Der Junge, der den Wind einfing – William Kamkwamba

Mehr, als dass diese Geschichte von einen wissbegierigen Jungen handelt, der in Malawi aufwächst und mit 14 Jahren ein Windrad baut, war mir im Vorfeld über dieses Buch nicht bekannt. Aber ich hatte große Lust darauf, wieder einmal etwas für meine BUCHweltreise zu lesen und so ging es dieses Mal für mich nach Malawi, in ein Land, das zwischen Mosambik, Sambia und Tansania liegt und über das ich nicht das Geringste wusste. Belohnt wurde ich mit einer wahren Geschichte, die mich tief berührte und auf vielen Ebenen ansprach.

William Kamkwamba wurde 1987 in Malawi geboren und wächst in einem der ärmsten Staaten der Welt auf. Malawi kämpft gegen Dürre, Hunger und AIDS, nicht jeder hat Zugang zu frischem Wasser oder gar Elektrizität. In vielen Dörfern herrscht der Glaube an Magie vor, während Bildung Mangelware bleibt. Wie viele andere malawische Kinder muss William schon früh die Schule verlassen und auf der Farm seiner Familie mithelfen, weil seine Eltern die Schulgebühren nicht bezahlen können.

Fasziniert von Naturwissenschaft und Technik eignet sich der Junge dank einer kleinen Bücherei von nun an selber Wissen an und beschließt, eine eigene Windturbine zu bauen. Gegen Widerstände und Spott errichtet er 2001 im Alter von 14 Jahren aus Schrott, Eukalyptusholz und Fahrradteilen ein Windrad, das Strom und Wasser in sein Dorf bringt. Seine besondere Geschichte findet rasch internationale Anerkennung, die ihm neue Türen öffnet. Sponsoren ermöglichen dem Autodidakt wieder die Schule zu besuchen, er studiert Umwelttechnik am Darmouth College, USA, und ist Sprecher auf mehreren TED Conferences. Heute pendelt er zwischen Malawi und den USA und arbeitet hauptberuflich mit dem Moving Windmills Project zusammen um das Moving Windmills Innovation Center in Kasungu (Malawi) zum Leben zu erwecken.

William Kamkwamba verfasste den 2009 erschienenen Bestseller über sein Leben gemeinsam mit dem freien Journalisten und Autor Bryan Mealer. Erzählt wird darin natürlich, wie es zu dem Bau des Windrads mitsamt technischen Kniffen und späteren Weiterentwicklungen kam, die sich aus dem Ausprobieren und aus Fehlern lernen ergeben. Aber dieses Buch ist so viel mehr als allein die Erfolgsgeschichte des technisch begabten Jungen. Denn diese aus der Ich-Perspektive William Kamkwambas eindringlich erzählte Geschichte bringt einem die Probleme des Landes so nah, dass man schmerzlich die Auswirkungen von Korruption, Aberglaube, Traditionen, mangelnder Bildung und Hungersnot miterlebt und mitfiebert. Und doch ist es keine Verbitterung über die Zustände, die aus diesem Buch spricht. Vielmehr ist es ein hoffnungsvolles Buch, das zeigt, dass man auch unter sehr schwierigen Umständen etwas erreichen kann. Ein tief berührendes Plädoyer dafür, dass jeder von uns die Welt zum Positiven verändern kann. Und eine Geschichte, die mir so nah ging, dass sie mich zu Tränen rührte, weil ich mich darüber gefreut habe, dass William schließlich doch wieder zur Schule gehen konnte. Zwar weiß man dies bereits, wenn man den Klappentext des Buches liest, aber diese Geschichte geht wirklich zu Herzen.

Verfilmt wurde das Buch von Chiwetel Ejiofor und erschien 2019 auf Netflix. Der Film lief auf dem Sundance Film Festival und wurde 2020 in der Kategorie Bester internationaler Film für den Oscar eingereicht. Nachdem ich vollends begeistert das Buch beendet hatte, schaute ich mir am nächsten Tag den Film (bei Netflix) an. Leider hat er mir nicht so gut wie das Buch gefallen. Manches wurde anders als im Buch dargestellt und ich vermisste insgesamt den Tiefgang der Geschichte. Immerhin hat dieser Film dafür gesorgt, dass das Buch vor kurzem neu veröffentlicht und ich endlich darauf aufmerksam wurde. Dafür bin ich dankbar, denn „Der Junge, der den Wind einfing“ ist für mich ein echtes Lesehighlight und eine Geschichte, die ich nicht so schnell vergessen werde.

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William Kamkwamba & Bryan Mealer
Der Junge, der den Wind einfing – Eine afrikanische Heldengeschichte
Aus dem Amerikanischen von Ulrike Kretschmer
Original: The Boy who Harnessed the Wind | Harper Collins
Paperback, Klappenbroschur, 384 Seiten
Mit zahlreichen Fotos und Abbildungen
ISBN: 978-3-424-35111-8
Preis: 12,00 € [D]
Verlag: Diederichs
Erschienen: 25.01.2021

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

BUCHweltreise 2017 bis 2020

Dem ein oder anderen ist es vielleicht bereits aufgefallen, dass ich die gemeinsame BUCHweltreise an den Sammelstellen hier im Blog bereits für beendet erklärt habe. Drei Jahre haben wir uns hier getroffen und zu Büchern und Rezensionen aus oder über die unterschiedlichsten Länder verlinkt. Das ist jedoch im Laufe der Zeit immer weniger geworden.

