Dem Mut ist keine Gefahr gewachsen . Ein abenteuerliches Leben – Rüdiger Nehberg

Als ich davon hörte, dass Rüdiger Nehbergs Autobiografie im April erscheinen sollte, freute ich mich. Ich wollte immer mal etwas von ihm lesen. Denn auch wenn ich von ihm nicht viel mehr wusste, als dass er sich einen Namen als Survival-Experte und Menschenrechtler gemacht hatte, war mir doch klar, dass er zu den Menschen gehört, die wirklich etwas zu erzählen haben. So nahm ich voller Vorfreude in meinem Lesesessel platz um zu erfahren, welche Abenteuer Rüdiger Nehberg in seinem Leben bestreiten musste. Kaum angefangen, mochte ich das Buch fast nicht mehr aus der Hand legen, weil er unterhaltsam erzählen kann, und weil er jemand ist, zu dem man bei dem, was er bislang erreicht hat, bewundernd aufblicken kann. Gleichzeitig fühlt man sich ihm jedoch verbunden, weil er bodenständig geblieben ist, auch wenn er immer nach den Sternen gegriffen hat.

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Rüdiger Nehberg nimmt den Leser in diesem mit Farb- und Schwarzweißbildern versehenen Buch mit auf einen Streifzug durch sein aufregendes Leben – die Basis für die Erfolge in der Arbeit mit seiner eigenen Menschenrechtsorganisation. Als Siebzehnjähriger radelt er heimlich nach Marokko. 1968 importiert er ‚Survial‘ aus den USA und wird zum Inbegriff des Überlebenskünstlers. 1981 beim Marsch durch Deutschland lebt er 1000 Kilometer lang nur von dem, was die Natur hergibt. Er übersteht 26 Raubüberfälle, überquert dreimal den Atlantik, schafft es allein und halbnackt durch den Dschungel. Er lernt Ekel, Angst und die Bedenken anderer zu überwinden, lässt sich nicht entmutigen.

„Wieder einmal wissen wir es zu schätzen, nicht hier, sondern in einem anderen, begünstigteren Teil der Welt geboren zu sein. Momente, die mir einmal mehr das Glück bewusst machen, ausgerechnet in Nordeuropa zu leben, in all dem Wohlstand, dem gemäßigten Klima, der Demokratie, der Pressefreiheit, den Bildungsmöglichkeiten, des Friedens, des gemeinsamen Europas. Paradiesische Zustände, wie noch keiner unserer Vorfahren sie erleben durfte. Und ich verspüre die Verpflichtung, davon abzugeben an die, die unter solch erbärmlichen Zuständen ihr Dasein fristen müssen. Wie diese Salzarbeiter. Das Reisen und mein Blick auf andere Lebensumstände verändern sich.“ (S. 82)

Als er Zeuge schlimmster Menschenrechtsverletzungen wird, erfindet er aberwitzige Aktionen, um Aufmerksamkeit auf die Not anderer zu lenken.

„Ich will mich einsetzen. Massiv, körperlich, intellektuell. Nicht im Entferntesten kommt mir der Gedanke, dass diese Entscheidung meine weitere Zukunft komplett verändern würde. Ich mache die neue Erfahrung, dass mein Abenteuer auf einmal einen Sinn erfährt, mein Leben eine ganz andere Erfüllung.“ (S. 126)

Etwa die drohende Ausrottung der Yanomami in Brasilien durch die Goldsucher-Mafia, der er mit Zivilcourage den Kampf ansagt. Auch berichtet er von der Zeit in jordanischen Gefängnissen und den Wüstenkarawanen, die ihn mit Muslimen vertraut machten. Es ist ein kleines Erlebnis, das ihn tief berührt und seine Liebe zu Nordafrika, den Menschen, ihrer Kultur und der Exotik des Orients begründet hat. Es war die Urkeimzelle seiner Verbundenheit mit der Wüste und nomadischer Gastfreundschaft und erweist sich als Zündfunke für sein weiteres Leben.

