Jugend – Tove Ditlevsen

„Jugend” ist der zweite Teil der „Kopenhagen-Trilogie“, in der Tove Ditlevsen (1917 – 1976) autofiktional über ihr Leben schreibt. Das Buch schließt nahtlos an „Kindheit“ an und beschreibt die Zeit nach ihrer Konfirmation, also ab dem Alter von etwa 14 Jahren bis zum Erscheinen ihres ersten Gedichtbands.

„Das Jungsein ist ein vorübergehender, zerbrechlicher und unbeständiger Zustand. Er muss überwunden werden, einen anderen Sinn hat er nicht.“

(S. 105)

So die Erkenntnis von Tove Ditlevsen, die sich in ihrem trostlosen Elternhaus und diversen Arbeitsplätzen so gefangen fühlt, dass sie eine Zeitlang keine Gedichte mehr schreibt, weil sie nichts in ihrem Alltag dazu inspiriert. Als sie endlich achtzehn Jahre alt ist zieht sie aus und mietet sich nicht nur ein unbeheiztes Zimmer bei einer Nazi-Vermieterin, sondern auch eine Schreibmaschine, um ihre Gedichte ins Reine zu tippen.

Sie durchlebt ihren Arbeitsalltag, die Abende mit Nina, die ihr eher nützlich als eine Freundin ist und knüpft erste Bande zu jungen Männern. Doch beim Lesen bekommt man den Eindruck, dass Tove Ditlevsen in dieser Zeit weder Fleisch noch Fisch ist. Sie ist erfüllt von einem Hunger nach großen Gefühlen, ist jedoch nicht in der Lage sie zu fühlen. Sie gleicht einem Kind, das in die Welt der Erwachsenen aufgenommen wurde, sich dort aber noch nicht zurechtfindet. Und so bleibt auch ihre Sehnsucht nach Liebe unerfüllt, selbst als sie aus Vernunftgründen eine Verlobung eingeht, die sie aus Vernunftgründen dann auch wieder löst.

Ihr einziger Trost sind eine Handvoll Gedichte, von denen schließlich eines in einer Zeitung mit einer Auflage von 500 Stück veröffentlicht wird. Es erweist sich als Türöffner, der ihr zu ihrem ersten Gedichtband verhilft.

„Mein Buch! Ich nehme es in die Hand und empfinde ein feierliches Glück, das nichts gleicht, was ich je gefühlt habe. Tove Ditlevsen. Mädchenseele. Es kann nicht mehr zurückgezogen werden. Es ist unwiderruflich. Das Buch wird immer da sein, unabhängig davon, wie sich mein Schicksal gestaltet.“

(S. 130)

Davon abgesehen empfindet sie ihre Jugend aber als nichts als einen Mangel und ein Hindernis, das nicht schnell genug überwunden werden kann. Das würde ich zwar so nicht über das Buch „Jugend“ behaupten wollen, aber es transportiert genau dieses Gefühl. Tove Ditlevsens Sprache ist auch in diesem Buch bildhaft und lyrisch, aber nicht mehr in dem Umfang, wie in „Kindheit“. Auch wenn ich dies ein wenig vermisst habe, so sorgt genau diese zurückhaltendere Verwendung der Stilmittel für ein stimmiges Gesamtbild. Zumindest bisher, denn nun geht es für mich weiter mit „Abhängigkeit“, dem dritten Teil der Kopenhagen-Trilogie.

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Tove Ditlevsen
Jugend – Kopenhagen-Trilogie, Band 2
Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Original: Ungdom, Gyldendal, Kopenhagen, 1967
Gebunden mit Schutzumschlag, 154 Seiten
ISBN: 978-3351038694
Preis: 18,00 € [D]
Verlag: Aufbau Verlag
Erschienen: 15.02.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Kindheit – Tove Ditlevsen

Manche Hypes gehen einfach an mir vorüber und so schaute ich mir in der vergangenen Woche den Literaturclub von März an, ohne zuvor jemals etwas von Tove Ditlevsen gehört oder gelesen zu haben. Doch als dort Lara Körte eine Passage aus „Kindheit“ vorliest, bin ich gleich wie elektrisiert und beginne bereits wenige Stunden später das Buch selbst zu lesen.