Ganz bewusst habe ich bei diesem Projekt keine strengen Vorgaben gemacht. Es sollte die Freude am Lesen im Vordergrund stehen und das Interesse und die Bereitschaft fördern, auch Bücher zu lesen, die anders sind als die, zu denen man üblicherweise greift. Wichtig war mir dabei auch der Blick über den eigenen Tellerrand. Kennenlernen, was es Anderes in der Welt gibt, als das was man sowieso bereits kennt und dabei vielleicht sogar fremde Kulturen begreifen lernen.

Ich selbst habe das als bereichernd empfunden. Manchmal konnte ich dadurch Welten kennenlernen, die nicht nur der Literatur und der Vorstellungskraft der Autoren entspringen, sondern Begebenheiten enthalten, die sich mittels ein wenig Internetrecherche als geschilderte Realität herausstellten. Das ist nicht immer leichte Kost, die durchaus auch ihre Zeit braucht, um verdaut zu werden.

Dementsprechend konnte ich oft nicht in jedem Monat ein Buch für dieses Projekt lesen, manchmal entscheide ich jedoch auch einfach nach der Stimmung und so standen thematisch andere Bücher und Interessen im Vordergrund. So manchem Teilnehmer mag es dabei ähnlich gegangen sein. Und je weiter man sich dabei aus der eigenen Komfortzone heraus liest, umso fordernder kann es werden. Nicht nur thematisch, sondern auch sprachlich. In mancher Übersetzung schwingt nicht nur das Temperament einer anderen Kultur mit, sondern es trägt einen auch eine besondere ungewöhnlich wirkende Sprachmelodie durch das Buch. Es ist schon wunderbar, was Übersetzer zu leisten im Stande sind. Ich habe das schätzen gelernt, denn auch das macht das Lesen zu einer ganz besonderen Erfahrung. Darum werde ich auch weiterhin die BUCHweltreise auf meiner persönlichen Projektseite hier auf diesem Blog fortsetzen, allerdings in kleinem Rahmen und wohl eher unregelmäßig.

Insgesamt gesehen ist aber nun die Zeit gekommen das Gemeinschaftsprojekt loszulassen und allen ehemals Mitreisenden (die Reiseberichte findet ihr hier) eine gute Weiterreise „auf eigene Faust“ zu wünschen. Danke für die gemeinsamen Jahre!

Wuhan Diary . Tagebuch aus einer gesperrten Stadt – Fang Fang

Auch wenn das Coronavirus die Jahreszahl 19 in der offiziellen Bezeichnung trägt, so ist doch 2020 das Jahr, welches maßgeblich davon bestimmt ist. Gefühlt verging bisher kein Tag, an dem man das Virus hätte vergessen können. Wohltuend, sich mit Büchern in andere Welten oder Aufgabenstellungen zu flüchten, aber als ich auf Fang Fang’s „Wuhan Diary“ aufmerksam wurde, hatte ich doch das Bedürfnis mich auch lesend mit Corona zu beschäftigen, um so eine andere Sichtweise und ein anderes Erleben im Umgang mit dem Virus kennen zu lernen – in dem Land, wo alles anfing.

„Beim Ausbruch der Epidemie, von der anfänglichen Ausbreitung bis zur jetzigen Explosion, haben wir die Situation zuerst falsch eingeschätzt, dann verschleppt und schließlich falsch gehandelt. Wir haben es versäumt, dem Virus zuvorzukommen, und rennen seither ständig hinter ihm her. Dafür zahlen wir einen enorm hohen Preis.“ (Fang Fang)

Erstmals in der Geschichte wurde eine Stadt mit neun Millionen Einwohnern für den Zeitraum von 76 Tagen komplett von der Außenwelt abgeriegelt. Vom 25. Januar bis zum 24. März 2020 führte die berühmte chinesische Schriftstellerin Fang Fang ein Online-Tagebuch aus ihrer Heimatstadt Wuhan. Eingeschlossen in ihrer Wohnung berichtet sie vom Hereinbrechen und dem Verlauf einer Katastrophe, von den Versäumnissen der ersten 20 Tage, der Unterdrückung warnender Stimmen, aber auch von den wirkungsvollen Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung des Coronavirus, den vielen freiwilligen Helfern und der großen Solidarität.

Fang Fang liefert einen unverstellten Blick auf die Katastrophe ‚von unten‘, ganz nah an den Menschen, ihren Ängsten und Nöten. Sie erzählt von der Einsamkeit, dem heroischen Kampf des Personals in den Krankenhäusern, vom Leid der Erkrankten, dem Schmerz der Angehörigen und der Solidarität unter Nachbarn. Millionen Chinesen folgten ihrem Blog – und teilen ihren Zorn über die Untätigkeit und Vertuschungsmanöver der Behörden während der Anfangsphase der Covid-19-Pandemie.

‚Wuhan Diary‘ ist ein leidenschaftliches Tagebuch voller Wärme, Mitgefühl und Zorn, das Online in China über 100 Millionen Leser fand. Aber man lernt dabei auch die andere Seite Chinas kennen, denn zugleich werden immer wieder ihre Beiträge aus dem Netz genommen, Fang Fang wird auf massive und entwürdigende Weise angegriffen, sie erhält sogar Morddrohungen. In dem Buch haben nun ihre Beiträge einen dauerhaften Platz gefunden und berühren die sensible Frage, wie der Umgang Chinas mit dem Ausbruch des Coronavirus zu bewerten ist.

