Trotzdem – Ferdinand von Schirach, Alexander Kluge

Hatte ich erst kürzlich noch ein wenig darüber gejammert, dass mir das Thema Corona zum Hals heraushängt, ist es umso verwunderlicher, dass ich jetzt dennoch zu diesem eBook gegriffen habe. Denn um genau dieses Thema geht es in „Trotzdem“, beziehungsweise dem, was dieses Virus gesellschaftlich und politisch verursacht hat, noch bewirkt und wohl auf lange Sicht noch hervorbringen könnte. Tatsächlich bin ich eher dem Impuls gefolgt, dass ich das Buch, das ich zunächst unbedingt haben musste, auf meinem eReader lange genug ignoriert hatte und die rund 80 Seiten jetzt doch endlich lesen wollte. Auch war ich gerade offen genug für die Gedanken, die Ferdinand von Schirach im Gespräch mit Alexander Kluge zu Tage fördern könnte. Denn eigentlich halte ich mich gerade fast ausschließlich in meiner ‚Bubble‘ auf und konsumiere Nachrichten und Corona-Meldungen gezielt und vor allem in homöopathischen Dosen.

Der Klappentext dieses vor einem halben Jahr erschienen Buches verrät: Ist der aktuelle Shutdown unserer Gesellschaft auch ein Shutdown unserer Grundrechte? Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge gehen der Frage nach, was die Corona-Pandemie für unsere Gesellschaftsordnung und unsere bürgerliche Freiheit bedeutet. „Niemand hätte sich vor zwei Monaten vorstellen können, dass wir diesen Ausnahmezustand erleben. Es wird heute von manchen behauptet, das sei die Zeit der Exekutive. Aber das ist falsch. Wir leben in Demokratien, wir haben eine Gewaltenteilung. Noch immer muss das Parlament entscheiden, und daran darf sich auch nichts ändern. Noch scheint unsere Demokratie nicht gefährdet.“

Und so folgt man den beiden Autoren, die sich über die Rahmenbedingungen der Pandemie unterhalten. Der Einblick in die Gedanken von von Schirach und Kluge hat mir gefallen, der ein oder andere interessante Denkanstoß war für mich dabei, auch wenn ich mir stellenweise gewünscht hätte, dass das Ganze mehr in die Tiefe gegangen wäre. Stattdessen verlieren sich beide in Aufzählungen und Geschichtsereignisse, wenn auch mit aktuellem Bezug. Aber genau darin liegt wohl auch die Intention dieses Buches: Wach bleiben, damit sich Vergangenes nicht wiederholen kann.

„Autoritäre Strukturen können sich verfestigen, die Menschen gewöhnen sich daran. Erosionen sind langsame Abtragungen, keine plötzlichen Ereignisse.“

(S. 34, Ferdinand von Schirach)

Auch wenn wir uns inzwischen im sogenannten zweiten Shutdown befinden, hat dieses Buch noch nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Und doch bin ich eher der Auffassung, dass dies eines der Bücher ist, die man vielleicht eher in zwanzig Jahren lesen sollte. Zu einem Zeitpunkt, an dem man nicht mit einer zu hohen Erwartungshaltung Bücher mit dem Thema Corona liest, von denen man sich insgeheim doch erhellende Aha-Momente oder sogar eine Lösung des Problems erhofft. Es wird interessant werden auf die jetzige Zeit zurückzublicken und sich vielleicht darüber zu wundern, was man gedacht und erwartet hat, bevor man sich damit abfinden musste mit dem Virus weiterzuleben.

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Ferdiand von Schirach, Alexander Kluge
Trotzdem
Hardcover, Pappband, 80 Seiten
ISBN: 978-3-630-87658-0
Preis: 8,00 € [D]
Verlag: Luchterhand
Erschienen: 11.05.2020

Wuhan Diary . Tagebuch aus einer gesperrten Stadt – Fang Fang

Auch wenn das Coronavirus die Jahreszahl 19 in der offiziellen Bezeichnung trägt, so ist doch 2020 das Jahr, welches maßgeblich davon bestimmt ist. Gefühlt verging bisher kein Tag, an dem man das Virus hätte vergessen können. Wohltuend, sich mit Büchern in andere Welten oder Aufgabenstellungen zu flüchten, aber als ich auf Fang Fang’s „Wuhan Diary“ aufmerksam wurde, hatte ich doch das Bedürfnis mich auch lesend mit Corona zu beschäftigen, um so eine andere Sichtweise und ein anderes Erleben im Umgang mit dem Virus kennen zu lernen – in dem Land, wo alles anfing.

