Ist es nicht schön hier – Te-Ping Chen

Te-Ping Chen, geboren 1985 in Berkeley, Kalifornien,  ist eine amerikanische Journalistin und Autorin, die derzeit in Philadelphia lebt. Sie arbeitet für das Wall Street Journal und war zuvor für die Zeitung als Korrespondentin in Beijing und Hong Kong tätig. Sie schrieb dort über Politik, Gesellschaft und Menschenrechte. Texte von ihr erschienen im New Yorker, Granta, Tin House und The Atlantic. Ihre Debütgeschichtensammlung „Land of Big Numbers“ wurde in Barack Obamas Sommerleseliste 2021 aufgenommen. Und ich hatte Lust im Rahmen meiner BUCHweltreise einen Ausflug nach China zu machen und griff daher zu der deutschen Übersetzung.

Te-Ping Chen erzählt in zehn Storys vom Leben im Land der Superlative: China. Hellwach und mit genauem Blick für komische Momente zeichnet sie Figuren zwischen Tradition und Hypermoderne, die nach Halt und einem Zuhause suchen. Dabei berichtet sie von der Sehnsucht im staatlichen Gefüge Anerkennung zu erlangen, aber auch davon was passieren kann, wenn man sich nicht abfinden und ins System einfügen kann. Gegenstand der Erzählungen sind fantasievolle und manchmal auch leise Systemkritik, unüberwindbare Kulturunterschiede oder wie intensiv die Liebe und die Sehnsucht nach ihr sein kann, auch wenn sie nicht vor der im westlichen Sinne verstandenen Leidenschaft überkocht.

Strenge gesellschaftliche Konventionen und staatliche Vorgaben schwingen im Hintergrund immer mit und lassen den Drahtseilakt erahnen, in den die Protagonisten geraten, wenn sie von der Norm abweichen. Die Geschichten sind intensiv und auch wenn die Protagonisten einem nicht unbedingt nah kommen, so fiebert man doch meist mit ihnen mit, weil der Autorin gefühlvolle und bildhafte Beschreibungen gelingen, ohne sich in unnötigen Details zu verlieren.

Auch wenn die Geschichten jeweils in sich abgeschlossen sind und zu ihren ganz eigenen Enden finden, hatte ich beim Lesen doch das Bedürfnis etwas Längeres von der Autorin zu lesen. In manchen Storys hätte ich mich gerne noch etwas länger aufgehalten, da ich den Schreibstil von Te-Ping Chen sehr mochte. Aber vielleicht hat die Autorin ja ein einsehen und verfasst nach ihrem beeindruckenden Debüt irgendwann auch einen Roman. Es würde mich freuen!

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Te-Ping Chen
Ist es nicht schön hier
Hardcover, 251 Seiten
ISBN: 978-3351050818
Preis: 22,00 € [D]
Verlag: Aufbau Verlag
Erschienen: 16.08.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag kostenlos für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

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Jugend ohne Gott – Ödön von Horváth

Unmittelbar nach seinem ersten Erscheinen 1937 wurde Ödön von Horváths „Jugend ohne Gott“ in mehrere Sprachen übersetzt und machte den österreichisch-ungarischen Schriftsteller international bekannt. Im selben Jahr wurde sie von Thomas Mann empfohlen, und Hermann Hesse schrieb über die Erzählung : »Sie ist großartig.« Es geht in ihr, so Alfred Döblin, um »eine Schule, eine mehr oder weniger verrohte Jugend, an ihr ein Lehrer, der ein Gewissen hat, sich verleugnen muß und schließlich nicht mehr kann«. Und Klaus Mann erblickte in „Jugend ohne Gott“ »alle geheimnisvollen Eigenschaften und Reize der wirklichen Dichtung«.

Und ich meine dazu: Es handelt sich hierbei um ein Werk, das mir sprachlich gut gefallen hat, mich zum nachdenken anregen konnte und mich kurzzeitig aus meiner Leseflaute herausbefördert hat. Mit nur 148 Seiten leider ein wenig kurz – ich hätte gern mehr gelesen, was allerdings für das Buch spricht.

