Die Tribute von Panem X . Das Lied von Vogel und Schlange – Suzanne Collins

„Die Tribute von Panem“ waren für mich immer etwas Besonderes. Als zwischen 2009 und 2011 die Bücher in deutscher Übersetzung erschienen, waren meine Tochter und ich gleichermaßen von dem Klappentext und den ersten Leserstimmen dazu begeistert und setzten den ersten Teil der Reihe bei Lovelybooks auf unsere Wunschlisten. Und weil wir beide gern lesen, kam es, wie es kommen musste: Wir schenkten uns gegenseitig „Tödliche Spiele“, das erste Buch der Panem-Trilogie, zu Weihnachten. Die Lacher waren auf unserer Seite, aber wir machten das Beste aus der Situation. Eines der beiden Bücher wurde gegen den zweiten Teil umgetauscht und es wurde, wie seinerzeit schon bei Harry Potter, ein gemeinschaftliches Leseprojekt daraus. Wir waren begeistert. Mit dieser Reihe stellte ich fest, dass ich sehr gerne Dystopien lese, wodurch ich zu einigen Klassikern dieses Genres gelangte, aber auch neuere Bücher und Reihen fand. Selbst die Panem-Verfilmung mochte ich gern, auch wenn sie natürlich aus vorgenannten Gründen nicht an das herankommt, was ich mit den Büchern verbinde.

Dass nun ein neues Buch die Panem-Reihe ergänzen sollte, nahm ich einerseits freudig auf, andererseits aber auch sehr skeptisch. Was sollte dieses neue Buch noch für die Geschichte bringen, die meines Erachtens rund auserzählt war? War ein junger Präsident Snow, der spätere verachtenswerte Feind von Katniss und somit auch von mir als mitfiebernder Leserin, tatsächlich so interessant, dass ich ihn näher kennen lernen wollte? Und wie sollte dieses Buch es schaffen, die sicherlich überhöhten Erwartungen von mir eingefleischtem Panem-Fan nicht zu enttäuschen? Dinge, die für mich eigentlich gegen das Buch sprachen. Aber… die Neugier ließ mich einfach nicht los und weil ich gerade ein Guthaben bei Audible übrig hatte, entschied ich mich dafür, diese Geschichte als Hörbuch zu erfahren – auch weil ich es bei Nichtgefallen umtauschen konnte. Aber das war erfreulicherweise nicht nötig, denn die etwa 16 Stunden wurden hervorragend von Uve Teschner eingesprochen und auch die Geschichte wusste mich zu begeistern.

24_Die Tribute von Panem X

„Die Tribute von Panem X“ versetzt, wie der Titel schon verrät, in die Welt von Panem zu der Zeit der 10. Hungerspiele. ‚Präsident‘ Snow ist mit seinen 18 Jahren noch jung und lebt mit seiner Großmutter und seiner Cousine in eher ärmlichen Verhältnissen, weil sie durch den Krieg alles verloren haben. In der Hoffnung ein Stipendium zu erlangen, für ihn die einzige Möglichkeit studieren zu können, wird Coriolanus Snow Mentor bei den Hungerspielen. Ausgerechnet die relativ chancenlose Sängerin Lucy Gray aus dem unbeliebten Distrikt 12 wird ihm zugeteilt. Aber er wäre nicht Snow, wenn er nicht versuchen würde, seine Tributin mit allen Mitteln am Leben zu erhalten. Viel mehr mag ich an dieser Stelle gar nicht verraten, als das ich tatsächlich relativ schnell in die Geschichte reinfand und den Wechsel zwischen spannenden und etwas ruhigeren Abschnitten sehr genoss.

Nach den vielen Jahren Abwesenheit aus Panem fühlt es sich tatsächlich ein wenig so an, als kehrt man zurück an einen geliebten Ort, so paradox dies bei einer dystopischen Welt erscheinen mag. Aber recht bildhaft hatte ich beim Lesen noch die Trilogie im Kopf und erschloss mir mit diesem Buch die Vorgeschichte. Erlebte eine eher stümperhafte aber nichtsdestotrotz grausame Anfangsversion der Hungerspiele und erlas mir kleine Puzzlestücke, die wunderbar die Trilogie ergänzen und noch ein wenig runder machen.