„Aktionen zu starten, die bereits hundertfach von anderen zelebriert wurden, ist öde, zeugt von mangelnder Kreativität und mindert die Bedeutung des Projektes. Nur Einmaliges kann mit medialer Wahrnehmung rechnen, dessen Bekanntheitsgrad mehren und damit auch die Durchsetzungskraft stärken. Meine Aktionen für die Yanomami hatten 20 (!) Jahre gedauert. Erst dann war die pro-indianische Lobby stark genug geworden, um einen akzeptablen Frieden für dieses große Regenwaldvolk durchzusetzen. Erst danach war ich frei für Neues.“ (S. 217)

Frei für die Arbeit mit seiner Organisation TARGET e. V. und dem Islam als Partner, unterstützt durch muslimische Autoritäten in Ländern wie Mauretanien und Äthiopien. Mit dem Ziel, für das er mit nie erlahmender Kreativität kämpft: die Ächtung Weiblicher Genitalverstümmelung von Mekka aus.

„Ich erzähle ihm vom Thema Verstümmelung, dass wir Augenzeugen geworden sind und fragen, ob wir ihm die Bilder zeigen dürfen. Wir dürfen. Er schaut sie sich sehr lange an, bleibt sprachlos und wird blass. ‚Das geschieht mit meinen Mädchen?‘, fragt er schließlich leise.“ (S. 229)

Rüdiger Nehberg warnt vor den schwer zumutbaren Schilderungen dessen, was den Mädchen bei der Beschneidung geschieht, was dies aus ihnen macht und welche Probleme es ihnen in ihrem weiteren Leben bereitet – und es ist unvorstellbar grausam, was man da liest. Aber es verdeutlicht auch, wie wertvoll und wichtig der Kampf dagegen ist. Ein Kampf, den er gemeinsam mit seiner Frau Annette bis zu seinem Lebensende führt.

Rüdiger Nehberg verstarb am 01. April 2020, wenige Tage vor Erscheinen dieses Buches. Es stimmt mich traurig, dass er die Vision, mit der er sein Buch enden lässt, nicht mehr selbst erleben kann. Aber mit seinem „Bis dann, vielleicht demnächst, Rüdi Rastlos“ bringt einen der willensstarke Abenteurer dann doch wieder zum Lächeln. Ein beeindruckendes Lebenswerk, eine lesenswerte Autobiografie.

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Rüdiger Nehberg
Dem Mut ist keine Gefahr gewachsen
Ein abenteuerliches Leben
Hardcover mit Schutzumschlag, 432 Seiten
ISBN: 978-3-89029-537-4
Preis: € 22,00 [D], € 22,70 [A]
Verlag: Malik
Erschienen: 06.04.2020

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

 

 

 

 

erLESENer Dezember 2019

Im Lesemonat Dezember durchlitt ich mit Stoner stoisch alles Erdenkliche, mauerte mich in Angola ein und nahm Doris Dörries Einladung zu Schreiben an.

Bücherwelten – bereichernd und beruhigend, wenn das richtige Buch in die Realität eingreift…

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Stoner von John Williams
Der Roman erzählt vom Leben William Stoners, der als Farmerssohn an der Universität das Studium der Agrarwirtschaft beginnt und dort seine Leidenschaft für Literatur entdeckt. Ein Buch, dessen atmosphärische Erzählkunst mich beeindrucken konnte und Lust darauf macht, mehr von John Williams zu lesen. Sehr empfehlenswert!

Eine allgemeine Theorie des Vergessens von José Eduardo Agualusa
Ein Roman der vom Wandel und von den Wunden Angolas erzählt, indem er eine fantastische und doch ganz und gar wahre Geschichte rund um die junge Ludovica webt, die sich für dreißig Jahre in ihrer Wohnung einmauert, nachdem sie am Vorabend der angolanischen Revolution einen Einbrecher in Notwehr erschossen hat.  Durchwachsen.

Leben, Schreiben, Atmen von Doris Dörrie
Eine Einladung zum autobiographischen Schreiben,  bei der die Autorin sympathisch aus ihrem Leben plaudert. Sehr inspirierend und unkompliziert!

