erLESENer Oktober 2021

Im Lesemonat Oktober verwüstete ich mit Herrn Schmidt die Küche um für Barbara zu kochen, aß mich dumm und dusselig, versuchte in Nordkorea zu überleben und floh mit Morrigan nach Nevermoor.

Bücherwelten – irgendwo zwischen Realität und Phantasie.

Barbara stirbt nicht von Alina Bronsky: Die bitterböse und doch warmherzige Geschichte eines Rentners, dessen Frau von einem auf den anderen Tag nicht mehr ‚funktioniert‘. Empfehlenswert!

Dumm gegessen! von Hans-Ulrich Grimm: Ein Buch, das die Probleme unmissverständlich vor Augen führt, welche durch die eigens konstruierte ultraverarbeitete Nahrung der Lebensmittelkonzerne entsteht. Erschreckend!

Denunziation von Bandi: Atmosphärisch und eindringlich erzählt Bandi vom Alltag der Menschen in Nordkorea, davon, wie ihr Leben bestimmt wird von den strengen Regeln der Diktatur und von den grausamen Folgen, die Verstöße nach sich ziehen. Erschütternd!

Fluch und Wunder . Nevermoor 1 . von Jessica Townsend: Morrigan ist ein verfluchtes Kind und soll deshalb in der Nacht zu ihrem elften Geburtstag sterben. Doch glücklicherweise kommt alles ganz anders. Bezaubernd!

Barbara stirbt nicht – Alina Bronsky

Alina Bronsky wurde 1978 in Jekaterinburg/Russland geboren und lebt seit den Neunzigerjahren in Deutschland. Ihren Debütroman „Scherbenpark“ mochte ich sehr und fand auch „Baba Dunjas letzte Liebe“ großartig. Deshalb griff ich gespannt zu ihrem neusten Buch „Barbara stirbt nicht“ und wurde auch dieses Mal nicht enttäuscht.

Auf knapp 256 Seiten dreht sich alles um Herrn Schmidt. Der Rentner wacht eines morgens auf und vermisst den Duft frisch aufgebrühten Kaffees. Verwirrt steht er auf und findet seine Frau Barbara im Bad liegend vor. Er hilft ihr zurück ins Bett und muss sich fortan in völlig neuen Lebensumständen zurechtfinden. Denn Barbara funktioniert nicht mehr und er ist ab sofort für alles im Haushalt verantwortlich. Herr Schmidt, der nie auch nur den kleinen Finger krumm gemacht hat, steht plötzlich vor Problemen, wie z. B. wie man Kaffee kocht oder was der Hund zu fressen bekommt. Und nicht zuletzt, was und wie er für sich und Barbara kochen soll, damit sie wieder auf die Beine kommt.

Es sei nur verraten, dass Herr Schmidt auf seine grantig schrullige Art Mittel und Wege findet mit seinen neuen Aufgaben irgendwie zurecht zu kommen. Dabei geht er sogar voller Abneigung in den Austausch zu seinen Mitmenschen und als Leser kann man kaum umhin zu erkennen, dass der alte Miesepeter doch über ein Herz verfügt. Doch das ist bei aller Grummeligkeit nur ganz leise und bei genauem Hinschauen in seinen Taten und keinesfalls in seinen Worten zu erkennen.

Da der personale Erzählstil aus der Sichtweise von Herrn Schmidt geführt wird, muss man mit seiner unangenehmen egoistischen Denkweise zurechtkommen, auch wenn er eigentlich zu der Sorte Mensch gehört, mit der man lieber nichts zu tun haben möchte. Und doch ist es Alina Bronsky gelungen hier einen Charakter zu erschaffen, den man letztlich doch mag, weil er in seiner Ruppigkeit und nach all den Ehejahren endlich erkennt, dass Barbara die perfekte Frau für ihn war. Und zumindest insgeheim wird er in manchen Punkten einsichtig, zeigt sich sogar menschlich und beginnt über sich hinaus zu denken.

„Barbara stirbt nicht“ ist ein bitterböse und dennoch warmherziges Buch, das ganz abrupt endet. Es lässt einen zunächst etwas ratlos zurück, weil das doch unmöglich der Schluss sein kann und man so gerne noch weitergelesen hätte. Aber das Ende erschließt sich dem Leser auch so und erzählt sich nach dem letzten Satz im Kopf weiter. Hoffnungsvoll und doch traurig. Ein wundervolles Buch.

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Alina Bronsky
Barbara stirbt nicht
Gebundene Ausgabe, 256 Seiten
ISBN: 978-3462000726
Preis: 20,00 € [D]
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erschienen: 09.09.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag kostenlos für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

erLESENer November

Im Lesemonat November war ich in Gilead unterwegs, wanderte mit vielen Japanerinnen nach Amerika aus, durchschlug einen echten Rothko mit meiner Faust, erfuhr, was im Bösland wirklich geschah und entjungferte mit Sascha Felix.