Selbst mit dem ungeliebten Snow schaffte ich es zeitweise mitzufiebern und wundere mich noch jetzt über die Sympathie, die ich ihm entgegen bringen konnte. Aber ich wusste natürlich auch zu welchem Menschen er sich entwickeln würde und blieb ihm gegenüber beim Lesen skeptisch. Natürlich fand ich früh Indizien für seine Verabscheuungswürdigkeit, weil ich sie finden wollte und fühlte mich beinahe beruhigt, als ich sie unübersehbar bestätigt sah. Aber dieser Snow ist kein fader Schwarzweißcharakter und immer wieder gab es auch Überraschungen, die neben  Suzanne Collins gewohnt atmosphärischer Schreibweise dafür sorgten, dass ich dranblieb. Darüber hinaus gibt es noch eine niedliche Liebesgeschichte und übertrieben viele Liedtexte, die leider mit der Zeit ermüdend waren. Doch im Großen und Ganzen ist dieses Buch auf jeden Fall lesenswert und hat mich überwiegend gut unterhalten.

-> Zur Hörprobe [Werbung]



Suzanne Collins
Tribute von Panem X – Das Lied von Vogel und Schlange
Sprecher: Uve Teschner
Spieldauer: 16 Stunden 34 Minuten
Ungekürztes Hörbuch
Preis: 9,95 € oder 1 Audible-Guthaben [Werbung]
Erscheinungsdatum: 19.05.2020
Sprache: Deutsch
Anbieter: Oetinger Media

Das Vermächtnis der Ältesten . Scythe 3 – Neal Shusterman

Zunächst vorab: Bei diesem Hörbuch handelt es sich um den dritten und abschließenden Teil der Reihe „Scythe“. Die Handlung geht nahtlos weiter, weshalb es sich empfiehlt, diese Jugendbücher in der richtigen Reihenfolge zu hören, ganz wunderbar vertont mit Torsten Michaelis, bzw. zu lesen. Wer diese Reihe noch nicht kennt, dem kann ich sie empfehlen, auch wenn mir der dritte Teil nicht so gut gefallen hat, wie die vorherigen Bücher (Teil 1, Teil 2).

02_Scythe 3 - Das Vermächtnis der Ältesten

Neal Shusterman hat mit dieser Trilogie eine ganz eigene Welt erschaffen, die ich abschreckend fand, die mich aber auch begeistern konnte. Alles ist gut durchdacht, so dass man sich beinahe wünscht, dass so ein Supercomputer wie der Thunderhead auch in unserer realen Welt das Ruder übernimmt. Mit seiner unendlichen Weisheit führt er die Geschicke der Menschheit, damit Wohlstand herrscht, es keine Kriege und Krankheiten mehr gibt und selbst der Tod besiegt ist. Allerdings müssen aus Platzgründen die Menschen kontrolliert sterben. Das ist die Aufgabe der Scythe, die über Leben und Tod entscheiden und bestenfalls ehrenwerter Gesinnung sind. Leider sind sie das nicht alle und auch der Thunderhead geht irgendwann wider Erwarten seltsame Wege.

In den ersten beiden Teilen gibt es viele kluge Ideen rund um die Themen Gesellschaft, Leben und Tod, die zum Nachdenken und weiterspinnen anregen. Die anfängliche Utopie wächst sich dabei nach und nach immer mehr zu einer Dystopie aus und kommt dabei teilweise recht philosophisch und erwachsen daher. Das machte sie für mich zu einem echten Highlight, so dass ich dem dritten Teil gespannt entgegen fieberte. Dieser konnte mich jedoch nicht mehr so recht überzeugen.

Ich hatte den Eindruck, dass der Autor hier zu viel gewollt hat und zugunsten actionreicher Handlung Abstriche hinsichtlich des Tiefgangs der Geschichte gemacht hat. Auch wurden viele neue Charaktere eingeführt, die zum Teil jedoch eher blass blieben, so dass ich beim Hören immer mal wieder überlegen musste, um wen es sich bei der angesprochenen Person überhaupt handelte. Letztlich führt das ganze zu einem Ende, mit dem ich so nicht gerechnet hätte, das mich allerdings auch nicht so beeindrucken kann, wie ich es nach dem Lesen der beiden vorherigen Bücher erwartet hätte. Der Autor bleibt hier weit hinter seinen Möglichkeiten. Auch gibt es einen Handlungsstrang mit den beiden Hauptprotagonisten, der auf mich den Eindruck macht, als hätte Neil Shusterman ihn hier mehr oder weniger unterdrückt und nicht mehr weiter ausgearbeitet. Hier scheint noch genug Stoff für eine neue Buchreihe brach zu liegen, andererseits fehlt hier aber einfach auch ein Teil der Geschichte mit den liebgewonnenen Protagonisten, die in diesem Buch etwas ins Hintertreffen gelangen.