Tove Ditlevsen ist 1917 in einem Arbeiterviertel in Kopenhagen geboren und hat 1967 während eines Klinikaufenthalts begonnen an „Kindheit“, dem ersten Buch ihrer autofiktionalen Kopenhagen-Trilogie, zu schreiben. Als dieses Buch in Dänemark erschien, hatte Tove Ditlevsen in Dänemark längst jene Berühmtheit als Dichterin erlangt, von der sie schon als kleines Kind träumte. Während die kindliche Dichterin noch ‚voller Lügen‘ steckte, wie es ihr Bruder Edvin ausdrückte, machte sie als Erwachsene mehr oder weniger unverholen Gebrauch von der eigenen Biographie. „Schreiben heißt, sich selbst auszuliefern“ sagte sie einmal, „sonst ist es keine Kunst. Man kann das verschleiern, aber letzten Endes schreibt man doch immer über sich selbst.“

Als Arbeiterkind, noch dazu als Mädchen, wird Tove Ditlevsen in eine Welt geboren, die äußerst ungünstige Voraussetzungen für sie bietet. Sie entdeckt schon sehr früh das Lesen und das Schreiben für sich, worin sie Zuflucht findet. Aber Frauen werden zu dieser Zeit keine Dichter, erst recht nicht, wenn sie in lieblosen ärmlichen Zuständen aufwachsen, die von Demütigung geprägt sind. Denn der Frau ist es bestimmt Hausfrau und Mutter zu werden – in ihre Bildung zu investieren ist Zeit und Geldverschwendung.

„Doch selbst wenn sich niemand sonst für meine Gedichte interessiert, bin ich gezwungen, sie zu schreiben, denn sie dämpfen die Trauer und Sehnsucht in meinem Herzen.“

(S. 92)

Einige der Gedichte, in denen sie von einem anderen Leben träumt, kann man in diesem Buch lesen, aber vielmehr bin ich beeindruckt von der Art, wie sie ihre Kindheit beschreibt. Sie erzählt einerseits so ungeschminkt und schonungslos, dass es beim lesen schmerzt und man als „Frau von Heute“ die allgemein übliche Ungerechtigkeit vergangener Zeiten kaum ertragen kann. Aber es kommt andererseits auch die Dichterin Tove Ditlevsen zum Vorschein, die treffende Metaphern findet und sich an den passenden Stellen lyrisch genau so auszudrücken versteht, dass es nicht überladen wirkt und man sich vor ihrem sprachlichen Talent einfach nur bewundernd tief verneigen möchte.

„[…] und ohne, dass ich es weiß, sinkt meine Kindheit leise auf den Grund der Erinnerungen, dieser Seelenbibliothek, aus der ich bis an mein Lebensende Wissen und Erfahrungen schöpfen werde.“

(S. 98)

Mit 118 Seiten ist „Kindheit“ ein eher schmales Büchlein, das es jedoch in sich hat. Ich werde unbedingt weiter lesen und bin nun gespannt auf „Jugend“, den zweiten Band der Kopenhagen-Trilogie.

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Tove Ditlevsen
Kindheit – Kopenhagen Trilogie, Band 1
Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Original: Barndom, Gyldendal, Kopenhagen, 1967
Gebunden mit Schutzumschlag, 118 Seiten
ISBN: 978-3-351-03868-7
Preis: 18,00 € [D]
Verlag: Aufbau Verlag
Erschienen: 18.01.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

erLESENer Februar 2021

Im Lesemonat Februar las ich ein Buch über einen Jungen, der mit den psychischen Erkrankungen in seiner Familie zurecht kommen musste; ich las über einen Jungen, der mit dem Hunger kämpfte und seinen Wissensdurst mit Büchern stillte; ich las über einen stotternden Jungen, der sich die Welt mit Pink Floyd erklärte; ich las über die Entstellung einer jungen Frau und war gänzlich gebannt von der majästetisch gefährlichen Ausstrahlung der Tiger.