Fang Fang gibt ihrer Wut und Trauer Raum in ihren Beiträgen und verzichtet bewusst auf besonderen literarischen Ausdruck. Das macht sie zu einer Bloggerin mit einer Stimme von nebenan, die ihren Gefühlen und Eindrücken freien Lauf lässt, die sich in ihrer Entrüstung auch mehrfach wiederholt, weil die Geschehnisse sie berühren und einfach nicht loslassen. Dennoch ist sie auf gewisse Weise privilegiert, denn sie verfügt über Kontakte, die sie von ‚vorderster Front‘ informieren. Auf ihre Weise fachsimpelt sie jedoch und findet manchmal auch Lösungen, von denen man als Außenstehender ahnt, dass diese nur am virtuellen Stammtisch gedacht, insgesamt aber nicht praktikabel sind. So wirken Fang Fangs Beiträge manchmal gut strukturiert, durchdacht und sind informativ, gelegentlich sind sie jedoch auch ein wenig wirr und getrieben von Wut, Verzweiflung und Hilflosigkeit, gewürzt mit einer gehörigen Prise Kämpfergeist, der sie trotz aller Repressalien ihr Online-Tagebuch weiterführen lässt.

Das „Wuhan Diary“ ist kein Buch, das sich leicht weglesen lässt, dazu geht die Thematik einfach zu nah. Beim Lesen werden einem die zahlreichen Todesopfer bewusst, die das Virus gefordert hat und im nach hinein lassen sich deutliche Fehler im Umgang damit erkennen. Doch der im Anhang in Kurzform geschilderte Verlauf der Coronapandemie macht deutlich, dass auch in Deutschland das Virus zu Beginn unterschätzt wurde und es zu Fehlentscheidungen kam. Es wäre wünschenswert, wenn aus den bisherigen Geschehnissen und Entscheidungen gelernt würde – weltweit und gemeinsam…

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Fang Fang
Wuhan Diary – Tagebuch aus einer gesperrten Stadt
Übersetzung: Michael Kahn-Ackermann
Pappband mit Schutzumschlag, 352 Seiten
ISBN: 978-3-455-01039-8
Preis: € (D) 19,99
Verlag: Hoffmann und Campe
Erschienen: 30.05.2020

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Mit Stauen und Zittern – Amélie Nothomb

Vor einiger Zeit erwarb ich gebraucht einen kleinen Stapel Taschenbücher von Amélie Nothomb. Was ich bisher von ihr las, war kurzweilig, überraschend und auf seine Weise besonders. So etwas erhoffte ich mir auch von „Mit Staunen und Zittern“, das ich mehr oder weniger blind aus diesem kleinen Bücherstapel herausgriff. Ich wurde nicht enttäuscht.

Amélie Nothomb verbrachte als Tochter des belgischen Diplomaten Baron Patrick Nothomb ihre ersten fünf Lebensjahre in Japan. Nach weiteren durch den Beruf des Vaters bedingten langjährigen Aufenthalten in China, New York, Burma und Laos kam sie im Alter von 17 Jahren erstmals nach Europa. Sie studierte Romanistik an der Université Libre de Bruxelles. Nach dem Abschluss kehrte sie nach Tokio zurück und arbeitete in einem Großunternehmen. Die Erfahrungen dieser Zeit dienten ihr später als Grundlage für ihren Roman „Mit Staunen und Zittern“. Für das bereits 1999 erschienene Werk erhielt die Autorin den „Grand Prix du Roman“ der Académie française. Im Jahr 2000 erschien im Diogenes Verlag eine Übersetzung ins Deutsche von Wolfgang Krege. 2003 erfolgte eine Verfilmung des Romans durch den Regisseur Alain Corneau. Die Komödie entstand als französisch-japanische Koproduktion.

In diesem Roman erhält die Europäerin Amélie, die ihre Kindheit in Japan verbracht hat, eine Anstellung in einem großen japanischen Unternehmen. Sie wird jedoch von den ihr zugewiesenen Aufgaben nicht ausgefüllt. Ihr nach japanischen Maßstäben unorthodoxes Verhalten führt, nach einem Intrigenspiel ihrer Vorgesetzten, zu Amélies „Degradierung“ zur Toilettenfrau. Andere Angestellte des Unternehmens solidarisieren sich jedoch mit ihr, und sie lernt, die gegen sie gerichteten Bösartigkeiten mit Humor zu durchbrechen.

Es handelt sich um übles Mobbing, allerdings auf japanische Art, von dem man sich fragt, wie die Protagonistin dies aushält. Aber sie schafft es und gleichzeitig erfährt man von gesellschaftlichen und kulturellen Zwängen sowie firmeninternen Strukturen in denen die Menschen so sehr gefangen sind, dass sie sich kaum herauswinden können. Über einiges stolperte ich bereits in anderen Büchern, so dass mir beim Lesen dessen, was die Autorin hier humorvoll und überspitzt darstellt, das Lachen eher im Halse stecken blieb. Denn genaugenommen sind die Täter in diesem Roman auch nur Opfer und glücklich kann sich schätzen, wer über den Dingen stehen kann, weil er sich von Erfolgsdruck frei machen kann und die Möglichkeit hat, andere Wege zu gehen. Eine bitterböse Japan-Satire, deren autobiographischer Touch beim Lesen unweigerlich die Frage aufwirft, was davon die Autorin tatsächlich erduldet hat.