Gewünscht hätte ich mir für diesen dritten Band, dass der Autor sich beim Erzählen und beim Strukturieren mehr Zeit gelassen hätte. Alles wirkt ein wenig gehetzt, als hätte man unbedingt zum Ende kommen wollen. Schade, dies ist für mich kein so richtig gelungener Abschluss nach den beiden großartigen vorherigen Teilen.

-> Zur Hörprobe [Werbung]



Scythe – Das Vermächtnis der Ältesten (Scythe 3)
Neal Shusterman
Sprecher: Torsten Michaelis
Spieldauer: 18 Std. und 9 Min.
Ungekürztes Hörbuch
Audible-Abo-Preis: 9,95 € oder 1 Guthaben [Werbung]
Erscheinungsdatum: 27.11.2019
Sprache: Deutsch
Anbieter: Argon Verlag

Die Zeuginnen – Margaret Atwood

„Liebe Leserinnen und Leser, die Inspiration zu diesem Buch war all das, was Sie mich zum Staat Gilead und seine Beschaffenheit gefragt haben. Naja, fast jedenfalls. Die andere Inspirationsquelle ist die Welt, in der wir leben.“ (Margaret Atwood über „Die Zeuginnen“)

45_Die Zeuginnen

Es ist noch gar nicht all zulang her, dass ich von Margaret Atwood den dystopischen Roman „Der Report der Magd“ las, der erstmals im Jahr 1985 erschien. Das Buch wurde längst zum Klassiker und zählt zu den Romanen, die mir nachhaltig in Erinnerung blieben – ein echtes Lieblingsbuch. Das liegt wohl auch nicht zuletzt daran, dass ich mir eher skeptisch die auf dem Buch basierende Serie „The Handmaid’s Tale“ anschaute und positiv überrascht davon war, wie gut die Umsetzung gelungen ist. Die zweite und dritte Staffel der Serie spinnen die Geschichte unabhängig vom Buch weiter, was ich ebenfalls sehr stimmig fand. Als Margaret Atwood nun mit „Die Zeuginnen“ nach all den Jahren ihr Buch fortsetzte, konnte ich mich vor Neugier darauf kaum halten.

Aber ich rechnete eigentlich mit einer mittelschweren Katastrophe, weil ich befürchtete, dass das neue Buch die Handlung der Serie durchkreuzen und die Besonderheit der durch die Serie weitererzählten Geschichte zerstören könnte. Auch fürchtete ich bereits zu viel von der Handlung durch das Anschauen der Serie erfahren zu haben und mich selbst um den Lesegenuss von „Die Zeuginnen“ gebracht zu haben.

Tatsächlich war aber das Gegenteil der Fall, denn ich habe nun nach Beendigung des neuen Buches das Gefühl den Gottesstaat Gilead mitsamt seinen Auswüchsen noch besser aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und verstanden zu wissen. Denn während das erste Buch lediglich aus der Sicht der Magd geschrieben ist, kommen in „Die Zeuginnen“ drei Frauen zu Wort, die aus der Ich-Perspektive berichten: Tante Lydia, die mit ‚eiserner Faust im Lederhandschuh im Wollfäustling‘ die weibliche Seite Gileads im Zaum hält, eine junge Frau, die in Gilead groß geworden und in ihre Rolle erzogen wurde und eine junge kanadische Frau, die auf besondere Weise mit Gilead verbunden ist.

Sie berichten von einer Zeit, die etliche Jahre nach der in der dritten Staffel der Serie behandelten Zeit liegt. Die Medien Buch und Serie kommen sich also nicht gegenseitig ins Gehege. Tatsächlich sind mir auch nur minimale Abweichungen zwischen Buch und Serie aufgefallen, jedoch in einem Maße, das ich verschmerzen konnte. Vielmehr hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass sich immer mehr Puzzle-Teilchen der Geschichte an ihren Platz fügten. Beweggründe und Charakterzüge mancher Hauptperson, die bereits aus dem ersten Buch bekannt ist, werden klarer und nachvollziehbarer, rücken von reiner schwarzweiß Skizzierung plötzlich in die Vielschichtigkeit der Graustufen mit all ihren schönen und schrecklichen Variationen ab. Die herrschende Männerwelt wird noch etwas widerwärtiger als bereits im ersten Buch und es wird geradezu tragisch deutlich wie gefangen Menschen in ihrem Tun und Handeln sind, die von klein auf in dem totalitären Gottesstaat Gilead aufgewachsen sind und nichts anderes kennen.