Bücherwelten – bieten Ablenkung, wenn man es gerade braucht…

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Die Zeuginnen von Margaret Atwood
Die ebenfalls großartige Fortsetzung von „Der Report der Magd“. Hervorragend!

Wovon wir träumten von Julie Otsuka
Ein intensives und berührendes Buch, das auf eine besondere Weise auf geschichtliche Ereignisse rund um die japanstämmigen Amerikaner blickt. Ein Buch, das nachwirkt und zum weiter informieren anregt. Empfehlenswert!

Duell von Joost Zwagerman
Es ist Ausflug in die Welt der Kunst und dabei voller Witz, Action, kluger Gedanken, interessanter Einblicke und einer gehörigen Portion Slapstick. Unterhaltsam!

Bösland von Bernhard Aichner
Ein relativ vorhersehbarer Thriller, der jedoch sehr gut als Hörbuch vertont ist und der von den gut ausgearbeiteten Charakteren lebt. Gar nicht schlecht!

Scherbenpark von Alina Bronsky
Ein gefühlvoller, aber nicht gefühlsduseliger Roman über eine starke siebzehnjährige Protagonistin, die in Deutschland in einem russischen Hochhaus-Ghetto aufwächst. Empfehlenswert!

Scherbenpark – Alina Bronsky

„Scherbenpark“ war in der Sparte „Jugendbuch“ (Kritikerjury) zum Deutschen Jugendliteraturpreis 2009 sowie für den Aspekte-Literaturpreis nominiert. Der Roman erschien als Theaterstück und wurde bereits mit Jasna Fritzi Bauer in der Hauptrolle verfilmt. Doch eigentlich wollte ich das Buch unbedingt lesen, weil sich Christine Westermann lobend darüber äußerte und mich bereits „Baba Dunjas letzte Liebe“ beeindrucken konnte. Als erst in diesem Jahr ein neues Buch von Alina Bronsky erschien, erinnerte ich mich wieder daran, dass sich immer noch ihr Debütroman „Scherbenpark“ unter meinen ungelesenen eBooks befand und es endlich mal Zeit wurde, dieses Buch zu lesen.

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Die Autorin selbst ist auf der asiatischen Seite des Uralgebirges sowie in Marburg und Darmstadt aufgewachsen. Ihr Vater ist jüdischer Abstammung und wanderte mit der Familie Anfang der 1990er Jahre als Kontingentflüchtling nach Deutschland aus. In „Scherbenpark“ nimmt Alina Bronsky den Leser mit in diese Welt und zeigt anhand der siebzehnjährigen Sascha wie es laufen kann, wenn es nicht gut läuft. Sascha ist aus Moskau nach Deutschland gekommen und lebt mit ihren zwei jüngeren Geschwistern im Scherbenpark – einem Hochhaus-Ghetto, in dem eigene Gesetze herrschen. Aber sie besucht auch das katholische Elite-Gymnasium, das Sascha wegen ihrer Hochbegabung und ihrer prekären Lebenssituation angenommen hat, mitsamt den behüteten und ausstaffierten Mitschülerinnen, die keinen Schimmer von Algebra haben, aber ein volles Freizeit­programm. Sascha ist eine Pendlerin zwischen zwei Welten und in keiner davon zu Hause.

Ihre Geschichte beginnt Sascha mit zwei Vorsätzen: Sie will ihrer Mutter ein Buch schreiben, und sie will Vadim töten. Ganz allmählich erfährt der Leser, was sie zu diesen Vorhaben gebracht hat. Selbstbewusst und geradeheraus, beiläufig und trocken kommentiert sie ihre Umgebung, das verzweifelte Streben nach Glück, Freiheit und Wohlstand, das Scheitern ringsum und das eigene Aufbegehren. Was es mit Vadim auf sich hat, warum Sascha ohne Mutter, aber mit ihrer Großtante lebt, wie die Familie  durch ein Verbrechen erschüttert und zugleich berühmt wurde, und was es bedeutet, in ein Dreiecksverhältnis mit einem Journalisten und seinem sechzehnjährigen Sohn zu geraten – all das erzählt sie mit Herz, Witz und einer Energie, die mitreißt. Gleichzeitig spürt man die grenzenlose Wut, die neben einer gewissen Trotzigkeit auch die verzweifelte Suche nach einem Umgang mit den Geschehnissen zeigt.

Ein gefühlvoller, aber nicht gefühlsduseliger Roman über eine starke Protagonistin. Empfehlenswert!

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Alina Bronsky
Scherbenpark
Taschenbuch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-462-04150-7
Preis: 9,99 € | Österreich: 10,30 €
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erschienen: 24.09.2009