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Amélie Nothomb
Mit Staunen und Zittern
Original: Stupeur et tremblements
Aus dem Französischen von Wolfgang Krege
Taschenbuch, 160 Seiten
ISBN: 978-3257233254
Preis: € (D) 11,00
Verlag: Diogenes
Erschienen: 28.06.2002

Die Vegetarierin – Han Kang

Han Kang ist die wichtigste literarische Stimme Koreas. 1993 debütierte sie als Dichterin, seitdem erschienen zahlreiche Romane. Seit sie für „Die Vegetarierin“ gemeinsam mit ihrer Übersetzerin 2016 den Man Booker International Prize erhielt, haben ihre Bücher auch international großen Erfolg. Auch der Roman „Weiß“, der in der kommenden Woche in deutschsprachiger Version veröffentlicht wird, war für den Booker Prize nominiert, „Menschenwerk“ erhielt den renommierten italienischen Malaparte-Preis, zuletzt erschien bei Aufbau »Deine kalten Hände«. Derzeit lehrt sie kreatives Schreiben am Kulturinstitut Seoul.

Ich selbst las vor einiger Zeit von Han Kang „Menschenwerk“ und war beeindruckt. Von dieser Autorin wollte ich unbedingt mehr lesen und doch griff ich erst jetzt zu dem davor veröffentlichten Roman „Die Vegetarierin“. Ein ganz anderes aber nicht weniger eindringliches Werk dieser Autorin, das ich bei Spotify als Hörbuch entdeckte. Gesprochen wird es von Rike Schmid, Thomas Loibl und Devid Striesow – und ließ mich schon nach kurzer Zeit nicht mehr los.

31_Die Vegetarierin

Ein seltsam verstörendes, hypnotisierendes Buch über eine Frau, die laut ihrem Ehemann an Durchschnittlichkeit kaum zu übertreffen ist – bis sie eines Tages beschließt, kein Fleisch mehr zu essen.

„Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie für nichts Besonderes. Bei unserer ersten Begegnung fand ich sie nicht einmal attraktiv. Mittelgroß, ein Topfschnitt, irgendwo zwischen kurz und lang, gelbliche unreine Haut, Schlupflider und dominante Wangenknochen. So fühlte ich mich weder von ihr angezogen noch abgestoßen und sah daher keinen Grund, sie nicht zu heiraten.“

Yeong-Hye und ihr Ehemann sind ganz gewöhnliche Leute. Er geht beflissen seinem Bürojob nach und hegt keinerlei Ambitionen. Sie ist eine zwar leidenschaftslose, aber pflichtbewusste Hausfrau. Die angenehme Eintönigkeit ihrer Ehe wird jäh gefährdet, als Yeong-Hye beschließt, sich fortan ausschließlich vegetarisch zu ernähren und alle tierischen Produkte aus dem Haushalt entfernt. „Ich hatte einen Traum“, so ihre einzige Erklärung. Ein kleiner Akt der Unabhängigkeit, aber ein fataler, denn in einem Land wie Südkorea, in dem strenge soziale Normen herrschen, gilt der Vegetarismus als ablehnenswerte Aufruhr. Doch damit nicht genug. Bald nimmt Yeong-Hyes passive Rebellion immer groteskere Ausmaße an. Sie, die niemals gerne einen BH getragen hat, fängt an, sich in der Öffentlichkeit zu entblößen und von einem Leben als Pflanze zu träumen. Bis sich ihre gesamte Familie gegen sie wendet.

Die Vegetarierin ist eine kafkaeske Geschichte in drei Akten über Scham und Begierde, Macht und Obsession sowie unsere zum Scheitern verurteilten Versuche, den Anderen zu verstehen, der ja doch, wie man selbst, Gefangener im eigenen Leib ist.

Soweit der Klappentext, dem ich nur beipflichten kann, allerdings würde man bei uns Yeong-Hye als Veganerin bezeichnen und es ist mehr als befremdlich, was dieser Frau im Laufe des Buches widerfährt, weil sie sich gegen tierische Produkte wehrt. Doch es geht in dieser Geschichte nicht darum die Leser zu einer Ernährungsform zu bekehren, sondern vielmehr sind es die gesellschaftlichen südkoreanischen Konventionen, die es der jungen Frau unmöglich machen wie bisher weiterzuleben. So erkämpft sie sich still und leise, aber nichtsdestotrotz vehement durch ihre ganz persönlich getroffene Entscheidung ein Stück Selbstkontrolle.

Doch es ist nicht der Roman einer Heldin, der man nacheifern möchte, sondern einer lethargisch wirkenden jungen Frau, die Gesellschaft und Erziehung krank gemacht haben und die nun in ihrer Verzweiflung gefangen ist. Eine tragische und hypnotische Geschichte, die manchmal doch ein wenig mit Hoffnung anfüttert, jedoch nicht darüber hinwegtäuscht, wie stark gesellschaftliche Zwänge und Erwartungshaltungen sind. Ein Buch, das wütend und traurig darüber macht, wie Menschen darin miteinander umgehen. Außerdem wird eine Szene von Tierquälerei geschildert, die ich so unerträglich fand, das ich fast nicht weiterlesen, beziehungsweise hören mochte. Das alles macht „Die Vegetarierin“ zu einem intensiven Buch, da Geschildertes mit unseren westlichen Ansichten und Gepflogenheiten stark kollidiert. Empfehlenswert!

