Die einzige Geschichte – Julian Barnes

Beim Stöbern auf Spotify stieß ich auf „Die einzige Geschichte“ von Julian Barnes. Von der Handlung war mir zwar nichts bekannt, aber ich hatte über den Autor schon Lobendes gehört. Der angenehme Erzählton dieses Buches und die hervorragend dazu passende Stimme von Frank Arnold brachten mich dazu, anstatt ‚einfach mal reinzuhören‘ bis zum Schluss an diesem Hörbuch dran zubleiben. Das liegt nicht daran, dass diese Geschichte besonders spannend ist, sondern vielmehr an der feinen Beobachtungsgabe und dem Gespür, das der Autor bei der Schilderung dieser Liebesgeschichte an den Tag legt. Es geht um eine Liebe gegen alle Konventionen, die irgendwann in den 1960er Jahren beginnt und die man als Leser bis in die Gegenwart verfolgt.

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Julian Barnes lässt seinen Protagonisten aus großer Distanz, vom anderen Ende seines Lebens her erzählen, wie er mit 19 Jahren, die verheiratete Susan kennen und lieben lernt. Obwohl Susan fast 30 Jahre älter ist, beschreibt er aber keine Affäre, sondern versucht der Einzigartigkeit dieser Beziehung, einer ebenso blauäugigen wie absoluten Liebe, gerecht zu werden.

Die erste Liebe hat lebenslange Konsequenzen, aber davon hat Paul im Alter von 19 Jahren noch keine Ahnung. Mit 19 ist er stolz, dass seine Liebe zur verheirateten, wesentlich älteren Susan den gesellschaftlichen Konventionen ins Gesicht spuckt. Er ist sich ganz sicher, in Susan die Frau fürs Leben gefunden zu haben, alles andere ist nebensächlich. Erst mit zunehmendem Alter wird Paul klar, dass die Anforderungen, die die Liebe an ihn stellt, größer sind, als er es jemals für möglich gehalten hätte.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert, in denen Paul im ersten Teil als Ich-Erzähler auftritt, im zweiten zum Du wechselt um im dritten aus der distanzierten dritten Person zu erzählen. Durch diese wechselnde Erzählerperspektive wird die zunehmende Entfremdung von Susan noch greifbarer.

Die Mischung aus Alltagsgeschichten und Beleuchtung des spießigen Bürgertums mit Ausflügen in philosophische Gedankenwelten sind es, die diesen Roman zu etwas Besonderem machen.

„Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden, oder weniger lieben und weniger leiden? Das ist, glaube ich, am Ende die einzig wahre Frage.“

Es handelt sich hierbei nicht um eine verklärte Schönwetter-Liebesgeschichte, sondern eine der Liebesgeschichten, die zum Nachdenken und Reflektieren anregen. Die nach und nach enthüllende Leere zwischen dem Paar lässt keine Hoffnung keimen. Am Ende erfahren wir eine resignierte Weltsicht, nüchtern und ohne Zukunftsvision oder Hoffnung. Und doch ist es nicht die Desillusionierung, die als Nachgeschmack dieses Buches zurück bleibt. Als Leser wird man Zeuge einer nicht einfachen Liebes- und Lebensgeschichte für die die Protagonisten zwar ihren Preis zahlen, vielleicht einen zu hohen, aber der es dennoch letztlich wert war, weil die Intensität ihres gleichen sucht.

Was bleibt ist die Erkenntnis, dass hier ein Autor wirklich viel vom Leben und von seinen Höhen und Tiefen versteht und dieses Wissen dem Leser zu vermitteln weiß. Mich hat dieses Hörbuch angenehm überrascht, da mich Liebesgeschichten in Romanen oftmals langweilen oder sogar nerven. Von Julian Barnes möchte ich künftig hingegen gern noch mehr lesen. Auch könnte ich mir bei diesem Buch vorstellen, dass es noch besser ist, wenn man es selbst liest anstatt es sich anzuhören. Denn dieses Buch bietet viele Gelegenheiten, die sich zum Innehalten und Nachdenken, zum Erinnern und Sätze auf der Zunge zergehen lassen anbieten. Darüber hinaus kann ich „Die einzige Geschichte“ Lesern empfehlen, die schon über eine gewisse Lebenserfahrung verfügen – also eher Menschen in Susans als in Pauls Altersgruppe.

