erLESENer November

Im Lesemonat November war ich in Gilead unterwegs, wanderte mit vielen Japanerinnen nach Amerika aus, durchschlug einen echten Rothko mit meiner Faust, erfuhr, was im Bösland wirklich geschah und entjungferte mit Sascha Felix.

Bücherwelten – bieten Ablenkung, wenn man es gerade braucht…

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Die Zeuginnen von Margaret Atwood
Die ebenfalls großartige Fortsetzung von „Der Report der Magd“. Hervorragend!

Wovon wir träumten von Julie Otsuka
Ein intensives und berührendes Buch, das auf eine besondere Weise auf geschichtliche Ereignisse rund um die japanstämmigen Amerikaner blickt. Ein Buch, das nachwirkt und zum weiter informieren anregt. Empfehlenswert!

Duell von Joost Zwagerman
Es ist Ausflug in die Welt der Kunst und dabei voller Witz, Action, kluger Gedanken, interessanter Einblicke und einer gehörigen Portion Slapstick. Unterhaltsam!

Bösland von Bernhard Aichner
Ein relativ vorhersehbarer Thriller, der jedoch sehr gut als Hörbuch vertont ist und der von den gut ausgearbeiteten Charakteren lebt. Gar nicht schlecht!

Scherbenpark von Alina Bronsky
Ein gefühlvoller, aber nicht gefühlsduseliger Roman über eine starke siebzehnjährige Protagonistin, die in Deutschland in einem russischen Hochhaus-Ghetto aufwächst. Empfehlenswert!

Duell – Joost Zwagerman

In die Niederlande sollte es im Rahmen meiner BUCHweltreise gehen. Das führte mich zu der Novelle „Duell“, die 2010 publiziert und im Rahmen der alljährlichen Niederländischen Buchwoche als „Boekenweekgeschenk“ (Bücherwochengeschenk) kostenlos in allen Buchhandlungen verteilt wurde. Die Auflage lag bei über 950.000 Exemplaren. Im Mittelpunkt dieses Buches steht die größte anzunehmende Katastrophe für den Museumsdirektor Jelmer Verhooff: Seine Faust durchschlägt ein Gemälde im Wert von 30 Millionen Euro.

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Jelmer Verhooff ist der junge Direktor des „Hollands Museum“ in Amsterdam, ein hipper Aufsteiger innerhalb der Kunstwelt. Nun aber muss sein Museum wegen Brandschutzmängeln geschlossen werden. Als letzte Ausstellung vor der Schließung hat er sich etwas ganz Besonderes ausgedacht: Junge holländische Künstler sollen sich mit Meisterwerken der Sammlung auseinandersetzen. Der Titel der Schau: „Duel. Dutch Artists Challenged by Modern Masters“. Besonders angetan ist er von einer jungen Malerin, die sich darauf spezialisiert hat, bedeutende Gemälde detailgenau zu kopieren. Diese wählt ein Schlüsselwerk von Mark Rothko und schafft ein verblüffend originalgetreues Abbild.

„Ein Kritiker zog, wie Emma selbst, den Vergleich mit einem reproduzierenden Künstler: ‚So wie die Wundergeigerin Hilary Hahn beim Spielen von Bachs Chaconne mit scheinbarer Leichtigkeit den Eindruck erweckt, in die Seele des Komponisten hinabsteigen zu können, so gelangt Emma Duiker in das Innere des so gequälten Mark Rothko, dessen Werk sie nicht fälscht sondern aufführt.'“ (S. 24)

Nach dem Ende der Ausstellung stellt dann allerdings der Restaurator des Museums fest, dass nun die Kopie in der Sammlung ist. Das Original wurde von der Malerin gestohlen. Und Jelmer Verhooff stellt seinerseits fest, dass Emma Duiker nicht nur Gemälde kopiert, sondern eine Konzeptkünstlerin ist, deren eigentliches Werk darin besteht, Rothkos Gemälde ohne jeden Hinweis auf dessen Wert und Bedeutung an alltäglichen Orten auf einfache Menschen wirken zu lassen.  Verhooff macht sich sofort daran zu recherchieren, wo sich das Original befindet.

Joost Zwagerman, geboren 1963, war einer der bedeutendsten niederländischen Autoren seiner Zeit – er litt unter starken Depressionen und nahm sich 2015 das Leben. Gedichte, Essays, Erzählungen sowie Romane schrieb er und war in den Niederlanden auch als Kolumnist und Kunstkritiker bekannt. Die Beschäftigung mit der Kunst findet ihren Niederschlag auch in dieser Novelle, in der Zwagerman überaus subtil Realität und Fiktion vermischt. Dabei nimmt er die Ende 2003 aus bautechnischen Gründen von der Feuerwehr verfügte Schließung des Stedelijk Museums in Amsterdam zum Ausganspunkt für eine beinahe schon groteske, sich um ein fiktives Gemälde von Mark Rothko drehende Vertauschungsgeschichte. Mit feiner Ironie schildert er die Kunst- und Museumswelt und beleuchtet erzählend grundlegende Probleme der modernen Kunst. Zentral steht dabei gewiss die Frage nach dem Stellenwert eines Originals, doch auch die Frage nach dem Verhältnis von Marktwert und ästhetischem Wert von Kunst sowie der Anspruch und die Erwartung, dass Kunst immer wieder Grenzen verschieben muss, werden angesprochen, ohne dass das Buch jemals theorielastig ist. Es ist eine Geschichte voller Witz, Action, kluger Gedanken, interessanter Einblicke in die Welt der Kunst und einer gehörigen Portion Slapstick.

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Joost Zwagerman
Duell
Aus dem Niederländischen und mit einem Nachwort von Gregor Seferens
Original: Duel
fadengeheftete Broschur, 160 Seiten
ISBN: 978-3-938803-81-3
Preis: € 17,00
Verlag: Weidle Verlag
Erschienen: Juli 2016