Licht in der Nacht der Seele – Martin Duda

Erst kürzlich wurde ich auf die „Bibliotherapie“ aufmerksam, die zu den künstlerischen Therapieformen, (wie beispielsweise auch Musik- und Tanztherapie) gehört. Hierbei setzt man auf die Heilkraft der Sprache, die beim Lesen von beruhigender und aufbauender Literatur und beim Schreiben und Gestalten eigener literarischer Texte Heilungsprozesse unterstützen, Probleme lösen und die Persönlichkeitsentwicklung fördern kann. Bei der Suche nach weiterführender Literatur, stieß ich unter anderem auf „Licht in der Nacht der Seele – Wie Lesen bei Depressionen hilft“ von Martin Duda. Das Buch bezeichnet sich selbst als Literarisches Antidepressivum, was auf mich zunächst befremdlich wirkt, da es enorme Erwartungen weckt. Aber es machte mich auch neugierig.

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Der Text auf der Klappe dieses broschierten Buches erläutert:

„In der Literatur ist die Depression ein immer wiederkehrendes Thema. Viele Dichter und Schriftsteller kennen das Phänomen aus eigenem Erleben. Sie haben – anders als die Wissenschaftler oder die Mediziner einen unmittelbaren und ganzheitlichen Zugang gerade auch zu den Schattenseiten menschlicher Erfahrungen. Dieser Zugang ermöglicht ihnen und damit auch den Lesern eine andere, breitere Sicht auf die Depression. Zugleich haben viele literarische Werke für depressive Menschen eine heilsame und therapeutische Wirkung. Wenn der Lebenssinn zu einer dringenden Frage wird und die Gründe zum Leben verloren gehen, kann uns gute Literatur bei der Suche nach ihnen begleiten und ein wenig Licht in die geheimnisvolle Dunkelheit der Depression bringen.“

Lesen ist für viele Menschen, so auch für mich, ein Hilfsmittel erster Wahl, um Zeiten der Muße, der Ruhe und der Entspannung für sich zu entdecken und in ihnen einzutauchen. Ein gutes Buch hat das Vermögen und die Macht, mich aus dem Alltag zu entführen, aber auch die quälenden Phasen depressiver Langeweile, die immer mehr handlungsunfähig macht und zunehmend lähmt, in eine gute Zeit der Muße zu verwandeln, wenn ich rechtzeitig zu diesem Hilfsmittel greife. Beim Lesen dieses Buches fühlte ich mich außerdem an eine Zeit erinnert, als ich tatsächlich bei Dichtern, Schriftstellern, Musikern und Malern regelrecht auf der Suche nach gemeinsamen Empfindungen und Darstellungen war, in denen ich mich und mein durch die Bipolare Störung (manisch depressive Erkrankung) verändertes Erleben wiederfinden konnte. Ich sammelte diese Fragmente, weil die Künstler in der Lage waren das auszudrücken, wofür mir die Worte und auch sonstige Ausdrucksmöglichkeiten fehlten. Das brachte mir Linderung, weil ich mich verstanden fühlte und ich manches dadurch erst als Teil der Krankheit identifizieren und begreifen konnte.

Geholfen hätte es mir auch, wenn mir zu dieser Zeit, in der ich erst noch den Umgang mit der Depression lernen musste, „Licht in der Nacht der Seele“ in die Hände gefallen wäre. Martin Duda, der sich seit vielen Jahren mit der heilsamen Wirkung des Lesens befasst, bietet mit ausgewählten Texten der Weltliteratur und praktischen Buchtipps Hilfe zur Selbsthilfe an. Denn therapeutisch lesen bedeutet, langsam und mit dem Herzen zu lesen und den Text zu verinnerlichen. Es geht darum,

[…] den traurigen und gesenkten Blick des depressiven Menschen wieder nach oben zu richten, ihn selbst als Mensch aufzurichten und ihn hinaus nach draußen in die Welt, da wo das Leben ist, zu schicken. Gewissermaßen gilt es, nicht nur seine äußeren Sinne, seine Augen und Ohren, sondern vor allem sein Herz zu öffnen und ihn zum Leben und zum Wertvollen im Leben wieder hinzuführen. (S. 41)

