Wuhan Diary . Tagebuch aus einer gesperrten Stadt – Fang Fang

Auch wenn das Coronavirus die Jahreszahl 19 in der offiziellen Bezeichnung trägt, so ist doch 2020 das Jahr, welches maßgeblich davon bestimmt ist. Gefühlt verging bisher kein Tag, an dem man das Virus hätte vergessen können. Wohltuend, sich mit Büchern in andere Welten oder Aufgabenstellungen zu flüchten, aber als ich auf Fang Fang’s „Wuhan Diary“ aufmerksam wurde, hatte ich doch das Bedürfnis mich auch lesend mit Corona zu beschäftigen, um so eine andere Sichtweise und ein anderes Erleben im Umgang mit dem Virus kennen zu lernen – in dem Land, wo alles anfing.

„Beim Ausbruch der Epidemie, von der anfänglichen Ausbreitung bis zur jetzigen Explosion, haben wir die Situation zuerst falsch eingeschätzt, dann verschleppt und schließlich falsch gehandelt. Wir haben es versäumt, dem Virus zuvorzukommen, und rennen seither ständig hinter ihm her. Dafür zahlen wir einen enorm hohen Preis.“ (Fang Fang)

Erstmals in der Geschichte wurde eine Stadt mit neun Millionen Einwohnern für den Zeitraum von 76 Tagen komplett von der Außenwelt abgeriegelt. Vom 25. Januar bis zum 24. März 2020 führte die berühmte chinesische Schriftstellerin Fang Fang ein Online-Tagebuch aus ihrer Heimatstadt Wuhan. Eingeschlossen in ihrer Wohnung berichtet sie vom Hereinbrechen und dem Verlauf einer Katastrophe, von den Versäumnissen der ersten 20 Tage, der Unterdrückung warnender Stimmen, aber auch von den wirkungsvollen Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung des Coronavirus, den vielen freiwilligen Helfern und der großen Solidarität.

Fang Fang liefert einen unverstellten Blick auf die Katastrophe ‚von unten‘, ganz nah an den Menschen, ihren Ängsten und Nöten. Sie erzählt von der Einsamkeit, dem heroischen Kampf des Personals in den Krankenhäusern, vom Leid der Erkrankten, dem Schmerz der Angehörigen und der Solidarität unter Nachbarn. Millionen Chinesen folgten ihrem Blog – und teilen ihren Zorn über die Untätigkeit und Vertuschungsmanöver der Behörden während der Anfangsphase der Covid-19-Pandemie.

‚Wuhan Diary‘ ist ein leidenschaftliches Tagebuch voller Wärme, Mitgefühl und Zorn, das Online in China über 100 Millionen Leser fand. Aber man lernt dabei auch die andere Seite Chinas kennen, denn zugleich werden immer wieder ihre Beiträge aus dem Netz genommen, Fang Fang wird auf massive und entwürdigende Weise angegriffen, sie erhält sogar Morddrohungen. In dem Buch haben nun ihre Beiträge einen dauerhaften Platz gefunden und berühren die sensible Frage, wie der Umgang Chinas mit dem Ausbruch des Coronavirus zu bewerten ist.

Fang Fang gibt ihrer Wut und Trauer Raum in ihren Beiträgen und verzichtet bewusst auf besonderen literarischen Ausdruck. Das macht sie zu einer Bloggerin mit einer Stimme von nebenan, die ihren Gefühlen und Eindrücken freien Lauf lässt, die sich in ihrer Entrüstung auch mehrfach wiederholt, weil die Geschehnisse sie berühren und einfach nicht loslassen. Dennoch ist sie auf gewisse Weise privilegiert, denn sie verfügt über Kontakte, die sie von ‚vorderster Front‘ informieren. Auf ihre Weise fachsimpelt sie jedoch und findet manchmal auch Lösungen, von denen man als Außenstehender ahnt, dass diese nur am virtuellen Stammtisch gedacht, insgesamt aber nicht praktikabel sind. So wirken Fang Fangs Beiträge manchmal gut strukturiert, durchdacht und sind informativ, gelegentlich sind sie jedoch auch ein wenig wirr und getrieben von Wut, Verzweiflung und Hilflosigkeit, gewürzt mit einer gehörigen Prise Kämpfergeist, der sie trotz aller Repressalien ihr Online-Tagebuch weiterführen lässt.

Das „Wuhan Diary“ ist kein Buch, das sich leicht weglesen lässt, dazu geht die Thematik einfach zu nah. Beim Lesen werden einem die zahlreichen Todesopfer bewusst, die das Virus gefordert hat und im nach hinein lassen sich deutliche Fehler im Umgang damit erkennen. Doch der im Anhang in Kurzform geschilderte Verlauf der Coronapandemie macht deutlich, dass auch in Deutschland das Virus zu Beginn unterschätzt wurde und es zu Fehlentscheidungen kam. Es wäre wünschenswert, wenn aus den bisherigen Geschehnissen und Entscheidungen gelernt würde – weltweit und gemeinsam…

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Fang Fang
Wuhan Diary – Tagebuch aus einer gesperrten Stadt
Übersetzung: Michael Kahn-Ackermann
Pappband mit Schutzumschlag, 352 Seiten
ISBN: 978-3-455-01039-8
Preis: € (D) 19,99
Verlag: Hoffmann und Campe
Erschienen: 30.05.2020

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Ein deutsches Klassenzimmer – Jan Kammann

Jan Kammann (geboren 1971) unterrichtet Englisch und Erdkunde in einer internationalen Vorbereitungsklasse in Hamburg. Er will mehr über die Herkunft seiner Schüler erfahren, die aus Kulturen und Lebenswelten kommen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Im Englischunterricht fordert er seine Klasse 10 d auf, ihm Reiseführer für ihre Heimatländer inklusive einem kleinen Sprachführer zu erstellen. Doch diese sind nicht nur als Übung für den Unterricht gedacht, sondern sie sollen ihm tatsächlich auch beim Kennenlernen von 14 Heimatländern seiner Schüler behilflich sein, die er während seines Sabbatjahrs 2016 bereist.