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Julian Barnes
Die einzige Geschichte
Aus dem Englischen von Gertraude Krueger
Sprecher: Frank Arnold
Spieldauer: 8 Stunden 48 Minuten
Ungekürztes Hörbuch
978-3-8398-1700-1
Preis: 24,95 € 
Erscheinungsdatum: 27.02.2019
Sprache: Deutsch
Anbieter: Argon Verlag

Loyalitäten – Delphine de Vigan

Von Delphine de Vigan las ich bereits „Das Lächeln meiner Mutter“ und war auch zutiefst beeindruckt von „Nach einer wahren Geschichte“, das wundervoll mit der Schauspielerin Martina Gedeck als Hörbuch vertont wurde. Beides waren besondere Geschichten, die mir nicht zuletzt durch ihre eindringliche Erzählweise positiv in Erinnerung blieben. So war ich auch neugierig, als ich von Delphine de Vigans neustem Buch „Loyalitäten“ erfuhr, das von einem zwölfjährigen Jungen handelt, der mit seinem Leben überfordert ist und dem Alkohol verfällt. Ich war ein wenig skeptisch, weil diese Geschichte auf nur 176 Seiten erzählt wird, kann aber an dieser Stelle bereits verraten, dass diese Bedenken unbegründet waren.

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Gleich mit den ersten Sätzen ist man inmitten dieser Geschichte und erfährt, wie die Lehrerin Hélène Veränderungen an ihrem zwölfjährigen Schüler Théo wahrnimmt. Und auch die Mutter seines besten Freundes, die wir ebenfalls aus der Ich-Perspektive erleben, beobachtet ihn mit Misstrauen. Théo und Mathis hingegen begegnen wir durch einen allwissenden Erzähler, der sehr tiefe Einblicke in die Charaktere und die Lebensumstände gewährt und einen gleichzeitig in die Rolle des erwachsenen Beobachters versetzt. In kurzen Kapiteln, die einen nicht mehr los lassen, eröffnet sich nach und nach das ganze Ausmaß der Tragödie:

„Eines Tages möchte er gern das Bewusstsein verlieren, völlig. Sich für ein paar Stunden oder für immer in das dicke Gewebe der Trunkenheit fallen, sich davon bedecken, begraben lassen, er weiß, das so etwas vorkommt.“ (S. 14)

Beim Lesen fühlt man mit, kann nachvollziehen, verurteilt einerseits, verurteilt andererseits aber auch nicht. Die Beziehungen und Verstrickungen sind komplex und keinesfalls einfach, aber auch nicht ungewöhnlich und fast schon gefährlich nah an der möglichen Realität, von der man jedoch ahnt, dass sie das ein oder andere Kind bereits eingeholt hat. Das macht traurig und wütend. Dabei möchte man eigentlich eher Aufschreien und den Protagonisten bei der Hand nehmen, um ihn aus seinem Loyalitätskäfig herauszureißen und in die Freiheit zu führen.

„Ich weiß, dass Kinder ihre Eltern schützen und dass dieser Pakt des Stillschweigens sie manchmal sogar das Leben kostet. Heute weiß ich etwas, das andere nicht wissen. Und ich darf die Augen vor nichts verschließen.“ (S. 134)

Das Buch baut eine Spannung auf, die sich nicht mit dem Ende entlädt, sondern mich nach der letzten Seite zurückblättern ließ, weil ich mich über den Ausgang der Geschichte vergewissern musste. Und nach dem Zuklappen des Buches war diese Geschichte noch nicht zuende, sondern fing eigentlich erst an – aber dieses Mal nur in meinem Kopf, wo sie noch lange nachwirkte. Ein bewegendes Buch, das ich sehr empfehlen kann.

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Delphine de Vigan
Loyalitäten
Roman
Aus dem Französischen von Doris Heinemann
Originalverlag: J C Lattès, 2018, Originaltitel: ›Les loyautés‹
gebunden mit Lesebändchen, 176 Seiten
ISBN: 978-3-8321-8359-2
Preis: 20,00 €
Verlag: Dumont
Erschienen:  17.09.2018

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.