Der Autor zeigt, wie die Lektüre dazu beitragen kann, der Ausweglosigkeit der Depression zu entkommen und den Weg zurück ins Leben zu finden. Doch es ist hier keine konkrete Auflistung von Tipps zu erwarten, die abgearbeitet werden könnten. Eher wird das Lesen als ein unterstützendes Mittel empfunden, das unter Umständen einbezogen werden kann. Tatsächlich sind es auch nicht die unterschiedlich gearteten kurzen Texte und Gedichte, die er zitiert und beispielhaft angibt, die ich an diesem Buch als hilfreich empfinde. Manches ist großartig, aber nicht alles spricht mich an und für Lyrik bin ich nicht immer empfänglich. Vielmehr schafft es der Autor durch seine Ausführungen und Erläuterungen das Wesen, die Ursachen und Auswirkungen der Depression so zu benennen und auf den Punkt zu bringen, dass ich mich mitsamt der krankheitsbedingten Problematiken verstanden und ernst genommen fühle. Daher kann ich die Lektüre dieses Buches auch denjenigen empfehlen, die versuchen möchten zu verstehen, wie die Depression das Leben eines Menschen vereinnahmt und was sie unter Umständen aus ihm macht. Selten habe ich mich so verstanden und angenommen gefühlt, was wohltuend und tatsächlich ein wenig wie ein literarisches Antidepressivum auf mich wirkt. Eine Empfehlung für Interessierte und Betroffene.

„Kein Buch vermag zwar die unmittelbare Begegnung mit einem anderen Menschen zu ersetzen, geschweige denn all das, was sich in der Begegnung mit ihm und in der Beziehung zu ihm ereignet und darin wirkt. Aber die Literatur kann nicht nur Wege zum depressiven Menschen ebenen und wie eine Verbindungsbrücke fungieren, sondern auf die heilsamen Kräfte, die nur in der Beziehung der Menschen untereinander entstehen, aufmerksam machen. Ob in großen Werken der klassischen Literatur oder in einfachen Liebesromanen – überall geht es um Themen wie Beziehungen, Trennungen, Verluste und um die Einsamkeit, aber auch um rettende Auswege wie Liebe, Freundschaft, Zuneigung und Mitgefühl. Bücher mit diesen Motiven können zur Reflexion anregen und für die Not eines einsamen Menschen sensibilisieren, aber auch Lösungen und Schritte aus der Einsamkeit aufzeigen.“ (S. 96)

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Martin Duda
Licht in der Nacht der Seele
Wie Lesen bei Depressionen hilft
Klappenbroschur, 160 Seiten
ISBN: 978-3-8436-1059-9
Preis: 16,00 € (D) inkl. MwSt.
Verlag: Patmos
Erschienen am 04.06.2018

umgeBUCHt Beiwerk: Mein Leben als Buch

erLESENer Mai

Im Mai begrüßte mich Desfred mit „Gesegnet sei die Frucht!“, erlebte ich die manisch-depressive Entwicklung von Myrthe, lernte die Autorin Margaret Atwood etwas besser kennen und wurde von Frank Schätzings neuem Roman enttäuscht.

Bücherwelten – manchmal einfach großartig und manchmal nur übelstes Popcorn-Kino.

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Der Report der Magd von Margaret Atwood
highlight_des_monatsjpgEs handelt sich bei diesem Buch zwar um Fiktion, aber es scheint so unfassbar einfach zu sein, Frauen schnell und effektiv sämtlicher Rechte zu berauben, um sie in die gewünschten Bahnen zu lenken. Berührend, skurril und gleichzeitig sehr erschreckend. Für mich ein Lesehighlight!