Triceratops von Stephan Roiss: Ein Buch, an dessen Handlung ich mich nach einem Monat kaum noch erinnern kann.

Der Junge, der den Wind einfing von William Kamkwamba: Die autobiografische Geschichte eines wissbegierigen Jungen in Malawi, die mich berühren konnte und auf mehreren Ebenen ansprach. Beeindruckend!

Tiger von Polly Clark: Stark und sehr atmosphärisch wenn es um Naturbeschreibungen und Tiger geht, aber mit kleinen Schwächen in der Geschichte. Lohnt sich aber dennoch.

Quecksilber von Amélie Nothomb: Ein weiterer kurios überraschender Roman der Autorin, der mich begeistern konnte.

Die Kinder hören Pink Floyd von Alexander Gorkow: Momentaufnahmen eines zehnjährigen Jungen Mitte der 1970er Jahre, der mit viel Fantasie und Pink Floyd groß wird. Sehr musiklastig und empfehlenswert für Fans der Band. Ich habe es sehr genossen.

erLESENer Dezember 2020

Im Lesemonat Dezember kämpfte ich mich durch inflationär verwendete englische Begriffe in einem deutschsprachigen Buch, verletzte das Briefgeheimnis und ließ mir von Irvin D. Yalom unter anderem erzählen, wie sich die Gruppentherapie in den vergangenen Jahrzehnten allmählich etablierte.

Bücherwelten – lebensnah, wenn die gelebte Realität zu fiktional wirkt

Erzähl dein Leben neu von Rebecca Vogels: Storytelling nicht im nachhinein, sondern das Leben so zu führen, dass sich eine schöne Geschichte darüber erzählen lässt. Nicht so oberflächlich, wie es sich anhört, aber trotz einiger guter Ansätze ein eher durchwachsenes Buch.

Mitten im Sprung von Stephanie Palm und Roswitha Perniok: Der Briefroman zweier Frauen, die sich nach 40 Jahren wieder treffen und sich Vieles zu berichten haben. Viele schöne Denkanstöße auch in Bezug aufs Älter werden.

Wie man wird, was man ist von Irvin D. Yalom: Die bezaubernde kleine Geschenkausgabe mit den Memoiren des von mir sehr geschätzten Schriftstellers und Psychotherapeuten. Großartig!

Wie man wird, was man ist – Irvin D. Yalom

„Die Geschenkausgabe mit der abgerundeten Ecke: anspruchsvolle Haptik, hochwertiges Papier, mit Lesebändchen, kleines Format“ heißt es in der Beschreibung. Als ich das Buch dann zum ersten Mal in Händen halte, bin ich noch ein wenig skeptisch. Nicht aufgrund des Inhalts, denn von Irvin D. Yalom las ich bereits einiges und war von seinen philosophisch psychologischen Romanen ebenso begeistert, wie von den Büchern, in denen er über seine Arbeit als Psychotherapeut berichtet. Inhaltlich bewege ich mich hier auf sicherem Terrain, davon bin ich überzeugt.

Aber dies ist nun das erste Buch, das ich in einer dieser kleinen Ausgaben besitze, die gerade einmal 10 x 14.6 cm bemisst und 640 Seiten zwischen 2,8 Zentimetern beherbergt. Niedlich finde ich das Buchformat, das sich so einfach für unterwegs in Handtasche oder Rucksack packen lässt und schließe es gleich in mein Herz. Aber ob sich dieses Buch auch komfortabel lesen lässt? Ich bezweifle dies ein wenig, bin aber dennoch bereit es einfach mal auszuprobieren: Und ich bin überrascht, ja sogar begeistert.