Das ganze endet, wie man es bereits grob aus „Der Report der Magd“ erfahren hat, das man vor „Die Zeuginnen“ gelesen haben sollte, um das ganze Ausmaß dieser Geschichte erfassen zu können. Doch obwohl man weiß, wohin dieser Roman steuert, ist doch das Wie ein spannender Aspekt, der einen bis zum Schluss mitfiebern lässt. Großartig!

-> Zur Leseprobe [Werbung]



Margaret Atwood
Die Zeuginnen
Übersetzt von Monika Baark
Hardcover mit Schutzumschlag, 576 Seiten
ISBN: 978-3-8270-1404-7
Preis: € 25,00 [D], € 25,70 [A]
Verlag: Berlin Verlag
Erschienen am 10.09.2019

erLESENer Juni

Im Lesemonat Juni suchte ich vergeblich den Hannibal-Lecter-Nachfolger, lernte vieles über den Thunderhead, lachte über das kommunistische Känguru, zweifelte an der Zurechnungsfähigkeit des menschlichen Gehirns und tauchte beim Lesen mit nur einem Atemzug in die Tiefe ab.

Bücherwelten – komisch, eigenartig und erfrischend…

06_erLESENer

Cari Mora von Thomas Harris
Ein optisch und haptisch gut gemachtes Buch mit enttäuschendem Inhalt.

Der Zorn der Gerechten . Scythe 2 . von Neal Shusterman
Klug, vielschichtig und philosophisch strickt Neal Shusterman seine Jugendbuchdystopie, die von der ersten bis zur letzten Minute fesselt und einen atemlos und nachdenklich zurücklässt, auch im zweiten Teil weiter.

Die Känguru-Chroniken von Marc-Uwe Kling
Kurzweilige und unterhaltsame Szenen aus dem Zusammenleben von Marc-Uwe Kling mit dem kommunistischen nirvanabegeisterten Känguru.

Unser verrücktes Gehirn von Dean Burnett
Dean Burnett wählt anschauliche Beispiele und Bilder aus dem Alltagsleben, schreibt witzig, salopp, eloquent und mit (Selbst-)Ironie über die kleinen und größeren Fehlbarkeiten des Gehirns, ohne dass die wissenschaftliche Seriosität darunter Schaden nähme. Hervorragend!

In die Tiefe von Anna von Boetticher
Die Autorin und Apnoetaucherin versteht es ihre Eindrücke und Erlebnisse so authentisch und mitreißend zu erzählen, dass man beim Lesen auch immer ein wenig mit in der Unterwasserwelt versinkt. Sehr interessant und inspirierend!

Der Zorn der Gerechten . Scythe 2 – Neal Shusterman

Zunächst vorab: Bei diesem Hörbuch handelt es sich um den hervorragenden zweiten Teil der aus insgesamt drei Teilen bestehenden Reihe „Scythe“. Die Handlung geht nahtlos weiter, weshalb es sich empfiehlt, diese Jugendbücher in der richtigen Reihenfolge zu hören, bzw. zu lesen. Wer diese Reihe noch nicht kennt, der lese bitte diesen Beitrag nicht mehr weiter, sondern schaue vorab hier nach, um sich nicht zu spoilern.

23_Scythe2 - Der Zorn der Gerechten

Citra lebt als Junior-Scythe bei Scythe Curie und versteht es, ihrer Aufgabe auf ihre ganz eigene unkonventionelle Weise gerecht zu werden. Rowan versucht mit ganz anderen Methoden Einfluss auf die Scythe zu nehmen, stößt allerdings bald an seine Grenzen. Mehr denn je ist das Scythetum im Umbruch und die alte Ordnung gerät zunehmend ins Wanken.

In diesem Teil erhält der Thunderhead eine Stimme und man erfährt vieles über die Beweggründe seines Handelns und Nichthandelns. Aber je mehr man über diesen „Supercomputer mit Bewusstsein“ erfährt, desto mehr kommen einem auch Zweifel an der Unfehlbarkeit dieser die Welt leitenden Instanz. Hatte ich beim Vorgängerbuch noch eher das Gefühl in einer Utopie gelandet zu sein, ist der dystopische Anteil nun unbestritten. Je mehr ich über den Thunderhead erfahre, desto greifbarer wird auch die Gefahr, die von ihm ausgeht.