Heiter bis wolkig von Myrthe van der Meer
Als manisch-depressiv erkrankter Mensch kann man sich in manchem wiedererkennen und fühlt sich an die durchwachsenen, vor allem aber auch an die positiven Aspekte der Klinikzeit zurückerinnert. Wer sich in diese Thematik hineinlesen möchte, dem sei dieses Buch, das einen ein ums andere Mal schmunzeln lässt, unbedingt empfohlen!

Aus Neugier und Leidenschaft von Margaret Atwood 
So sehr mich manches in diesem Buch zu begeistern wusste, muss ich doch gestehen, dass mich auch einiges langweilte, was allerdings bei der Vielfalt der unterschiedlichen Texte nicht ungewöhnlich ist.  Aber ich bin mir dennoch fast sicher, dass Margaret-Atwood-Fans dieses Buch gefallen könnte.

Die Tyrannei des Schmetterlings von Frank Schätzing 
Obwohl ich das Thema „Künstliche Intelligenz“ sehr interessant fand, war der große Rest dieses Hörbuchs für mich insgesamt eine große Enttäuschung, was allerdings nicht an dem Sprecher lag, der vermutlich dafür sorgte, dass ich doch noch bis zum Schluss drangeblieben bin und das Hörbuch nicht vorzeitig abbrach.

Dir werd ich helfen – Cornelia Schmitz

Wie hatte die Dame der Arbeitsagentur gesagt? „Sie brauchen eine sinnstiftende Tätigkeit, Frau Sudfeld, eine Tagesstruktur. Das wird ihnen ganz sicher helfen.“ Als Ergebnis dieser Unterhaltung findet sich Eli, die unter einer Bipolaren Störung leidet, in einer Werkstatt für behinderte Menschen wieder, in ihren Augen keine geeignete Maßnahme, um ihr anhaltendes Stimmungstief zu beheben. Sie vermisst nicht nur die ‚rosarote Brille der Manie‘, die kommunikativen Typen aus der Psychiatrie und ihren Liebsten, sondern eine komplexe Aufgabe zur Belebung ihrer Lebensgeister.

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So weit, so interessant, so anschaulich, so lebensnah. Als Leserin, die ebenfalls manisch-depressiv erkrankt und dadurch schwerbehindert ist, machte ich vor einigen Jahren eine berufliche Reha und befand mich in ähnlichen Einrichtungen, wie die Protagonistin dieses fiktiven Werkstattkrimis.

„Es war wie in einem Brunnen, in den kaum Licht fällt: Die Werkstatt und die Menschen darin wurden von der Öffentlichkeit kaum gesehen, nicht die kleinen, manchmal auch großen Erfolge, nicht die Vorsicht, das Zartgefühl, auch die Güte, die es hier, unter den Außenseitern, oftmals gab, auch die Freude am Arbeiten, der Stolz auf das Geleistete, der Wille, anzupacken.“ (S. 121)

Die Menschen und Begebenheiten fand ich sehr gut eingefangen und fühlte mich teilweise in diese sehr anstrengende, aber auch wohl behütete Zeit zurückversetzt.

„Weißt du, Eli“, hatte Gertrud gesagt, „viele bei uns, auch Deborah, wirken auf den ersten Blick ganz normal. Sind es ja auch. Aber auf den zweiten Blick, wenn man genauer hinschaut, dann merkt man eben, warum jemand hier ist. Sie sind labil, können sich nicht wehren, so wie Deborah, oder haben schlimme Albträume, wenn sie überhaupt schlafen, haben Angst, alles falsch zu machen, so wie Melanie, können überhaupt keinen Stress vertragen oder kriegen kein vernünftiges Gespräch zustande, auch wenn es niemanden hier gibt, der gar nichts mehr blickt, verstehst du?“ (S. 72)