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Durch die Erzählung führt ein namenloser Geschichtslehrer in der Ich-Form und lässt den Leser an der Verrohung der Jugend durch die Verbreitung der NS-Ideologien und Vorbereitung auf den Krieg teilhaben. Der humanistisch geprägte Pädagoge kann mit den Weltanschauungen nichts anfangen und eckt an. Als er mit seinen Schülern in ein Zeltlager fährt, wo diese für das Militär vorbereitet werden sollen, überschlagen sich die Ereignisse und bringen den Lehrer in einen Gewissenskonflikt.

Auf kurzweilige nachdenklich stimmende Weise erfährt man von der von der NS-Ideologie abweichenden Denkweise des Lehrers, der zugleich einen Gegensatz zu der verrohenden Jugend darstellt. Auch wenn es zunächst nicht so erscheint, ringt er mit sich und steht schließlich doch für seine Werte ein.

„Wer mit Verbrechern und Narren zu tun hat, muss verbrecherisch und närrisch handeln, sonst hört er auf. Mit Haut und Haar. Er muss sein Heim beflaggen, auch wenn er kein Heim mehr hat. Wenn kein Charakter mehr geduldet wird, sondern nur der Gehorsam, geht die Wahrheit, und die Lüge kommt. Die Lüge, die Mutter aller Sünden. Fahnen heraus! Lieber Brot, als tot! – So dachte ich, als mir plötzlich einfiel: was denkst du da?“ (S. 105)

„Jugend ohne Gott“ ist eine spannende Kriminalgeschichte, die ich in einem Rutsch gelesen habe und die am Beispiel eines Lehrer-Schüler-Konflikts den Menschen im faschistischen Staat schildert – eine brisante Mischung aus Minderwertigkeitsgefühlen und sadistischen Machtgelüsten.

So weit das Buch. Seit dem 31.08.2017 läuft eine dystopisch angehauchte Verfilmung im Kino:



Ödön von Horváth
Jugend ohne Gott [Werbung]
Taschenbuch, 148 Seiten
ISBN: 978-3-518-46019-1
€ (D) 5.00 / sFr 7.90* / € (A) 5.20 * unverb. Preisempfehlung
Verlag: Suhrkamp
Erschienen: 18.08.2008

Kitchen – Banana Yoshimoto

Bei diesem Buch handelt es sich um das Erstlingswerk von Banana Yoshimoto. Es umfasst die drei Kurzgeschichten „Kitchen“, „Vollmond (Kitchen 2)“ und „Moonlight Shadow“. Im Anschluss daran befinden sich im Buch ein Nachwort der Autorin, das Glossar und das Essay „Das Phänomen Banana Yoshimoto“ von Giorgio Amitrano.

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Während „Vollmond“ eine Fortsetzung der ersten Erzählung ist, steht „Moonlight Shadow“ für sich allein. Und doch verbindet die Geschichten als Thematik die Trauer durch den Verlust eines geliebten Menschen, die Verzweiflung und das irgendwie damit fertig werden, nicht zuletzt durch die Hilfe anderer Menschen.

„Warum nur bleibt dem Menschen so wenig Wahl? Auch wenn man geschunden wird wie ein Stück Vieh, man kocht sein Essen, isst, schläft. Die Menschen, die man liebt, sterben einem weg. Einer nach dem anderen. Und dennoch muss man weiterleben.“ (S. 104)

Es gibt skurrile Charaktere, Unerklärliches und Verwirrung. Der Erzählstil ist leise und unaufdringlich. Die Schilderungen von Empfindungen sind eindringlich und nachvollziehbar.