Leben, schreiben, atmen – Doris Dörrie

„Wenn wir darüber nachdenken, was wir so denken, schämen wir uns schnell. Und wenn wir uns schämen, können wir schlecht schreiben. Wofür schämen wir uns? Wir schämen uns, dass wir uns anmaßen, über uns selbst zu schreiben, wir schämen uns für unser kleines Leben, für unsere Unzulänglichkeiten, unsere Lügen, unsere enttäuschten Erwartungen an das Leben und an uns selbst. Dieser Scham entkommt man nur, indem man nicht nachdenkt, sondern weiterschreibt…“

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Doris Dörrie studierte Theater und Schauspiel in Kalifornien und in New York, entschloss sich dann aber, lieber Regie zu führen. Parallel zu ihrer Filmarbeit (zuletzt der Spielfilm „Kirschblüten und Dämonen“) veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Romane und Kinderbücher. Sie lebt in München, unterrichtet dort an der Filmhochschule „creative writing“ und gibt immer wieder Schreibworkshops.

Mit „Leben, schreiben, atmen“ lädt sie zum autobiographischen Schreiben ein. Sie gibt Tipps und kreative Anleitungen und macht gleichzeitig vor, wozu sie den Leser ihres Buches auffordert. Zu Beginn jedes Kapitels gibt sie ein Stichwort vor, zu dem sie auf überaus sympathische Weise über ihr Leben plaudert. Manchmal kommt Doris Dörrie dabei vom Hölzchen aufs Stöckchen, aber das ist durchaus gewollt und wohl auch ein natürlicher Effekt, wenn man frei von der Leber weg schreibt. Sie macht dem Leser vor, wie es geht und gibt am Kapitelende knappgehaltene Erklärungen und Tipps. Und weil sie Lockerheit beim Schreiben in ihren autobiographischen Texten vormacht und ihre Ratschläge nicht dogmatisch daherkommen, fühlt man sich tatsächlich auch in der Lage dazu, ihren anschließenden Aufforderungen zum Schreiben nachzukommen.

So musste ich mich zurückhalten um nicht gleich loszulegen, weil ich das Buch so motivierend empfand. Doch wollte ich es erst zuende lesen, denn „Leben, Schreiben, Atmen“ ist kein Schreibratgeber im eigentlichen Sinne. Das Buch liest sich flüssig und die Autorin versteht es, Dinge aus ihrem Leben zu formulieren und so zu beschreiben, dass sie anschaulich sind und berühren. So erfährt man nach jedem Stichwort immer ein wenig mehr aus ihrem Leben, so dass sich am Ende ein ehrliches und authentisches Gesamtbild ergibt, auch wenn die Fragmente nicht in einer zeitlichen Reihenfolge und recht sprunghaft erzählt sind. Gleichzeitig erinnert man sich an Vergangenes und füllt die Stichworte bereits gedanklich mit eigenen leichtgewichtigen oder schwermütigen Inhalten, selbst wenn man es nicht gleich nach Abschluss des jeweiligen Kapitels niederschreibt.

„Der Schreibmuskel ist ein Muskel, der verkümmert, wenn man ihn nicht trainiert“, so Doris Dörrie. „Leben, Schreiben, Atmen“ ist inspirierend und macht Lust darauf, gleich mit dem Training zu beginnen.

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Doris Dörrie
Leben, schreiben, atmen – Eine Einladung zum Schreiben
Hardcover Leinen, 288 Seiten
ISBN: 978-3-257-07069-9
Preis: € (D) 18.00 / sFr 24.00* / € (A) 18.50 * unverb. Preisempfehlung
Verlag: Diogenes
Erschienen: 1. September 2019

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Nicht glauben, ausprobieren! – Stephan Wiesner

Irgendwann, vor etwa ein bis zwei Jahren, entdeckte ich Stephan Wiesners Youtube-Kanal [Werbung] und war schon recht bald begeistert davon, wie er vieles Rund ums Thema Fotografie erklärt oder auch den Zuschauer mit auf seine Fototouren in die Bergwelt mitnimmt. Im vergangenen Jahr arbeitete ich sein Buch über Landschaftsfotografie durch und freute mich, dass ich darin noch so einiges für mich entdecken konnte.

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In „Nicht glauben, ausprobieren!“ beschreibt er die fünf Jahre, in denen er seinen YouTube-Kanal startet und sich aus seiner Lebenskrise heraus allmählich weiter entwickelt. Sein beruflicher Weg führt immer weiter weg von der Informatik und immer mehr hin zum Schreiben, Reisen und Fotografieren.