Eli versteht und arrangiert sich – anfangs widerwillig – mit der Situation. Ihre Gedankengänge und Vorbehalte sind nachvollziehbar dargestellt. Das ist neben der Schilderung der Werkstatt die eigentliche Stärke und das Interessante an diesem Buch, das meines Erachtens besser kein Krimi geworden wäre. Der „Kriminalfall“ beginnt eigentlich erst im letzten Drittel des Buches und fühlt sich für mich wie ein Fremdkörper an, der nachträglich an die Geschichte angehängt und später mühsam eingeflochten wurde. Als fiktiver Part bringt er eigenartige Auswüchse mit sich. Abstrus finde ich die Schilderung einer in der Einrichtung für psychisch Kranke öffentlichen Bildergalerie mit den bereits verstorbenen Mitarbeitern. Ebenso abwegig erscheint mir, dass in ebendieser Einrichtung von allen Mitarbeitern und Kollegen immer wieder betont wird, dass die zuletzt verstorbene Mitarbeiterin keinen Grund für ihren Suizid gehabt habe. Das sind Floskeln, die sich psychisch Kranke oder Sozialarbeiter in diesem Bereich doch eher verkneifen.

„Das Buch ist Fiktion und abermals Fiktion“betont die Autorin, die unter Pseudonym schreibt, im Nachwort ausdrücklich. Für mich war allerdings der überwiegende Teil dieses Buches so nah an der Wirklichkeit und die Gedankenwelt der Protagonistin so nachvollziehbar und gut beschrieben, dass mir die unausgereifte Fiktion nicht gefallen mochte. Dennoch kann ich das Buch Lesern empfehlen, die einen kleinen Einblick in die Arbeit der Werkstätten für Menschen mit psychischer Behinderung bekommen möchten – und die sich dafür interessieren, mit welchen gemischten Gefühlen die Arbeit dort verbunden sein kann.

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Cornelia Schmitz
Dir werd ich helfen
Ein Werkstattkrimi
Taschenbuch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-86739-137-5
€ 15,00 (D) | € 15,50 (A)
Verlag: BALANCE buch + medien verlag
Erschienen:  13.03.2018

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Meine Tassen im Schrank – Ellen Forney

Eine unterhaltsame, informative und autobiografische Graphic Novel der Künstlerin und Schriftstellerin Ellen Forney über ihren Umgang mit der manisch-depressiven Erkrankung.

Als ihre Therapeutin ihr eröffnet, dass bei ihr eine Bipolare Störung vorliegt, beginnt für Ellen Forney eine Reise in ihre eigene Psyche. Sie muss lernen, sich selbst kritisch zu beobachten und zeigt ihren Weg in dieser autobiografischen Graphic Novel auf.

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Im Gegensatz zum farbenfrohen Cover sind die Zeichnungen im Buch durchgehend schwarz-weiß gehalten. Ellen Forneys Zeichenstil ist lebendig und frisch. Immer wieder finden sich kleine witzige Anmerkungen oder Zusatzdetails in den Bildern wieder, sodass es immer auch beim zweiten Hinsehen noch etwas zu entdecken gibt. Die Autorin geht informativ und offen mit ihrer Krankheit um. Sie hat die Stimmungsschwankungen, die unterschiedlichen Gefühlszustände, Befürchtungen und Ängste gut eingefangen und nachvollziehbar auf eine spielerische Art dargestellt. Sie zeigt den Zusammenhang von künstlerischer Kreativität und psychischen Erkrankungen auf und trotz ernster Thematik kommt auch der Humor in Form von Selbstironie und teilweise tragisch-komischen Ereignissen nicht zu kurz.

Nicht so gelungen finde ich einzig den deutschen Buchtitel (Original: „Marbles“), bei dem in der Ergänzung lediglich die Depressionen Erwähnung finden. Erst ein Blick auf die Rückseite und ins Buch selbst verrät, dass es darin um die Bipolare Störung geht.

Ellen Forney
Meine Tassen im Schrank [Werbung]
– Depressionen, Michelangelo & Ich
Klappenbroschur, 256 Seiten
ISBN: 978-3-7704-5511-9
Preis: € 19,99
Verlag: egmont graphic novel
Farbigkeit: schwarzweiß
Erschienen: 02.10.2014