„Ich glaubte fest daran, irgendwann einen Punkt zu erreichen, an dem ich aus der ganzen Sache ausbrechen konnte. Ich musste versuchen, so lange durchzuhalten, auch wenn es keine Garantie gab, dass es diesen Punkt tatsächlich gab. So hatte ich es auch gehalten, als unser Hund gestorben war und unser Vogel. Doch diesmal schien es nicht zu funktionieren. Ohne jeden Schimmer von Hoffnung welkten die Tage dahin. Und trotzdem sagte ich mir, als spräche ich ein Gebet: Du schaffst es. Irgendwann schaffst du es, hier herauszukommen. Es ist nur eine Frage der Zeit.“ (S. 141)

Trotz ernster Thematik handelt es sich hierbei jedoch um kein tieftrauriges Buch. Es herrscht eine melancholische Grundstimmung, aber die Charaktere sind nicht so gezeichnet, dass man als Leser mit ihnen mitleiden müsste. Vermutlich sorgt genau das dafür, dass mir die Geschichten nicht wirklich nah gingen, selbst wenn sie stellenweise anrührend waren.



Banana Yoshimoto
Kitchen [Werbung]
Aus dem Japanischen von Wolfgang E. Schlecht
Taschenbuch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-257-22700-0
€ (D) 10.00 / sFr 13.00* / € (A) 10.30 * unverb. Preisempfehlung
Verlag: Diogenes
Erschienen: 15.03.1994

Szenen aus Schottland – James Leslie Mitchell

testDas Ziel der Buchweltreise ist es, Bücher über möglichst viele Länder der Welt  zu lesen. Die Liste der Mitreisenden ansehen oder sich zum Mitmachen anmelden kann man HIER.

Für das Vereinigte Königreich Großbritanien las ich Szenen aus Schottland von James Leslie Mitchell. Hier startet meine literarische Weltreise:

James Leslie Mitchell (1901-1935) schrieb immer wieder über seine Heimat Schottland. In diesem Band mit Erzählungen und essayistischer Prosa ist seine literarische Kunst in komprimierter Form zu entdecken. Menschen, Gespräche, Landstriche, Jahreszeiten, Historie und Mythen werden in einer Sprache geschildert, die gleichermaßen sanft wie auch schroff ist und mit all ihren Eigenheiten der schottischen Landschaft selbst zu entsprechen scheint.

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Eher schlicht von der Aufmachung kommt dieses 170 Seiten starke und mit zurückhaltenden Tuschezeichnungen versehene Büchlein daher. Bereits nach den ersten Sätzen steht jedoch fest, dass man hier einen kleinen Schatz in Händen hält, weil der Autor über ein Sprachgefühl und eine poetische Ausdrucksweise verfügt, vor der man sich als Leser einfach nur voller Hochachtung verneigen kann. Vor dem inneren Auge bauen sich stimmige schottische Bilderwelten auf, in denen ganz selbstverständlich und greifbar urig kauzige Protagonisten wandeln.

„…ich erinnere mich an die frühen Sommermorgen, die safrangetüpfelt über den Heuraufen von meines Vaters Hof heraufzogen, das Wispern und Knistern der Getreideähren, Grün, das zu Gelb wurde auf den langen Feldern, die sich vor unserer Haustür erstreckten, das Rumpeln und Quietschen des Aufsatzes eines vorüberfahrenden Kastenwagens, das muntere, etwas spöttische ‚He!‘ des Bauernburschen mit lachenden Augen, der unrasiert auf der Vorderkante des Kastens hockte…“ (S. 39)

So sehr ich die bemerkenswerten Beschreibungen von Landschaft, Natur und Menschen mit der von alten schottischen Wörtern durchsetzten Sprache in den insgesamt 4 Erzählungen genossen habe, so zwiespältig las ich die 3 Essays. Immer wieder musste ich mir die Frage stellen, ob mein geringes Vorwissen von der schottischen Mentalität und den geschichtlichen Begebenheiten in den 1930er Jahren tatsächlich ausreichte, um die Tragweite und den Sinn der journalistischen Texte, mitsamt der darin enthaltenen Ironie tatsächlich vollends erfassen zu können. Hier konnte jedoch das von der Übersetzerin Esther Kinsky verfasste Nachwort, das ich mir als Vorwort gewünscht hätte, weiter helfen. Darin erfuhr man von der sozialen Ungerechtigkeit in den Städten, vor allem von der Menschenunwürdigkeit der legendären Glasgower Slums und die daraus resultierende politische Einstellung Mitchells: Er blieb Zeit seines Lebens ein überzeugter, leidenschaftlicher Sozialist.

