvögel geflogen und ihr war jeder einzelne Schritt des Abtragens bestens vertraut. Aber nach dem Tod ihres Vaters ist sie nicht mehr dieselbe. Der Habicht verkörpert alles, was sie sein will – eine selbstbeherrschte Einzelgängerin, die frei von Trauer ist und taub gegenüber den Verletzungen des Lebens. Allmählich entwickelt sich zwischen beiden eine hochkomplexe Wechselbeziehung, die mich beim Lesen in den Bann zog und nicht mehr losließ. Es war großartig von der Autorin Wissenswertes über die Falknerei zu erfahren und dabei nicht nur den Habicht als Tier mit seinen besonderen Fähigkeiten und Ansprüchen kennenzulernen, sondern durch die bildhaften Situations- und Naturbeschreibungen ganz dicht am Geschehen zu sein. Die außerdem gut reflektierte Autorin schafft es, dass man ihre Begeisterung für die Falknerei nachvollziehen kann, bei Fehlschlägen mit ihr leidet, bei der Jagd mit fiebert und sich trotz gemischter Gefühle bezüglich mancher Blutrünstigkeit mit ihr freut.

Im Wechsel dazu erfährt man von dem Autor T. H. White, der 1951 über seine Erfahrungen mit der Zähmung seines Habichts in dem Buch „The Goshawk“ schrieb und der dabei eigentlich alles falsch machte, was man falsch machen konnte. Ich muss gestehen, dass ich diese Abschnitte nicht so gern las, weil mich einfach mehr interessierte, wie es mit Helen Macdonald und Mabel weiter ging. Deren Geschichte machte das Buch jedoch zu einem echten Highlight für mich. Von Helen Macdonald und über die Falknerei möchte ich unbedingt mehr lesen.

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Helen Macdonald
H wie Habicht
Aus dem Englischen von Ulrike Kretschmer
Taschenbuch, 416 Seiten
ISBN: 978-3548376721
Preis: 12,00 € [D]
Verlag: Ullstein
Erschienen: 14.10.2016

erLESENer Mai 2021

Im Lesemonat Mai wachte ich nach einem schweren Motorradunfall im Krankenhaus auf, übernahm in Lusaka eine Hühnerfarm, ging als 17jährige zum ersten Mal zur Schule, half Liss auf ihrem Bauernhof und bei der Ernte, pimpte mein Gehirn, übte mit Elias täglich 6 Stunden lang Gitarrenriffs und versuchte den Geheimnissen der Biografiearbeit auf die Schliche zu kommen.

Bücherwelten – irgendwo zwischen Fiktion und Realität…

Vom Ende der Einsamkeit von Benedict Wells: Obwohl es in diesem Buch um Verlust, Tod und Krankheit geht, hatte ich doch den Eindruck, ein Wohlfühlbuch zu genießen, in das man sich entspannt hineinfallen lassen und in dem man stundenlang schmökern kann. Ausgezeichnet!

Das Auge des Leoparden von Henning Mankell: Fein beobachtet schildert der Autor das Dilemma der Kolonialisierung und der späteren Ent-Kolonialisierung von Sambia. Hervorragend!

Befreit von Tara Westover: Ein großartiges Buch über eine bemerkenswerte Frau, die es durch harte Arbeit und Durchhaltevermögen geschafft hat, sich durch Bildung ein neues Leben aufzubauen. Beeindruckend!

Alte Sorten von Ewald Arenz: Eine schöne Geschichte irgendwo zwischen wuchtig und ganz zart – mit leisem Humor, Wut, Traurigkeit und Tiefgang. Eine umfangreiche Gefühlspalette zum mittendrin sein und mitfühlen, aber auch mit Wohlfühlmomenten. Wunderbar!

Mein Kopf gehört mir von Miriam Meckel: Eine Mischung aus erschreckend und faszinierend, was da am Gehirn erforscht und schon herausgefunden wurde. Wahnsinnig interessant!

Die goldene Ananas von Dennis Kornblum: Sprachlich sehr einfach, aber nichtsdestotrotz ein interessant und authentisch gehaltener Einblick in Leben und Wahrnehmung eines unter Asperger-Syndrom leidenden 26jährigen Gitarristen.

Biografiearbeit – Die innere Schatzsuche von Anja Mannhard: Ein kurzes Buch mit vielen Übungen und Fragen, um die eigene Lebensgeschichte unter die Lupe zu nehmen. Für mich zu bastellastig und zu wenig Erklärungen. Wohl eher an Fachleute gerichtet.