„Sobald ich durch den Sucher schaue, bin ich nur noch im Hier und jetzt. Es ist wie beim Spielen früher als Kind oder beim Klettern. Ich bin nur noch im Augenblick, im Flow. Alle Sorgen sind verschwunden. Wahrscheinlich ist es dieses Gefühl, das andere in Drogen suchen.“ (S. 27)

Und ganz ähnlich wie auch schon in seinen Videos, schafft er es mit seiner unaufgeregten authentischen Art mich zu begeistern und stellenweise auch mitzureißen. Vieles, über das er schreibt, ist mir aus seinen Videos bekannt und ich habe gleich die passenden Bilder vor Augen. Aber ich erfahre auch mehr über die Schwierigkeiten und den teilweise großen Aufwand, der für das Filmen mancher Sequenzen oder für das Fotografieren in der Bergwelt notwendig war.

Gleichzeitig gewährt er einen kleinen Einblick hinter die Kulissen seiner Social Media Kanäle und in sein Privatleben. Von letzterem allerdings doch eher zurückhaltend und etwas Anderes hätte auch zu Stephan Wiesner nicht gepasst, der in diesem Buch selbstreflektiert, kritisch und durchaus sympathisch zurückblickt. Und wie der Buchtitel schon verrät, hat auch Stephan Wiesner viel ausprobiert und ist teilweise Risiken eingegangen, aber er zeigt auch, dass sich das lohnen und zu einem erfüllteren Leben führen kann. Wer jedoch einen Ratgeber erwartet, bei dem es um das Thema „Burnout“ geht oder der dort hinaushelfen soll, wie es der Untertitel „Vom Burnout zum Traumberuf“ vermuten lassen könnte, der dürfte hier allerdings enttäuscht werden. Fotografiebegeisterten Menschen, denen auch die YouTube-Videos und Tutorials von Stephan Wiesner gefallen, kann ich das Buch hingegen als Lektüre für zwischendurch empfehlen.

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Stephan Wiesner
Nicht glauben, ausprobieren!
Taschenbuch, 298 Seiten
ISBN: 978-1977031938
Preis: 15,99 [D]
Verlag: Independently published
Erschienen: 22.03.2018

erLESENer Juni

Im Juni ließ ich mich durch Algorithmen manipulieren, meinte auf meinem niederrheinischen Balkon Meeresrauschen zu hören und salzige Seeluft auf meinen Lippen zu schmecken, lernte die Temperatur kennen, bei der Buchseiten zu brennen beginnen und reiste unter Beachtung strengster Regeln kreuz und quer durch Nordkorea.

Bücherwelten – so fern und manchmal doch so nah.

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Mensch 4.0 von Alexandra Borchardt 
Ob die neuen Technologien uns freier machen oder uns manipulieren, ablenken und benutzen und ob wir mehr mitbestimmen können oder ob wir zu nützlichen Idioten ökonomischer oder politischer Interessen werden ist die Thematik dieses Buches, das interessante Denkanstöße enthält.

Barbarentage von William Finnegan 
Finnegan ist wie besessen vom Surfen und diese Leidenschaft sprang beim Lesen sogar auf mich Nicht-Surfer über. Aber ellenlange Beschreibungen der von Ort zu Ort unterschiedlichen Wellen begannen mich zu langweilen, so dass ich das Buch nach zwei Dritteln abbrach.

highlight_des_monatsjpg Fahrenheit 451 von Ray Bradbury 
Die beängstigende Geschichte von einer Welt, in der das Bücherlesen mit Gefängnis und Tod bestraft wird, ist ein zeitloses Plädoyer für das freie Denken und unbedingt empfehlenwert!

Unterwegs in Nordkorea von Rüdiger Frank 
Bis zu diesem Buch wusste ich nicht, dass es überhaupt möglich ist als Normalsterblicher Nordkorea zu bereisen. Dieser Reiseführer hat viel Interessantes über Land und Gepflogenheiten zu berichten, selbst wenn man nicht vor hat nach Nordkorea zu reisen. Empfehlenswert!

BUCHweltreise: Nordkorea

testDas Ziel der Buchweltreise ist es, Bücher über möglichst viele Länder der Welt  zu lesen. Die Liste der Mitreisenden ansehen oder sich zum Mitmachen anmelden kann man HIER.