Insgesamt handelt es sich hierbei um ein Buch, das mich eher sprachlich zu bezaubern wusste, meinen Wunsch, irgendwann einmal Schottland besuchen zu wollen, aber dennoch verstärken konnte.



James Leslie Mitchell
Szenen aus Schottland [Werbung]
OT: Scottish Scene Or The Intelligent Man’s Guide To Albyn, 1934
Aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Esther Kinsky
Gebunden mit Lesebändchen, 170 Seiten
ISBN 978-3-945370-06-3
€ 19 [D] | € 19,50 [A]
Verlag: Guggolz Verlag
Erschienen: 01.03.2016

Schlafanstalt für Traumgestörte – Karen Russel

Mit unbändiger Phantasie zaubert Karen Russell Welten aufs Papier, wo Wolfsmädchen in einem Umerziehungsheim zu wertvollen Gliedern der Gesellschaft zurechtgebogen werden, da verdient eine Familie ihren Lebensunterhalt mit Alligatorwrestling in einem Vergnügungspark, und orakelträumende Kinder werden von ihren Eltern in der Schlafanstalt für Traumgestörte abgegeben. Russells Geschichten aus den Sümpfen Floridas und den Inseln im Golf von Mexiko erzählen von Exzentrikern und Rastlosen. Nicht zuletzt geht es auch um Freundschaft und Initiation und uns wird auf souveräne Weise vorgeführt, wer wir sind und wie wir leben.

Aufmerksam geworden bin ich auf dieses Buch durch Ilke von Buchgeschichten. Neben ihrer Beschreibung, konnte mich auch das Cover neugierig machen. Mir gefällt die Farbgestaltung und inzwischen weiß ich, dass die eigenartig anmutende Zeichnung zur letzten Geschichte des Buches gehört.

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Aber auch der Inhalt konnte mich überzeugen. Mit großem Einfallsreichtum werden hier 10 Geschichten auf jeweils etwa 30 Seiten erzählt. Sofort wird man in Situationen mitgenommen, in die man sich aufgrund der schönen Sprache und der bildhaften Beschreibungen gut einfinden kann. Auf den ersten Blick scheint es sich hierbei schonmal um mehr oder weniger alltägliche Umstände zu handeln, doch immer wandeln sich die lebendigen und anschaulichen Erzählungen früher oder später zu surrealen Geschichten, die einen bis zum Schluss mitnehmen.

Es handelt sich hierbei um intensive Kurzgeschichten, die ich nicht hintereinanderweg lesen konnte und wollte. Jede wirkte auf ihre Art und es machte mir Spaß nach dem Lesen jeder einzelnen inne zu halten und das Gelesene zu überdenken – meist mit einem Lächeln auf den Lippen, weil diese Kurzgeschichten zu überraschen und zu bezaubern wissen.

„Es ist einer jener seltenen Augenblicke, da die Luft derart von Erinnerungen knistert und duftet, dass die Welt der Phantasie und die Wirklichkeit sich zu überlappen scheinen.“ (S. 85)

Wer magischen Realismus mag, dem möchte ich den Erzählband „Schlafanstalt für Traumgestörte“ von Karen Russel empfehlen. Wenn man dem Buch etwas vorwerfen möchte, dann dass manche Geschichten zu kurz waren, weil sie von der Atmosphäre dazu einluden, endlos weiterlesen zu wollen.



Karen Russel
Schlafanstalt für Traumgestörte [Werbung]
Erzählungen
Aus dem Amerikanischen von Malte Krutzsch
Original: St. Lucy’s Home for Girls Raised by Wolves
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 304 Seiten
ISBN: 978-3-0369-5513-1
14,90 EUR
Verlag: Kein & Aber
Erschienen: 01.04.2008