Denn dieses Buchformat scheint wie für meine Hände gemacht, auch wenn ich diese nicht unbedingt als zierlich bezeichnen würde. Das Buch liegt angenehm darin und ist keineswegs zu klein. Auch die Schrift ist nicht in einem Maße verkleinert worden, dass es mir unangenehm auffallen würde. Eher sorgt dieses spezielle Format dafür, dass sich das Lesen dieses Buches von den üblichen Größen abhebt und zu einem besonderen Leseerlebnis werden lässt. Hinzu kommt natürlich auch, dass der Inhalt dieses Buches für mich ein besonderer ist, weil es sich um die Autobiografie eines von mir sehr geschätzten Autoren handelt.

Irvin D. Yalom gibt in „Wie man wird, was man ist – Memoiren eines Psychotherapeuten“ Einblick in seinen beruflichen Werdegang, nimmt aber auch mit in seine Kindheit und in gibt Privates preis. Das alles macht er aus der Sicht eines Mitte achtzigjährigen Mannes, wobei das Wissen eines in Psychologie und Philiosphie bewanderten Menschen mit reichhaltiger Lebenserfahrung aus ihm spricht. Durch ihn erlebt man ein Stück Geschichte der Psychotherapie und wie sein Einsatz auch die Gruppentherapie im Laufe der Jahre etablieren konnte. Aber es ist keine Selbstlobhudelei, die aus ihm spricht, sondern man lernt einen sympathischen Mann kennen, der berichtet, der manchmal unkonventionell sein kann, aber auch zu seinen Fehlern steht und in schwierigen Lebenslagen selbst gelegentlich Hilfe bei anderen Psychotherapeuten gesucht hat. Außerdem lernt man den über Achtzigjährigen kennen, der mit den Einschränkungen des Älter Werdens und den damit verbundenen Sorgen zu tun hat. Hierbei von Ängsten zu sprechen, wäre unpassend, denn sein insgesamt doch eher lockerer Umgang mit dem Alter und seinen Gedanken über das Ende des Lebens, die sich wohl aus seiner langjährigen Arbeit mit todkranken Patienten entwickelt haben, finde ich beeindruckend.

„Ich sage mir oft: die Realität des Todes mag uns zerstören, aber die Vorstellung vom Tod kann uns retten. Es bringt die Erkenntnis auf den Punkt, dass wir nur eine Chance zu leben haben und deshalb in Fülle leben und am Ende möglichst wenig bedauern sollten. Meine Arbeit mit den Todkranken brachte mich schrittweise dazu, gesunde Patienten mit ihrer Sterblichkeit zu konfrontieren, um ihnen dadurch zu helfen, ihre Lebensweise zu ändern. Oft bedeutet dies einfach, den Patienten zuzuhören und ihnen ihre begrenzte Lebenszeit bewusster zu machen.“

(S. 344)

Trotz teilweise ernster Themen handelt es sich bei diesem Buch jedoch nicht um eines, das einen bedrückt zurück lässt, wenn man es beendet hat. Vielmehr fühlt man sich durch erhellende Gedanken angeregt, sie weiter zu denken. Ein kleines Buch mit großem Inhalt und für mich ein Highlight in diesem Jahr.

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Irvin D. Yalom
Wie man wird, was man ist – Memoiren eines Psychotherapeuten
Taschenbuch Geschenkausgabe, 640 Seiten
ISBN: 978-3442719792
Preis: EUR 11,00 € [DE]
Verlag: btb Verlag
Erschienen: 13.04.2020

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Dem Mut ist keine Gefahr gewachsen . Ein abenteuerliches Leben – Rüdiger Nehberg

Als ich davon hörte, dass Rüdiger Nehbergs Autobiografie im April erscheinen sollte, freute ich mich. Ich wollte immer mal etwas von ihm lesen. Denn auch wenn ich von ihm nicht viel mehr wusste, als dass er sich einen Namen als Survival-Experte und Menschenrechtler gemacht hatte, war mir doch klar, dass er zu den Menschen gehört, die wirklich etwas zu erzählen haben. So nahm ich voller Vorfreude in meinem Lesesessel platz um zu erfahren, welche Abenteuer Rüdiger Nehberg in seinem Leben bestreiten musste. Kaum angefangen, mochte ich das Buch fast nicht mehr aus der Hand legen, weil er unterhaltsam erzählen kann, und weil er jemand ist, zu dem man bei dem, was er bislang erreicht hat, bewundernd aufblicken kann. Gleichzeitig fühlt man sich ihm jedoch verbunden, weil er bodenständig geblieben ist, auch wenn er immer nach den Sternen gegriffen hat.

