erLESENer Mai 2021

Im Lesemonat Mai wachte ich nach einem schweren Motorradunfall im Krankenhaus auf, übernahm in Lusaka eine Hühnerfarm, ging als 17jährige zum ersten Mal zur Schule, half Liss auf ihrem Bauernhof und bei der Ernte, pimpte mein Gehirn, übte mit Elias täglich 6 Stunden lang Gitarrenriffs und versuchte den Geheimnissen der Biografiearbeit auf die Schliche zu kommen.

Bücherwelten – irgendwo zwischen Fiktion und Realität…

Vom Ende der Einsamkeit von Benedict Wells: Obwohl es in diesem Buch um Verlust, Tod und Krankheit geht, hatte ich doch den Eindruck, ein Wohlfühlbuch zu genießen, in das man sich entspannt hineinfallen lassen und in dem man stundenlang schmökern kann. Ausgezeichnet!

Das Auge des Leoparden von Henning Mankell: Fein beobachtet schildert der Autor das Dilemma der Kolonialisierung und der späteren Ent-Kolonialisierung von Sambia. Hervorragend!

Befreit von Tara Westover: Ein großartiges Buch über eine bemerkenswerte Frau, die es durch harte Arbeit und Durchhaltevermögen geschafft hat, sich durch Bildung ein neues Leben aufzubauen. Beeindruckend!

Alte Sorten von Ewald Arenz: Eine schöne Geschichte irgendwo zwischen wuchtig und ganz zart – mit leisem Humor, Wut, Traurigkeit und Tiefgang. Eine umfangreiche Gefühlspalette zum mittendrin sein und mitfühlen, aber auch mit Wohlfühlmomenten. Wunderbar!

Mein Kopf gehört mir von Miriam Meckel: Eine Mischung aus erschreckend und faszinierend, was da am Gehirn erforscht und schon herausgefunden wurde. Wahnsinnig interessant!

Die goldene Ananas von Dennis Kornblum: Sprachlich sehr einfach, aber nichtsdestotrotz ein interessant und authentisch gehaltener Einblick in Leben und Wahrnehmung eines unter Asperger-Syndrom leidenden 26jährigen Gitarristen.

Biografiearbeit – Die innere Schatzsuche von Anja Mannhard: Ein kurzes Buch mit vielen Übungen und Fragen, um die eigene Lebensgeschichte unter die Lupe zu nehmen. Für mich zu bastellastig und zu wenig Erklärungen. Wohl eher an Fachleute gerichtet.

Die goldene Ananas – Dennis Kornblum

Als der 1980 geborene Autor Dennis Kornblum (denniskornblum.com) mich anschrieb und fragte, ob ich mir denken könnte, seinen Roman zu lesen und vorzustellen, war ich gleich interessiert. Denn der Roman handelt von dem 26jährigen Gitarristen Elias, der unter dem Asperger-Syndrom leidet und setzt zu dem Zeitpunkt ein, an dem dieser nach fünfeinhalb Jahren in Wohnheimen für gemeindenahe Psychiatrie in seine erste eigene Wohnung zieht. Dort steht er bald vor ganz neuen Herausforderungen, mit denen er umzugehen lernen muss. Da Dennis Kornblum selbst von dem Asperger-Syndrom betroffen ist, hat er in dem Roman Autobiografisches mit Fiktionalem vermengt, um einen authentischen Einblick in diese ungewöhnliche Welt zu gewähren. Und das ist ihm wirklich gelungen.

Sein Protagonist Elias steht jeglichen Veränderungen ängstlich und grundsätzlich ablehnend gegenüber. Daher erfüllt es ihn eher mit Widerwillen, dass er nun in eine eigene Wohnung ziehen soll, in das Dachgeschoss eines Fünfparteienhauses. Hier geht es ihm anfänglich nur darum, möglichst seine Ruhe zu haben und seinen streng strukturierten Tagesablauf einzuhalten, der aus einer sechsstündigen E-Gitarren-Einheit, dem Konsum von Death-Metal-Alben, dem Schauen von Filmen und genau getimten Mahlzeiten, Kaffee- und Zigarettenpausen besteht. Nach und nach werden jedoch die übrigen Hausbewohner auf ihn aufmerksam, und er kommt immer mehr in Kontakt, vor allem mit dem extrovertierten Endfünfziger Willi. Und plötzlich steht er vor ganz neuen Herausforderungen: Soll er es wagen, einer richtigen Band vorzuspielen? Und dann gibt es da noch die hübsche Kellnerin vom Café Auberge, die ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf geht…

Obwohl dieser Roman in der personalen Erzählweise verfasst ist, kommt man Elias beim Lesen sehr nah. Und doch bleibt eine Distanz bestehen, die nur ganz allmählich überwunden wird, weil man in seine Welt und Art der Wahrnehmung langsam hineinwächst. Die Gründe für seine teilweise recht eigenartige Handlungsweise werden nachvollziehbar, wenngleich es auch manchmal zu kuriosen Situationen kommt. Die Sprache ist sehr einfach und schnörkellos, was die Geschichte überaus authentisch und stimmig sein lässt. Elias ist dabei ein Charakter mit Ecken und Kanten, der einem mit der Zeit immer sympathischer wird und dessen positive Entwicklungsgeschichte man gerne weiter liest.

Doch dorthin ist auch ein weiter Weg. Denn dem Protagonisten hilft eine streng durchgetaktete Tagesstruktur, die man auch als Leser durchläuft. So notwendig dies ist, um ein Verständnis für die dahinter liegende Problematik zu entwickeln, so ermüdend wird dies jedoch irgendwann beim Lesen. Allerdings bezweifle ich, ob eine komprimiertere Darstellungsweise dem Roman wirklich gut getan hätte. Doch schließlich ist bei Elias ein Punkt erreicht, an dem er für sich wichtige Erkenntnisse gewinnt und Bewegung in sein Leben kommt. Eine Entwicklung, die man zwar kommen sieht, aber eine, die man dem Protagonisten gönnt und über die man sich mit ihm freuen kann.

Insgesamt war dies für mich ein aufschlussreicher Ausflug in die Welt eines jungen Menschen mit Asperger-Syndrom, den ich Lesern empfehlen kann, die sich auf unterhaltsame Weise mit der Thematik beschäftigen möchten.

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Dennis Kornblum
Die goldene Ananas
Taschenbuch, 580 Seiten
ISBN: 978-3-347-12210-9
Preis: 17,99 € [D]
Verlag: tredition
Erschienen: 08.12.2020

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Autor für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.