Gerade erst beendet habe ich das Buch „Schwarze Magnolie“ von Hyeonseo Lee, in dem die Autorin ihre Flucht aus Nordkorea beschreibt. Dieses Buch ist nicht nur spannend geschrieben, sondern man erfährt vieles über Nordkorea, über die Menschen und ihre Lebensweise, aber auch die Gefahren der Flucht und darüber, wie es ist als Flüchtling plötzlich in einer komplett anderen Welt anzukommen und sich völlig neu orientieren zu müssen. Ein beeindruckendes Buch, das ich sehr empfehlen kann.

Hyeonseo Lee wurde 1980 in Nordkorea geboren und flüchtete 1997 über den gefrorenen Fluss Yalu nach China, wo sie 10 Jahre illegal lebte, bis es ihr gelang nach Südkorea zu fliehen. Dort studierte sie Englisch und Chinesisch und schreibt gerade ein weiteres Buch mit anderen südkoreanischen Nordkoreanern. Außerdem plant sie eine Organisation zu gründen, die vielversprechenden nordkoreanischen Flüchtlingen helfen soll, mit der internationalen Gemeinschaft zu interagieren.

 

Schwarze Magnolie – Hyeonseo Lee

Ihre Kindheit in Nordkorea ist ‚ganz normal‘ – und doch für unsere Begriffe unvorstellbar: Das Leben der 1980 geborenen Hyeonseo Lee und das ihrer Familie gehören dem Staat. Es gelten strenge Regeln, und wer sie nicht befolgt, muss mit dem Schlimmsten rechnen: Hyeonseo ist sieben Jahre alt, als sie zum ersten mal eine öffentliche Hinrichtung miterlebt. Um wenigstens einmal den Fesseln des Kim-Regimes zu entkommen und kurz die Freiheit zu spüren, schleicht sich Hyeonseo als siebzehnjährige Teenagerin heimlich über die Grenze nach China – aber dann ist ihr der Heimweg versperrt. Zehn Jahre lang schlägt sie sich in China als Illegale durch, muss sich verstecken, nimmt falsche Identitäten an und lebt in ständiger Angst vor Entdeckung und Auslieferung, bevor sie schließlich nach Südkorea gelangt. Doch als sie sich endlich in Sicherheit glaubt und ein neues Leben beginnen möchte, erhält sie einen Notruf ihrer Familie und beschließt, ihre Mutter und ihren Bruder aus Nordkorea herauszuholen.

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Bereits beim aufklappen des Buches findet man eine Karte, auf der neben anderen Flüchtlingsrouten auch die der Autorin und ihrer Familie aufgezeichnet sind. Hier werden einem zwar die Entfernungen und Umwege bewusst, die in Kauf genommen werden müssen um als nordkoreanischer Flüchtling über die Botschaften der verschiedenen Länder nach Südkorea zu gelangen, aber wie beschwerlich und lebensgefährlich dies sein kann, erfährt man erst durch die ausführlichen Schilderungen der Autorin, die hier hautnah und sehr spannend geschrieben von ihren Erlebnissen berichtet.

Sie beginnt ihren Rückblick bei ihrer Kindheit, die für nordkoreanische Verhältnisse ganz normal verläuft und bei der man als Leser einen Einblick davon bekommt, wie das Leben dort funktioniert und was dabei augenscheinlich falsch läuft. Obwohl das Dasein von Widersprüchlichkeit, Denunziation, Angst, Korruption und Hungern geprägt zu sein scheint, hatte ich beim Lesen nicht den Eindruck, dass die Autorin lediglich Missstände anprangert, sondern sie schafft es vielmehr, Verständnis für die ausweglose Lage der Bevölkerung zu wecken. Auch macht das Geschriebene auf mich einen sehr authentischen und mitreißenden Eindruck, so dass ich mitfieberte und mich inmitten eines fesselnden Romans fühlte. Doch die Gewissheit, dass es sich hierbei um tatsächlich geschehene Ereignisse handelt und die in der Mitte des Buches wie zum Beweis abgedruckten Fotografien, holten mich aus dem Unterhaltungsmodus heraus und führten mir die Bedrohung und das Menschenverachtende in Hyeonseo Lee’s Leben und das des größten Teils nordkoreanischen Bevölkerung vor Augen. Ein ums andere Mal fragte ich mich betroffen und zugegebenermaßen naiv, wie das in unserer heutigen Zeit möglich sein kann und war schockiert von den zahlreichen Schmiergeldern, die geleistet werden mussten, um den Flüchtlingen ein Fortkommen oder gar ein Überleben mit falschen Pässen zu ermöglichen. Dem  starken Willen, dem Durchhaltevermögen, dem Einfallsreichtum und nicht zuletzt einer großen Portion Glück ist es zu verdanken, dass Hyeonseo Lee und später auch ihrer Familie die Flucht geglückt ist. Doch auch das Umdenken und die Neuorientierung in Südkorea ist für die Nordkoreaner nicht einfach. Hierzu gewährt die Autorin dem Leser ebenfalls interessante Einblicke und liefert insgesamt viel Stoff zum Nachdenken. Auch nach Beendigung des Buches lässt mich das Thema nicht los und ich finde online noch einiges Lesens- und Sehenswertes.