15_Dem Mut ist keine Gefahr gewachsen

Rüdiger Nehberg nimmt den Leser in diesem mit Farb- und Schwarzweißbildern versehenen Buch mit auf einen Streifzug durch sein aufregendes Leben – die Basis für die Erfolge in der Arbeit mit seiner eigenen Menschenrechtsorganisation. Als Siebzehnjähriger radelt er heimlich nach Marokko. 1968 importiert er ‚Survial‘ aus den USA und wird zum Inbegriff des Überlebenskünstlers. 1981 beim Marsch durch Deutschland lebt er 1000 Kilometer lang nur von dem, was die Natur hergibt. Er übersteht 26 Raubüberfälle, überquert dreimal den Atlantik, schafft es allein und halbnackt durch den Dschungel. Er lernt Ekel, Angst und die Bedenken anderer zu überwinden, lässt sich nicht entmutigen.

„Wieder einmal wissen wir es zu schätzen, nicht hier, sondern in einem anderen, begünstigteren Teil der Welt geboren zu sein. Momente, die mir einmal mehr das Glück bewusst machen, ausgerechnet in Nordeuropa zu leben, in all dem Wohlstand, dem gemäßigten Klima, der Demokratie, der Pressefreiheit, den Bildungsmöglichkeiten, des Friedens, des gemeinsamen Europas. Paradiesische Zustände, wie noch keiner unserer Vorfahren sie erleben durfte. Und ich verspüre die Verpflichtung, davon abzugeben an die, die unter solch erbärmlichen Zuständen ihr Dasein fristen müssen. Wie diese Salzarbeiter. Das Reisen und mein Blick auf andere Lebensumstände verändern sich.“ (S. 82)

Als er Zeuge schlimmster Menschenrechtsverletzungen wird, erfindet er aberwitzige Aktionen, um Aufmerksamkeit auf die Not anderer zu lenken.

„Ich will mich einsetzen. Massiv, körperlich, intellektuell. Nicht im Entferntesten kommt mir der Gedanke, dass diese Entscheidung meine weitere Zukunft komplett verändern würde. Ich mache die neue Erfahrung, dass mein Abenteuer auf einmal einen Sinn erfährt, mein Leben eine ganz andere Erfüllung.“ (S. 126)

Etwa die drohende Ausrottung der Yanomami in Brasilien durch die Goldsucher-Mafia, der er mit Zivilcourage den Kampf ansagt. Auch berichtet er von der Zeit in jordanischen Gefängnissen und den Wüstenkarawanen, die ihn mit Muslimen vertraut machten. Es ist ein kleines Erlebnis, das ihn tief berührt und seine Liebe zu Nordafrika, den Menschen, ihrer Kultur und der Exotik des Orients begründet hat. Es war die Urkeimzelle seiner Verbundenheit mit der Wüste und nomadischer Gastfreundschaft und erweist sich als Zündfunke für sein weiteres Leben.

„Aktionen zu starten, die bereits hundertfach von anderen zelebriert wurden, ist öde, zeugt von mangelnder Kreativität und mindert die Bedeutung des Projektes. Nur Einmaliges kann mit medialer Wahrnehmung rechnen, dessen Bekanntheitsgrad mehren und damit auch die Durchsetzungskraft stärken. Meine Aktionen für die Yanomami hatten 20 (!) Jahre gedauert. Erst dann war die pro-indianische Lobby stark genug geworden, um einen akzeptablen Frieden für dieses große Regenwaldvolk durchzusetzen. Erst danach war ich frei für Neues.“ (S. 217)

Frei für die Arbeit mit seiner Organisation TARGET e. V. und dem Islam als Partner, unterstützt durch muslimische Autoritäten in Ländern wie Mauretanien und Äthiopien. Mit dem Ziel, für das er mit nie erlahmender Kreativität kämpft: die Ächtung Weiblicher Genitalverstümmelung von Mekka aus.

