I get a bird – Anne von Canal, Heikko Deutschmann

Briefromane mag ich gern, von Anne von Canal wollte ich immer mal etwas lesen und dass dieser Roman im mare Verlag erschienen ist, einem von mir hochgeschätzten Verlag, von dem mich bislang noch kein Buch enttäuschte, gab wohl den entscheidenden Ausschlag dafür, dass ich mich für dieses Buch interessierte. Kein Fehlgriff, denn ich habe bis zum Schluss immer wieder gern zu „I get a bird“ gegriffen, um die Protagonisten besser kennenzulernen und zu erfahren, was es mit ihrer Geschichte auf sich hat.

Eines Tages erhält Jana (Jahrgang 1971), eine als Fahrradkurier jobbende Zukunftsforscherin aus Freiburg, ein Paket von einem ihr unbekannten Mann. Der in einer Tagesklinik behandelte Busfahrer Johan (Jahrgang 1972) schickt ihr einen Kalender zurück, den sie vor drei Jahren in einer Telefonzelle in Neumünster vergessen hat. Es entspinnt sich eine immer intensiver werdende Korrespondenz zweier Fremder.

„Ich erzähle Ihnen von meinem Alltag, weil ich hoffe, dass es Sie aus dem Konzept bringt, von etwas zu lesen, das weder mit Ihnen noch mit diesem Päckchen zu tun hat. Ich will einen Raum schaffen für die fällige Entschuldigung. Einen tatsächlichen Raum. Ich möchte, dass Sie sie hören, sie wahrnehmen.“

(S. 13)

Während Johan der verlorene Kontakt zu seiner Tochter aus der Bahn geworfen hat, reißt sein Paket bei Jana ebenfalls alte Wunden auf. Bald finden die Schreibenden heraus, dass ihre Biografien nicht nur ungeahnte Parallelen haben, sondern auch eine ganz konkrete Überschneidung in der Vergangenheit. Allmählich werden ihre Gedanken klarer, sie reagieren immer mehr auf einander und lernen sich immer besser durch den Briefkontakt kennen.

„Alles, was ich erzähle, beinhaltet gleichzeitig auch alles, was ich nicht erzähle. Alles, was ich beschreibe, ist bereits eine Interpretation, selbst wenn ich eisern auf Kommentare verzichte. Egal, was und wie ich es am Ende formuliere – es ist doch meine Geschichte, meine Auswahl, meine Sicht. Subjektiv verzerrt.“

(S. 177)

Doch sie philosophieren nicht nur über die Begebenheiten in ihrem kleinen Mikrokosmos am Rande der Gesellschaft, sondern erreichen durch das Schreiben einander und finden wieder den Kontakt zu ihren eigenen Lebensgeschichten, die auch für den Leser dieses Briefromans nach und nach begreifbar werden.

Abgebildet werden 5 Monate Briefwechsel der Protagonisten, tatsächlich schrieben sich die beiden Autoren jedoch zwei Jahre lang für diesen Briefroman, ohne je etwas anderes abzusprechen als den Anfang. Alles Weitere überließen sie den Figuren und der Zeit. Entstanden ist ein wendungsreicher, gelegentlich humorvoller, vor allem aber berührender Briefwechsel.

Anne von Canal, geboren 1973, ist Autorin und Übersetzerin. Ihre schriftstellerische Arbeit wurde mit einem Werkstipendium des Deutschen Literaturfonds und zahlreichen internationalen Aufenthaltsstipendien ausgezeichnet. Bei mare erschienen ihre Romane „Der Grund“ (2014) und „Whiteout“ (2017) sowie der Inselband „Mein Gotland“ (2020).

Heikko Deutschmann lebt als Schauspieler, Autor und Filmemacher in Berlin. Seiner Leidenschaft fürs Lesen und Vorlesen verdanken sich zahlreiche preisgekrönte Hörbücher. „I get a bird“ ist das erste Buch, das er unter eigenem Namen veröffentlicht.

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Anne von Canal, Heikko Deutschmann
I get a bird
Hardcover, 272 Seiten
ISBN: 978-3866486829
Preis: 22,00 € [D]
Verlag: mare
Erschienen: 24.08.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag kostenlos für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Mitten im Sprung – Stephanie Palm, Roswitha Perniok

Eva und Karin sind beste Freundinnen. Nach dem Abitur trennen sich ihre Wege und sie verlieren sich aus den Augen. Fast 40 Jahre später begegnen sie sich zufällig wieder und beschließen, in Kontakt zu bleiben. Über eMails und Briefe lernen sie sich ganz allmählich neu kennen. Sie erzählen sich von den unterschiedlichen Stationen in ihrem Leben, ihrer persönlichen Entwicklung und dem, was wirklich für sie zählt.

Nach und nach nähern sich die beiden Freundinnen einander wieder an und der Briefwechsel wird immer persönlicher. Beide sind etwa um die 60 Jahre alt. Es geht ums älter werden und um Situationen und Probleme, vor die Menschen mit zunehmendem Alter gestellt werden können. Die Schwierigkeiten und Auswirkungen der Kindheit und die von den Eltern getroffenen Entscheidungen spielen immer noch eine Rolle, auch wenn sie selbst „fast schon Seniorinnen sind und damit alt genug, um die Kindheit endlich würdevoll loszulassen“.

Gleichzeitig steigt ihr Bewusstsein, dass sie selbst in die Position der nächsten alten Generation herein wachsen und es allmählich Zeit dafür wird, die Träume zu verwirklichen, die sie noch haben und endlich das Leben zu führen, das sie sich wirklich wünschen.

Aber „Mitten im Sprung“ ist kein Buch in dem gemeckert oder gejammert wird. Vielmehr hat man es mit zwei sympathischen Protagonistinnen zu tun, die einem ein wenig bekannt vorkommen, vielleicht weil man sich in ihren Charaktereigenschaften oder in dem, was sie tun, oder nicht tun, teilweise wiedererkennen kann. Immer wieder spricht auch eine gewisse angenehm bodenständige Lebenserfahrung aus ihnen, die mir beim Lesen gut gefallen hat.

„Wenn man jung ist, mangelt es an Erfahrung und Weitblick. Wenn man älter ist, hätte man beides, aber der Mut fehlt.“

(S. 46)

Gern habe ich das Briefgeheimnis verletzt und gelesen, was Karin und Eva sich zu schreiben hatten. Tatsächlich hat mich die Briefnovelle zum richtigen Zeitpunkt erreicht und mich ein wenig dazu angestachelt, doch gerade hinsichtlich einer bestimmten Situation selbst etwas mehr Mut und Selbstvertrauen zu beweisen. Den beiden Autorinnen sei Dank hierfür.

Einzig, dass ich die knapp 150 Seiten in elektronischer Form auf meinem eReader (Tolino Shine 3) las, habe ich etwas bereut. Denn so konnte ich die enthaltenen Grafiken nicht erkennen, die als Gestaltungsmittel an unterschiedlichen Stellen des Buches auftauchen. Aus diesem Grund würde ich eher zum Taschenbuch raten.

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Stephanie Palm, Roswitha Perniok
Mitten im Sprung
Paperback, 150 Seiten
ISBN: 9783750499737
Preis: EUR 6,99 € [DE]
Verlag: Books on Demand
Erschienen: 11.11.2020

Das eBook wurde mir freundlicherweise von den Autorinnen zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.