Wanderlust mit Mister Parkinson – Pamela Spitz

„Meine Reisen in die Ferne und zu mir selbst“ heißt das Buch im Untertitel und hat mich wirklich neugierig gemacht, als ich in der Verlagsvorschau des KiWi-Verlags darauf aufmerksam wurde. Oft empfinde ich Erfahrungsberichte als bereichernd und Mut machend, selbst wenn ich nicht das Schicksal der betroffenen Person teile. Ich bewundere Menschen, die versuchen unter ziemlich widrigen Umständen ein halbwegs normales Leben zu führen. Also nahm ich nach dem Reinschnuppern in die Leseprobe gespannt dieses Buch zur Hand und war offen für die Erfahrungen der Autorin. Der Titel und auch die Kurzbeschreibung haben allerdings bei mir die Erwartung geweckt, dass die Autorin über ihre Erfahrungen mit Morbus Parkinson schreibt und in zweiter Linie über das Reisen. Tatsächlich ist es jedoch eher umgekehrt.

Pamela Spitz hatte sich 2016 gerade von ihrem Mann getrennt und war freiberuflich als Fotoredakteurin tätig, als sie im Alter von einundvierzig Jahren die Diagnose Morbus Parkinson erhielt. Sie wollte immer schon ‚dieses Schneller, Höher, Weiter und war süchtig nach immer neuen Herausforderungen und Abenteuern‘

„Noch mehr Party. Noch mehr oberflächliche Jungs- und Männergeschichten. Noch mehr Ablenkung. Jeden Tag und jeden Abend war ich unterwegs, machte zwar Sport, nahm aber auch Drogen, besuchte Musikfestivals, auf denen ich vorher noch nie gewesen war, begann eine Liaison mit einer Frau, hing ständig in Bars herum und wollte einfach weiterhin alles ausprobieren, was ich nicht kannte. Meine körperlichen Symptome waren noch relativ zurückhaltend und ich fühlte mich stark und gut. Ich genoss die Intensität des Augenblicks und hatte keine Lust, mir ernsthafte Gedanken über die Zukunft zu machen, mir von der Diagnose meinen Lebensstil verändern zu lassen.“

(S. 19)

Letzteres merkt man der Autorin über das ganze Buch hinweg dann auch an. Sie selbst geht davon aus, dass sie vielleicht noch zehn gute Jahre hat und lässt einen in dem Buch daran teilhaben, wie sie die ersten fünf Jahre davon verlebt. Mal zieht es sie raus aus der Stadt um allein auf Wanderungen zu gehen und Ruhe in der Natur zu finden, mal lernt sie Fremdsprachen wie Portugiesisch und Arabisch, nimmt Surfunterricht, übt sich im Kraulschwimmen, macht einen Tandem-Gleitschirmflug und lässt sich von zahlreichen Dingen begeistern, die sie alle noch lernen möchte. Dabei wirft sie immer auch ausgiebige Blicke zurück auf ihr von Kindheit an durch Reiselust geprägtes Leben und lässt auch den Einfluss von Familie und Freunden nicht unerwähnt. Insgesamt war mir das ab einem gewissen Punkt allerdings zu viel, weil ich den Eindruck hatte, dass es in diesem Buch nicht um ein Leben mit der Erkrankung Parkinson geht, sondern viel mehr um die Verdrängung der Krankheit und nicht zuletzt vor allem auch der ständigen Flucht davor, sich damit auseinandersetzen zu müssen.

„Denn eins wusste ich inzwischen: dass es ein wirklich langer und holpriger Weg ist, bis man einigermaßen ins Reine kommt mit sich, wenn man mit so einer Diagnose wie Parkinson konfrontiert ist. Und dass da jeder und jede einen ganz eigenen Rhythmus für hat.“

(S. 56)

Der Weg von Pamela Spitz mit der Krankheit umzugehen ist wohl einer von vielen und als sich ihr Mister Parkinson nicht mehr verleugnen lässt, versucht sie mit Schamanismus, Ayurveda, Naturheilmitteln, Nahrungsergänzungsmitteln, Entgiftung und Entschlackung des Körpers und der Wiedererlangung der körperlichen Fitness ihren Mister P. zu besänftigen, auch wenn er sich leider nicht aufhalten lässt.

„Ich erzählte von meiner Bewältigungsstrategie, möglichst immer alles positiv zu sehen, von meinen guten Erfahrungen mit der Ernährungsumstellung und dass ich mich eigentlich so gesund wie noch nie fühlte, abgesehen von Parki.“

(S. 120)

Es bleibt ihr zu wünschen, dass das noch möglichst lange so für sie funktioniert und die Forschung in Zukunft vielleicht doch etwas findet, das den an Morbus Parkinson Erkrankten bahnbrechend weiterhilft.

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Pamela Spitz
Wanderlust mit Mister Parkinson: Meine Reisen in die Ferne und zu mir selbst
Broschiert, 288 Seiten
ISBN: 978-3462055108
Preis: 18,00 € [D]
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erschienen: 19.08.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag kostenlos für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

erLESENer August 2021

Im Lesemonat August sprang ich vom Hochhaus, fristete mein Leben in einem palästinensischen Flüchtlingslager, stand meiner Freundin in den letzten Wochen ihres Lebens bei, versuchte meine Ehe zu retten, pflegte einen Briefkontakt zu einem mir völlig Fremden, erfuhr was es heißen kann ein Wirtschaftsflüchtling zu sein und spürte chinesische Zerrissenheit.

Bücherwelten – lesen über alle Grenzen hinweg.