„Ich erzähle ihm vom Thema Verstümmelung, dass wir Augenzeugen geworden sind und fragen, ob wir ihm die Bilder zeigen dürfen. Wir dürfen. Er schaut sie sich sehr lange an, bleibt sprachlos und wird blass. ‚Das geschieht mit meinen Mädchen?‘, fragt er schließlich leise.“ (S. 229)

Rüdiger Nehberg warnt vor den schwer zumutbaren Schilderungen dessen, was den Mädchen bei der Beschneidung geschieht, was dies aus ihnen macht und welche Probleme es ihnen in ihrem weiteren Leben bereitet – und es ist unvorstellbar grausam, was man da liest. Aber es verdeutlicht auch, wie wertvoll und wichtig der Kampf dagegen ist. Ein Kampf, den er gemeinsam mit seiner Frau Annette bis zu seinem Lebensende führt.

Rüdiger Nehberg verstarb am 01. April 2020, wenige Tage vor Erscheinen dieses Buches. Es stimmt mich traurig, dass er die Vision, mit der er sein Buch enden lässt, nicht mehr selbst erleben kann. Aber mit seinem „Bis dann, vielleicht demnächst, Rüdi Rastlos“ bringt einen der willensstarke Abenteurer dann doch wieder zum Lächeln. Ein beeindruckendes Lebenswerk, eine lesenswerte Autobiografie.

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Rüdiger Nehberg
Dem Mut ist keine Gefahr gewachsen
Ein abenteuerliches Leben
Hardcover mit Schutzumschlag, 432 Seiten
ISBN: 978-3-89029-537-4
Preis: € 22,00 [D], € 22,70 [A]
Verlag: Malik
Erschienen: 06.04.2020

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

erLESENer Dezember 2019

Im Lesemonat Dezember durchlitt ich mit Stoner stoisch alles Erdenkliche, mauerte mich in Angola ein und nahm Doris Dörries Einladung zu Schreiben an.

Bücherwelten – bereichernd und beruhigend, wenn das richtige Buch in die Realität eingreift…

12_erLESENer

Stoner von John Williams
Der Roman erzählt vom Leben William Stoners, der als Farmerssohn an der Universität das Studium der Agrarwirtschaft beginnt und dort seine Leidenschaft für Literatur entdeckt. Ein Buch, dessen atmosphärische Erzählkunst mich beeindrucken konnte und Lust darauf macht, mehr von John Williams zu lesen. Sehr empfehlenswert!

Eine allgemeine Theorie des Vergessens von José Eduardo Agualusa
Ein Roman der vom Wandel und von den Wunden Angolas erzählt, indem er eine fantastische und doch ganz und gar wahre Geschichte rund um die junge Ludovica webt, die sich für dreißig Jahre in ihrer Wohnung einmauert, nachdem sie am Vorabend der angolanischen Revolution einen Einbrecher in Notwehr erschossen hat.  Durchwachsen.

Leben, Schreiben, Atmen von Doris Dörrie
Eine Einladung zum autobiographischen Schreiben,  bei der die Autorin sympathisch aus ihrem Leben plaudert. Sehr inspirierend und unkompliziert!

Leben, schreiben, atmen – Doris Dörrie

„Wenn wir darüber nachdenken, was wir so denken, schämen wir uns schnell. Und wenn wir uns schämen, können wir schlecht schreiben. Wofür schämen wir uns? Wir schämen uns, dass wir uns anmaßen, über uns selbst zu schreiben, wir schämen uns für unser kleines Leben, für unsere Unzulänglichkeiten, unsere Lügen, unsere enttäuschten Erwartungen an das Leben und an uns selbst. Dieser Scham entkommt man nur, indem man nicht nachdenkt, sondern weiterschreibt…“

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Doris Dörrie studierte Theater und Schauspiel in Kalifornien und in New York, entschloss sich dann aber, lieber Regie zu führen. Parallel zu ihrer Filmarbeit (zuletzt der Spielfilm „Kirschblüten und Dämonen“) veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Romane und Kinderbücher. Sie lebt in München, unterrichtet dort an der Filmhochschule „creative writing“ und gibt immer wieder Schreibworkshops.