Biografiearbeit . Innere Schatzsuche – Anja Mannhard

Anja Mannhard ist Autorin und Illustratorin zahlreicher Bücher und Artikel im Bereich Pädagogik, Psychologie, Logopädie sowie Kinder- und Jugendbuch. Sie ist im Sozialmanagement und als Referentin tätig und lebt am Bodensee. Sie verspricht auf spielerische und kreative Weise die biografischen Spuren zu erforschen und sie für das heutige Leben zugänglich und nutzbar zu machen. Zahlreiche Übungen und Impulse zur Rückschau sollen helfen zu verstehen, weshalb man zu der Person geworden ist, die man ist, was das persönliche Leitmotiv im Leben ist und schließlich zu überprüfen, ob man lieber auf den alten Pfaden oder auf neuen Wegen weitergehen möchte.

Zunächst einmal geht es darum, die Dinge und Erinnerungen, die auftreten, so zu akzeptieren, wie sie sind. Ein zu schnelles Eingreifen und Verändern wollen kann unter Umständen mehr Schaden anrichten als Nutzen für die biografische Entwicklung bringen. Und wenn bestimmte Erinnerungen und Erfahrungen sehr stark belasten, kann es empfehlenswert sein sich psychologische Unterstützung zu suchen, gibt die Autorin zu bedenken.

Inhaltlich ist das Buch in vier Teile gegliedert:

  1. Meiner Biografie begegnen
  2. Meinem Weg vertrauen
  3. Wendepunkten mutig begegnen
  4. Gesichter der Erkenntnis

Um den eigenen Eckpunkten in der Lebensgeschichte auf die Schliche zu kommen, gibt es in dem Buch zahlreiche Übungen, die anweisen zu bestimmten Themen zu malen, kleben, beschriften und mit Stichpunkten zu versehen. Auch soll eine Erinnerungskiste bestückt werden, ein roter Faden in der eigenen Geschichte gefunden werden und noch vieles mehr. Außerdem gibt es viele Fragen, die man gezielt für sich beantworten kann, um Anhaltspunkte dafür zu bekommen, wie man seiner eigenen Biografie begegnen kann. In der Rubrik „Ich erinnere mich“ wird man an einzelne Situationen noch etwas gezielter herangeführt.

Und doch kann ich mit diesem Buch nicht so recht warm werden. Viele der Übungen empfinde ich eher als ‚gut gemeint‘ anstatt als wirklich hilfreich. Zuweilen wirkt das Buch etwas unstrukturiert auf mich und manches wiederholt sich. Das bringt mich dazu, das Buch zunächst einmal komplett durchzulesen, weil ich etwas Greifbares suche, bei dem sich ansetzen und anfangen lässt. Doch auch beim zweiten Lesen fällt mir auf, dass mich das nicht lineare Springen in den Altersklassen eher verwirrt. Ich gehe davon aus, dass es besser wäre, das Buch strikt Kapitel für Kapitel durchzuarbeiten, um eine Vorgehensweise zu finden und doch noch einen echten Mehrwert zu erhalten.

Aber ich muss feststellen, dass ich eher für die verschriftlichte Form der Biografiearbeit offen bin und kann mich für den spielerischen kreativen Zugang in Form von Basteln und Malen nicht so sehr begeistern. Das sind natürlich persönliche Präferenzen, die für mich jedoch so dominant sind, dass ich den Einstieg in diese Art der Übungen nicht finden kann. Denn ich hätte mir bei manchem eine Auswertung oder zumindest eine Erklärung gewünscht, wohin mich denn die Bastel- oder Malarbeit bringen soll oder was sie bewirkt.

Insgesamt könnte ich mir eher vorstellen, dass dieses Buch nicht so sehr für den unerfahrenen Privatanwender, sondern vielleicht für therapeutisch tätiges Fachpersonal geeignet ist, das damit eine Übersicht von möglichen Fragen und Übungen erhält, um dann gemeinsam mit der Person, die sich mit ihrer Biografie auseinandersetzen möchte, den individuellen Einstiegspunkt in die Lebensgeschichte zu finden, die Ergebnisse durchzugehen und bestenfalls auch zu besprechen und auszuwerten. Denn vor allem Letzteres kann dieses Buch nicht leisten und für den Einsteiger in diese Thematik ist es zu oberflächlich gehalten.

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Anja Mannhard
Biografiearbeit – Die innere Schatzsuche
Taschenbuch, 112 Seiten
ISBN: 978-3958033511
Preis: 8,00 € [D]
Verlag: Scorpio Verlag
Erschienen: 31.05.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Mein Kopf gehört mir – Miriam Meckel

Wo es möglich ist, die eigenen Fähigkeiten zu erweitern und zu verbessern, da greift der Mensch zu.