Einzig der deutsche Titel dieses Buches will mir nicht gefallen und scheint willkürlich gewählt. Der Originaltitel „The Girl with seven names“ fühlt sich für mich stimmiger an und lässt erahnen, wie verschlungen und zwielichtig der Fluchtweg der Autorin war. Ansonsten kann ich aber diese spannende, berührende und gefühlvolle Geschichte einer außergewöhnlichen Frau und ihrem langen beschwerlichen Weg in die Freiheit uneingeschränkt empfehlen. „Schwarze Magnolie“ ist ein Buch, das mich tief beeindruckt hat und für mich ein echtes Lesehighlight ist.

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Hyeonseo Lee (mit David John)
Schwarze Magnolie
Wie ich aus Nordkorea entkam – Ein Bericht aus der Hölle
Aus dem Amerikanischen von Elisabeth Schmalen, Merle Taeger, Katharina Uhlig 
Originaltitel: The Girl with Seven Names – A North Korean Defector’s Story
Originalverlag: Heyne HC
Bearbeitet von Ute Daenschel 
Taschenbuch, Broschur, 416 Seiten, mit Bildteil
ISBN: 978-3-453-60433-9
€ 9,99 [D] | € 10,30 [A] | CHF 13,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Heyne
Erschienen:  10.07.2017

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Das Lächeln meiner Mutter – Delphine de Vigan

Delphine de Vigan wurde 1966 in Paris geboren, wo sie heute noch mit ihren zwei Kindern lebt. Sie arbeitet tagsüber für ein soziologisches Forschungsinstitut und schreibt nachts, wenn alle schlafen, ihre Romane. Von klein auf weiß die Autorin, dass ihre Mutter nicht wie andere Mütter ist – sie ist talentierter, schöner, unkonventioneller als andere. Aber sie ist auch krank und leidet unterschiedlich stark unter den Symptomen ihrer Bipolaren Störung. Wie wenig ihre Mutter dem Leben gewachsen ist, erkennt Delphine de Vigan erst als Erwachsene und fragt sich seit dem Tag, an dem sie ihre einundsechzigjährige Mutter tot aufgefunden hat, warum Lucile sich für den Freitod entschieden hat. Sie trägt Erinnerungsstücke zusammen, spricht mit den Geschwistern ihrer Mutter, mit alten Freunden und Bekannten der Familie und mit ihrer Schwester.

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Es entsteht das empathische und feinfühlige Porträt einer widersprüchlichen und geheimnisvollen Frau, die ihr ganzes Leben auf der Suche war – nach Liebe, Glück und nicht zuletzt nach sich selbst.

„Aus Lucile wurde diese zarte, außerordentlich schöne, lustige, schweigsame, oft subversive Frau, die lange am Rand des Abgrunds stand und ihn nie aus den Augen ließ, diese bewunderte, begehrte Frau, die andere in Leidenschaft versetzte, diese geschundene, verletzte, gedemütigte Frau, die alles an einem Tag verlor und mehrere Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken hinter sich brachte, diese untröstliche, immer von Schuldgefühlen geplagte und in ihre Einsamkeit verschanzte Frau.“ (S. 152)

Nebenbei zeichnet Delphine de Vigan das lebendige Bild einer französischen Großfamilie im Paris der 50er und 60er Jahre. In der Ich-Perspektive lässt sie den Leser zudem immer wieder an ihrem Ringen mit sich teilhaben, weil sie nicht weiß wie und wie viel sie erzählen soll und kann, ohne in irgendeiner Form anzuecken. Bei ihren Schilderungen ist sie immer darauf bedacht von dem zu berichten, was war und möglichst nichts hineinzuinterpretieren. Sie will niemanden bloßstellen und ist nicht auf Effekthascherei aus. Und so verzeiht man es ihr auch, dass sie wie eine Biographin schreibt, die dem Leser nicht alles verrät.