Mit „Leben, schreiben, atmen“ lädt sie zum autobiographischen Schreiben ein. Sie gibt Tipps und kreative Anleitungen und macht gleichzeitig vor, wozu sie den Leser ihres Buches auffordert. Zu Beginn jedes Kapitels gibt sie ein Stichwort vor, zu dem sie auf überaus sympathische Weise über ihr Leben plaudert. Manchmal kommt Doris Dörrie dabei vom Hölzchen aufs Stöckchen, aber das ist durchaus gewollt und wohl auch ein natürlicher Effekt, wenn man frei von der Leber weg schreibt. Sie macht dem Leser vor, wie es geht und gibt am Kapitelende knappgehaltene Erklärungen und Tipps. Und weil sie Lockerheit beim Schreiben in ihren autobiographischen Texten vormacht und ihre Ratschläge nicht dogmatisch daherkommen, fühlt man sich tatsächlich auch in der Lage dazu, ihren anschließenden Aufforderungen zum Schreiben nachzukommen.

So musste ich mich zurückhalten um nicht gleich loszulegen, weil ich das Buch so motivierend empfand. Doch wollte ich es erst zuende lesen, denn „Leben, Schreiben, Atmen“ ist kein Schreibratgeber im eigentlichen Sinne. Das Buch liest sich flüssig und die Autorin versteht es, Dinge aus ihrem Leben zu formulieren und so zu beschreiben, dass sie anschaulich sind und berühren. So erfährt man nach jedem Stichwort immer ein wenig mehr aus ihrem Leben, so dass sich am Ende ein ehrliches und authentisches Gesamtbild ergibt, auch wenn die Fragmente nicht in einer zeitlichen Reihenfolge und recht sprunghaft erzählt sind. Gleichzeitig erinnert man sich an Vergangenes und füllt die Stichworte bereits gedanklich mit eigenen leichtgewichtigen oder schwermütigen Inhalten, selbst wenn man es nicht gleich nach Abschluss des jeweiligen Kapitels niederschreibt.

„Der Schreibmuskel ist ein Muskel, der verkümmert, wenn man ihn nicht trainiert“, so Doris Dörrie. „Leben, Schreiben, Atmen“ ist inspirierend und macht Lust darauf, gleich mit dem Training zu beginnen.

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Doris Dörrie
Leben, schreiben, atmen – Eine Einladung zum Schreiben
Hardcover Leinen, 288 Seiten
ISBN: 978-3-257-07069-9
Preis: € (D) 18.00 / sFr 24.00* / € (A) 18.50 * unverb. Preisempfehlung
Verlag: Diogenes
Erschienen: 1. September 2019

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Nicht glauben, ausprobieren! – Stephan Wiesner

Irgendwann, vor etwa ein bis zwei Jahren, entdeckte ich Stephan Wiesners Youtube-Kanal [Werbung] und war schon recht bald begeistert davon, wie er vieles Rund ums Thema Fotografie erklärt oder auch den Zuschauer mit auf seine Fototouren in die Bergwelt mitnimmt. Im vergangenen Jahr arbeitete ich sein Buch über Landschaftsfotografie durch und freute mich, dass ich darin noch so einiges für mich entdecken konnte.

10_Nicht glauben, ausprobieren

In „Nicht glauben, ausprobieren!“ beschreibt er die fünf Jahre, in denen er seinen YouTube-Kanal startet und sich aus seiner Lebenskrise heraus allmählich weiter entwickelt. Sein beruflicher Weg führt immer weiter weg von der Informatik und immer mehr hin zum Schreiben, Reisen und Fotografieren.