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Han Kang
Die Vegetarierin
Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee
Sprecher: Rike Schmid, Thomas Loibl, Devid Striesow
Spieldauer: 5 Stunden 51 Minuten
Ungekürzte Lesung
ISBN 978-3-8398-1560-1
Preis: 18,99 € 
Erscheinungsdatum: 08.12.2016
Sprache: Deutsch
Anbieter: Argon Verlag

Klara vergessen – Isabelle Autissier

Als ich vor einigen Wochen im WDR bei ‚Hier und heute‘ die Lesetipps mit Mike Altwicker sah, wurde ich auf ein Buch aus dem mare Verlag aufmerksam, das sich interessant anhörte und das man gewinnen konnte. Bücher dieses Verlages habe ich als Besonders in Erinnerung und so versuchte ich mein Glück – und ich hatte Glück. Nicht nur, dass ich schon kurze Zeit später das Buch im Briefkasten hatte, sondern auch, dass es sich dabei um eines dieser Bücher handelt, dessen Erzählkunst einen umgarnt und in die Geschichte hineinzuziehen weiß, so dass man es nicht mehr aus der Hand legen mag. Es handelt sich dabei um „Klara vergessen“ von Isabelle Autissier, einem Generationenroman über drei Schicksale, einen Verrat und die Gefahr des Schweigens, wie der Klappentext verrät.

29_Klara vergessen

Juri ist 46 und kommt nach 23 Jahren zum ersten Mal nach Murmansk zurück, weil sein Vater Rubin im Sterben liegt. Sie hatten seit 23 Jahren keinen Kontakt mehr. Ihr Vater-Sohn-Verhältnis war nie ein leichtes. Doch anstatt sich auszusöhnen liegt Rubin lediglich das Rätsel um Juris Großmutter Klara – eine Wissenschaftlerin zur Zeit Stalins, die vor den Augen des damals vierjährigen Rubin verhaftet wurde – am Herzen. Klaras Verschwinden und eine Jugend voller Entbehrungen haben aus Rubin einen unerbittlichen Fischer und hartherzigen Vater gemacht, der seinen ungeliebten Sohn nun auf dem Sterbebett um Hilfe bittet: Er soll herausfinden, was mit Klara passiert ist. Und schließlich stößt Juri auf eine Wahrheit, die ihm vor Augen führt, wie eng alle drei Schicksale – sein eigenes, Klaras und Rubins – miteinander verknüpft sind.

Die Geschichte wird aus drei Perspektiven erzählt: Aus der Enkel-Perspektive durch Juri, aus der Kind-Perspektive durch Rubin und aus Klaras Perspektive. Jeder erzählt ein Stückchen mehr von dieser Geschichte, die tief berührend ist und einen in eine Zeit mitnimmt, in der in der Sowjetunion Menschen für Nichtigkeiten angeklagt und zur Zwangsarbeit inhaftiert wurden. Von 1930 bis 1953 waren in den Lagern mindestens 18 Millionen Menschen inhaftiert. Mehr als 2,7 Millionen starben im Lager oder in der Verbannung. In den letzten Lebensjahren Stalins erreichte der Gulag mit rund 2,5 Millionen den Höchststand an Insassen.

„Daraufhin waren in Zentralasien und im sibirischen Tschukotka Bergwerke entstanden, die von den Gulag-Gefangenen betrieben wurden. Wegen der katastrophalen Arbeitsbedingungen und der Radioaktivität betrug die Sterblichkeit nach einem Jahr nahezu hundert Prozent, und die Häftlinge fürchteten sich davor, dorthin abkommandiert zu werden.“ (S. 246)

Dieses Buch schafft es, einen mit wunderschönen Naturbeschreibungen zu umgarnen und beim Lesen eine Wohlfühlatmosphäre zu schaffen. Fast schämt man sich beim Lesen für dieses Gefühl, denn gleichzeitig gewährt es einen Einblick in ein grausames Stück russische Geschichte und ein System, in dem die Angst regiert und das seine Anhänger zum Schweigen verdammt oder Tapfere zu Peinigern macht. Die Protagonisten dieses Buches sind zunächst grob und unnahbar, jedoch wird ihr Wesen und ihr Handeln mit Fortschreiten der Geschichte nachvollziehbar, vielleicht auch nur erklärbar, aber nicht unbedingt tolerierbar.

Irritiert hat mich der letzte Teil des Buches, weil sich für mich nicht schlüssig nachvollziehen ließ, woher die Geschichte Klaras kam, denn diese Details konnten Juris Recherchen nicht hergeben. So werden zwar einige der Fragen beantwortet, die sich einem beim Lesen stellen, aber zu einem richtig runden Ende will dieser Roman dennoch nicht gelangen. Doch das kann ich diesem großartig erzählten Buch nicht übel nehmen, denn es ist eines der Bücher, das einen mit Themenhäppchen anfüttert, die Appetit darauf machen, sich mit ihnen etwas intensiver auseinanderzusetzen um Wissenslücken aufzufüllen.

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Isabelle Autissier
Klara vergessen
Aus dem Französischen von Kirsten Gleinig
Original: Oublier Klara
Gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 304 Seiten
ISBN: 978-3-86648-627-0
Preis: € (D) 24,00
Verlag: mare Verlag
Erschienen: 04.02.2020

BUCHweltreisebericht: 3. + 4. Quartal 2020

testDas Ziel der BUCHweltreise ist es, über möglichst viele Länder der Welt Bücher zu lesen. Die Liste der Mitreisenden ansehen oder sich zum Mitmachen anmelden (jederzeit möglich) kann man HIER.