Klug, vielschichtig und philosophisch strickt Neal Shusterman sein Zukunftsszenario, das von der ersten bis zur letzten Minute fesselt und einen atemlos und nachdenklich zurücklässt, auch im zweiten Teil weiter. Es gibt unvorhersehbare Wendungen, aber die Handlung bleibt logisch und unter den geschilderten Bedingungen nachvollziehbar. Das Buch endet auf eine Art, die es mir unmöglich macht, die Fortsetzung nicht erfahren zu wollen. Da der dritte Teil im englischen Original „The Toll“ erst im November 2019 erscheint, werde ich mich leider noch ein wenig länger gedulden müssen, bis das Hörbuch in deutscher Übersetzung erhältlich sein wird. Aber es wird das Warten wert sein, wenn es ebenso hervorragend wie die beiden Vorgänger mit Torsten Michaelis, Marian Funk, Uve Teschner und Ilka Teichmüller vertont wird. Ich freue mich darauf.

-> Zur Hörprobe [Werbung]



Scythe – Der Zorn der Gerechten (Scythe 2)
Neal Shusterman
Sprecher: Torsten Michaelis, Marian Funk, Uve Teschner, Ilka Teichmüller
Spieldauer: 14 Std. und 34 Min.
Ungekürztes Hörbuch
Audible-Abo-Preis: 9,95 € oder 1 Guthaben [Werbung]
Erscheinungsdatum: 18.04.2018
Sprache: Deutsch
Anbieter: Argon Verlag

Die Hüter des Todes . Scythe 1 – Neal Shusterman

Viel Gutes hatte ich bereits über diesen Auftakt einer dreiteiligen Jugendbuch-Dystopie gehört und auch die Thematik fand ich so reizvoll, dass ich mich dazu entschloss mir das ungekürzte Hörbuch anzuhören.  Vorgelesen wird es von Torsten Michaelis, dessen Stimme vor allem durch zahlreiche Synchronisationen von Wesley Snipes und Sean Bean bekannt ist. Aber auch Ilka Teichmüller, Uve Teschner, Peter Lontzek, Marie-Isabel Walke und Marian Funk haben großartige Arbeit geleistet, indem sie den Tagebucheinträgen der Scythe, die am Ende jedes Kapitels sehr persönlich gefärbte Einblicke in das Leben und Denken dieser besonderen Bevölkerungsgruppe geben, stimmungsvoll Leben einhauchen.

09_Scythe - Die Hüter des Todes

Die Scythe sind auserwählt um zu töten und entscheiden darüber, wer lebt und wer stirbt. Was zunächst grausam klingt, ist in einer Welt, die der Thunderhead, ein mit unendlichem Wissen gespeister Supercomputer führt, unerlässlich. Denn es herrscht Wohlstand, es gibt keine Kriege, keine Krankheiten und selbst der Tod ist besiegt. Aber auch in dieser perfekten Welt ist der Platz begrenzt und darum müssen Menschen kontrolliert sterben. Als Citra und Rowan gegen ihren Willen für die Ausbildung zum Scythe berufen werden um die Kunst des Tötens erlernen, wächst zwischen den beiden eine tiefe Verbindung. Doch am Ende wird nur einer von ihnen auserwählt. Und dessen erste Aufgabe wird es sein, den jeweils anderen hinzurichten.

Begeistert war ich von der Welt, die Neal Shusterman hier erschaffen hatte. Alles erklärt sich schlüssig und nachvollziehbar. Die Geschichte fühlt sich eher nach einer Utopie an und es machte mir zeitweise Freude, mich in diese Welt einzufinden. Auch die Wichtigkeit und Wertschätzung der Scythe hat dort ihre Daseinsberechtigung, so skurril und grausam ihre Aufgabe auch anmuten mag. Trotz der durchdachten Perfektion des Ganzen, verspürte ich dennoch nicht den Wunsch Teil einer solchen Welt sein zu wollen und als hätte ich es geahnt, offenbart sich nach und nach das in der Menschlichkeit, beziehungsweise Unmenschlichkeit begründete Haar in der Suppe dieser Welt.