Der Sprung von Simone Lappert: Ein Sammelsurium von Figuren unterschiedlichen Alters und verschiedener Gesellschaftsschichten, die allesamt mit ihren eigenen Herausforderungen des Lebens beschäftigt sind und mit der jungen Frau, die vom Hochhaus springen will, direkt oder indirekt in Verbindung stehen. Großartig!

Während die Welt schlief von Susan Abulhawa: BUCHweltreise Palästina: Ein Roman mit schönem sprachlichen Klang, durchsetzt von arabischen Worten und Ausdrucksformen, die zu Herzen gehen und berühren. Aber es ist vor allem auch ein Roman voller Brutalität rund um den Nahost-Konflikt. Empfehlenswert! 

Was fehlt dir von Sigrid Nunez: Weil der Tod trotz Chemotherapie unausweichlich ist, beschließt sie den Zeitpunkt ihres Todes mit Hilfe von Tabletten selbst bestimmen zu wollen und bittet die Ich-Erzählerin ihr in den letzten Wochen oder Monaten ihres Lebens zur Seite zu stehen. Ein recht spezielles, aber doch gelungenes Buch, das viele Denkanstöße mitbringt.

Der Brand von Daniela Krien: Momentaufnahme einer altgewordenen kriselnden Ehe und anderen Konflikten. Gute Schreibweise, aber es werden viele Themen aufgemacht und dann nur oberflächlich abgefrühstückt. Insgesamt doch eher enttäuschend.

I get a bird von Anne von Canal und Heikko Deutschmann: Als Jana plötzlich ihre vor drei Jahren verlorene Agenda plötzlich zugeschickt bekommt, entspinnt sich zwischen ihr und dem Finder eine immer intensiver werdende Korrespondenz. Ein humorvoller und berührender Briefroman.

Nastjas Tränen von Natascha Wodin: BUCHweltreise Ukraine: Die Autorin erzählt die Geschichte ihrer ukrainischen Putzfrau, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im wirtschaftlichen Chaos der sich rasant entwickelnden Oligarchie in der ehemaligen Teilrepublik der UdSSR nicht mehr genug zum überleben hat und mit einem Touristenvisum in Berlin landet, um dort den Lebensunterhalt für sich und ihre Familie zu verdienen. Berührend und empfehlenswert!

Ist es nicht schön hier von Te-Ping Chen: BUCHweltreise China: Hellwach und mit genauem Blick für komische Momente zeichnet die Autorin in 10 Kurzgeschichten Figuren zwischen Tradition und Hypermoderne nach, die nach Halt und einem Zuhause suchen. Macht Lust auf mehr!

Ist es nicht schön hier – Te-Ping Chen

Te-Ping Chen, geboren 1985 in Berkeley, Kalifornien,  ist eine amerikanische Journalistin und Autorin, die derzeit in Philadelphia lebt. Sie arbeitet für das Wall Street Journal und war zuvor für die Zeitung als Korrespondentin in Beijing und Hong Kong tätig. Sie schrieb dort über Politik, Gesellschaft und Menschenrechte. Texte von ihr erschienen im New Yorker, Granta, Tin House und The Atlantic. Ihre Debütgeschichtensammlung „Land of Big Numbers“ wurde in Barack Obamas Sommerleseliste 2021 aufgenommen. Und ich hatte Lust im Rahmen meiner BUCHweltreise einen Ausflug nach China zu machen und griff daher zu der deutschen Übersetzung.

Te-Ping Chen erzählt in zehn Storys vom Leben im Land der Superlative: China. Hellwach und mit genauem Blick für komische Momente zeichnet sie Figuren zwischen Tradition und Hypermoderne, die nach Halt und einem Zuhause suchen. Dabei berichtet sie von der Sehnsucht im staatlichen Gefüge Anerkennung zu erlangen, aber auch davon was passieren kann, wenn man sich nicht abfinden und ins System einfügen kann. Gegenstand der Erzählungen sind fantasievolle und manchmal auch leise Systemkritik, unüberwindbare Kulturunterschiede oder wie intensiv die Liebe und die Sehnsucht nach ihr sein kann, auch wenn sie nicht vor der im westlichen Sinne verstandenen Leidenschaft überkocht.

Strenge gesellschaftliche Konventionen und staatliche Vorgaben schwingen im Hintergrund immer mit und lassen den Drahtseilakt erahnen, in den die Protagonisten geraten, wenn sie von der Norm abweichen. Die Geschichten sind intensiv und auch wenn die Protagonisten einem nicht unbedingt nah kommen, so fiebert man doch meist mit ihnen mit, weil der Autorin gefühlvolle und bildhafte Beschreibungen gelingen, ohne sich in unnötigen Details zu verlieren.

Auch wenn die Geschichten jeweils in sich abgeschlossen sind und zu ihren ganz eigenen Enden finden, hatte ich beim Lesen doch das Bedürfnis etwas Längeres von der Autorin zu lesen. In manchen Storys hätte ich mich gerne noch etwas länger aufgehalten, da ich den Schreibstil von Te-Ping Chen sehr mochte. Aber vielleicht hat die Autorin ja ein einsehen und verfasst nach ihrem beeindruckenden Debüt irgendwann auch einen Roman. Es würde mich freuen!

