Die Kinder hören Pink Floyd – Alexander Gorkow

Wie sagt man heute so bezeichnend: „Ich bin so ein Opfer!“. Und genau das trifft es auch. Ich lese den Namen einer meiner langjährigen Lieblingsbands in Regenbogenfarben auf einem schwarzen Buch und weiß nicht nur sofort, auf welches Plattencover das eine Anspielung sein könnte, sondern auch, dass ich dieses Buch lesen muss. Unbedingt! Denn ich fühle mich ein wenig ausgehungert nach der Musik der 1965 gegründeten Band Pink Floyd, die ich in den 1980er Jahren live in Dortmund und in Köln auf der Bühne erleben durfte. Die mich rund 20, vielleicht sogar 30 Jahre meines Lebens intensiv begleitet hat und doch irgendwann immer mehr in den Hintergrund gerückt ist. Von dem Buch weiß ich vorab nur, dass es einen in die 1970er Jahre mitnimmt und hoffe, dass in dem Roman ganz viel von meiner Lieblingsmusik enthalten ist. Glücklicherweise werden meine Erwartungen sogar noch übertroffen.

Denn der 1966 in Düsseldorf geborene Autor Alexander Gorkow ist nicht nur etwa mein Jahrgang, sondern nimmt mich in seinem autobiografischen Roman mit in ein Leben in den 1970er Jahren, wie ich es zu Teilen ähnlich selbst erinnere. Eine Kindheit mit Altnazis, der ZDF-Hitparade, mit Heino als Feindbild, dem Balkan-Grill, dem Traum von der Einbauküche, gänzlich fehlender Political Correctness und viel politischem Erwachsenengerede, mit dem ich als 10jährige ebenso wenig anfangen konnte, wie der gleichaltrige Ich-Erzähler dieses Buches. Im Gegensatz zu mir stottert dieser zwar und eifert seiner herzkranken älteren Schwester, zu der er ein besonderes Verhältnis hat, nach, aber mich verbindet mit beiden die gemeinsame Liebe zu der Musik von Pink Floyd. Und von der steckt ganz viel in diesem Buch.

Der Zehnjährige beschreibt den Klang der Lieder, sodass sie mir beim Lesen gleich im Ohr klingen. Er zitiert Textstellen daraus oder bezieht sich auf diese und schildert anschaulich das Aussehen der Plattencover. Die Liebe seiner jugendlichen Schwester zu dieser Band ist auch seine geworden. Er erklärt sich die Welt mit ihren nicht immer ernst gemeinten und teilweise auch entnervten aufmüpfigen Äußerungen, mit Pink Floyds Liedtexten und seiner überbordenden Fantasie. Denn so psychedelisch die Musik dieser Band ist, so sind es teilweise auch die kindlichen Gedanken des Jungen. In seiner Welt und seiner Logik als Zehnjähriger sind sie erklärbar und nachvollziehbar. Das Buch wirft einen liebevollen Blick auf die unterschiedlichen Charaktere mit all ihren Ecken und Kanten und schafft es mich zu berühren. Ich fühle mich beim Lesen ein wenig an meine Zeit in dem Alter erinnert und mir fallen eigene abstruse Kindheitsideen und Erklärungsversuche unvorstellbar erscheinender Vorgänge ein. Gelegentlich bringt es mich sogar zum Lachen. Aber es ist kein spöttisches Lachen, sondern ein warmes Lachen, das aus lebendiger Erinnerung gespeist wird und dem Verständnis, dass man selbst manches in dem Alter einfach nicht besser wusste.

Irgendwann springt in dem Buch der Zeitraffer an und man rast regelrecht bis in die jetzige Zeit. Es werden noch einige Meilensteine im Älterwerden des Protagonisten erwähnt und natürlich auch einige aus der Historie von Pink Floyd. Das wirkt insgesamt jedoch etwas gehetzt, was ich beim Lesen bedauernswert finde. Und doch ist auch dies eine nachvollziehbare Vorgehensweise, weil irgendwann die Kindheit vorbei und die Band selbst einfach Geschichte ist. Aber es ist eben auch kein Buch in dem minutiös alle Einzelheiten zu Pink Floyd aufgeführt werden. Es ist die Geschichte eines Jungen, den Pink Floyd über lange Strecken durch sein Leben begleitet hat – und es auch bei ihm als Erwachsenen immer mal wieder tun wird, weil mit dieser Band für immer unvergessliche Erinnerungen für ihn verbunden sein werden.