Vorab möchte ich auf den LiBeraturpreis hinweisen, der seit 2013 von Litprom vergeben wird. Der Publikumspreis zeichnet jährlich einen besonders beliebten Titel einer Autorin aus Afrika, Asien, Lateinamerika oder der Arabischen Welt aus. Derzeit läuft die Abstimmung, an der ihr gerne teilnehmen oder euch auch interessante Inspirationen für euer nächstes BUCHweltreiseziel holen könnt: LiBeraturpreis 2020.

Aber kommen wir nun zu unserem Rückblick: Unterwegs waren im vergangenen Quartal Stefan (querdurchdenalltag), Daniela (eat read live), Myriade (La parole a été donnée à l’homme pour cacher sa pensée) und Yvonne (umgeBUCHt). Wir lasen uns nach Dänemark, Deutschland, Indien, Island, Italien, Kenia, Kolumbien und Liechtenstein:

2020_2_BUCHweltreisebericht

Wer wohin mit welchem Buch gereist ist, erfahrt ihr hier. Wer noch mehr entdecken oder einfach nur stöbern möchte, der kann sich auch alle bisherigen Reiseberichte seit dem Start im Januar 2017 anschauen.


BUCHweltreisebericht 3. + 4. Quartal 2020:

29.07.2020: Russland: Yvonne (umgeBUCHt) mit
Klara vergessen von Isabelle Autissier

05.08.2020: Benin: Myriade (La parole a été donnée à l’homme pour cacher sa pensée) mit Barracoon von Zora Neale Hurston

13.08.2020: Südkorea: Yvonne (umgeBUCHt) mit
Die Vegetarierin von Han Kang

23.08.2020: Japan: Yvonne (umgeBUCHt) mit
Mit Staunen und Zittern von Amélie Nothomb

07.09.2020: China: Yvonne (umgeBUCHt) mit
Wuhan Diary . Tagebuch aus einer gesperrten Stadt von Fang Fang

30.09.2020: USA: Daniela (read eat live) mit
Miracle Creek von Angie Kim

17.10.2020: Island: Daniela (read eat live) mit
Dunkel von Ragnar Jonasson

04.11.2020: Israel: Daniela (read eat live) mit
Das Buch Ana von Sue Monk Kidd

Hiergeblieben! 55 fantastische Reiseziele in Deutschland – Jens van Rooij

Es ist Juni 2020, die Welt befindet sich noch inmitten von Corona und die Sommerferien stehen vor der Tür. Bald ist Urlaubszeit. Erste Länder lockern ihre Einreisebestimmungen, andere bestehen auf eine zweiwöchige Quarantäne, für wiederum andere Länder gelten sogar Reisewarnungen. EU weit geht schon das ein oder andere, aber dann gibt es ja auch noch Abstands- und Hygieneregeln im Flugzeug. Fernreisen scheinen noch so fern, dass sie unerreichbar sind. Die Regeln werden von rechts auf links gedreht und können sich täglich ändern. Wer in diesem Jahr sicher gehen will, der bleibt wohl am besten in seinem Heimatland – nur so für den Fall, dass eine 2. Corona-Welle über uns hinwegschwappt. Denn in Deutschland können wir wieder überall Urlaub machen, auch wenn in den einzelnen Bundesländern unterschiedliche Corona-Richtlinien gelten. Und Jens van Rooij macht mit seinem Buch „Hiergeblieben!“ richtig Lust darauf.

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Denn dieses Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer für das Reisen vor der eigenen Haustüre. Es entführt die Leser zu faszinierenden wie kuriosen Sehenswürdigkeiten in Deutschland. Zwischen Alpen und Ostsee finden sich viele exotische oder zumindest überraschend ungewöhnliche Orte und Landschaften. Manche kennt man, einige sind weltberühmt, andere wiederum glänzen bescheiden im Verborgenen und warten darauf, entdeckt zu werden: Denn bei jeder dieser Attraktionen fühlt man sich wie in einem fernen Land, mitunter sogar wie am anderen Ende der Welt! Und alle haben sie spannende oder kuriose Geschichten zu erzählen.

Diese Vorgehensweise Deutschland zu erkunden ist ungewöhnlich und macht so viel Spaß, dass ich am liebsten gleich meine Sachen gepackt hätte, um auf Erkundungstour zu gehen: Mit dem Mississippi-Dampfer durch Hamburg schippern wäre dabei nur eine Möglichkeit, aber in Deutschland gibt es auch ein Gegenstück für die Provence, es gibt Bauwerke wie in Dubai, Viertel wie in Holland, eine Skyline wie in Manhattan, Küsten wie in Massachusetts oder in der Normandie, es gibt den großen Bruder vom Panamakanal und die kleine Schwester vom Canal Grande, Wasserlandschaften wie in Schweden oder Tahiti, Kirchen wie in Russland oder Norwegen, Tempel wie in Südindien oder Nepal, Berge wie in Tansania, Brücken wie in der Schweiz, Tschechien, Südfrankreich oder in Italien, Schiefes mit Charme wie in Pisa, Landschaften wie in Montana, Chile oder den Appalachen, eine Bahnverbindung wie in Tennessee, Fjorde wie in Norwegen, Gärten wie in Japan, einen Geysir wie in Island, eine Akropolis wie in Griechenland, einen Hauch Kapstadt und Lappland, ein bisschen Versailles, Mongolei, Kanada, Türkei und Hawaii.

