Laufen – Isabel Bogdan

Die Zeit, in der ich mich früh morgens in meine Sportklamotten schwang um durch den Wald zu laufen, wird mir immer als wertvoll in Erinnerung bleiben. Aber es war für mich auch eine schwierige Zeit. Ich suchte im Laufen Linderung und Befreiung von der krankhaften überschüssigen Energie, die von mir Besitz ergriffen hatte und die ich irgendwie loswerden wollte. Leider so verzweifelt und krampfhaft, dass neben den positiven Erfahrungen, die mir das Laufen brachte, durch die dauerhafte Überbelastung bleibende Knieprobleme zurück blieben. Nichtsdestotrotz trauere ich der Zeit des regelmäßigen Laufens hinterher, habe im Walken, Nordic Walking, Wandern und nicht zuletzt bei meinem Crosstrainer versucht einen Ersatz dafür zu finden, aber es ist und bleibt einfach nicht das gleiche.

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Als ich erst kürzlich auf der Suche nach einem neuen Hörbuch war, stieß ich bei Spotify auf „Laufen“ von Isabel Bogdan und wollte mich von ihr ein Stück mitnehmen lassen, ohne zu wissen, worauf ich mich eigentlich dabei einließ. Und das war gut so, denn die Protagonistin läuft sich nach einem schweren Schicksalsschlag zurück ins Leben und man folgt dabei ihrem Gedankenstrom voller Assoziationen und Rückblicke. Hätte ich das im Vorfeld gewusst, hätte ich mich vielleicht vor endlos mäandernden Gedanken mit vielen Kommas und kaum vorhandenen Punkten gefürchtet, so konnte ich mich jedoch von dem Einfühlungsvermögen der Autorin gänzlich unvoreingenommen gefangen nehmen lassen und ihre Protagonistin als eine Frau erleben, die nach langer Zeit der Trauer wieder Mut fasst und ihren Lebenshunger und Humor zurückgewinnt. Ein echtes Highlight!

Erst schafft sie nur kleine Strecken, doch nach und nach werden Laufen und Leben wieder selbstverständlicher. Ich fühlte mich bei den authentischen Beschreibungen zurückversetzt in die Zeit, als ich selbst mit dem Laufen anfing. Dennoch ist dies kein Ratgeber, der einen zum Laufen bekehren möchte. Vielmehr lässt einen die Ich-Erzählerin an den Höhen und Tiefen teilhaben, die sie während dieses Sports erlebt. Schnell wird klar, dass es nicht nur um ein gesünderes oder gar leichteres Leben geht. Schritt für Schritt erobert sich die Erzählerin die Souveränität über ihr Leben zurück. Denn ihr Lebenspartner ist vor einem Jahr gestorben und sie weiß nicht wohin mit ihrer Trauer. Sie läuft sich die Grübelei weg. Ihre Gedanken beim Laufen sind sprunghaft. Es geht ums Seitenstechen, ums Wetter, die schrecklichen Schwiegereltern und immer auch um den Partner, den sie im Roman mit „Du“ anspricht und ihr Leben, das sie ohne ihn neu organisieren muss.

Je länger sie läuft, desto genauer wird das Bild dieser Frau und ihres Lebens. Sie ist Musikerin, ihr Partner war Automechaniker und kämpfte seit Jahren gegen Depressionen. Sein Tod war ein Selbstmord. Sie bleibt zurück und muss mit ihrem Wust an Gefühlen zurecht kommen. Da sind viel Trauer, Wut, Verständnislosigkeit, Selbstvorwürfe aber auch Lebensfreude, Liebevolles und Humor, ganz wunderbar auch stimmlich eingefangen und betont von Johanna Wokalek, die das Hörbuch eingesprochen und der Protagonistin die richtige Klangfarbe verliehen hat. Isabel Bogdan schenkt ihrer Protagonistin den Lauf zurück ins Leben. Und den Lesern und Hörern einen Roman darüber, wie es ist als Angehöriger mit einem depressiven Menschen zusammen zu leben und nach dessen Suizid voller Schmerz und Fassungslosigkeit zurück zu bleiben.

Aber trotz ernster Thematik ist „Laufen“ kein deprimierender Roman, sondern eher ein Plädoyer fürs Leben – ganz ohne Kitsch oder gute Ratschläge. Dafür aber mit herzlicher Ruppigkeit. Sehr empfehlenswert!