„Sobald ich durch den Sucher schaue, bin ich nur noch im Hier und jetzt. Es ist wie beim Spielen früher als Kind oder beim Klettern. Ich bin nur noch im Augenblick, im Flow. Alle Sorgen sind verschwunden. Wahrscheinlich ist es dieses Gefühl, das andere in Drogen suchen.“ (S. 27)

Und ganz ähnlich wie auch schon in seinen Videos, schafft er es mit seiner unaufgeregten authentischen Art mich zu begeistern und stellenweise auch mitzureißen. Vieles, über das er schreibt, ist mir aus seinen Videos bekannt und ich habe gleich die passenden Bilder vor Augen. Aber ich erfahre auch mehr über die Schwierigkeiten und den teilweise großen Aufwand, der für das Filmen mancher Sequenzen oder für das Fotografieren in der Bergwelt notwendig war.

Gleichzeitig gewährt er einen kleinen Einblick hinter die Kulissen seiner Social Media Kanäle und in sein Privatleben. Von letzterem allerdings doch eher zurückhaltend und etwas Anderes hätte auch zu Stephan Wiesner nicht gepasst, der in diesem Buch selbstreflektiert, kritisch und durchaus sympathisch zurückblickt. Und wie der Buchtitel schon verrät, hat auch Stephan Wiesner viel ausprobiert und ist teilweise Risiken eingegangen, aber er zeigt auch, dass sich das lohnen und zu einem erfüllteren Leben führen kann. Wer jedoch einen Ratgeber erwartet, bei dem es um das Thema „Burnout“ geht oder der dort hinaushelfen soll, wie es der Untertitel „Vom Burnout zum Traumberuf“ vermuten lassen könnte, der dürfte hier allerdings enttäuscht werden. Fotografiebegeisterten Menschen, denen auch die YouTube-Videos und Tutorials von Stephan Wiesner gefallen, kann ich das Buch hingegen als Lektüre für zwischendurch empfehlen.

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Stephan Wiesner
Nicht glauben, ausprobieren!
Taschenbuch, 298 Seiten
ISBN: 978-1977031938
Preis: 15,99 [D]
Verlag: Independently published
Erschienen: 22.03.2018

erLESENer Juni

Im Juni ließ ich mich durch Algorithmen manipulieren, meinte auf meinem niederrheinischen Balkon Meeresrauschen zu hören und salzige Seeluft auf meinen Lippen zu schmecken, lernte die Temperatur kennen, bei der Buchseiten zu brennen beginnen und reiste unter Beachtung strengster Regeln kreuz und quer durch Nordkorea.

Bücherwelten – so fern und manchmal doch so nah.

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Mensch 4.0 von Alexandra Borchardt 
Ob die neuen Technologien uns freier machen oder uns manipulieren, ablenken und benutzen und ob wir mehr mitbestimmen können oder ob wir zu nützlichen Idioten ökonomischer oder politischer Interessen werden ist die Thematik dieses Buches, das interessante Denkanstöße enthält.

Barbarentage von William Finnegan 
Finnegan ist wie besessen vom Surfen und diese Leidenschaft sprang beim Lesen sogar auf mich Nicht-Surfer über. Aber ellenlange Beschreibungen der von Ort zu Ort unterschiedlichen Wellen begannen mich zu langweilen, so dass ich das Buch nach zwei Dritteln abbrach.

highlight_des_monatsjpg Fahrenheit 451 von Ray Bradbury 
Die beängstigende Geschichte von einer Welt, in der das Bücherlesen mit Gefängnis und Tod bestraft wird, ist ein zeitloses Plädoyer für das freie Denken und unbedingt empfehlenwert!

Unterwegs in Nordkorea von Rüdiger Frank 
Bis zu diesem Buch wusste ich nicht, dass es überhaupt möglich ist als Normalsterblicher Nordkorea zu bereisen. Dieser Reiseführer hat viel Interessantes über Land und Gepflogenheiten zu berichten, selbst wenn man nicht vor hat nach Nordkorea zu reisen. Empfehlenswert!