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Te-Ping Chen
Ist es nicht schön hier
Hardcover, 251 Seiten
ISBN: 978-3351050818
Preis: 22,00 € [D]
Verlag: Aufbau Verlag
Erschienen: 16.08.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag kostenlos für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Foto der Woche – 35/2021

So unschuldig sieht diese von der Spitze angefangene Socke aus, aber sie hat es faustdick hinter den…Fäden. Immerhin ist das Muster bei diesem Versuch auch tatsächlich auf der richtigen Seite zu sehen. Ja, ja,…shit happens… Denn so weit war ich schon einmal und habe mich dann doch entscheiden müssen wieder alles aufzuribbeln.

Momentan übe ich mich gerade im rückwärtsstricken und bin nun an der Stelle angekommen, an der ich einen neu eingefügten Fehler beheben konnte. Jetzt könnte es eigentlich wieder weiter gehen, aber richtig sieht das ganze immer noch nicht aus. Da muss ich noch ein wenig nachbessern, dabei leise in mich reinfluchen und hoffen, dass es künftig um meine Konzentration besser bestellt sein wird. Langweilig ist das Sockenstricken wirklich nicht und die Socke Holly [Werbung] finde ich wunderschön, aber auch herausfordernd.

Nastjas Tränen – Natascha Wodin

Aufmerksam wurde ich auf Natascha Wodin durch ihr Buch „Sie kam aus Mariupol“ für das sie mit dem Buchpreis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde und in dem sie die Lebensgeschichte ihrer Mutter rekonstruierte, die von den Nazis als Zwangsarbeiterin aus der Sowjetunion deportiert wurde und sich 1956 in der Bundesrepublik Deutschland das Leben nahm. Natascha Wodin selbst wurde 1945 in einem Lager für Displaced Persons in Fürth geboren und erzählt von ihrer Jugend und ihrem Vater in „Nirgendwo in diesem Dunkel“. Und auch in ihrem neuen Roman „Nastjas Tränen“ verarbeitet sie wiederum eigene Erlebnisse literarisch.

Im Mittelpunkt steht Nastja, eine 1942 im Westen der Ukraine geborene Tiefbauingenieurin, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im wirtschaftlichen Chaos der sich rasant entwickelnden Oligarchie in der ehemaligen Teilrepublik der UdSSR nicht mehr genug zum überleben hat. Ihr letztes Gehalt bekommt sie in Form eines Säckchens Reis ausgezahlt – zu wenig, um sie und ihren Enkelsohn zu ernähren. Sie kratzt das Geld für ein Touristenvisum und eine Zugfahrt nach Berlin zusammen, schlüpft bei ihrer Schwester unter, verdient sich fortan ihren kleinen sparsamen Lebensunterhalt als Putzfrau und unterstützt mit dem übrigen Geld ihre Familie in der Ukraine.

Als Natascha Wodin 1992 aus der Südpfalz nach Berlin zieht, sucht sie jemanden, der ihr beim Putzen hilft. Sie gibt eine Annonce auf, und am Ende fällt die Wahl auf Nastja aus der Ukraine, dem Land, aus dem Natascha Wodins Eltern stammten, die im Zweiten Weltkrieg als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt wurden.

„Die Treppe herauf kam eine sehr schmale, schüchtern wirkende Frau, die etwa fünfzig Jahre alt sein mochte, aber aussah wie ein Mädchen. Sie trug Jeans und einen Rucksack auf den Schultern, auf den ersten Blick hätte man sie für eine typische Erscheinung der Prenzlauer-Berg-Szene halten können, doch bei näherem Hinsehen verrieten das altmodische, verwaschene Blüschen und die manierliche Haarspange die Herkunft aus einem anderen Teil der Welt.“

(S. 9)

Doch kaum ist Nastjas Visum abgelaufen, schlittert sie in das Leben einer Illegalen, wird Teil der riesigen Dunkelziffer an Untergetauchten im Dickicht der neuen, noch wildwüchsigen deutschen Hauptstadt. Für Natascha Wodin ist es, als würde sie von ihrem Schicksal erneut eingeholt. Im Heimweh dieser Ukrainerin, mit der sie mehr und mehr eine Freundschaft verbindet, erkennt sie das Heimweh ihrer Mutter wieder, die daran früh zerbrochen ist. Sie fühlt sich der Frau verbunden und versucht ihr dabei zu helfen, in Deutschland Fuß zu fassen. Doch ein Teil ihrer Hilfsaktionen führt zu grotesken Situationen und absurden Wendungen in Nastjas Leben. Zwar bekommt sie die deutsche Staatsangehörigkeit, aber nur über eine üble Heirat und muss dafür auch ihren ukrainischen Pass abgeben. Doch es ist nicht jedem möglich in der östlichen und westlichen Welt gleichzeitig zu leben und als Nastja dann irgendwann doch in die Ukraine zurückkehren will, muss sie feststellen, dass ihr jetzt nur noch ein befristetes Touristenvisum für ihre Heimat zusteht.

Eine sehr berührende Geschichte, auch aufgrund ihres authentischen Charakters. Denn Nastja ist keine rein fiktive Romanfigur, sondern hat ein reales Vorbild, das einen gleichzeitig den Schrecken von stalinistischen Terror, nationalsozialistische Verbrechen, sowjetische Diktatur und den Zusammenbruch des Sozialismus erahnen lässt. Das macht jedoch auch das Verhalten und die Ängste Nastjas begreifbar und nachvollziehbar, ihre Zerrissenheit und ihr ausgeliefert und ergeben Sein in Situationen und Begebenheiten, die eigentlich kaum zu ertragen sind.