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Er erlebt den Alltag in Kuba, Nicaragua und Kolumbien, Südkorea, China, Russland, im Kosovo, in Albanien, Armenien, Iran und Ghana und erzählt in „Ein deutsches Klassenzimmer“ vom Lehrer sein heute und von der Welt, in der er selbst ein Jahr lang wieder zum Schüler wird. Da er sich teilweise bemüht auch ein wenig von der jeweiligen Landesprache zu lernen, bekommt er ein neues Verständnis von den Sprachproblemen, die seine Schüler in Deutschland zu überwinden haben. Auch lernt er durch die verschiedenen Länder besser die Eigenheiten und die Vergangenheit seiner Schüler zu verstehen.

Glücklicherweise reist er meist unkonventionell und trifft auf seinen Reisen mit vielen interessanten Menschen zusammen. Es macht Freude von diesen Begegnungen zu lesen und auch als Leser bekommt man einen kleinen Einblick in unterschiedliche Lebensweisen und Problematiken in den Ländern. Bei einem Kapitel fühlte ich mich zwar ein wenig wie auf der Schulbank eines trocken unterrichtenden Erdkunde-Lehrers, aber das blieb doch eher die Ausnahme. Schreibstil und Wortwahl sind ansonsten eher locker und unterhaltsam.

Ein ums andere Mal wurde es mir jedoch zu pathetisch, ja sogar unerträglich, wenn der Autor sein Wort direkt an das jeweilige Land „Ach, Iran….“ oder eine Stadt „Oh, Nowosibirsk…“ richtet, weil er sich dieses oder jenes wünscht. Glücklicherweise macht er es nach dem Kapitel über den Iran jedoch nicht mehr allzu häufig, da ich sonst das Buch vermutlich abgebrochen hätte. Auch fand ich teilweise die Vorurteile, die Jan Kammann im Gepäck hatte, erschreckend, war jedoch einigermaßen beruhigt, dass er diese durch seine Reisen abbauen konnte.

Beim Aufklappen des Buches findet man vorne eine skizzierte Weltkarte mit seinen Reisezielen und hinten einige Fotos von den Reiseführern der Schüler. In der Mitte des Buches ist ein 24 Seiten umfassender Bildteil mit zahlreichen Fotografien und Bildbeschreibungen – eine bereichernde Ergänzung des Buches, das einen Einblick in die Vielfalt in manchen deutschen Klassenzimmern gibt und von der Unterschiedlichkeit der Kulturen berichtet, die es kennen zulernen gilt, wenn man sie besser verstehen möchte. Ich denke, Jan Kammann hat sein Sabbatjahr auf die bestmögliche Weise investiert und könnte mir vorstellen, dass dies auch seinen Schülern zugute kommt.

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Jan Kammann
Ein deutsches Klassenzimmer
Klappenbroschur, 304 Seiten
ISBN: 978-3-89029-500-8
€ 18,00 [D], € 18,50 [A]
Verlag: Malik
Erschienen: 04.09.2018

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

umgeBUCHt Beiwerk: Überraschend gut

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📚 Überraschend gut 📚 fand ich "Neuschweinstein" und hatte schon mit Kuriosem gerechnet, wenn ein Deutscher mit zwölf Chinesen durch Europa reist. Aber dieses Buch hatte noch viel mehr zu bieten. Christoph Rehage spricht fließend Mandarin und hat bereits einige Jahre in China gelebt, als er sich einer chinesischen Reisegruppe anschließt, um mit ihr gemeinsam auf eine vierzehntägige Busreise durch Deutschland, die Schweiz, Italien und Frankreich zu gehen. Dabei will er herausfinden, was die Chinesen wirklich über Europa und seine Bewohner denken. Wie leicht es sich doch als Europäer reist, wurde mir erst beim Lesen dieses Buches wieder einmal bewusst. Chinesische Reisewillige müssen kurios wirkende Klauseln in ihren Vertragsunterlagen unterschreiben und Kautionen zahlen oder Bürgschaften vor Reiseantritt hinterlegen, wenn sie denn überhaupt ausreisen dürfen. Auch erfährt man manches über die chinesische Mentalität und natürlich wird auch das ein oder andere Klischee bedient. Hingegen kommen aus chinesischer Sicht einige europäische Verhaltensweisen eigenartig daher. "Neuschweinstein" ist ein amüsanter Reisebericht, den ich gerne gelesen habe und jedem empfehlen kann, der gerne mal hinter die Kulissen der im Dauer-Selfie-Modus befindlichen chinesischen Reisegruppen schauen möchte. . . . #pagesofapril18 #christophrehage #neuschweinstein #malik #malikverlag #reise #china #chinesen #book #books #bookstagram #instabook #igreads #igbooks #booksofinstagram #readstagram #buch #bücher #bücherwurm #buchliebhaber #büchersucht #buchsucht #bookaholic #buchblogger #buchblog #lesen #lesenisttoll #lesenmachtglücklich

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Noch etwas mehr über das Buch erfahrt ihr in meiner Rezension.