erLESENer August

Im Lesemonat August starb ich beinahe an einer lustigen Blutvergiftung, trotzte hüpfend der Schwerkraft, schlief auf Bienenstöcken, schwelgte in Erinnerungen an meine verstorbene Katze und erlas mir den Triple Crown Award.

Bücherwelten – nur einen Hauch entfernt vom intensiven  erLeben und Tod…

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Wir von der anderen Seite von Anika Decker: Ein Roman mit autobiografischen Elementen der Drehbuchautorin, in dem sie über die Folgen ihrer schweren Blutvergiftung schreibt. Einerseits gut und authentisch geschrieben, andererseits aber auch zu viele Klischees und gewollter Humor. So lala.

Das 5-Minuten-Trampolin-Training von Manuel Eckardt: Alles rund ums Trampolin-Training zum im Lesesessel sitzen und nachlesen. Leichter nachvollziehbar und vor allem zum gleich mitmachen sind jedoch die Videos, die man sich unter der im Buch angegebenen Internetadresse oder als purlife-Mitglied online anschauen kann.

Graue Bienen von Andrej Kurkow: Die atmosphärische Geschichte von der Flucht und dem Zurechtkommen eines Imkers und seiner Bienen inmitten des Ukraine-Konflikts. Empfehlenswert!

Mehr als nur eine Katze von Kristin Hoffmann: Ein Trost- und Erinnerungsbuch, das konzeptionell bei dem Zeitpunkt ansetzt, als die Katze in das Leben kam und einlädt sich an Fröhliches, Trauriges, Besonderes und schließlich an das Ende der Beziehung zu erinnern. Keine einfache Lektüre, aber dennoch lohnenswert, wenn man bereit ist, sich seiner Trauer und seinen Erinnerungen zu stellen.

Laufen. Essen. Schlafen. von Christine Thürmer: Zwischen 2004 und 2008 läuft Christine Thürmer dreimal von Mexiko nach Kanada und erzählt von ihren Abenteuern und Begegnungen. Ein inspirierendes und mitreißendes Buch, das beinahe Lust darauf macht selbst loszuwandern.

 

 

Graue Bienen – Andrej Kurkow

„Es war nicht seine Schuld, dass sein Haus jetzt im Krieg stand. Es stand im Krieg, aber es nahm nicht daran teil. Aus seinem Hof, aus den Fenstern und hinter dem Zaun hervor wurde nicht auf Feinde geschossen, was bedeutete, dass sein Haus keine Feinde haben konnte.“ (S. 432)

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Der Bienenzüchter Sergej lebt im Donbass, wo ukrainische Kämpfer und prorussische Separatisten Tag für Tag aufeinander schießen. Seit drei Jahren herrscht Krieg, die Einwohner haben das kleine Dorf in der grauen Zone verlassen, nur Sergej und sein ‚Kindheitsfeind‘ Paschka sind geblieben. Die Not schweißt sie zusammen, aber dennoch beschließt Sergej, seine Bienen aus der Kriegszone zu bringen: Sie sollen in Ruhe ausschwärmen, um ihren Nektar zu sammeln: damit nicht auch noch der Honig nach Krieg schmeckt.

Sein Weg führt ihn zunächst in den ukrainischen Westen, wo zwar kein Krieg herrscht, man ihn jedoch schon bald als unwillkommenen Donbass-Flüchtling vertreibt. Daraufhin macht er sich auf zur Krim, die unter russischer Herrschaft steht. Doch hier wird er Zeuge von Repressalien gegen die Tataren. Langsam und sehr zurückhaltend nähert er sich deren Kultur an und wird sogar seinem Motto „Nichts hören, nichts sehen – sich raushalten“ untreu. Doch eigentlich interessiert ihn nur das Wohlergehen seiner Bienen. Denn während der Mensch für Zerstörung sorgt, herrscht bei ihnen eine weise Ordnung und wunderbare Produktivität.

Der Protagonist, aus dessen Sicht der Leser diesen atmosphärischen Roman erlebt, ist ein einfacher unpolitischer Mann, der sich erinnert und träumt.. Einfühlsam schildert der Autor die bedrohliche Stimmung und das bedrückende, teilweise lähmende Klima in manchen Gegenden, aber auch die Hilflosigkeit gegenüber der Obrigkeit. Doch „Graue Bienen“ spart die realen politischen Vorgänge aus, ohne Stellung zu beziehen. Es ist so viel und gleichzeitig so wenig politisch wie Sergejitsch und liest sich so leicht und gespickt mit leisem herzlichem Humor und Wehmut, wie sein Protagonist selbst. Es ist durchsetzt von der Schönheit, die die Natur zu bieten hat und von Situationen, in denen Menschen zusammenhalten und aus ihrer Not das beste zu machen versuchen. So rückt es auf ernsthaft liebevolle Art die ‚kleinen Leute‘ in den Vordergrund, die alle auf ihre ganz eigene Art versuchen mit dem zurechtzukommen, was von ukrainischen und russischen Machthabern verursacht wurde.

Am Rande erfährt man auch das ein oder andere über Bienen, wobei die entspannende und heilende Wirkung des Schlafens auf Bienenstöcken neu für mich war. Gemerkt habe ich aber auch, dass ich viel zu wenig über den Ukraine-Konflikt wusste, was mich beim Lesen dieses Buches dazu brachte, mich außerhalb weiter zu informieren. „Graue Bienen“ von Andrej Kurkow ist ein Buch, das ich trotz ernster Thematik immer wieder gern zur Hand nahm, weil mich die leise erzählte Geschichte auf ihre ganz besondere Art für sich einnehmen konnte. Eine Empfehlung!

„Erst dann wandte er sich den Bienenstöcken zu, und in diesem Moment bemerkte er eine Klangwelt um sich herum, als hätte jemand sein Gehör, das über Nacht ausgeschaltet gewesen war, wieder eingeschaltet. Die Welt um ihn herum summte zart und unaufdringlich. Dieses Summen fiel mit der Bewegung der Bienen zusammen, die leicht und fast gewichtslos aus den Fluglöchern losflogen.“ (S. 224)

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Andrej Kurkow
Graue Bienen
Aus dem Russischen von Johanna Marx und Sabine Grebing
Hardcover Leinen mit Schutzumschlag, 448 Seiten
ISBN: 978-3-257-07082-8
Preis: € (D) 24.00 / sFr 32.00* / € (A) 24.70  * unverb. Preisempfehlung 
Verlag: Diogenes
Erschienen:  01. August 2019

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.