Natascha Wodins Sprache ist dabei eher nüchtern und doch gelingt es ihr, bei der Geschichte einen Sog zu entwickeln, der nicht mehr los lässt. Es ist ein wenig so, als nähme man gegenüber der Autorin Platz und ließe sich von ihr in aller Ruhe diese besondere Geschichte rund um ihre Putzfrau erzählen. Eine Geschichte von Unsicherheiten, Ungerechtigkeiten, aber auch von dem leisen Kampf ums Überleben, von Heimat, dem Verlust derselben und den doch immer bleibenden Wurzeln. Empfehlenswert!

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Natascha Wodin
Nastjas Tränen
Hardcover, 192 Seiten
ISBN:  978-3498002602
Preis: 22,00 € [D]
Verlag: Rowohlt
Erschienen: 17.08.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag kostenlos für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

I get a bird – Anne von Canal, Heikko Deutschmann

Briefromane mag ich gern, von Anne von Canal wollte ich immer mal etwas lesen und dass dieser Roman im mare Verlag erschienen ist, einem von mir hochgeschätzten Verlag, von dem mich bislang noch kein Buch enttäuschte, gab wohl den entscheidenden Ausschlag dafür, dass ich mich für dieses Buch interessierte. Kein Fehlgriff, denn ich habe bis zum Schluss immer wieder gern zu „I get a bird“ gegriffen, um die Protagonisten besser kennenzulernen und zu erfahren, was es mit ihrer Geschichte auf sich hat.

Eines Tages erhält Jana (Jahrgang 1971), eine als Fahrradkurier jobbende Zukunftsforscherin aus Freiburg, ein Paket von einem ihr unbekannten Mann. Der in einer Tagesklinik behandelte Busfahrer Johan (Jahrgang 1972) schickt ihr einen Kalender zurück, den sie vor drei Jahren in einer Telefonzelle in Neumünster vergessen hat. Es entspinnt sich eine immer intensiver werdende Korrespondenz zweier Fremder.

„Ich erzähle Ihnen von meinem Alltag, weil ich hoffe, dass es Sie aus dem Konzept bringt, von etwas zu lesen, das weder mit Ihnen noch mit diesem Päckchen zu tun hat. Ich will einen Raum schaffen für die fällige Entschuldigung. Einen tatsächlichen Raum. Ich möchte, dass Sie sie hören, sie wahrnehmen.“

(S. 13)

Während Johan der verlorene Kontakt zu seiner Tochter aus der Bahn geworfen hat, reißt sein Paket bei Jana ebenfalls alte Wunden auf. Bald finden die Schreibenden heraus, dass ihre Biografien nicht nur ungeahnte Parallelen haben, sondern auch eine ganz konkrete Überschneidung in der Vergangenheit. Allmählich werden ihre Gedanken klarer, sie reagieren immer mehr auf einander und lernen sich immer besser durch den Briefkontakt kennen.

„Alles, was ich erzähle, beinhaltet gleichzeitig auch alles, was ich nicht erzähle. Alles, was ich beschreibe, ist bereits eine Interpretation, selbst wenn ich eisern auf Kommentare verzichte. Egal, was und wie ich es am Ende formuliere – es ist doch meine Geschichte, meine Auswahl, meine Sicht. Subjektiv verzerrt.“

(S. 177)

Doch sie philosophieren nicht nur über die Begebenheiten in ihrem kleinen Mikrokosmos am Rande der Gesellschaft, sondern erreichen durch das Schreiben einander und finden wieder den Kontakt zu ihren eigenen Lebensgeschichten, die auch für den Leser dieses Briefromans nach und nach begreifbar werden.

Abgebildet werden 5 Monate Briefwechsel der Protagonisten, tatsächlich schrieben sich die beiden Autoren jedoch zwei Jahre lang für diesen Briefroman, ohne je etwas anderes abzusprechen als den Anfang. Alles Weitere überließen sie den Figuren und der Zeit. Entstanden ist ein wendungsreicher, gelegentlich humorvoller, vor allem aber berührender Briefwechsel.

Anne von Canal, geboren 1973, ist Autorin und Übersetzerin. Ihre schriftstellerische Arbeit wurde mit einem Werkstipendium des Deutschen Literaturfonds und zahlreichen internationalen Aufenthaltsstipendien ausgezeichnet. Bei mare erschienen ihre Romane „Der Grund“ (2014) und „Whiteout“ (2017) sowie der Inselband „Mein Gotland“ (2020).

Heikko Deutschmann lebt als Schauspieler, Autor und Filmemacher in Berlin. Seiner Leidenschaft fürs Lesen und Vorlesen verdanken sich zahlreiche preisgekrönte Hörbücher. „I get a bird“ ist das erste Buch, das er unter eigenem Namen veröffentlicht.

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Anne von Canal, Heikko Deutschmann
I get a bird
Hardcover, 272 Seiten
ISBN: 978-3866486829
Preis: 22,00 € [D]
Verlag: mare
Erschienen: 24.08.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag kostenlos für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Foto der Woche – 34/2021

Auch in dieser Woche waren wir mehrfach unterwegs um einen Blick auf die zahlreichen Graffitis in der Nachbarstadt erhaschen zu können. Aber manchmal ist auch das Drumherum einfach schön, wie diese Blüte, die ich in einem Blühstreifen gleich in der Nähe einer Mauer am Rand einer wildwuchernden Wiese entdeckt habe. Auf diesem Bild ist zwar nur eine Blüte zu sehen, aber tatsächlich wurde hier der Tisch für die Insekten reich gedeckt. Nicht nur schön fürs Auge…

Der Brand – Daniela Krien

Lang ist es her, seit ich zuletzt an einer Leserunde bei Lovelybooks teilgenommen habe. Doch als ich die Leseprobe zu „Der Brand“ von Daniela Krien gelesen hatte, bewarb ich mich spontan dafür und hatte Glück. Es war interessant das Buch von den vielen unterschiedlichen Lesenden in der Leserunde beleuchtet zu sehen und mit den eigenen Eindrücken zu vergleichen.