Vieles davon kenne ich noch nicht, aber das meiste davon finde ich so interessant, dass ich gerne dorthin reisen würde, um eine schöne Zeit zu verbringen und meiner Leidenschaft – dem Fotografieren – zu frönen. Zu allen Orten ist eine Auswahl der schönsten Ausflugsziele in der Umgebung sowie einige Hotel- und Restauranttipps inklusive Webadressen zusammengestellt. Da ich ich etwa 30 Autominuten von der deutschen Golden Gate Bridge entfernt wohne, habe ich mir die Vorschläge für diese Region etwas näher angesehen und finde sie durchweg empfehlenswert, beziehungsweise noch kennenlernenswert. Einzig dass hierbei zwei niederländische Ausflugsziele aufgenommen wurden widerstrebt mir etwas, da das Buch eigentlich mit Titel und Beschreibung den Eindruck vermittelt, dass es in diesem Buch ausschließlich um Deutschland geht. Andererseits sind für uns Niederrheiner die Niederlande ja gefühlt ein Stück Deutschland – also alles halb so wild.

Insgesamt ist es ein Vergnügen Deutschland auf diese Art zu entdecken und ich war ein ums andere Mal erstaunt über die Bilder aus fremden Ländern und ihre deutschen Gegenstücke. Einiges lädt auch zum schmunzeln ein, wenn beispielsweise den bunten Umkleidekabinen im südafrikanischen Muizenberg die Hummerbuden auf Helgoland gegenübergestellt werden. Aber im großen und ganzen hat der Autor schöne Vergleiche gezogen, die große Lust aufs entdecken machen. Empfehlenswert!

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Jens van Rooij
Hiergeblieben! 55 fantastische Reiseziele in Deutschland
Gebunden, 240 Seiten
ISBN: 978-3834231215
Preis:  24,99 [D] inkl. MwSt.
Verlag: HOLIDAY, ein Imprint von GRÄFE UND UNZER Verlag GmbH
Erschienen: 06.05.2020

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Fünf Viertelstunden bis zum Meer – Ernest van der Kwast

„Sie schwiegen und sahen sich an. Mit Blicken voller Hass und Unverständnis. Hätten sie mehr Augen gehabt, dann hätten sie sich auch mit Blicken voller Kummer und Bedauern angesehen. Aber was der Mensch tief in seinem Inneren fühlt, kommt selten an die Oberfläche.“ (S. 22)

Mike Altwicker hat in seinen Hier-und-Heute-Lesetipps vor einiger Zeit so von „Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ geschwärmt, dass mich das Buch neugierig machte, obwohl es sich dabei offenkundig um eine Liebesgeschichte handelt. Zu Liebesromanen habe ich in den letzten Jahren nicht mehr gegriffen, da sie selten meinen Nerv treffen. Da ich allerdings bislang feststellen konnte, dass der mare Verlag mich schon oft mit besonderen Büchern begeistern konnte, habe ich es gewagt und dieses knapp 96 Seiten dünne Büchlein gelesen – ich wurde nicht enttäuscht.

20_Fünf Viertelstunden bis zum Meer

An dieser Stelle mag ich eigentlich nichts über die Geschichte erzählen, die der Klappentext dieses dünnen Buches beinahe vollständig verrät. Beim Lesen wusste ich also schon recht genau worum es bei dieser Geschichte geht und in welche Richtung sie sich entwickeln würde. Und doch habe ich mich über diesen Klappentext nicht geärgert, denn bei diesem Buch ist der Weg das Ziel. Schon mit der ersten Seite befindet man sich gleich mitten im Geschehen und blickt immer wieder auch in die Vergangenheit zurück. Die Beschreibungen sind bildhaft und verströmen mediterane Sinnlichkeit gewürzt mit italienischem Temperament.

„Dann wurde die Luft schmetterlingsleicht vor Süße. Aus den Knospen der beschnittenen Bäume wurden Blüten. Die Blüten waren teils vollkommen weiß, teils rosa mit weißen Streifen. Und der warme Wind von den Höhen blies Unruhe in alle Menschen.“ (S. 28)

Sie laden den Leser zum Schmökern und Abtauchen an. Und zum Träumen und Erinnern an die eigene erste großen Liebe, fernab von Enttäuschungen und weltlichem Realitätsabgleich. Ernest van der Kwast erzählt die Geschichte einer großen, unerfüllten Liebe, von kleinen Zufällen und großen Entscheidungen – zu der Zeit, als der Bikini erfunden wurde und sich allmählich seine Daseinsberechtigung eroberte. Über sechs Jahrzehnte sehnt sich Ezio nach seiner ersten großen Liebe Giovanna, bis endlich ein Brief von ihr eintrifft. Als Leser bleibt einem die Neugier auf den Ausgang dieser Geschichte bis zum Schluss erhalten. Überraschen kann das Ende letztlich zwar nicht, aber das muss es auch nicht. Vielmehr rundet es diese märchenhafte Liebesgeschichte gelungen ab, ohne ins Kitschige abzudriften.