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Isabel Bogdan
Laufen
Sprecher: Johanna Wokalek
Spieldauer: 4 Stunden 48 Minuten
Ungekürztes Hörbuch
Preis: 19,95(4 CDs im Digifile)
Erscheinungsdatum: 12.09.2019
Sprache: Deutsch
Anbieter: Argon Hörbuch

erLESENer Oktober

Im Lesemonat Oktober ließ ich mich von Erebos terrorisieren, tauchte nach Norwegen ab, übte mich im therapeutischen Lesen und löste einen Fall bei den Amischen.

Bücherwelten – mit der richtigen Buchstabendosis für jede Stimmungslage…

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Erebos 2 von Ursula Poznanski
Eine spannende Fortsetzung der Geschichte rund um das an die moderne Technik angepasste Computerspiel mit den gefährlichen Auswirkungen in der Realität. Leichte Schwächen, aber dennoch lesenswert.

Heimatland von Kronprinzessin Mette-Marit (Hrsg.), Geir Gulliksen (Hrsg.)
Unterschiedliche Facetten Norwegens von bekannten norwegischen Literaten in Worte gefasst. Macht Lust aufs Reisen und mehr von Norwegern lesen.

Licht in der Nacht der Seele von Martin Duda
Ein literarisches Antidepressivum, das vor allem durch das Verständis des Autors für die Auswirkungen der Depression und die therapeutische Wirkung des Lesens beeindruckt.

Die Zahlen der Toten von Linda Castillo
Ein gelungenes Thriller-Debüt, das mir tatsächlich Lust darauf macht, mehr von dieser Reihe rund um Kate Burkholder und die Amischen zu lesen.

Licht in der Nacht der Seele – Martin Duda

Erst kürzlich wurde ich auf die „Bibliotherapie“ aufmerksam, die zu den künstlerischen Therapieformen, (wie beispielsweise auch Musik- und Tanztherapie) gehört. Hierbei setzt man auf die Heilkraft der Sprache, die beim Lesen von beruhigender und aufbauender Literatur und beim Schreiben und Gestalten eigener literarischer Texte Heilungsprozesse unterstützen, Probleme lösen und die Persönlichkeitsentwicklung fördern kann. Bei der Suche nach weiterführender Literatur, stieß ich unter anderem auf „Licht in der Nacht der Seele – Wie Lesen bei Depressionen hilft“ von Martin Duda. Das Buch bezeichnet sich selbst als Literarisches Antidepressivum, was auf mich zunächst befremdlich wirkt, da es enorme Erwartungen weckt. Aber es machte mich auch neugierig.

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Der Text auf der Klappe dieses broschierten Buches erläutert:

„In der Literatur ist die Depression ein immer wiederkehrendes Thema. Viele Dichter und Schriftsteller kennen das Phänomen aus eigenem Erleben. Sie haben – anders als die Wissenschaftler oder die Mediziner einen unmittelbaren und ganzheitlichen Zugang gerade auch zu den Schattenseiten menschlicher Erfahrungen. Dieser Zugang ermöglicht ihnen und damit auch den Lesern eine andere, breitere Sicht auf die Depression. Zugleich haben viele literarische Werke für depressive Menschen eine heilsame und therapeutische Wirkung. Wenn der Lebenssinn zu einer dringenden Frage wird und die Gründe zum Leben verloren gehen, kann uns gute Literatur bei der Suche nach ihnen begleiten und ein wenig Licht in die geheimnisvolle Dunkelheit der Depression bringen.“

Lesen ist für viele Menschen, so auch für mich, ein Hilfsmittel erster Wahl, um Zeiten der Muße, der Ruhe und der Entspannung für sich zu entdecken und in ihnen einzutauchen. Ein gutes Buch hat das Vermögen und die Macht, mich aus dem Alltag zu entführen, aber auch die quälenden Phasen depressiver Langeweile, die immer mehr handlungsunfähig macht und zunehmend lähmt, in eine gute Zeit der Muße zu verwandeln, wenn ich rechtzeitig zu diesem Hilfsmittel greife. Beim Lesen dieses Buches fühlte ich mich außerdem an eine Zeit erinnert, als ich tatsächlich bei Dichtern, Schriftstellern, Musikern und Malern regelrecht auf der Suche nach gemeinsamen Empfindungen und Darstellungen war, in denen ich mich und mein durch die Bipolare Störung (manisch depressive Erkrankung) verändertes Erleben wiederfinden konnte. Ich sammelte diese Fragmente, weil die Künstler in der Lage waren das auszudrücken, wofür mir die Worte und auch sonstige Ausdrucksmöglichkeiten fehlten. Das brachte mir Linderung, weil ich mich verstanden fühlte und ich manches dadurch erst als Teil der Krankheit identifizieren und begreifen konnte.