Daniela Krien glänzt mit einer lockeren Schreib- und Ausdrucksweise, die einen niveauvoll, aber unauffällig durchs Buch treibt und dabei das Ambiente, sowie die Situationen und Gefühlswelten der Protagonisten nachvollziehbar macht. Dabei liest sich „Der Brand“ fast wie von selbst. Die Handlung ist eher schlicht, es passiert nichts Dramatisches, das Buch ist aber dennoch nicht langweilig.

Nach beinahe dreißig gemeinsamen Jahren haben Rahel (49, Psychologin) und Peter (55, Literaturprofessor) die Nähe zu einander verloren. Als die befreundete siebzigjährige Ruth sie bittet ihren Gutshof in der Uckermark samt Tieren für drei Wochen zu versorgen, weil sie mit ihrem schwerkranken Mann zur Reha muss, sagen sie zu. Plötzlich sind sie zurückgeworfen auf sich selbst und auf die Gesellschaft des anderen. Ganz allmählich und eher zögerlich kommen Wut und Hilflosigkeit, aber auch Unausgesprochenes und Verdrängtes zutage. Der Leser bekommt einen Eindruck, was im Laufe der Jahre entscheidendes zwischen den beiden vorgefallen ist, aber die Beziehung wirkt dabei nicht völlig aussichtslos, jedoch sehr zerbrechlich. 

Die Geschichte ist nicht ungewöhnlich und wenn man selbst nicht bereits die bleierne Schwere einer altgewordenen Ehe erlebt hat, so kennt man dies doch bereits aus dem Umfeld oder aus Erzählungen. „Was tun, wenn die Liebe älter wird?“ hat dabei als Rahmenhandlung durchaus Potential und bietet genug Stoff für einen ganzen Roman, wenn man es wagt genauer hinzusehen und auszuerzählen. Aber der Roman kratzt meist nur freundlich an der Oberfläche.

Viele Themen werden blitzlichthaft kurz beleuchtet ohne dabei wirklich in die Tiefe zu gehen. So dreht sich das Buch neben der Eheproblematik und Peters damit verbundener Verweigerung körperlicher Nähe, auch um Rahels schwieriges Verhältnis zu ihrer Tochter und ihrem eigenen Tochtersein. Zusätzlich ist das Buch gespickt mit aktuellen Themen, was in der Menge jedoch eher gewollt wirkt und den Eindruck erweckt, als arbeite die Autorin einen umfangreichen Themenkatalog ab. Das hat zur Folge, dass man viele interessante Allgemeinbetrachtungen und Stammtischsätze liest, denen ich als Leserin im ebenfalls mittleren Alter wohl auch meist zustimmen mag, die insgesamt jedoch eher oberflächlich bleiben.

Vieles plätschert einfach dahin und nach 272 Seiten ist das Buch plötzlich und irgendwie unerwartet zuende. Einigen der größeren aufgemachten Themen hätten sicherlich noch ein paar zusätzliche Seiten gut getan. Das hätte vielleicht dem Gefühl entgegengewirkt, dass dieser Roman nicht zuende erzählt worden ist. Auch wenn mir bewusst ist, dass sich für diese Art von Lebens-, beziehungsweise Liebesgeschichten nicht das ultimative Ende finden lässt, ohne dabei in Kitsch oder Pessimismus abzudriften, bleibt diese Momentaufnahme einer kriselnden Ehe doch eher unbefriedigend.

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Daniela Krien
Der Brand
Hardcover, 272 Seiten
ISBN: 978-3257070484
Preis: 22,00 € [D]
Verlag: Diogenes
Erschienen: 28.07.2021

Das Buch wurde mir im Rahmen der Leserunde bei Lovelybooks freundlicherweise vom Verlag kostenlos zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Frisch auf dem Buchmarkt: August 2021

Im August gibt es einige Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt zu entdecken, die das Leseherz höher schlagen lassen. Aufgefallen ist mir Gesa Neitzel, die sich während ihrer Ausbildung zum Safari-Guide nicht nur in Afrika verliebt; Gifty, die mit schmerzhaften Kindheitserinnerungen zu kämpfen hat, weil ihr Vater in seine Heimat Ghana zurückkehrte; eine Sammlung, die vom Glück wunderbarer Lesestunden und von Büchern, die ein Leben verändern können erzählt; eine Geschichte, in der die gesamte Menschheit, bis auf einen verhinderten Selbstmörder ausgelöscht wird; eine außergewöhnliche Freundschaft, die zwischen Paris, Patagonien, Buenos Aires und New York spielt; eine Sammlung von Geschichten über das heutige Leben in China; eine Tiefbauingenieurin, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit Putzjobs zu überleben versucht; Pamela Spitz, die mit Anfang Vierzig erfährt, dass sie Morbus Parkinson hat und lernt wahrhaft im Moment zu leben; die Rajah, die hundertachtzig Frauen, die in England für kleinere Straftaten verurteilt wurden, nach Tasmanien bringen soll; ein idealistisches Zoologenpaar, das sich ein Leben in der Einsamkeit der westrussischen Wälder aufbauen wollte; Rüdiger Safranski, der fragt wie wir damit zurecht kommen, auf uns allein gestellt zu sein; ein nigerianisches Mädchen, das darum kämpft zur Schule gehen zu dürfen und die Frage was wohl wäre, wenn wir in entscheidenden Momenten des Lebens eine andere Wahl getroffen hätten.