„Was habe ich denn mit meinen sechs Monaten, mit meinen vier Jahren, mit meinen zehn Jahren (und selbst mit meinen vierzig Jahren) gesehen? Nichts. Und trotzdem rolle ich die Geschichte meiner Mutter weiter auf, mische meine Kindersicht mit der der Erwachsenen, zu der ich geworden bin, ich klammere mich an dieses Projekt[…]“ (S. 180)

Immer wieder hadert sie mit sich und quält sich schreibend.

„Das Schreiben entblößt mich, zerstört meine Schutzwälle einen nach dem anderen, löst stillschweigend meinen eigenen Sicherheitsbereich auf. […] Je weiter ich vorankomme, desto mehr sehne ich mich danach, in die Gegenwart zurückzukehren, größeren Abstand zu haben, die Dinge wieder an ihren Platz, in ihre Mappe, in ihren Karton zu räumen und das wieder in den Keller zu bringen, was dorthin gehört.“ (S. 314)

Und so gönnt man es Delphine de Vigan auch, dass sie dieses Buch beendete, nachdem sie sich das Bild ihrer Mutter von der Seele geschrieben hatte, das sie zu teilen bereit ist. Mich als Leserin entließ dieses Buch in ähnlicher Form – auch wenn ich den Schreibstil der Autorin mag, war ich aufgrund der Thematik doch froh, als es geschafft war.

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Delphine de Vigan
Das Lächeln meiner Mutter
Aus dem Französischen von Doris Heinemann
Original: Rien ne s’oppose à la nuit, éditions Jean-Claude Lattès
Taschenbuch, 400 Seiten
ISBN: 978-3426304129
€ 10,99 [D]
Verlag: Droemer
Erschienen: 03.11.2014

Die Welt im Rücken – Thomas Melle

Thomas Melle wurde 1975 in Bonn geboren, studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und Philosophie in Tübingen, Austin (Texas) und Berlin. Er ist Autor von erzählerischen Werken und Theaterstücken, daneben übersetzt er aus dem Englischen. Sein Debütroman ‚Sickster‘ (2011) war für den Deutschen Buchpreis nomiert und wurde mit dem Franz-Hessel-Preis ausgezeichnet. 2014 folgte der Roman ‚3000 Euro‘, der ebenso wie „Die Welt im Rücken“ (2016) auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand.

Aufmerksam geworden bin ich auf Thomas Melle jedoch durch seinen Erzählband „Raumforderung“, der 2007 erschienen ist. Mich hatten sein Sprachstil und seine Wortgewalt schon damals tief beeindruckt und so stand ich seinem autobiografischen Buch „Die Welt im Rücken“ gespannt, aber auch eher ängstlich gegenüber, befürchtete ich doch, dass der Autor über seine (und meine) manisch-depressive Erkrankung – auch Bipolare Störung genannt – in einer Form schreiben könnte, die mir zu nahe geht. Und so dauerte es einige Zeit, bis ich dieses Buch endlich zur Hand nahm, weil ich mich gesundheitlich gefestigt genug fühlte, mich mit dem Thema intensiver auseinander zu setzen.

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Belohnt wurde ich mit einem Leseerlebnis der ganz besonderen Art. Thomas Melle erzählt von persönlichen Dramen und langsamer Besserung – und gibt einen außergewöhnlichen Einblick in das, was in einem Erkrankten so vorgeht. Die fesselnde Chronik eines zerrissenen Lebens, ein autobiografisch radikales Werk von höchster literarischer Kraft. Ihm gelingt auf authentische Weise auszudrücken, wofür mir bislang die Worte fehlten und was ich in der Form auch bisher noch nicht gelesen hatte. Einiges, das ich kaum in der Therapie wagte anzusprechen, hatte ich nun verschriftlicht vor mir und fand mich in manchen Gedankengängen und Feststellungen wieder. Anderes habe ich glücklicherweise nicht durchleben müssen, konnte es aber aufgrund der anschaulichen Darstellungsweise nachvollziehen. Es gab mitunter auch Stellen, denen ich nicht ganz folgen konnte, fühlte mich jedoch in die konfuse Gedankenwelt eines Bipolaren stimmig hineinversetzt.