„Warum soll es in Ordnung sein, sich einen Herzschrittmacher einsetzen zu lassen oder mit einem Chochlea-Implantat das Hörvermögen zurückzugewinnen, während das Gehirn unantastbar bleiben soll? Es darf für die Heilung zahlreicher Hirnerkrankungen nicht unantastbar sein, sondern muss weiter erforscht werden. Eine absolute Frontlinie für die wissenschaftlichen Eroberungszüge in die graue Materie darf es also nicht geben, keine binäre Entscheidung zur Arbeit am und mit dem Gehirn. Es geht nicht um Ja oder Nein. Es geht um das Wie. Und das Wie-weit.“

(S. 215)

Aufmerksam wurde ich auf dieses Buch, als Prof. Dr. Miriam Meckel vor einiger Zeit in einer Talkshow darüber berichtete, welche Erfahrungen sie selbst mit dem Brainhacking gemacht hatte. Ich war damals schockiert und konnte nicht begreifen, wie jemand mit der Gesundheit seines Gehirns so leichtfertig spielen konnte. Aber gleichzeitig hatte mich das auch neugierig gemacht, weil mich interessiert welche Chancen hinter den Risiken liegen.

Als Grenzgängerin zwischen Wissenschaft und Journalismus beobachtet Prof. Dr. Miriam Meckel, Jahrgang 1967, seit Jahren, wie neue Technologien und das Internet unser Leben verändern. In 13 Stationen sucht sie in „Mein Kopf gehört mir – Eine Reise durch die schöne neue Welt des Brainhacking“ nach den aktuellen Möglichkeiten, wie wir Menschen unseren Geist und die irdischen Beschränkungen der Natur mit Hilfe modernster Technologien erweitern und überwinden können. Jede Station verkörpert dabei einen Schritt, den Meckel selbst in die Welt der Optimierung von Körper und Geist unternommen hat – entweder durch umfangreiche Recherchen oder in Form von Selbstversuchen.

Es beginnt bei der bereits gängigen Selbstoptimierung, denn wo die biologischen Voraussetzungen nicht ausreichend sind, bauen wir uns den neuen, besseren Menschen nach unseren Idealen. Wir beginnen beim Körper, mit Bodybuilding, Doping, Chirurgie, und irgendwann ist auch das Gehirn dran. Könnte unser Denken nicht effizienter werden? Brauchen wir wirklich acht Stunden Schlaf, um dem Gehirn Erholungsphasen zu ermöglichen? Können wir unsere Stimmungen nicht durch gezielte Hirnstimulationen aufhellen?

Aber inzwischen ist auch schon viel mehr möglich: Per Denken Texte schreiben oder ein Computerspiel spielen? Kein Problem. Über ein Hirnimplantat Querschnittsgelähmten einen Teil ihres Bewegungsspielraums zurückgeben? Auch kein Problem.

„Michelle Zhou, KI-Forscherin bei IBM, sagt: ‚Ich bin ein großer Fan der Symbiose von Mensch und Maschine, allerdings unter einer Voraussetzung: Computer sollten das tun, was sie am besten können, nämlich konsistent, objektiv und präzise sein. Und auch Menschen sollten ihr Bestes geben: kreativ sein, unpräzise, aber anpassungsfähig.‘ So klingt die Zukunft aus einer Verbindung von Gehirn und Computer ziemlich überzeugend.“

(S. 201)

Aber wir sind auch dabei, eine gefährliche Grenze zu überschreiten: Unsere Gedanken werden auslesbar, unser Denken wird berechenbar, wir werden optimierbar. Dürfen wir alles tun, was wir können? Miriam Meckel fordert: Wir müssen die Autonomie über unseren Kopf behalten – als Privatsphäre des Denkens, als Kreativraum und Refugium des Bewusstseins.

„Mein Kopf gehört mir“ spiegelt mit seinem Erscheinungsdatum 2018 den noch aktuellen Wissensstand zur technologischen Beeinflussung unseres Gehirns wider. Für mich gab es in diesem Buch viel zu entdecken. Einerseits ist es erstaunlich und spannend, was die Wissenschaft leistet und in welchen Bereichen umfassend geforscht wird, andererseits gelingt es der Autorin aber auch, auf die damit verbundenen Risiken hinzuweisen.

Das Buch bietet viel Stoff zum Nachdenken, verwebt Wissenschaftliches mit viel Zukunftsmusik und lässt einen mit einer gehörigen Portion Skepsis gespannt auf das sein, was die kommenden Jahre an offensichtlich Manipulativem für unsere Gehirne zu bieten haben werden.

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Prof. Dr. Miriam Meckel
Mein Kopf gehört mir: Eine Reise durch die schöne neue Welt des Brainhacking
Taschenbuch, 288 Seiten
ISBN: 978-3492238175
Preis: 11,00 € [D]
Verlag: Piper
Erschienen: 16.03.2018