Aber schaut selbst, vielleicht ist ja auch für euch etwas Interessantes dabei:

02.08.2021: Löwenherzen: Zwei unterwegs in Afrika von Gesa Neitzel: Gesa Neitzel hat sich während ihrer Ausbildung zum Safari-Guide verliebt – nicht nur in Ranger Frank, sondern auch in den afrikanischen Kontinent, mit all seinen Facetten, Farben und Herausforderungen. Das junge Paar begibt sich auf einen faszinierenden wie waghalsigen Roadtrip quer durchs südliche Afrika: Botswana, Namibia und Sambia. Sie schlafen in einem kleinen Dachzelt auf dem klapprigen Land Rover, begegnen Flusspferden in wackeligen Kanus, Wüstenlöwen beim Reifenwechsel und immer wieder der Frage nach der gemeinsamen Zukunft. Ein Abenteuer im wahren wilden Afrika.

13.08.2021: Ein erhabenes Königreich von Yaa Gyasi: Mit dem Auftauchen ihrer Mutter, die sich ins Bett legt und auf nichts mehr reagiert, kehren in Gifty die schmerzhaftesten Kindheitserinnerungen zurück: das Verschwinden des Vaters, der in seine Heimat Ghana zurückging, der Tod des geliebten Bruders und die Depression der Mutter angesichts dieser Verluste. Ihre Familiengeschichte hat dazu geführt, dass Gifty als erwachsene Frau ihren Glauben gegen die Neurowissenschaften eingetauscht hat. Sie ist davon überzeugt, dass sich Depression und Abhängigkeit, und damit Trauer und Leid, durch entsprechende Behandlung verhindern lassen. Doch die Angst um ihre Mutter, die fest verankert in ihrer Religion stets allen Schwierigkeiten im weißen Amerika gewachsen war, lässt Gifty an beidem zweifeln: Kann nur die unbestechliche, aber seelenlose Wissenschaft ihr die Mutter zurückbringen oder gelingt das allein den herzerwärmenden Erlösungsversprechen der Kirche? Die bewegende Geschichte einer Familie, exemplarisch für die vom Rassismus geprägte amerikanische Gesellschaft.

16.08.2021: Lektüre zwischen den Jahren: Tage des Lesens von Gesine Dammel: »Es gibt vielleicht keine Tage unserer Kindheit, die wir so voll erlebt haben wie jene …, die wir mit einem Lieblingsbuch verbracht haben«, heißt es bei Marcel Proust. Bücher begleiten uns durchs Leben. Als Kinder sind wir fasziniert von den fremden Welten und fernen Ländern, in die Bücher uns entführen, und von den ungeahnten Abenteuern, die sie für uns bereithalten. Eine Faszination, die ein Leben lang hält. Was gibt es Schöneres und Entspannenderes, als sich mit einem Lieblingsbuch zurückzuziehen, wenn es draußen stürmt, schneit oder regnet? Den Alltag, einmal hinter sich zu lassen und neue Lebenswelten kennenzulernen – und ganz nebenbei auch sich selbst: denn »vielleicht gehört es überhaupt zum Genuss des Lesens, dass man den Reichtum seiner eigenen Gedanken entdeckt«. (Max Frisch) Vom Glück wunderbarer Lesestunden und von Büchern, die ein Leben verändern können, erzählen die hier versammelten Autorinnen und Autoren: Marcel Proust, Hanns-Josef Ortheil, Wilhelm Schmidt, Erling Kagge, Penelope Fitzgerald, Eva Demski, Ulrike Draesner u.v.a.

16.08.2021: Dissipatio humani generis von Guido Morselli: Am 2. Juni um 2 Uhr morgens verschwindet die gesamte Menschheit, lautlos und ohne Spuren zu hinterlassen. Zurück bleiben die Sachen und die Tiere, die sich schon bald mit wachsender Furchtlosigkeit hervorwagen, um die Erde wieder in ihren Besitz zu nehmen. Übriggeblieben ist außerdem: ein einziger Mensch, ein Einzelgänger, der mit der Welt nicht zurechtkam und sich in ebendieser Nacht das Leben nehmen wollte. In einer paradoxen Umkehrung wird der verhinderte Selbstmörder nun zum einzigen Repräsentanten menschlichen Lebens, zur Menschheit schlechthin. Offen bleibt dabei die Frage, ob er, der einzig verschont Gebliebene, ein Auserwählter oder ein Verdammter ist. Geschrieben kurz vor dem Freitod des Autors, ist Dissipatio ein visionäres Porträt unserer heutigen Zeit, ein philosophisches Vermächtnis und das Testament eines großen italienischen Solitärs.

16.08.2021: Flucht nach Patagonien von Jana Revedin: „Ich liebe Anfänge. Anfänge erfüllen uns mit Erstaunen.“ Eugenia Errázuriz Februar 1937: Eugenia Errázuriz, die einflussreichste Kunstmäzenin der Pariser Moderne, hat die Karrieren von Coco Chanel, Pablo Picasso und Blaise Cendrars gefördert. Jetzt lädt sie den jungen jüdischen Innenarchitekten Jean-Michel Frank auf eine Reise nach Patagonien ein. Sie hat ihr gesamtes Vermögen in den Bau des ersten Grandhotels der Anden investiert, das ihn weltweit bekannt machen soll. In Wahrheit ist dieses Projekt am südlichsten Ende der Erde aber ihre gemeinsame Flucht aus Europa, das sie von Hitler und dem Nationalsozialismus bedroht sieht. Jana Revedin erzählt die Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft zwischen Paris, Patagonien, Buenos Aires und New York.