Es gibt viele kluge Ideen rund um die Themen Leben und Tod, die zum Nachdenken und weiterspinnen anregen – viel mehr, als ich bei diesem Jugendbuch, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, erwartet hätte. Sogar das Ende dieses ersten von drei Teilen fand ich gelungen, da es für mich nicht vorhersehbar ist und die Handlung rund abschließt. Aber es macht auch neugierig und gibt Hinweise darauf, wie es mit der spannenden Geschichte weitergehen wird. Das lasse ich mir nicht entgehen und werde in Kürze „Der Zorn der Gerechten“ (Scythe 2) weiter hören. Schade ist nur, dass der dritte Teil erst im September 2019 als Buch in englischer Sprache erscheinen wird und wir auf die deutsche Übersetzung und das entsprechende Hörbuch dann wohl noch etwas länger warten müssen.

-> Zur Hörprobe [Werbung]



Scythe – Die Hüter des Todes (Scythe 1)
Autor: Neal Shusterman
Sprecher: Torsten Michaelis, Ilka Teichmüller, Uve Teschner,Peter Lontzek, Marie-Isabel Walke, Marian Funk
Spieldauer: 12 Std. und 12 Min.
Ungekürztes Hörbuch
Audible-Abo-Preis: 9,95 € oder 1 Guthaben [Werbung]
Erscheinungsdatum: 26.09.2017
Sprache: Deutsch
Anbieter: Argon Verlag

Qualityland von Marc-Uwe Kling

Marc-Uwe Kling war mir schon seit einiger Zeit ein Begriff, aber dennoch kannte ich nur einige wenige Ausschnitte seiner Känguru-Werke und diese fand ich bisher bei YouTube. Für mich steht seitdem fest, dass ich die Känguru-Trilogie und die erst kürzlich neu hinzugekommenen Känguru-Apokryphen irgendwann komplett für mich entdecken möchte. Aber in diesem speziellen Fall werde ich mich gegen die Bücher und für die Hörbücher von Marc-Uwe Kling entscheiden, weil ich mir seine Stimme und die Art des Vortragens nicht entgehen lassen möchte.

Als ich kürzlich „Qualityland“ von Marc-Uwe Kling bei Audible entdeckte, interessierte mich die digitale Thematik gleich und ich entschied mich für die dunkle statt der hellen Ausgabe, weil ich eher für schwarzen Humor zu begeistern bin. Und der ist tatsächlich bei dem Hörbuch reichlich vorhanden. Manches brachte mich zum Lachen, aber gelegentlich blieb mir auch das Lachen im Halse stecken, weil die dystopische Satire in einem Qualityland in gar nicht allzu ferner Zukunft spielt und man bei einigen Dingen tatsächlich das Gefühl hat, dass diese Zukunft sich bereits in der Gegenwart oder gefährlich nah an der Gegenwart bewegt.

Doch oberflächlich betrachtet läuft in Qualityland alles rund. Arbeit, Freizeit und Beziehungen sind von Algorithmen optimiert. Trotzdem beschleicht den Maschinenverschrotter Peter immer mehr das Gefühl, dass mit seinem Leben etwas nicht stimmt. Wenn das System wirklich so perfekt ist, warum gibt es dann Drohnen, die an Flugangst leiden, oder Kampfroboter mit posttraumatischer Belastungsstörung? Warum werden die Maschinen immer menschlicher, aber die Menschen immer maschineller?

Marc-Uwe Kling hat die Verheißungen und das Unbehagen der digitalen Gegenwart zu einer verblüffenden Zukunftssatire verdichtet. Auch wenn ich mich eigentlich für einen humorvollen Menschen halte, langweilen mich lustige Bücher und Geschichten meist eher, als dass sie mich unterhalten. Aber von „Qualityland“ hörte ich meist ein oder zwei Kapitel am Tag, die mir wirklich Spaß machten und gleichzeitig zum Nachdenken anregten. Visionär, hintergründig und unterhaltsam.