Und für mich wird es jetzt Zeit bei Spotify endlich eine Pink-Floyd-Playlist anzulegen. Denn nachdem ich mich in den 2000er Jahren von meiner Plattensammlung getrennt habe, scheine ich mir auch nicht mehr alle Alben als CDs zugelegt zu haben. Die Zeiten ändern sich, aber eins bleibt: Ich habe den Anfang von „Have A Cigar“ im Ohr und starte dem völlig zuwider handelnd mit dem 1977 erschienen Album „Animals“, gespannt darauf, ob mich die Remastered Version von 2011 noch packen kann. Spätestens als die Hunde bellen und danach die Gitarre einsetzt, bekomme ich eine erste Gänsehaut. Alles gut.

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Alexander Gorkow
Die Kinder hören Pink Floyd
Gebundene Ausgabe, 192 Seiten
ISBN: 978-3-462-05298-5
Preis: 20,00 € [D]
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erschienen: 11.02.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Mit Stauen und Zittern – Amélie Nothomb

Vor einiger Zeit erwarb ich gebraucht einen kleinen Stapel Taschenbücher von Amélie Nothomb. Was ich bisher von ihr las, war kurzweilig, überraschend und auf seine Weise besonders. So etwas erhoffte ich mir auch von „Mit Staunen und Zittern“, das ich mehr oder weniger blind aus diesem kleinen Bücherstapel herausgriff. Ich wurde nicht enttäuscht.

Amélie Nothomb verbrachte als Tochter des belgischen Diplomaten Baron Patrick Nothomb ihre ersten fünf Lebensjahre in Japan. Nach weiteren durch den Beruf des Vaters bedingten langjährigen Aufenthalten in China, New York, Burma und Laos kam sie im Alter von 17 Jahren erstmals nach Europa. Sie studierte Romanistik an der Université Libre de Bruxelles. Nach dem Abschluss kehrte sie nach Tokio zurück und arbeitete in einem Großunternehmen. Die Erfahrungen dieser Zeit dienten ihr später als Grundlage für ihren Roman „Mit Staunen und Zittern“. Für das bereits 1999 erschienene Werk erhielt die Autorin den „Grand Prix du Roman“ der Académie française. Im Jahr 2000 erschien im Diogenes Verlag eine Übersetzung ins Deutsche von Wolfgang Krege. 2003 erfolgte eine Verfilmung des Romans durch den Regisseur Alain Corneau. Die Komödie entstand als französisch-japanische Koproduktion.

In diesem Roman erhält die Europäerin Amélie, die ihre Kindheit in Japan verbracht hat, eine Anstellung in einem großen japanischen Unternehmen. Sie wird jedoch von den ihr zugewiesenen Aufgaben nicht ausgefüllt. Ihr nach japanischen Maßstäben unorthodoxes Verhalten führt, nach einem Intrigenspiel ihrer Vorgesetzten, zu Amélies „Degradierung“ zur Toilettenfrau. Andere Angestellte des Unternehmens solidarisieren sich jedoch mit ihr, und sie lernt, die gegen sie gerichteten Bösartigkeiten mit Humor zu durchbrechen.

Es handelt sich um übles Mobbing, allerdings auf japanische Art, von dem man sich fragt, wie die Protagonistin dies aushält. Aber sie schafft es und gleichzeitig erfährt man von gesellschaftlichen und kulturellen Zwängen sowie firmeninternen Strukturen in denen die Menschen so sehr gefangen sind, dass sie sich kaum herauswinden können. Über einiges stolperte ich bereits in anderen Büchern, so dass mir beim Lesen dessen, was die Autorin hier humorvoll und überspitzt darstellt, das Lachen eher im Halse stecken blieb. Denn genaugenommen sind die Täter in diesem Roman auch nur Opfer und glücklich kann sich schätzen, wer über den Dingen stehen kann, weil er sich von Erfolgsdruck frei machen kann und die Möglichkeit hat, andere Wege zu gehen. Eine bitterböse Japan-Satire, deren autobiographischer Touch beim Lesen unweigerlich die Frage aufwirft, was davon die Autorin tatsächlich erduldet hat.