„Beim Ausbruch der Epidemie, von der anfänglichen Ausbreitung bis zur jetzigen Explosion, haben wir die Situation zuerst falsch eingeschätzt, dann verschleppt und schließlich falsch gehandelt. Wir haben es versäumt, dem Virus zuvorzukommen, und rennen seither ständig hinter ihm her. Dafür zahlen wir einen enorm hohen Preis.“ (Fang Fang)

Erstmals in der Geschichte wurde eine Stadt mit neun Millionen Einwohnern für den Zeitraum von 76 Tagen komplett von der Außenwelt abgeriegelt. Vom 25. Januar bis zum 24. März 2020 führte die berühmte chinesische Schriftstellerin Fang Fang ein Online-Tagebuch aus ihrer Heimatstadt Wuhan. Eingeschlossen in ihrer Wohnung berichtet sie vom Hereinbrechen und dem Verlauf einer Katastrophe, von den Versäumnissen der ersten 20 Tage, der Unterdrückung warnender Stimmen, aber auch von den wirkungsvollen Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung des Coronavirus, den vielen freiwilligen Helfern und der großen Solidarität.

Fang Fang liefert einen unverstellten Blick auf die Katastrophe ‚von unten‘, ganz nah an den Menschen, ihren Ängsten und Nöten. Sie erzählt von der Einsamkeit, dem heroischen Kampf des Personals in den Krankenhäusern, vom Leid der Erkrankten, dem Schmerz der Angehörigen und der Solidarität unter Nachbarn. Millionen Chinesen folgten ihrem Blog – und teilen ihren Zorn über die Untätigkeit und Vertuschungsmanöver der Behörden während der Anfangsphase der Covid-19-Pandemie.

‚Wuhan Diary‘ ist ein leidenschaftliches Tagebuch voller Wärme, Mitgefühl und Zorn, das Online in China über 100 Millionen Leser fand. Aber man lernt dabei auch die andere Seite Chinas kennen, denn zugleich werden immer wieder ihre Beiträge aus dem Netz genommen, Fang Fang wird auf massive und entwürdigende Weise angegriffen, sie erhält sogar Morddrohungen. In dem Buch haben nun ihre Beiträge einen dauerhaften Platz gefunden und berühren die sensible Frage, wie der Umgang Chinas mit dem Ausbruch des Coronavirus zu bewerten ist.

Fang Fang gibt ihrer Wut und Trauer Raum in ihren Beiträgen und verzichtet bewusst auf besonderen literarischen Ausdruck. Das macht sie zu einer Bloggerin mit einer Stimme von nebenan, die ihren Gefühlen und Eindrücken freien Lauf lässt, die sich in ihrer Entrüstung auch mehrfach wiederholt, weil die Geschehnisse sie berühren und einfach nicht loslassen. Dennoch ist sie auf gewisse Weise privilegiert, denn sie verfügt über Kontakte, die sie von ‚vorderster Front‘ informieren. Auf ihre Weise fachsimpelt sie jedoch und findet manchmal auch Lösungen, von denen man als Außenstehender ahnt, dass diese nur am virtuellen Stammtisch gedacht, insgesamt aber nicht praktikabel sind. So wirken Fang Fangs Beiträge manchmal gut strukturiert, durchdacht und sind informativ, gelegentlich sind sie jedoch auch ein wenig wirr und getrieben von Wut, Verzweiflung und Hilflosigkeit, gewürzt mit einer gehörigen Prise Kämpfergeist, der sie trotz aller Repressalien ihr Online-Tagebuch weiterführen lässt.

Das „Wuhan Diary“ ist kein Buch, das sich leicht weglesen lässt, dazu geht die Thematik einfach zu nah. Beim Lesen werden einem die zahlreichen Todesopfer bewusst, die das Virus gefordert hat und im nach hinein lassen sich deutliche Fehler im Umgang damit erkennen. Doch der im Anhang in Kurzform geschilderte Verlauf der Coronapandemie macht deutlich, dass auch in Deutschland das Virus zu Beginn unterschätzt wurde und es zu Fehlentscheidungen kam. Es wäre wünschenswert, wenn aus den bisherigen Geschehnissen und Entscheidungen gelernt würde – weltweit und gemeinsam…

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Fang Fang
Wuhan Diary – Tagebuch aus einer gesperrten Stadt
Übersetzung: Michael Kahn-Ackermann
Pappband mit Schutzumschlag, 352 Seiten
ISBN: 978-3-455-01039-8
Preis: € (D) 19,99
Verlag: Hoffmann und Campe
Erschienen: 30.05.2020

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.