Aber! Dieses Buch war eindeutig zu kurz, davon hätte ich gern mehr gelesen – was sicherlich für diesen Roman spricht 🙂

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Ernest van der Kwast
Fünf Viertelstunden bis zum Meer
Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke
Original: Giovannas Novel
Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 96 Seiten
ISBN: 978-3-86648-205-0
Preis:  10,00 [D] inkl. MwSt.
Verlag: mare Verlag
Erschienen: 10.02.2015

Der Anhalter – Gerwin van der Werf

Im Rahmen meiner BUCHweltreise ging es dieses Mal nach Island. Der nordische Inselstaat, dessen spektakuläre Landschaft durch Vulkane, Geysire, Thermalquellen, Lavafelder und riesige Gletscher geprägt ist, gehört schon lange zu den Orten dieser Welt, die ich gerne irgendwann persönlich kennen lernen möchte. So ergeht es auch Tiddo, Isa und ihrem Sohn Jonathan, die sich endlich den lang gehegten Traum erfüllen und mit dem Wohnmobil einen Roadtrip durch Island unternehmen. Doch während ich anfangs dank ansprechender Naturbeschreibungen noch dachte, dass ich die drei gerne bei ihrer Reise begleitet hätte, war ich mit Fortschreiten der Geschichte froh und dankbar, dass es nicht so war und ich mich stattdessen bequem im Lesesessel zurücklehnen und die Protagonisten aus der Ferne beobachten konnte.

13_Der Anhalter

Denn es ist keine glückliche Familie, die man hier auf ihrer Reise begleitet. Der jugendliche Jonathan leidet unter seinem Status als Sonderling in der Schule, Isa ist auf dem besten Weg in eine schwere Depression und Tiddo fehlt es an Selbstbewusstsein. Außerdem klammert er sich verzweifelt an die Hoffnung mit dieser Traumreise seine Ehe retten zu können. Es ist eine bedrückende Stagnation in der Familiensituation. Jeder ist in seiner Welt gefangen, ohne dass trotz der einzigartigen Umgebung Urlaubsstimmung aufkommen könnte. Weil sich daraus besondere Begegnungen und interessante Gespräche ergeben können, beschließen sie unterwegs einen Anhalter mitzunehmen. Die Familie lässt den Isländer immer näher an sich heran – und wird ihn irgendwann nicht mehr los.

Die Traumreise wird immer mehr zum Albtraum. Auch für mich als Leserin, denn ich erfahre diese Reise aus der Sicht des Ich-Erzählers Tiddo, der mir relativ schnell auf die Nerven geht und höchst unsympathisch daher kommt. Dass seine Frau einen angeseheneren Job hat und mehr Geld verdient als er, bereitet ihm Probleme und sorgt dafür, dass er sich minderwertig fühlt. Gleichzeitig versucht er sich aufzuwerten, indem er das Schlechte in allem in sucht und innerlich niedermacht. Er reagiert auf jede Anerkennung, sofern sie nicht ihm gilt neidisch und eifersüchtig. Es sind kleinliche Gedanken, denen es keinen Spaß macht zu folgen, die aber dafür sorgen, dass man als Leser ein Gespür für die Stimmung bekommt, die auf dieser Reise herrscht.

Doch Tiddo kann auch ganz anders sein, die wundervolle Landschaft um sich herum aufsaugen und seine Umgebung kritisch und durchaus unverklärt wahrnehmen.

„Wir gingen schweigend und konzentriert, und ich muss sagen – es war überwältigend. Wo auf der Welt kann man auf einem Gletscher wandern und gleichzeitig unter sich das Meer sehen? Vom Atlantischen Ozean trennte uns nur eine Ebene aus grauem Sand und Schlammlöchern.“ (S. 53)

Außerdem erkennt man, dass er seinen Sohn und seine Frau abgöttisch liebt. Spürt die Verzweiflung und Angst seine Familie zu verlieren und kann ihm fast verzeihen, dass er im Rahmen seiner Möglichkeiten alles versucht, um diese zu behalten. Doch diese sympathische liebenswerte Seite schafft er nicht nach außen zu transportieren und zu zeigen, zu welch tiefen Gefühlen er wirklich im Stande ist.

„Diese Liebe ist das Ende des Strebens nach Anerkennung und Macht, nicht dessen Anfang. Diese Liebe ist das Ende von Grausamkeit und Schmerz, nicht deren Beginn. Es war etwas, das es noch nie zuvor gegeben hatte, diese Liebe, wir hatten sie erfunden.“ (S. 141)

Und während man sich beim Lesen mit diesem Charakter gerade aussöhnt, eifert er auch schon Verhaltensweisen nach, von denen er denkt, dass sie von ihm erwartet werden und ihn besser dastehen lassen, klammert sich an jeden Strohhalm, der sich ihm bietet und hofft sogar, dass ihm die Naturkräfte dieses außergewöhnlichen Landes beistehen.

„Ich will ein Mann werden, der nie lange hin und her überlegen muss, der instinktiv im eigenen Interesse handelt und seine Meinung ändert, sobald es ihm nutzt, der oft einfach daherredet, aber durch seinen Tonfall trotzdem immer recht hat.“ (S. 165)

So bleibt Tiddo ein unliebsamer Protagonist, den man gerne los sein möchte und dankbar dafür ist, dass dies mit dem Zuklappen des Buches erledigt sein kann. Übrig bleibt ein wenig Mitleid für die zahlreichen Beziehungen, die zu Bruch gehen, weil Menschen nicht miteinander reden und die Gewissheit, dass der Autor es verstanden hat, die Stagnation einer sterbenden Ehe in Worte zu fassen. Keine leichte Kost.

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Gerwin van der Werf
Der Anhalter
Aus dem Niederländischen von Marlene Müller-Haas
Gebunden, 288 Seiten
ISBN: 978-3-10-397466-9
Preis: € (D) 20,00 | € (A) 20,60
Verlag: S. Fischer
Erschienen: 04.03.2020

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.