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Amélie Nothomb
Mit Staunen und Zittern
Original: Stupeur et tremblements
Aus dem Französischen von Wolfgang Krege
Taschenbuch, 160 Seiten
ISBN: 978-3257233254
Preis: € (D) 11,00
Verlag: Diogenes
Erschienen: 28.06.2002

Wir von der anderen Seite – Anika Decker

Als ich in der Verlagsvorschau vom Ullstein Verlag auf „Wir von der anderen Seite“ von Anika Decker aufmerksam wurde, fühlte ich mich gleich angesprochen und mochte auch die Leseprobe. Die Autorin, die 1975 in Marburg geboren wurde und als Drehbuchautorin (u. a. Keinohrhasen) und Regisseurin in Berlin lebt, beschreibt dieses Buch als das Buch, das sie seit zehn Jahren schreiben wollte. Es geht um eine 35-jährige Frau, die plötzlich schwer krank wird und deren Leben und Denken sich von einem auf den anderen Tag verändert. Aber es geht auch um die Einsamkeit, die Absurditäten des Krankenhausalltags, die Geldsorgen und die Angst davor, nie wieder auf die Beine zu kommen.

31_Wir von der anderen Seite

Anika Decker lag selbst etliche Monate aufgrund einer schweren Blutvergiftung in verschiedenen Krankenhäusern und hat viele ihrer eigenen Erfahrungen in diesem autobiografischen Roman verarbeitet. Sie sagt von sich, dass sie damals gern einen Roman gelesen hätte, der ihr das Gefühl gibt nicht allein zu sein oder dass Ärzte nicht immer recht haben. Mit „Wir von der anderen Seite“ hat sie dieses Buch schreiben wollen und mit der ihr eigenen Prise Humor gewürzt.

Man spürt beim Lesen, dass Anika Decker weiß, worüber sie schreibt und erkennt Kuriositäten aus dem Krankenleben beziehungsweise aus dem Erleben mit Erkrankten wieder. Der Schreibstil ist kurzweilig und leicht, wie auch der überwiegende Teil des Buches trotz der eigentlich eher ernsten Thematik. Etwas ungewohnt finde ich beim Lesen, dass nach beinahe jedem Satz ein Absatz folgt, gleichzeitig lässt einen das jedoch beinahe durch das Buch fliegen. Ich fühlte mich tatsächlich auch ein wenig an den Schreibstil der bisher von mir gelesenen Drehbücher, vor allem aber auch an die Filme erinnert, für die die Autorin bisher sehr erfolgreich Drehbücher schrieb. Als Rahel in der Ich-Perspektive nimmt sie den Leser auch in diese Welt mit. Manches ist mir jedoch auch hier zu viel, wirkt zu sehr inszeniert und hangelt sich zu sehr an Klischees entlang, um den wohl gewünschten Lacher zu erzwingen. Über anderes kann ich hingegen tatsächlich amüsiert lächeln.

Besser gefallen hat es mir jedoch, wenn die Autorin Situationen und Gefühle schildert durch die sie Rahel zu einer Protagonistin werden lässt, mit der sich mitfühlen lässt und der man beim lesen tatsächlich eine gute Besserung wünscht. Dennoch ist der Gesamteindruck des Buches eher oberflächlich und lässt den Tiefgang vermissen, den Anika Decker zwar andeutet, sich jedoch nicht darauf einlässt. Denn ihren Fokus legt sie darauf, eine in erster Linie lustige Geschichte erzählen zu wollen, was als solches ja auch durchaus legitim ist, mich aber leider letztlich doch enttäuscht hat, da die Leseprobe bei mir andere Erwartungen geweckt hat.

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Anika Decker
Wir von der anderen Seite
Hardcover mit Schutzumschlag, 384 Seiten
ISBN: 9783550200373
Preis: € 20,00 [D] | € 20,60 [A]
Verlag: Ullstein
Erschienen:  26. Juli 2019

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.