Geholfen hätte es mir auch, wenn mir zu dieser Zeit, in der ich erst noch den Umgang mit der Depression lernen musste, „Licht in der Nacht der Seele“ in die Hände gefallen wäre. Martin Duda, der sich seit vielen Jahren mit der heilsamen Wirkung des Lesens befasst, bietet mit ausgewählten Texten der Weltliteratur und praktischen Buchtipps Hilfe zur Selbsthilfe an. Denn therapeutisch lesen bedeutet, langsam und mit dem Herzen zu lesen und den Text zu verinnerlichen. Es geht darum,

[…] den traurigen und gesenkten Blick des depressiven Menschen wieder nach oben zu richten, ihn selbst als Mensch aufzurichten und ihn hinaus nach draußen in die Welt, da wo das Leben ist, zu schicken. Gewissermaßen gilt es, nicht nur seine äußeren Sinne, seine Augen und Ohren, sondern vor allem sein Herz zu öffnen und ihn zum Leben und zum Wertvollen im Leben wieder hinzuführen. (S. 41)

Der Autor zeigt, wie die Lektüre dazu beitragen kann, der Ausweglosigkeit der Depression zu entkommen und den Weg zurück ins Leben zu finden. Doch es ist hier keine konkrete Auflistung von Tipps zu erwarten, die abgearbeitet werden könnten. Eher wird das Lesen als ein unterstützendes Mittel empfunden, das unter Umständen einbezogen werden kann. Tatsächlich sind es auch nicht die unterschiedlich gearteten kurzen Texte und Gedichte, die er zitiert und beispielhaft angibt, die ich an diesem Buch als hilfreich empfinde. Manches ist großartig, aber nicht alles spricht mich an und für Lyrik bin ich nicht immer empfänglich. Vielmehr schafft es der Autor durch seine Ausführungen und Erläuterungen das Wesen, die Ursachen und Auswirkungen der Depression so zu benennen und auf den Punkt zu bringen, dass ich mich mitsamt der krankheitsbedingten Problematiken verstanden und ernst genommen fühle. Daher kann ich die Lektüre dieses Buches auch denjenigen empfehlen, die versuchen möchten zu verstehen, wie die Depression das Leben eines Menschen vereinnahmt und was sie unter Umständen aus ihm macht. Selten habe ich mich so verstanden und angenommen gefühlt, was wohltuend und tatsächlich ein wenig wie ein literarisches Antidepressivum auf mich wirkt. Eine Empfehlung für Interessierte und Betroffene.

„Kein Buch vermag zwar die unmittelbare Begegnung mit einem anderen Menschen zu ersetzen, geschweige denn all das, was sich in der Begegnung mit ihm und in der Beziehung zu ihm ereignet und darin wirkt. Aber die Literatur kann nicht nur Wege zum depressiven Menschen ebenen und wie eine Verbindungsbrücke fungieren, sondern auf die heilsamen Kräfte, die nur in der Beziehung der Menschen untereinander entstehen, aufmerksam machen. Ob in großen Werken der klassischen Literatur oder in einfachen Liebesromanen – überall geht es um Themen wie Beziehungen, Trennungen, Verluste und um die Einsamkeit, aber auch um rettende Auswege wie Liebe, Freundschaft, Zuneigung und Mitgefühl. Bücher mit diesen Motiven können zur Reflexion anregen und für die Not eines einsamen Menschen sensibilisieren, aber auch Lösungen und Schritte aus der Einsamkeit aufzeigen.“ (S. 96)

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Martin Duda
Licht in der Nacht der Seele
Wie Lesen bei Depressionen hilft
Klappenbroschur, 160 Seiten
ISBN: 978-3-8436-1059-9
Preis: 16,00 € (D) inkl. MwSt.
Verlag: Patmos
Erschienen am 04.06.2018

umgeBUCHt Beiwerk: Bevorzugte Erzählperspektive