Und hier gibt es das erste Kapitel als Kostprobe:



Marc-Uwe Kling
Qualityland [Werbung]
Sprecher: Marc-Uwe Kling
Spieldauer: 8 Std. und 26 Min.
Ungekürztes Hörbuch
Audible-Abo-Preis: 9,95 € oder 1 Guthaben 
Erscheinungsdatum: 22.09.2017
Sprache: Deutsch
Anbieter: HörbucHHamburg HHV GmbH

Vox – Christina Dalcher

Als die christlich-fundamentalistische Bewegung der „Reinen“ in den USA an die Macht kommt, werden allen Frauen Wortzähler angelegt, die auf die strikte Einhaltung des Tageslimits von 100 Wörtern achten und jede Übertretung mit stärker werden Stromschlägen ahnden. Jean McClellan will diese wahnwitzige Nachricht nicht wahrhaben – das kann nicht passieren. Nicht im 21. Jahrhundert. Nicht in Amerika. Nicht ihr. Noch erschreckender aber ist die sich anbahnende Bedrohung einer Gesellschaft, in der Kinder, wie ihre sechsjährige Tochter, der Sprache beraubt sind.  Schon bald kann Jean ihren Beruf als Wissenschaftlerin nicht länger ausüben, ihrer Tochter Sonia wird in der Schule nicht länger Lesen und Schreiben beigebracht. Sie und alle Mädchen und Frauen werden ihres Stimmrechts, ihres Lebensmuts, ihrer Träume beraubt.

„Die Frau hat keinen Anlass, zur Wahl zu gehen, aber sie hat ihren eigenen Bereich, einen mit erstaunlicher Verantwortung und Wichtigkeit. Sie ist die gottgewollte Bewahrerin des Heims … Sie sollte voll und ganz erkennen, dass ihre Stellung als Ehefrau, Mutter und Engel des Heims die heiligste, verantwortungsvollste und königlichste ist, die Sterblichen zuteil werden kann; und sie sollte alle Ambitionen nach Höherem abweisen, da es für Sterbliche nichts Höheres gibt.“ (S. 70)

Doch als der Bruder des Präsidenten an der Wernicke-Aphasie, einer Sprachstörung, bei der der Erkrankte nur noch Buchstabensalat von sich geben kann, ohne die Bedeutung der Worte zu erkennen, erkrankt, wird Jean als Neurolinguistin und Spezialistin auf diesem Fachgebiet dringend benötigt.

33_Vox

Da ich erst vor einigen Monaten von Margaret Atwood „Der Report der Magd“ mit Begeisterung gelesen hatte, fühlte ich mich bei diesem Buch gleich daran erinnert, da beide dystopischen Romane sehr nah in der Gegenwart angesiedelt sind und ähnlich radikal von der Unterdrückung der Frau handeln. Bei dieser Thematik gibt es natürlich Überschneidungen und ich hatte zunächst die Sorge, dass es davon zu viele geben könnte. Doch „Vox“ glänzt durch eigene Ideen und wusste mich durch den besonderen Stellenwert, den die Sprache als Kommunikationsmittel in diesem Roman hat, zu überzeugen. Das kommt nicht von ungefähr, da die Autorin Christina Dalcher in Theoretischer Linguistik an der Georgetown University promovierte und ihr dieses Thema besonders am Herzen liegt. Ich folgte ihr gerne bei dieser Geschichte, die einem das Geschenk der Sprache und des Sprechen Dürfens vor Augen führt, das wir so oft als selbstverständlich betrachten.

Die Charaktere dieses Buches sind selten schwarz-weiß, sondern haben Entwicklungspotiential und sind auch für Überraschungen gut. Der Schreibstil ist flüssig und die Geschichte lädt zum immer-weiter-lesen ein – schließlich will man auch wissen, wie es weiter geht und ob die Protagonisten von der politischen Führung und im speziellen die Frauen aus dieser mehr als misslichen Lage befreit werden können. Interessante Denkansätze und Entwicklungen sind dabei, denen allerdings letztlich doch etwas Tiefgang fehlt. Ich hatte den Eindruck, dass hier zu sehr in die „Thriller-Kiste“ gegriffen wurde, um künstlich noch etwas mehr Spannung zu erzeugen und die Geschichte voranzutreiben. Das Ende kam dann doch recht plötzlich und ließ mich ein wenig unbefriedigt zurück. Hier hätte es meines Erachtens noch einige Seiten, beziehungsweise beschriebene Monate oder Jahre gebraucht, um die Geschichte stimmig aufzulösen. So bleibt dann am Ende von einem Buch, das ich gern las und das mir unterhaltsame, wie auch nachdenkliche Lesestunden bescherte, leider ein doch etwas fahler Nachgeschmack zurück.