Thomas Melle schreibt über ‚Die Welt im Rücken‘:

„Hier geht es nicht um Abstraktion und Literatur, um Effekt und Drastik. Hier geht es um eine Form von Wahrhaftigkeit, von Konkretion, jedenfalls um den Versuch einer solchen. Es geht um mein Leben, um meine Krankheit in Reinform.“ (S. 56)

Dieses Bestreben halte ich persönlich für sehr gelungen. Außerdem erklärt er:

„Von daher ist dieses Buch ein Versuch, mich von diesem ewigen Wiedergängertum freizuschreiben. Wenn ich mich nämlich nicht freischreibe, bleibe ich stecken, das weiß ich, und meine Texte würden weiter von diesen Doppelgängern bevölkert und beschwert sein, die letztendlich stets nur auf mich verwiesen, mich bloßstellten und gleichzeitig verbärgen. […] Wenn ich nicht wirklich versuche, meine Geschichten einzusammeln, sie zurückzuholen, die Stimme in eigener Sache unverstellt zu erheben, bleibe ich, auch und gerade im Leben, ein Zombie, ein Wiedergänger meiner selbst, genau wie meine Figuren. Gleichzeitig schreibe ich mich natürlich noch weiter ins Abseits, als ich eh schon stehe. Dann bin ich endgültig als ‚der Manisch-Depressive‘ festgesetzt und stehe alleine in der Ecke. […] Und doch ist es auch genau andersherum: Ich stand seit Jahren schon in der Ecke und verlasse sie jetzt.“ (S. 227)

Ein Buch, das mir vielfach aus dem Herzen spricht und mir das Gefühl gibt, mit meinem Bipolaren Wahnsinn nicht allein auf der Welt zu sein…

Vielen Dank, Thomas Melle!

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Thomas Melle
Die Welt im Rücken
Gebundene Ausgabe, 352 Seiten
ISBN: 978-3871341700
€ 19,95 [D]
Verlag: Rowohlt
Erschienen: 26.08.2016

Meine Tassen im Schrank – Ellen Forney

Eine unterhaltsame, informative und autobiografische Graphic Novel der Künstlerin und Schriftstellerin Ellen Forney über ihren Umgang mit der manisch-depressiven Erkrankung.

Als ihre Therapeutin ihr eröffnet, dass bei ihr eine Bipolare Störung vorliegt, beginnt für Ellen Forney eine Reise in ihre eigene Psyche. Sie muss lernen, sich selbst kritisch zu beobachten und zeigt ihren Weg in dieser autobiografischen Graphic Novel auf.

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Im Gegensatz zum farbenfrohen Cover sind die Zeichnungen im Buch durchgehend schwarz-weiß gehalten. Ellen Forneys Zeichenstil ist lebendig und frisch. Immer wieder finden sich kleine witzige Anmerkungen oder Zusatzdetails in den Bildern wieder, sodass es immer auch beim zweiten Hinsehen noch etwas zu entdecken gibt. Die Autorin geht informativ und offen mit ihrer Krankheit um. Sie hat die Stimmungsschwankungen, die unterschiedlichen Gefühlszustände, Befürchtungen und Ängste gut eingefangen und nachvollziehbar auf eine spielerische Art dargestellt. Sie zeigt den Zusammenhang von künstlerischer Kreativität und psychischen Erkrankungen auf und trotz ernster Thematik kommt auch der Humor in Form von Selbstironie und teilweise tragisch-komischen Ereignissen nicht zu kurz.

Nicht so gelungen finde ich einzig den deutschen Buchtitel (Original: „Marbles“), bei dem in der Ergänzung lediglich die Depressionen Erwähnung finden. Erst ein Blick auf die Rückseite und ins Buch selbst verrät, dass es darin um die Bipolare Störung geht.

Ellen Forney
Meine Tassen im Schrank [Werbung]
– Depressionen, Michelangelo & Ich
Klappenbroschur, 256 Seiten
ISBN: 978-3-7704-5511-9
Preis: € 19,99
Verlag: egmont graphic novel
Farbigkeit: schwarzweiß
Erschienen: 02.10.2014