Quecksilber – Amélie Nothomb

Irgendwann hatte ich mir mal einen Schwung gebrauchter Taschenbücher von Amélie Nothomb zugelegt, weil mich ihre französisch beschwingte und oft ebenso skurrile wie ernsthafte Schreibweise schon mehrfach begeistern konnte. Darauf hoffte ich natürlich auch, als ich kürzlich eher wahllos ihren knapp 176 Seiten starken Roman „Quecksilber“ aus diesem Bücherstapel herauszog. Und konnte mich darüber freuen, dass ich mit diesem Buch ein weiteres Highlight der Autorin für mich entdecken durfte.

Amélie Nothomb nimmt die Leser mit in das Jahr 1923 auf die fiktive Insel Mortes-Frontières. Dort lebt der 76jährige Kapitän Loncours mit seiner 22jährigen Ziehtochter Hazel, seitdem diese vor fünf Jahren bei einem Bombenangriff nicht nur ihre Familie verlor, sondern seitdem auch mit ihrem entstellten Gesicht zurecht kommen muss. Die Fenster des Hauses sind so hoch angebracht, dass sie dort nicht hinaussehen, sich jedoch vor allem nicht in den Fensterscheiben selbst sehen kann. Im ganzen Haus gibt es weder Spiegel noch irgendwelche reflektierenden Flächen. Als Hazel schließlich erkrankt, holt der Kapitän die Krankenschwester Francoise auf die Insel, die hinter ein fürchterliches Geheimnis kommt.

Im Klappentext wird dieses Buch als phantastischer philosophischer Thriller über Freundschaft, Liebe und deren Grenzen bezeichnet. Und tatsächlich folgt man hier einer spannenden Geschichte mit unterschiedlichen Wendungen, die auch einen Blick auf die Stellung der Frau zu dieser Zeit blicken lässt und die Figuren neben anderem über Schönheit und den Wert von Schönheit philosophieren lässt. Schnell erfährt man mehr über die Komplexität der Charaktere, denen man in gekonnten Dialogen folgt, in denen sie in Wortgefechten ihre Beweggründe und ihr Innerstes offenbaren. Der Schlagabtausch treibt einen durchs Buch und verursacht gelegentlich auch Empörung beim Lesen. Es folgt ein Ende, das zu einem leicht skurrilen Abschluss der Geschichte führt und mich als nicht nur zufriedene, sondern auch begeisterte Leserin eines weiteren Romans von Amélie Nothomb zurückgelassen hätte.

Dann jedoch folgt eine Anmerkung der Autorin, in der sie offenbart, dass sie nach dem ersten Schluss die Notwendigkeit verspürte, noch einen anderen aufzuschreiben und sich letzten Endes nicht für einen entscheiden konnte. Also präsentiert sie ihren Lesern danach einfach zusätzlich einen anderen Ausgang der Geschichte. Und so offenbart sich dieses kurze schnelle Buch als eine Art Wundertüte, die auf relativ wenigen Seiten doch so viel Überraschendes zu bieten hat.

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Amélie Nothomb
Quecksilber
Aus dem Französischen von Wolfgang Krege
Original: Mercure | Éditions Albin Michel S.A., Paris
Taschenbuch, 176 Seiten
ISBN: 978-3257233827
Preis: 12,00 € [D]
Verlag: Diogenes
Erschienen: 27.02.2004

Mit Stauen und Zittern – Amélie Nothomb

Vor einiger Zeit erwarb ich gebraucht einen kleinen Stapel Taschenbücher von Amélie Nothomb. Was ich bisher von ihr las, war kurzweilig, überraschend und auf seine Weise besonders. So etwas erhoffte ich mir auch von „Mit Staunen und Zittern“, das ich mehr oder weniger blind aus diesem kleinen Bücherstapel herausgriff. Ich wurde nicht enttäuscht.

Amélie Nothomb verbrachte als Tochter des belgischen Diplomaten Baron Patrick Nothomb ihre ersten fünf Lebensjahre in Japan. Nach weiteren durch den Beruf des Vaters bedingten langjährigen Aufenthalten in China, New York, Burma und Laos kam sie im Alter von 17 Jahren erstmals nach Europa. Sie studierte Romanistik an der Université Libre de Bruxelles. Nach dem Abschluss kehrte sie nach Tokio zurück und arbeitete in einem Großunternehmen. Die Erfahrungen dieser Zeit dienten ihr später als Grundlage für ihren Roman „Mit Staunen und Zittern“. Für das bereits 1999 erschienene Werk erhielt die Autorin den „Grand Prix du Roman“ der Académie française. Im Jahr 2000 erschien im Diogenes Verlag eine Übersetzung ins Deutsche von Wolfgang Krege. 2003 erfolgte eine Verfilmung des Romans durch den Regisseur Alain Corneau. Die Komödie entstand als französisch-japanische Koproduktion.

In diesem Roman erhält die Europäerin Amélie, die ihre Kindheit in Japan verbracht hat, eine Anstellung in einem großen japanischen Unternehmen. Sie wird jedoch von den ihr zugewiesenen Aufgaben nicht ausgefüllt. Ihr nach japanischen Maßstäben unorthodoxes Verhalten führt, nach einem Intrigenspiel ihrer Vorgesetzten, zu Amélies „Degradierung“ zur Toilettenfrau. Andere Angestellte des Unternehmens solidarisieren sich jedoch mit ihr, und sie lernt, die gegen sie gerichteten Bösartigkeiten mit Humor zu durchbrechen.

Es handelt sich um übles Mobbing, allerdings auf japanische Art, von dem man sich fragt, wie die Protagonistin dies aushält. Aber sie schafft es und gleichzeitig erfährt man von gesellschaftlichen und kulturellen Zwängen sowie firmeninternen Strukturen in denen die Menschen so sehr gefangen sind, dass sie sich kaum herauswinden können. Über einiges stolperte ich bereits in anderen Büchern, so dass mir beim Lesen dessen, was die Autorin hier humorvoll und überspitzt darstellt, das Lachen eher im Halse stecken blieb. Denn genaugenommen sind die Täter in diesem Roman auch nur Opfer und glücklich kann sich schätzen, wer über den Dingen stehen kann, weil er sich von Erfolgsdruck frei machen kann und die Möglichkeit hat, andere Wege zu gehen. Eine bitterböse Japan-Satire, deren autobiographischer Touch beim Lesen unweigerlich die Frage aufwirft, was davon die Autorin tatsächlich erduldet hat.

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Amélie Nothomb
Mit Staunen und Zittern
Original: Stupeur et tremblements
Aus dem Französischen von Wolfgang Krege
Taschenbuch, 160 Seiten
ISBN: 978-3257233254
Preis: € (D) 11,00
Verlag: Diogenes
Erschienen: 28.06.2002