-> Zur Leseprobe [Werbung]



Christina Dalcher
Vox
Roman
Originalsprache: Englisch
Übersetzt von: Marion Balkenhol, Susanne Aeckerle
Gebunden mit Schutzumschlag, 400 Seiten,
ISBN: 978-3-10-397407-2
Preis: € (D) 20,00 | € (A) 20,60
Verlag: S. FISCHER
Erschienen:  15.08.2018

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Fahrenheit 451 – Ray Bradbury

20_Fahrenheit 451

„Es war eine Lust, Feuer zu legen. Es war eine eigene Lust, zu sehen, wie etwas verzehrt wurde, wie es schwarz und zu etwas anderem wurde. Das gelbe Strahlrohr in der Hand, die Mündung dieser mächtigen Schlange, die ihr giftiges Kerosin in die Welt hinaus spie, fühlte er das Blut in seinen Schläfen pochen, und seine Hände waren die eines erstaunlichen Dirigenten, der eine Symphonie des Sengens und Brennens aufführte, um die kärglichen Reste der Kulturgeschichte vollends auszutilgen.“ (S. 13)

So lernt der Leser den Protagonisten Guy Montag in den ersten Sätzen des 1953 erschienen Romans „Fahrenheit 451“ kennen, der nach dem Hitzegrad benannt wurde, bei dem Bücherpapier Feuer fängt und verbrennt – ein Detail, von dem man als Bücherfreund lieber nichts wissen möchte.

Guy Montag ist mit Leib und Seele Feuerwehrmann, doch in dieser dystopischen Welt löscht die Feuerwehr keine Brände, sondern sie legt welche, nämlich vornehmlich solche, die Bücher, Bibliotheken und die Menschen verbrennen, die von Büchern nicht lassen können. Doch als er Clarice, das Mädchen aus dem Nachbarhaus kennen lernt, ist er von ihrer Andersartigkeit und ihrer Wahrnehmung der Welt beeindruckt. Allmählich setzt bei ihm ein Umdenken ein, das jenseits von riesigen TV-Wänden und Dauerbespaßung immer weitere Kreise zieht.

„Du musst begreifen, bei der Ausdehnung unserer Kulturwelt kann keinerlei Beunruhigung der Minderheiten geduldet werden. Sag selber, was ist unser aller Lebensziel? Die Menschen wollen doch glücklich sein, nicht? Hast du je etwas anderes gehört? Ich will glücklich sein, sagt ein jeder. Und ist er es nicht? Sorgen wir nicht ständig für Unterhaltung und Betrieb? Dazu sind wir doch da, nicht? Zum Vergnügen, für den Sinnenkitzel? Und du wirst zugeben, dass daran in unserer Kulturwelt kein Mangel herrscht.“ (S. 68)

Als er eines Tages den Auftrag erhält eine Bibliothek zu verbrennen, gelangt ihm schließlich ein Buch in die Hände, das er verbotenerweise mit nach Hause nimmt. Die Dinge nehmen ihren Lauf.

Ray Bradbury führt dem Leser mit „Fahrenheit 451“ die Bedeutung und die Macht von Büchern vor Augen, die diese auf die Menschen ausüben. Als lesebegeisterem Menschen kann es einem nur gefallen, wenn Guy Montag die Seiten wechselt und aus der tristen Abgestumpftheit seines bisherigen Lebens ausbricht. Da dies jedoch nicht ungefährlich ist, bangt man mit dem Protagonisten mit und ist doch ein ums andere Mal erstaunt über die Entwicklung des anfangs doch ein wenig dümmlich erscheinenden Mannes. Im Laufe der Geschichte entwickeln sich Gedankengänge und Fragestellungen, die sich auch auf unsere heutige Zeit übertragen lassen und zum weiteren Nachdenken anregen. Obwohl das Buch bereits 1953 erschienen ist, erweckt es nicht den Eindruck in irgendeiner Form veraltet zu sein. Es ist eher einer der beeindruckenden Romane, die einen mit ihrer besonderen Stimmung gefangen nehmen und nicht mehr loslassen.

Die beängstigende Geschichte von einer Welt, in der das Bücherlesen mit Gefängnis und Tod bestraft wird, ist ein zeitloses Plädoyer für das freie Denken und unbedingt empfehlenwert.



Ray Bradbury
Fahrenheit 451 [Werbung]
Aus dem Amerikanischen von Fritz Güttinger
Original: Fahrenheit 451, Ballantine Books, Inc., New York, 1953
Taschenbuch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-257-20862-7
€ (D) 11.00 / sFr 15.00* / € (A) 11.40 * unverb. Preisempfehlung 
Verlag: Diogenes
Erschienen:  01.06.2008