16.08.2021: Ist es nicht schön hier von Te-Ping Chen: Ein großartiges Debut über das Leben in China heute – von einer spektakulären neuen Stimme »Ein leuchtendes Debüt. Fängt die unterschiedlichsten Leben in China heute ein.« Harper’s Bazaar »Spektakulär geschrieben, zeigt meisterhaft die Schönheit und Widersprüchlichkeit von China heute. Virtuose Gesellschaftskritik und Liebeserklärung zugleich.« Elle »Ein blendender Band. Te-Ping Chen folgt denen, denen alles gelingt, und den Träumern. Auch wenn die Figuren die politischen Ereignisse, die China prägen, nie direkt erwähnen, ist klar, dass sie sie bis in die Gegenwart verfolgen.“ The New York Times Book Review Ein junger Mann wird erfolgreicher Gamer, während seine Schwester Lulu im Netz die kommunistische Regierung kritisiert, bis sie von der Polizei abgeholt wird. Eine junge Frau arbeitet als Hotline Girl bei einem Callcenter im Beschwerde-Management und hat unverhofft ihren früheren Lover in der Leitung. Und Xiaolei macht sich voller hochfliegender Träume auf den Weg in die Mega-City Shanghai, landet aber in einem Blumenladen. In ihrem Debut erzählt Te-Ping Chen in zehn Storys vom Leben im Land der Superlative: China. Hellwach und mit genauem Blick für komische Momente zeichnet sie Figuren zwischen Tradition und Hypermoderne, die nach Halt und einem Zuhause suchen – rasant, irrwitzig, gut.

17.08.2021: Nastjas Tränen von Natascha Wodin: Als Natascha Wodin 1992 nach Berlin kommt, sucht sie jemanden, der ihr beim Putzen hilft. Sie gibt eine Annonce auf, und am Ende fällt die Wahl auf eine Frau aus der Ukraine, dem Herkunftsland ihrer Mutter, die im Zweiten Weltkrieg als Zwangsarbeiterin nach Deutschland verschleppt wurde. Nastja, eine Tiefbauingenieurin, konnte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im wirtschaftlichen Chaos ihrer Heimat nicht mehr überleben – ihr letztes Gehalt bekam sie in Form eines Säckchens Reis ausgezahlt. Da sie ihren kleinen Enkelsohn und sich selbst nicht länger ernähren kann, steigt sie, auf etwas Einkommen hoffend, in einen Zug von Kiew nach Berlin. Dort gelingt es ihr, mehrere Putzjobs zu finden, nach getaner Arbeit schläft sie auf dem Sofa ihrer Schwester. Zu spät bemerkt sie, dass ihr Touristenvisum abgelaufen ist. Unversehens schlittert sie in das Leben einer Illegalen, wird Teil der riesigen Dunkelziffer an Untergetauchten im Dickicht der neuen, noch wildwüchsigen deutschen Hauptstadt. Für Natascha Wodin ist es, als würde sie von ihrem Schicksal erneut eingeholt. Im Heimweh dieser Ukrainerin, mit der sie mehr und mehr eine Freundschaft verbindet, erkennt sie das Heimweh ihrer Mutter wieder, die daran früh zerbrochen ist. Jetzt, Jahre später, zeichnet sie mit verhaltener, tief anrührender Poesie das Porträt von Nastja, einer kämpferischen Frau.

19.08.2021: Wanderlust mit Mister Parkinson: Meine Reisen in die Ferne und zu mir selbst von Pamela Spitz: Wie umgehen mit der Nachricht, dass das eigene Leben kürzer sein wird als gedacht? Ehrlich und humorvoll erzählt die Fotojournalistin, Globetrotterin und Wanderliebhaberin Pamela Spitz von ihrem Leben mit Parkinson, nimmt uns mit auf ihre zahlreichen Reisen rund um den Globus – und steckt uns an mit ihrem Optimismus und ihrer Lebensfreude. Pamela Spitz ist Anfang Vierzig und gerade glücklich geschieden, als sie erfährt, dass sie Morbus Parkinson hat, eine unheilbare, langsam fortschreitende neurologische Erkrankung. Anfangs stürzt sie sich in das Klubleben Berlins, atemlos und exzessiv, doch schnell merkt sie, dass sie sich ab jetzt nur noch auf die Dinge konzentrieren sollte, die sie wirklich glücklich machen: auf das Reisen und das Schreiben. Und dass sie nur noch das tun sollte, was sie schon immer tun wollte. Unter dem Motto: Noch zehn gute Jahre, dann ist eh Schluss. Aber wie lernt man, wahrhaft im Moment zu leben? Auf der Suche nach Antworten durchstreift Pamela Spitz das Hinterland Portugals, lernt Surfen im Atlantik, wandert durch den Dschungel Costa Ricas und die Wüste Negev in Israel, stellt sich ihren jüdischen Wurzeln, lernt Arabisch in Ramallah, macht eine außergewöhnliche Kur in Indien, besucht ihre Schwester in Brasilien – und begibt sich auf die Spuren ihrer Kindheit in Ecuador und auf Formentera. In einem erfrischend lässigen und humorvollen Ton nimmt uns Pamela Spitz mit auf ihre Reisen in die Ferne und zu sich selbst.

20.08.2021: Niemandsmeer von Hope Adams: Zweihundert verurteilte Frauen, eine Tote, eine Mörderin. Wer hat mehr Schuld als alle anderen auf sich geladen? Ein fesselnder historischer Kriminal-Roman von Hope Adams, inspiriert von einer wahren Geschichte. Juli 1841, irgendwo im Südlichen Ozean: Die »Rajah« soll hundertachtzig Frauen, die in England für kleinere Straftaten verurteilt wurden, nach Tasmanien bringen. Während der Reise will die junge Aufseherin Kezia mit einigen von ihnen eine Patchwork-Decke nähen. Was niemand weiß: Eine der Frauen wurde wegen Mordes zum Tode verurteilt und hat sich unter falscher Identität an Bord gestohlen. Und dann wird eine andere Gefangene hinterrücks ermordet. Zusammen mit dem Kapitän, dem Schiffsarzt und dem Reverend muss Kezia herausfinden, wer mehr Schuld als alle anderen auf sich geladen hat, und warum. Der packende historische Kriminal-Roman »Niemandsmeer« beruht auf einer wahren Geschichte: Die »Rajah« segelte tatsächlich 1841 mit rund zweihundert verurteilten Frauen nach Tasmanien, und auch Kapitän Charles Ferguson, Kezia Hayter und ihr Patchwork-Projekt sind historisch belegt.

23.08.2021: Phon von Marente de Moor: „Vielleicht dreht sich das Leben ja darum, welche Geschichte wir beschließen zu erzählen.“ – Der neue Roman von Marente de Moor. Manchmal klingt es wie Trompetenstöße. Dann, „als würde Gott Möbel verrücken“. Die seltsamen Geräusche, die seit einiger Zeit am Himmel zu hören sind, verheißen nichts Gutes. Aber wann war es das letzte Mal gut, denkt Nadja. Was ist geblieben von dem Leben, das sie und Lew, ein idealistisches Zoologenpaar, sich in der Einsamkeit der westrussischen Wälder aufbauen wollten. Denn mit den Geräuschen kommen auch die anderen, dunklen Erinnerungen. Unverhohlen erzählt Nadja ihre verhängnisvolle Geschichte. Doch kann man ihr trauen? Ein flirrendes psychologisches Verwirrspiel, fesselnd bis zur letzten Seite. So sinnlich wie subtil dringt es in die dunklen Seiten der Natur und des Menschen.

23.08.2021: Einzeln sein: Eine philosophische Herausforderung von Rüdiger Safranski: Wie kommen wir damit zurecht, auf uns allein gestellt zu sein? Rüdiger Safranski über den Gegensatz zwischen Individuum und Gesellschaft. Eine ganz besondere Geschichte der Philosophie. Jeder Mensch ist zunächst einmal ein Einzelner. Das kann zur Belastung werden, vor der ein Leben in Gemeinschaft schützt, das kann aber auch den Ehrgeiz wecken, die eigene Individualität zu kultivieren. Zwischen beiden Polen unserer Existenz hat es immer wieder eindrucksvolle Versuche gegeben, einzeln zu sein. Davon erzählt Rüdiger Safranski in seinem neuen Buch. Er beginnt bei Michel de Montaigne und führt über Rousseau, Diderot, Kierkegaard, Stirner und Thoreau bis zur existentialistischen Philosophie des 20. Jahrhunderts. Dabei nähert er sich aus immer anderen Richtungen der Frage, wie weit wir es ertragen, Einzelne zu sein – eine Frage, die sich ganz überraschend in unser alltägliches Leben gedrängt hat.

27.08.2021: Das Mädchen mit der lauternen Stimme von Abi Daré: Die vierzehnjährige Adunni weiß genau, was sie will: Bildung. Denn das ist der einzige Weg für ein nigerianisches Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen, Unabhängigkeit zu erlangen und den eigenen Träumen ein Stück näherzukommen. Doch stattdessen verkauft sie ihr Vater als dritte Ehefrau an den deutlich älteren Morufu, damit sie ihm einen Sohn schenkt. Adunni flieht nach Lagos, in der Hoffnung, dort in die Schule gehen zu können. Aber auch hier scheint sie zunächst kein Glück zu haben.

30.08.2021: Umwege des Lebens von Jodi Picoult: Was wäre, wenn wir in entscheidenden Momenten des Lebens eine andere Wahl getroffen hätten? Dawn Edelstein hatte sich einst bei Ausgrabungen in Ägypten in einen Kollegen verliebt, mit dem sie alte Grabtexte entschlüsselte. Bis ein Telefonanruf ihr Leben komplett umkrempelte. Fünfzehn Jahre später ist Dawn verheiratet, hat eine Tochter im Teenager-Alter und arbeitet in Boston als Sterbebegleiterin. Als sie einen Flugzeugabsturz überlebt, drängt sich ihr die Frage auf, ob das gute Leben, das sie hat, noch viel besser hätte sein können. Auf der Suche nach der Antwort kehrt sie nach Ägypten zu dem Mann zurück, den sie einst leidenschaftlich liebte. »Umwege des Lebens«, der beeindruckende neue Roman von US-Bestsellerautorin Jodi Picoult, setzt sich mit den großen Fragen auseinander, die uns in der Lebensmitte beschäftigen: Was ist uns wichtig, mit wem wollen wir leben und wie sterben? Und ist es möglich – und akzeptabel, Entscheidungen zu revidieren und einen anderen Weg einzuschlagen?